Nazipunk

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Nazipunk ist eine in der Punk-Szene verbreitete Fremdbezeichnung für Personen mit neonazistischen oder rassistischen Ansichten, die sich an den Kleidungsstil der Punks halten. Der Großteil der Punk-Bewegung steht ihnen ablehnend gegenüber, da sie das Selbstverständnis der Punks und nationalsozialistische Denkweisen als widersprüchlich ansehen. Dennoch existierten und existieren einige Individuen und Bands mit rechtsextremen oder zumindest rechtsoffenen Haltungen.

Die Bezeichnung basiert auf dem Stück der Dead Kennedys namens Nazi Punks Fuck Off (engl. ‚Nazipunks, verpisst euch!‘). Der englische Text geht allerdings nur an einer Stelle auf Punks mit Nazi-Hintergrund ein. Der restliche Text kritisiert den elitären Anstrich der Punk-Szene mit seinen Dresscodes und Regeln.

Geschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten]

In seiner Frühphase war es bei vielen Punk-Bands verbreitet, mit Neonazismus, zumeist offen ironisch und satirisch, zu kokettieren. So fanden sich Liedtexte wie Masterrace Rock (The Dictators), Blitzkrieg Bop (Ramones), Belsen Was a Gas (Sex Pistols), Nazi Baby (The Vibrators), (I Wanna Form My Own) Nazi Party (The Models). Auch andere Liedtexte wurden kontrovers gesehen, so konnten White Riot (The Clash), Puerto Rican (Adam and the Ants), I Feel Like a Wog (The Stranglers) oder Love in a Void (Siouxsie and the Banshees) durchaus rassistisch bzw. antisemitisch aufgefasst werden. Andererseits kokettierten viele Gruppen auch äußerlich mit Nazisymbolik, nicht nur Bands wie die Sex Pistols oder Siouxsie and the Banshees, sondern auch weniger bekannte Gruppen wie The Skids [1]. Die Doppeldeutigkeit zog Personen an, die tatsächlich rassistisch gesinnt waren und für die Nazi-Symbolik nichts Ironisches und keinen Bezug zur Pop-Art mehr darstellte, sondern ein ernstgemeintes Bekenntnis war. So gründete sich im Umfeld der britischen National Front eine militante Neonazigruppe namens Punk Front, welche sich ausschließlich aus Punks rekrutierte und etliche Nazipunk-Bands (u.a. The Dentists, The Ventz, Tragic Minds, White Boss) hervorbrachte[2]. Aus dem neonazistischen Teil der Punk-Szene gingen auch die Gruppen Skrewdriver und Brutal Attack hervor, die später äußerlich den Skinhead-Stil adaptierten, worin ihnen die meisten vormaligen Nazipunks folgten und zu einer neuen Subszene, den „Nazi-Skinheads“, wurden und mit White Noise und Rock Against Communism eine musikalische Bewegung formierten, deren Bands musikalisch größtenteils simplen Streetpunk, oftmals mit Heavy Metal und Hard-Rock-Einflüssen, spielten und als „Nazipunk“ angesehen werden kann.

Was in London und New York bereits in den 1970ern begonnen hatte, wiederholte sich einige Jahre später in den USA und Deutschland. So wurden in der amerikanischen Hardcore-Szene zynische Texte wie White Minority (Black Flag), Guilty of Being White (Minor Threat) oder Public Assistance (Agnostic Front) als rassistisch interpretiert und Hardcore-Punk-Gruppen sahen sich plötzlich mit eindeutig rassistisch und rechtsradikal gesinnten Fans konfrontiert.[3] Hinzu kamen einige Gruppen, welche zwar nicht rechtsradikal waren, jedoch durch patriotische und nationalistische Parolen auch ein Neonazi-Publikum anzogen. So kritisierten die Dead Milkmen in einem ihrer Lieder die Gruppe The F.U.’s und ihre Fans: „We hate blacks, and we hate jews, and we hate punks, but we love the F.U.’s“ (aus dem Stück Big Lizard in My Backyard). Ebenfalls mit Neonazismus kokettierte die Death-Rock- und Gothabilly-Gruppe Radio Werewolf, die auch ein entsprechendes Publikum anzog[4]. Im Gefolge britischer R.A.C.-Bands formierten sich jedoch auch amerikanische Nazipunk- und „NS-Hardcore“-Gruppen wie White Pride, Max Resist and the Hooligans, Mid Town Bootboys und The Bully Boys, die optisch wie ihre britischen Vorbilder bald größtenteils als Skinheads auftraten und in deren Umfeld später die Neonaziorganisation Hammerskins entstand. Auch zahlreiche Punk-Straßengangs übernahmen mit der Zeit das Erscheinungsbild der Skinheads, von denen einige auch rechtsradikale Ansichten und Nazihabitus übernahmen und teilweise unter Einfluss rechtsradikaler Organisationen wie der American Front oder Gefängnisgangs wie der Aryan Brotherhood gerieten[5][6]

