Neofolk

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Neofolk
Entstehungsphase: 1980er Jahre
Herkunftsort: Großbritannien
Stilistische Vorläufer
Post-Punk, Post-Industrial, Folk
Pionierbands
Death in June, Current 93, Sol Invictus
Genretypische Instrumente
Akustikgitarre, E-Bass, Violine, Cello, Flöte, Trompete, Piano, Synthesizer, Perkussion, Marschtrommel
Einfluss auf den Mainstream
gering

Neofolk (griechisch neos = ‚neu‘, englisch folk von Folklore; die Volkskultur, in diesem Fall Musik betreffend), auch Apocalyptic Folk genannt, ist eine Musikrichtung, die etwa in der Mitte der 1980er Jahre in England entstanden ist. Die Genre-Bezeichnung selbst wurde jedoch erst mit der wachsenden Popularität des Stils erschaffen und ist seit 1988 belegt.[1] Als Begründer des Neofolk gelten Death in June und Sol Invictus, beide aus der britischen Punk-Band Crisis hervorgegangen, sowie die Band Current 93 von David Tibet, der vorher bei den Post-Industrial-Bands Psychic TV und 23 Skidoo aktiv gewesen war.

Musik und Texte[Bearbeiten]

Neofolk-Kompositionen beruhen hauptsächlich auf einer akustischen Instrumentierung mit Akustikgitarren, Flöten, Trommeln, Geigen oder Celli, häufig unter Verwendung von Synthesizer-Flächen.

Die Musik von Death in June beispielsweise beinhaltet seit The Guilty Have No Pride (1983) „viele Versatzstücke, Klänge, Loop-Techniken oder Herangehensweisen […], die später ausgebaut und verfeinert das Klangbild der Band maßgeblich prägen sollten“.[2] Current 93s Swastikas for Noddy (1988) bewegt sich „zwischen Incredible String Band, Runenmagie, Kinderreimen und Apokalypse[3] und vereinte einen Großteil der Protagonisten der Neofolk-Szene; geprägt wurde der Neofolk besonders durch Current 93s Thunder Perfect Mind und Death in Junes But What Ends When the Symbols Shatter? (beide 1992)[3]. Auf Current 93s Album Black Ships Ate the Sky (2006) bietet ein „Klangbild zwischen filigraner Folklore und dezent dröhnender Psychedelik[4], eine Mischung aus dissonanten Passagen und den für die Band typischen Folkklängen, aus „experimentellen Tönen und eingängigen, sanften Klängen“[5], und auf dem Death-in-June-Album The Rule of Thirds (2008) arbeitete Douglas Pearce „nur mit Stimme und Akustikgitarre“, womit es im Grunde „eine reine Folkplatte“ ist[6].

Zu den Themen der „Neuen Folklore“ zählen unter anderem Naturmystik, Heidentum[3], Christentum[3], Satanismus[3], Buddhismus, Chaosmagie[3], Runologie oder das Mittelalter. Literarische und dichterische Bezüge tauchen häufig auf. Zu den rezipierten Autoren zählen unter anderem Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Ernst Jünger, Novalis, Yukio Mishima, Julius Evola, Jean Genet und Stefan George.

Neofolk im Post-Industrial-Kontext[Bearbeiten]

Es gibt zahlreiche Verschränkungen und Querverbindungen zu Künstlern aus dem Industrial-Umfeld, die vor allem auf die experimentierfreudigen Tage von Current 93 zusammen mit Nurse With Wound oder Death in June mit Boyd Rice und seinem Projekt NON zurückzuführen sind. Dadurch werden etliche Neofolk-Künstler im englisch-sprachigen Raum als Teil der Post-Industrial-Bewegung angesehen.

Die meisten Projekte bestehen oft nur aus einer Person, die entweder allein oder mit Kollegen und Freunden eine Produktion einspielt. Dabei kommt es häufig zur Zusammenarbeit zwischen den Künstlern aus dem Neofolk- oder Martial-Industrial-Umfeld. Gemeinsam ist dabei oft die Verwendung kontroverser Symbolik und ein Hang zu Tabuthemen. Bei ihren Veröffentlichungen legen die Musiker hohen Anspruch auf eine anspruchsvolle und programmatische Gestaltung des Tonträgers, der oft nur in limitierter Stückzahl und in aufwändig gestalteten Box-Sets vertrieben wird.

Bedeutende Vertreter[Bearbeiten]

Neben diesen Künstlern gibt es noch eine Reihe weiterer Musikprojekte wie Allerseelen, Blood Axis, Hekate, Kirlian Camera, Ordo Rosarius Equilibrio, Ostara oder Sixth Comm/Mother Destruction, die mit einzelnen Tracks in das Neofolk-Umfeld steuern, den Stil jedoch nur teilweise repräsentieren.

