Negative Dialektik

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Negative Dialektik ist der Titel eines 1966 erschienenen Werks des Philosophen Theodor W. Adorno und gilt als sein wichtigster Beitrag zur Philosophie. Adorno betrachtete es als ein Hauptwerk seines Schaffens, mit dem er an das in den 1930er Jahren gemeinsam mit Max Horkheimer entwickelte Projekt einer „dialektischen Logik“ anknüpft.

Nach Günter Figal lässt sich Adorno nirgends sonst „so ausführlich auf systematische Erörterungen und auf die Auseinandersetzung mit philosophischen Grundpositionen ein“, ohne dass das Buch einen systematischen Entwurf im klassischen Sinne darstelle, sondern eher eine „Methodologie“ seiner „materialen Arbeiten“.[1]

Inhalt[Bearbeiten]

Adorno selbst beschreibt negative Dialektik wie folgt: „Es handelt sich um den Entwurf einer Philosophie, die nicht den Begriff der Identität von Sein und Denken voraussetzt und auch nicht in ihm terminiert, sondern die gerade das Gegenteil, also das Auseinanderweisen von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt, und ihre Unversöhntheit, artikulieren will.“[2]

Unter dem „Auseinanderweisen von Begriff und Sache“ ist dabei zu verstehen, dass die Identifikation (Gleichsetzung, wörtlich: Gleichmachung) einer Sache mit einem Begriff darauf beruht, dass die Gemeinsamkeiten verschiedener Sachen als deren Wesen begriffen werden, und die Identifikation damit etwas von der Identität abschneidet. Abstrahieren die Menschen in Begriffen, so üben sie auf die Dinge einen Zwang aus, der aus dieser Nichtidentität von Sache und Begriff resultiert. Adorno beschreibt mit der Negativen Dialektik eine philosophische Kritik an dieser Art identifizierenden Denkens. Er versteht dabei die Methode, die nach der Differenz von Begriff und Sache fragt, auch als sozialkritische Methode, da seiner Meinung nach die Begriffe auf gesellschaftlichen Maßstäben beruhen, und damit Teil eines totalen Verblendungszusammenhangs sind (vergleiche den Artikel kritische Theorie). An der hegelschen Dialektik kritisiert Adorno, dass Bejahung (Affirmation) nicht aus der Verneinung der Verneinung (aus der Negation der Negation) zu erhalten sei: da die Bezeichnung des Nichtidentischen wiederum ein Begriff ist, kann das Nichtidentische selbst nicht vollständig erfasst werden; der aus der Nichtidentität resultierende Widerspruch kann daher nicht auf einer höheren Ebene, synthetisch aufgelöst werden, sondern verkörpert – gemäß Adorno – absolute, unversöhnliche Gegensätze, die durch das begriffliche Denken hervorgerufen würden. Die Unvollständigkeit (die Nichtidentität) des Begriffs des „Nichtidentischen“ macht die kritische Selbstreflexion des dialektischen Denkers notwendig. Aber: „Selbstreflexion der Aufklärung ist nicht deren Widerruf“.[3] Insbesondere vor der absoluten Negativität warnt Adorno, da diese als Bejahung der Verneinung selbst Positives sei, und damit die Negation widerriefe.

Bezüge zu anderen Werken[Bearbeiten]

In der Negativen Dialektik sieht Adorno die fundamentalen Überlegungen, die in sehr vielen seiner materialen, inhaltlichen Arbeiten ausgeführt sind.[4] Tatsächlich findet sich der darin beschriebene Denkansatz auch in anderen Werken, auch bereits in früheren, so unter anderem in der gemeinsam mit Max Horkheimer verfassten Dialektik der Aufklärung, in den Minima Moralia.[5] Aber auch in Werken, die nicht in erster Linie fachphilosophischen Inhalts sind, wie etwa in den Noten zur Literatur[6] oder in den "Soziologischen Schriften I" findet sich der Ansatz negativer Dialektik. Der Aufsatz Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie liefert eines von vielen Beispielen dafür, wie Adorno mit negativer Dialektik die Wahrheit gesellschaftlicher Kategorien hinterfragt.[7]