In Deutschland übernahmen einige Punk-Bands den „Nazi-Chic“ der Sex Pistols, so u. a. Punkenstein oder Smash. Auch die Musikindustrie spielte hierbei eine Rolle: so wollte z. B. das Plattenlabel Teldec der Gruppe Big Balls and the Great White Idiot ein skandalträchtiges Naziimage verpassen, was bei der Band jedoch auf Ablehnung stieß [7]. Andere gerieten wegen kontroverser Texte in die Kritik u. a. Dachau Disco (Cretins), Militürk (Mittagspause), Ewiger Hass (Junge Front), Party in der Gaskammer (Middle Class Fantasies), Dachau (A+P), Türkenblues (Tollwut), auch Band-Namen (SS Ultrabrutal) und Artwork sowie Kleidungsstil sorgten für Verwirrung, so vor allem bei OHL oder Deutsch Amerikanische Freundschaft. Einige Band-Mitglieder wie Teile von Circle of Sig-Tiu (mit Josef Maria Klumb), Böhse Onkelz, Cotzbrocken oder Daily Terror [8] entwickelten sich aber tatsächlich, zumindest zeitweise, in die politisch rechte und sogar rechtsextreme Ecke.

Im Gefolge kontroverser Bands und Images traten auch in Deutschland bald die ersten Nazipunks auf, so u. a. die Hamburger Gruppierung Savage Army (SA). Doch wie in den USA und Großbritannien übernahmen auch hier bald die meisten ehemaligen Nazipunks bald ein Skinhead-Erscheinungsbild, wobei sich generell der Großteil der ersten Skinheadgeneration in Deutschland aus ehemaligen Punks rekrutierte [9].

Auch später entstanden immer wieder Bands und Individuen, die sich selbst als Nazipunks bezeichnen oder als solche bezeichnet werden können, u. a. mit der zweiten und dritten Generation der Hatecore-Szene oder den autonomen Nationalisten. Teilweise ist die Abgrenzung ideologischer Neonazis zu Personenkreisen, welche „lediglich“ reaktionäre oder patriotische Ansichten äußern und bei denen die Grenze zu Nationalismus, Chauvinismus, Sexismus und Homophobie überschritten werden, fließend. In diesem Sinne wird der Begriff „Nazipunk“ innerhalb der Punk-Bewegung auch als reines Schimpfwort verwendet. [3]

Nazipunk-Bands[Bearbeiten]

Als Nazipunk-Bands bezeichnete Musikgruppen sind zum Beispiel:

Sonstiges[Bearbeiten]

Nazipunk in der Popkultur[Bearbeiten]

Die Nazi-Punk-Subkultur fand Eingang in einige Filme, vornehmlich der „Punxploitation“-Kategorie, unter anderem treten Nazipunks in Die Klasse von 1984, Punk! oder Surf Nazis Must Die auf.

Kontroversen um Bands[Bearbeiten]

Es gibt in der Punk-Szene auch einige umstrittene Bands, denen eine nicht offen gezeigte neonazistische Einstellung nachgesagt wird.