Neofolk als Subkultur[Bearbeiten]

Die Neofolk-Szene wird von vielen ihrer Angehörigen als eigenständige Szene betrachtet, andere sehen darin noch immer einen Bestandteil der ausklingenden Dark-Wave-Bewegung, in deren Umfeld sich das Neofolk-Genre in den 1980er und 1990er Jahren bewegte. Grund hierfür ist der stilistische Ursprung des Neofolk sowie seine Überlagerungen mit anderen Genres hinsichtlich Thematiken oder klanglicher Komponenten.

Das Publikum setzt sich aus Menschen verschiedener Interessen zusammen. Beispiele hierfür war eine 2005 in einem Jugendtreff in Leipzig im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens abgehaltene Konzertreihe und ist aktuell die Veranstaltungsreihe Elfenfolk.

Große Bedeutung im Zusammenhang mit der Szene hatte der Londoner Schallplattenladen Vinyl Experience[7], dessen Katalog sich aus einer Vielzahl von Neofolk-Alben zusammensetzte. Der Laden war ein Kristallisationspunkt der entstehenden Apocalyptic-Folk-Szene.[7] Aus ihm ging der Vertrieb World Serpent Distribution hervor[7], der 2004 in Insolvenz ging.

Politik[Bearbeiten]

Sol Invictus beim Elfenfolk-Festival
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Einige Künstler sind für eine Vielzahl an Kritikern[8] der sogenannten „neurechten Kulturalternative“ zuzurechnen. So nähmen diese Künstler affirmativ Bezug auf Ideologien und Positionen der rechten bis rechtsextremen europäischen Ideengeschichte bis hin zum Nationalsozialismus. Aufgenommen werden dabei, ähnlich wie bei der Neuen Rechten selbst, Traditionslinien von Vertretern der Konservativen Revolution (wie Ernst Jünger), der Völkischen Bewegung (wie Jörg Lanz von Liebenfels) und des europäischen Faschismus (wie Julius Evola). Verknüpft wird dies mit verschiedenen rechtsesoterisch-okkulten Vorstellungen wie denen Karl Maria Wiliguts und einer „völkisch-faschistoiden“ Ästhetik beziehungsweise einem „faschistischen Stil“ (Armin Mohler), der sich etwa aus den Bildern Ludwig Fahrenkrogs, den Skulpturen Josef Thoraks und den Filmen Leni Riefenstahls speist. Ein intellektueller Bezug besteht dabei zu Alain de Benoists Adaption der kulturellen Hegemonie im metapolitischen Raum - in dem einer vermeintlich „linken“ oder „amerikanischen Kulturübermacht“ eine eigene „ureuropäische“ Alternative gegenübergestellt wird, die der Aufklärung und der Vernunft Neuheidentum und Intuition entgegensetzt und dabei weitergehend auf antiegalitäre, antidemokratische, antimoderne und sozialdarwinistische Prinzipien baut.

Darüber hinaus gab es verschiedene personelle Überschneidungen zwischen Medien der Dark-Wave-/Neofolk-Szene und der Neuen Rechten. Der damalige Junge-Freiheit-Redakteur Roland Bubik fasste 1996 angesichts einer Zillo-Preisverleihung die Hoffnungen auf eine „europäische Gegenkultur“, welche die kulturell orientierte Neue Rechte in Bezug auf die Schwarze Szene hegte, zusammen: „Wenn das Mystische und Irrationale, der Wunsch nach antiaufklärerischer Innenschau und gelebter Transzendenz ihre Stimme in der Jugendkultur finden, ist der ästhetische Konsens des Westens durchbrochen.“

Die kritisierten Bands und Künstler, die ohne eine strikte Trennung von szenespezifischer musikalischer Genres mehr oder weniger alle der Schwarzen Szene zugerechnet werden, sind unter anderem: Allerseelen, Blood Axis, Death in June, Der Blutharsch, Fire & Ice, Forseti, Kirlian Camera, Les Joyaux de la Princesse, NON, Orplid, Sol Invictus, Von Thronstahl und Waldteufel.

