Nefertiti (Album)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Nefertiti
Studioalbum von Miles Davis
Veröffentlichung 1967
Label Columbia Records
Format LP, CD
Genre Jazz
Anzahl der Titel 7
Laufzeit 39:15

Besetzung

Produktion Teo Macero, Howard Roberts
Studio CBS Studios, New York City
Chronologie
Sorcerer
(1967)
Nefertiti Miles in the Sky
(1968)

Nefertiti ist eine Jazz-Komposition von Wayne Shorter und gleichzeitig das Titelstück des gleichnamigen Jazz-Albums von Miles Davis, aufgenommen in vier Aufnahmesitzungen am 7., 22. und 23. Juni sowie am 19. Juli 1967 und veröffentlicht von Columbia Records.

Das Album[Bearbeiten]

Das Nefertiti-Album ist nach E.S.P., Miles Smiles und Sorcerer das vierte und letzte vollständig akustisch aufgenommene Studioalbum des klassischen zweiten Miles-Davis-Quintetts. Was danach folgte, war die Einführung des E-Pianos und die Mitwirkung des Fusion-Gitarristen George Benson im folgenden Album Miles in the Sky (Januar und Mai 1968)[1] und die Ankunft Chick Coreas und Dave Hollands in der Band bei den Sessions zu Filles de Kilimanjaro. Das Nefertiti-Album repräsentiert so den Platz des Übergangs, von dem sich Miles Davis’ Entwicklung als „Jazz“-Musiker an einem Scheideweg zwischen seiner reichen Vergangenheit und dem, was sich in den folgenden zwei Jahren ereignen sollte, als schließlich im Sommer 1969 die Bitches Brew Sessions stattfanden.[Ephland 1]

Das Nefertiti-Album ist eine letzte Synthese der Entwicklung des „zweiten Quintetts“; zwischen 1965 und 1967 legte Miles Davis vier stilistisch ähnliche Studioproduktionen vor, deren Themen fast ausschließlich von den Musikern seines Ensembles oder von ihm selbst geschrieben wurden. Hierbei ragten besonders die Beiträge Wayne Shorters zum Repertoire der Band heraus, der Titel wie „E.S.P.“, „Orbits“, „Footprints“, „Prince of Darkness“, „Masqualero“, „Paraphernalia“ oder „The Sorcerer“ beisteuerte. Miles Davis meinte zu seinem Saxophonisten, „erst seit Nefertiti wurde allen klar, dass Wayne Shorter ein großer Komponist war.“[Davis 1]

Ron Carter live im Alten Pfandhaus in Köln, 7. Oktober 2008

Der Davis-Biograph Peter Wießmüller bemerkte: „Daraus resultiert eine grundlegende Weiterentwicklung des Repertoires in Form veränderter Thementypen und der daraus sich ergebenden Improvisationen, in denen der Einfluss des Saxophonisten Wayne Shorter zum Tragen kommt. Die Tonalität, der aus dieser Zeit hervorgegangenen Kompositionen, unterscheidet sich etwa von den Kind of Blue-Einspielungen durch die Quartenmelodik; d.h. die frühere Modalität – die dem Dur-Moll-System nahestehenden Skalen – wird, in chromatischer Fortschreibung von 'alterierten, lydischen und ionischen' Skalen abgelöst, die auch als Grundlage für die Improvisation dienen.“[Wießmüller 1]

Bekannt wurde das Album durch sein Titelstück „Nefertiti“ von Wayne Shorter; das ungewöhnliche „kompositorische Meisterwerk“ (Wießmüller) wiederholt mehrere Male die Melodie ohne individuelle solistische Beiträge, während die Rhythm Section darüber improvisiert, Dynamik schafft und damit ihre traditionelle Rolle umkehrt. Saxophonist Shorter stellt das leicht melancholische Thema vor; während der ersten Wiederholung tritt die Trompete in unisono-Spielweise hinzu; im folgenden wird das Thema nur durch die Intensität des Vortrags als auch durch die Pausengestaltung variiert.[Wießmüller 1] Eric Nisenson schrieb zu der Spielweise, er gäbe „keinerlei Soli im herkömmlichen Sinn, aber Klavier, Bass und Schlagzeug reagieren auf das Thema mit immer kniffligeren rhythmischen patterns.“[Nisenson 1]