Wirkung und Kritik[Bearbeiten]

Adorno konzipierte die Negative Dialektik als sein philosophisches Hauptwerk. Es gilt als grundlegend für das Verständnis der Adornoschen Philosophie.[8][9] Da „negative Dialektik“ nicht nur der Titel eines Werks Adornos ist, sondern als programmatischer Begriff die Adornosche Philosophie beschreibt, lässt sich die Wirkung der Negativen Dialektik nur beschreiben, wenn man sie im Kontext der Adornoschen Arbeiten sieht. (Für eine Darstellung der Kritik an diesem Kontext siehe auch den Artikel Theodor W. Adorno sowie die Artikel zur Dialektik der Aufklärung und zur Kritischen Theorie.) Die Kritik an Adorno bezieht sich oftmals auf das in diesem Buch beschriebene Denken, ohne explizit auf das Werk Negative Dialektik zu verweisen.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Negative Dialektik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966 (Erstausgabe)
  • Gesammelte Schriften, Band 6: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970
  • Vorlesung über Negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Ulrich Müller: Theodor W. Adornos „Negative Dialektik“. WBG, Darmstadt 2006
  • Brian O'Connor: Adorno's Negative Dialectic. Philosophy and the Possibility of Critical Rationality. Cambridge 2005

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Günter Figal: Eintrag Negative Dialektik. In: Franco Volpi (Hrsg.): Großes Werklexikon der Philosophie. Kröner, Stuttgart 2004, S. 10.
  2. Theodor W. Adorno: Vorlesung über Negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, S. 15f.
  3. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, Band 6: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970, S. 160.
  4. Theodor W. Adorno: Vorlesung über Negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, S. 15.
  5. Zum Beispiel im Aphorismus Vor Mißbrauch wird gewarnt, in welchem Adorno beschreibt, dass die Wahrheit und Unwahrheit der Dialektik, die aus dem Sophismus als „Mittel, Recht zu behalten, von Anbeginn auch eines zur Herrschaft“ entstanden sei, in ihrem historischen Prozess zu finden sei: „Die negative Philosophie, universale Auflösung, löst stets auch das Auflösende selber auf. Aber die neue Gestalt, in der sie beides, Aufgelöstes und Auflösendes, aufzuheben beansprucht, kann in der antagonistischen Gesellschaft nie rein hervortreten. Solange Herrschaft sich reproduziert, solange kommt in der Auflösung des Auflösenden die alte Qualität roh wieder zutage.“ in: Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp, Berlin und Frankfurt am Main 1951, S. 475f.
  6. so zum Beispiel im Aufsatz Zu einem Porträt Thomas Manns in Theodor W. Adorno: Noten zur Literatur. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1981, S. 335–344
  7. Theodor W. Adorno: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie. In: Theodor W. Adorno: Gesellschaftstheorie und Kulturkritik. edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975
  8. „Zusammengefaßt ist dieses Programm im Titel eines Buches, das gewiß nicht Adornos bestes, aber philosophisch sein wichtigstes ist: Negative Dialektik“ Günter Figal: Über das Nichtidentische. Zur Dialektik Theodor W. Adornos. In: Wolfram Ette u. a. (Hg.): Adorno im Widerstreit. Zur Präsenz seines Denkens. Alber, Freiburg und München 2004, S. 15f.
  9. „Die kritische Negativität, die der Philosophie Adornos zugrunde liegt, [...]“ Ludger Heidbrink: Die Grenzen kritischer Negativität. Perspektiven im Anschluß an Adorno. In: Wolfram Ette u. a. (Hg.): Adorno im Widerstreit. Zur Präsenz seines Denkens. Alber, Freiburg und München 2004, S. 98