  • The Exploited wurden und werden aufgrund ihren Frontmannes und Songschreibers Wattie Buchan oft kritisiert, da sie mitunter sexistische und homophobe Texte haben (Fuck a Mod, Porno Slut) und die 12”-EP War Now antisemitische Beschimpfungen in den Credits aufweist. Jello Biafra von den Dead Kennedys wirft der Band vor, immer schon eine konservative Haltung vertreten zu haben. Zudem macht er Whattie Buchan für einen Überfall auf ein Dead-Kennedys- und MDC-Konzert im Jahr 1981 verantwortlich, an dem sowohl Mitglieder des British Movement als auch der Exploited Roadcrew beteiligt waren.[10][11] Die Band selbst distanziert sich von Neonazi-Vorwürfen.[12][13]
  • Auch der deutschen Band SS-Kaliert wurde dieser Vorwurf wegen des kontroversen Liedtextes zu Faschistenpack gemacht. Darüber hinaus fiel der Gitarrist der Band, die sich nicht eindeutig auf der linken Seite positioniert, mit einem T-Shirt der Band The Jinx auf. Aufgrund dieser Vorwürfe bezog die Band in ihrem Lied Auge um Auge und in Interviews klar Stellung. Faschistenpack wird von der Band seit über vier Jahren nicht mehr live gespielt.
  • Weitere Vorwürfe gab es gegen Willi Wucher von der Band Pöbel & Gesocks, dass er privat Kontakte zu neonazistischen Kreisen unterhielte. Wucher spielte in den 1980er-Jahren bei der Oi!-Band Body Checks, die in einem ihrer Stücke zu Gewalt gegen Punks aufrief, sich in den 90ern unter Beteiligung lediglich eines Originalmitglieds (nicht Wuchers) reformierte und bei Torsten Lemmers Plattenfirma Funny Sounds ein Reunion-Album einspielte. In seinem alten Fanzine Scumfuck berichtete er einmal über den Besuch eines Skrewdriver-Konzertes, was ihm Kritik von Lesern und anderen Fanzines einbrachte. Außerdem unterhielt er eine kurze Geschäftsbeziehung zu der Plattenfirma Dim Records. In mehreren Artikeln auf der Homepage von Indymedia versuchte er sich endgültig von den Vorwürfen zu befreien.[14]
  • Der ehemalige APPD-Politiker Karl Nagel stand ebenfalls längere Zeit im Verdacht, neonazistisch zu sein, da ihm vorgeworfen wurde, mit der APPD zur Zusammenarbeit Rechtsextremer und Linker aufgefordert zu haben, und er einen Link zur Querfront auf seiner Homepage hatte. Er hatte an mindestens einem Querfronttreffen der Nationalanarchisten teilgenommen.[15] Später traf er dann Christian Worch.[16]
  • Die Band OHL, die sich unter anderem in ihren Liedtexten und auf den Plattenhüllen mehrerer Veröffentlichungen auch klar gegen Links ausspricht[17][18][19], ist ebenfalls von solchen Vorwürfen betroffen. Auch wird ihr aufgrund ihres Bandnamens sowie ihrer Albennamen und -cover, die fast ausschließlich Soldaten zeigen, Soldatenverherrlichung vorgeworfen. Da sich OHL aber gleichzeitig auch gegen Rechtsradikalismus aussprechen, werden sie auch gerne als „CDU-Punks“ tituliert.
  • Der Band V-Punk wurde in einem Blog Nähe zum Rechtsextremismus vorgeworfen, da ihr mittlerweile verstorbener Sänger Zeljko Topić Kontakte zur rechtsextremen Szene unterhielt.[20][21]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.punk77.co.uk/groups/songs_lyrics.htm
  2. Simon Reynolds: Rip It Up and Start Again: Postpunk 1978-1984. Penguin (Non-Classics), 2006. S. 65.
  3. a b Steven Blush, George Petros: American Hardcore: A Tribal History. Feral House 2001, S. 32-35.
  4. http://zinnober.net/pdf/EvilWilhelm.pdf
  5. http://www.adl.org/learn/ext_us/nlr.asp?xpicked=3&item=nlr
  6. http://www.adl.org/learn/ext_us/peni.asp?LEARN_Cat=Extremism&LEARN_SubCat=Extremism_in_America&xpicked=3&item=peni
  7. http://www.ox-fanzine.de/web/print/pdf/s/212/itv/821/interviews.212.html
  8. http://www.conne-island.de/nf/92/17.html
  9. http://www.chaostage.de/archiv/fanzines/1994/streetpunk/nagelpunk/index.php
  10. http://www.ox-fanzine.de/web/itv/1336/interviews.212.html
  11. http://nardwuar.com/vs/jello_biafra-1997/
  12. Exploited-Artikel auf der Homepage von Conne Island
  13. Reaktionen auf eine französische Fanpage
  14. http://de.indymedia.org/2003/04/49571.shtml
  15. http://de.indymedia.org/2004/02/75697.shtml
  16. „Vom Punk zum Neonazi? Karl Nagel letztes Gefecht“ von Ernst Corinth am 13. April 2001 auf Telepolis
  17. „Die «Oberste Heeresleitung ist absolut überparteilich! Politische Strömungen u. Richtungen in ihren extremen Formen laufen dem Selbstverständnis der Gruppenmitglieder zuwider. Daher erschien es notwendig, nach den Anklagen gegen die Nationalsozialistische [sic!] Vergangenheit u. die Neonazis der Gegenwart (siehe 1. lp [sic!] «Heimatfront» + 2.LP. «1000 Kreuze») nun auch gegen die extreme Linke Stellung zu beziehen. Rechts wie Links wollen die Manipulierbarkeit der Massen !! Wehrt Euch rechtzeitig !!!!!!!“ OHL: Oktoberrevolution, Rock-O-Rama 1983.
  18. „Politische Strömungen u. Richtungen in ihren extremen Formen laufen dem selbstverständnis [sic!] der Gruppenmitglieder zuwider. Rechts wie Links wollen die Manipulierbarkeit der Massen ! Wehrt Euch rechtzeitig !!“ OHL: Verbrannte Erde, Rock-O-Rama 1983.
  19. „OHL bekämpft jede Form von politischem Extremismus und religiösem Fanatismus. Rechte, linke und religiöse Systeme die sich zur Staatsform erheben, haben nur die Unterdrückung und Manipulation des Volkes zum Ziel und somit die Zerstörung der Freiheit. OHL stellt sich ebenfalls gegen jene blinde und taube Masse von Ignoranten, die die Realität nicht sehen kann oder will.“ Die Oberste Heeresleitung.
  20. V-Punk haben ausgespielt
  21. V-punk und kein Ende dk 6. Mai 2002