Die folgende, stark rhythmisch akzentuierte Ballade „Fall“, die ebenfalls von Shorter stammt, ist ähnlich wie das vorangegangene „Nefertiti“ von Wiederholungen bestimmt; neben dem fest arrangierten Ensemblespiel klingen immer wieder kurze Ausflüge an, die, nahe am Thema orientiert, von den jeweils präsenten Ensemblepassagen wieder absorbiert werden.[Wießmüller 1]Ähnlich wie Fall ist auch die am 7. Juni eingespielte Ballade Water Babies ausgestaltet. Sie fand auf dem Nefertiti-Album jedoch und erschien erst 1977 auf dem gleichnamigen Album in der Zeit von Miles Davis´ Rückzug zwischen 1975 und 1981. John Ephland schrieb in den liner notes, dass neben der Melancholie des Stücks auch eine Unruhe der Bandmitglieder zu spüren sei; die Soli seien nur kurz angelegt; „Fall“ stehe auf dem Album durch die eher traditionellen harmonischen und melodischen Strukturen ein Stück für sich allein, als wäre es ein paar Jahre früher aufgenommen worden. Die Balance der Aufnahme offenbare aber dem Hörer Brechungen und Wendungen, die das Unbehagen mit dem traditionellen Jazz ausdrücken, ähnlich wie dies schon in früheren Stücken wie „Limbo“ und „Masqualero“ (auf dem Vorgänger-Album Sorcerer) zum Ausdruck kam.[Ephland 1]

„Hand Jive“ ist eine mehr am Hardbop angelegte Komposition Tony Williams´, dessen 4/4-Takt vom drängend dynamischen Bass Ron Carters angegeben wird, „lebt vom rasend schnellen und rauschenden Cymbalsound“[Wießmüller 1] Tony Williams´.

Im schnellen „Madness“, einem Herbie Hancock-Titel fühlt sich Peter Wießmüller durch Miles´ Trompetenkürzel, verfolgt vom Bass in höheren Lagen, an die Stimmung der Intonierung erinnert, wie sie Don Cherry im Ornette Coleman-Quartett pflegte.[Wießmüller 1]

Das nur drei Minuten kurze „Riot“ wie auch das letzte Stück „Pinocchio“ deuten die „Rastlosigkeit“ der Bandmitglieder an.[Ephland 1]

„Riot“ strahlt die Jazz Messengers-Stimmung aus; solistische Glanzlichter setzen hier Herbie Hancock und Davis.[Wießmüller 1] „Pinocchio“, das dritte Shorter-Stück, bildet den Abschluss des Albums; „die Soli von Miles und Shorter zählen wieder einmal zur Meisterklasse, wobei die Verwendung möglichst weniger Noten zu einer durchsichtigen Expressivität führt.“[Wießmüller 1]

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten]

Das Album erreichte 1968 in den Vereinigten Staaten #8 der Billboard Music Charts. Die Innovationen von Miles Davis´ zweitem Quintett „gaben dem tonalen Jazz der Post Bop-Ära neues Leben“, schrieb sein Biograph Eric Nisenson über die Rezeption der Davis Alben dieser Phase, „wurden aber leider damals von sehr wenigen Gruppen übernommen; die meisten Bands spielten den Modern Jazz der mittleren 1950er Jahre oder gehörten dem Free Jazz-Lager an.“ „Die Alben, die Miles Davis mit seinem Quartett der 60er Jahre aufgenommen hat, gehören zu den bedeutendsten Werken seiner Karriere, jedoch die subtilen Neuerungen, die sie enthalten, wurden von den meisten überhört, da die extrem radikale Musik von Coltrane, Taylor, Shepp, Sanders und anderen mehr Aufmerksamkeit erregte. Während der Free Jazz auch eine Reaktion auf die Erstarrung und Verknöcherung des Post-Bop war, entwickelte Miles´ Quintett diese Musik jenseits aller Klischees weiter.“[Nisenson 1]

Das Nefertiti-Album hatte dann schließlich- wie auch seine drei Vorgängeralben – mit Miles´ „Konzept der kontrollierten Freiheit“ (Joachim-Ernst Berendt) nachhaltigen Einfluss auf den Post Bop der 1980/90er Jahre.[Berendt 1]

Bewertung des Albums[Bearbeiten]

Die Kritiker Richard Cook & Brian Morton verliehen dem Album im Penguin Guide to Jazz die zweithöchste Bewertung und nennen es kühl und streng, bezeichnen aber Wayne Shorters Stück „Nefertiti“ als eine der größten Kompositionen dieser Zeit.[Morton/Cook 1] Scott Yanow, der das Album im All Music Guide mit 5 Sternen versah, merkte an, dass Miles Davis´ viertes Album des zweiten klassischen Quintetts „die Vorwärtsentwicklung von Sorcerer fortsetze, indem die Gruppe sich in einen low-key entdeckenden Groove spiele und eine Musik mit noch erkennbaren Themen spiele; aber diese Themen werden von ihr absichtlich dissonant gespielt.“ In einem gewissen Sinn sei dies mood music, schrieb Yanow, „indem die individuellen Bestandteile sich in unvorhersehbare Richtungen weiterspinnen und dabei fließende Klanglandschaften geschaffen würden. Diese Musik antizipiere vieles von der impressionistischen Arbeit des In a Silent Way-Albums (1969), bleibe aber noch in den Fahrwassern des Hardbop. Was bei allen Sessions dieses Quintetts beeindrucke, sei das Zusammenspiel abseits artistischer solistischer Einzeleistungen; Die Musiker folgen quasi als Einheit einem unvorhersehbaren Pfad und lassen sich auf eine Spielweise ein, die etwas Suchendes hat, immer auch provokativ, und vor allem: nie langweilig. Möglicherweise sei der Charme des Nefertiti-Albums eher subtil als bei seinen Vorgängern, aber das mache es so faszinierend. Nebenbei zeige dieses Album schon klar den Weg hin zu Fusion, wobei es rein akustisch bleibt; und das mag Hörer von der anderen Seite des Vorhangs in eine andere Richtung zwingen.“

Die Titel[Bearbeiten]

  • Miles Davis Quintet: Nefertiti (Columbia CS 9594)
Wayne Shorter, Foto von Tom Beetz
  1. Nefertiti (Wayne Shorter) 7:52
  2. Fall (Wayne Shorter) 6:39
  3. Hand Jive (Williams) 8:54
  4. Madness (Hancock) 7:31
  5. Riot (Hancock) 3:04
  6. Pinocchio 5:08

Der Titel „Nefertiti“ wurde am 7. Juni, „Madness“ am 22. Juni, und „Hand Jive“ am 23. Juni aufgenommen und von Teo Macero produziert. „Fall“, „Riot“ und „Pinocchio“ entstanden am 19. Juli 1967; Produzent dieser Session war Howard Roberts. Spätere CD-Editionen enthielten auch die alternate takes von „Hand Jive“ (two takes), „Madness“ und „Pinocchio“. Die in dieser Zeit entstandenen Titel „Water Babies“ (7. Juni), „Capricorn“ (13. Juni) und „Sweet Pea“ (23. Juni) erschienen Mitte der 1970er Jahre auf dem Album Water Babies (Columbia- S 34396)[2]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Benson wirkte bei dem Shorter-Titel 'Paraphernalia' mit.
  2. Die drei im Juni 1967 entstandenen Stücke wurden für das Album gekoppelt mit Titeln der Miles Davis-Band mit Chick Corea und Dave Holland, aufgenommen im November 1968.
  • Anmerkungen
  • Richard Morton, Brian Cook: The Penguin Guide to Jazz On CD. 6. Auflage. Penguin, London 2002.
  1. Penguin, Artikel 'Nefertiti
  • John Ephland: liner notes, CD-Ausgabe Neferiti
  1. a b c liner notes
  • Miles Davis: Autobiographie. Heyne, München 2000.
  1. Davis, Autobiographie.
  • Nat Hentoff, Nat Shapiro: Jazz erzählt – Hear Me Talkin’ To Ya. Nymphenburger, München 1959.
  • Eric Nisenson: Round about Midnight – Ein Portrait von Miles Davis. Hannibal, Wien 1985, ISBN 3-85445-021-4.
  1. a b Nisenson.
  • Peter Wießmüller: MIles Davis. Oreos, Schaftlach um 1985.
  1. a b c d e f g S. 35.
  • Joachim-Ernst Berendt, Günther Huesmann: Das Jazzbuch. Fischer, Frankfurt am Main 1994.
  1. Berendt/Hiesmann, Jazzbuch.