Um die Jahrtausendwende führten die Konflikte um derartige Projekte zu massiven Diskussionen innerhalb der Schwarzen Szene, in der sich Teile der Neofolk-Hörerschaft bewegen.[9] Zur Verteidigung des Neofolks wird oft argumentiert, seine Gegner seien Außenstehende, die die Nuancen des Genres nicht verstünden, und dass die Rhetorik und Symbolik keine Bedeutung habe. So berichtet John Eden in einem Gastbeitrag auf der Seite Who Makes the Nazis?, er sei von der Ästhetik des Faschismus bei Death in June fasziniert gewesen, habe sich aber wie die meisten Personen von den Ideen und ihrer Praxis abgestoßen gefühlt und die Gruppe damit verteidigt, dass sie die dunkle Seite der menschlichen Natur erforsche und nicht selbst an die dargestellten Inhalte glaube. Er habe jedoch beobachten können, wie Personen, die stärker als er in der anarchistischen und linken Szene engagiert waren, sozialdarwinistische und rechte Parolen äußerten.[7]

In den mittleren 1990er-Jahren wurden die Aussagen in Fanzines zunehmend extremer, wobei die Künstler sich möglicherweise entweder gegenseitig überbieten oder ihre Grenzen austesten wollten. Bedeutend war hier Michael Moynihans Projekt Blood Axis; im Gespräche mit dem No Longer a FANzine von Tower Records äußerte er sich für die Neueröffnung der Gaskammern, in der gleichen Ausgabe kam auch der Neonazi James Mason zu Wort. Zunehmend wurden diese Inhalte de rigueur, wie eine neue Modeerscheinung. Eden berichtet, der letzte Tropfen sei für ihn die sechste Ausgabe des bis dahin auch von ihm selbst vertriebenen EsoTerra-Fanzines gewesen, in dem sich eine ganzseitige Anzeige für die rechtsextreme Rock-/Metal-Band Rahowa fand. In der vierten Ausgabe des OHM Clock (Frühling 1996) kam diese ausführlich zu Wort und wurde auf dem Titelblatt abgebildet. Zudem zeigte die Szene sich gegenüber der kritischen Auseinandersetzung mit dargestellten Inhalten zunehmend desinteressiert und vielmehr von der mangelnden Eindeutigkeit der Projekte fasziniert. Seitdem verloren Mitglieder der Szene zunehmend die Hemmungen, sich als Faschisten zu bezeichnen, auf Julius Evola und den Eurozentrismus zu beziehen und uniformiert aufzutreten.[7]

Im Geltungsbereich des deutschen Rechts sind heute weniger mit dem Rechtsextremismus assoziierte Symbole, Texte und Anspielungen zu finden, da einige Symbole und Zeichen, die von Rechtsextremen benutzt werden, in Deutschland verboten sind. Bei der Neuauflage der Kompilation The Pact: Flying in the Face… von Tesco/Fremdheit aus dem Jahr 2000 wurden einige Seiten des Beihefts der Erstauflage von Asafoetida aus dem Jahr 1996 weggelassen, z. B. die Seiten zu Eric Owens und Schwartze Orden, auf denen Runen zu sehen waren. Auch beim Boyd-Rice-Album Music, Martinis & Misanthropy sind entsprechende Symbole im Beiheft und auf der CD in der Neuauflage durch New European Rec. nicht mehr vorhanden, ebenso bei der Zweitauflage von Blutharschs Der Sieg des Lichtes ist des Lebens Heil bei Tesco. Death in Junes Braun Buch Zwei, eine Neuauflage des indizierten Albums Brown Book, fehlen beanstandete Liedpassagen.

Veranstaltungen[Bearbeiten]

  • Wave-Gotik-Treffen Leipzig
  • Flammenzauber Heldrungen
  • Mithras Garden-Festival Zwickau/Satzvey
  • L'affaire fatale Mannheim
  • Runes + Men Festival Dresden/Leipzig

Literatur[Bearbeiten]

  • Anton Shekhovtsov, 'Apoliteic music: Neo-Folk, Martial Industrial and "metapolitical fascism"', Patterns of Prejudice, Vol. 43, No. 5 (December 2009), pp. 431-457. doi:10.1080/00313220903338990
  • Andreas Speit (Hrsg.): Ästhetische Mobilmachung. Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien. Unrast Verlag, Münster 2002, ISBN 3-89771-804-9 (Ideologiekritik).
  • Stéphane François: The Euro-Pagan Scene: Between Paganism and Radical Right. In: Journal for the Study of Radicalism. Vol. 1, Num. 2, 2008, S. 35-54 (Aufsatz über Neofolk als Identitätsbildung). | Excerpt(extended Abstract) davon
  • Gregor Hufenreuter: Kontunuitätsmuster ohne Kontinuität? Völkisches Liedgut vom Deutschen Liederbuch des Kaiserreichs zum Neofolk der Gegenwart. In: Uwe Puschner u. G. Ulrich Großmann: Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert. Darmstadt 2009. ISBN 978-3-534-20040-5 (Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Band 29), S. 354-365.
  • Andreas Diesel, Dieter Gerten: Looking for Europe – Neofolk und Hintergründe. Index Verlag, Zeltingen-Rachtig 2005, ISBN 3-936878-02-1 (Musikalische und inhaltliche Darstellung aus Eigensicht).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Diedrich Diederichsen: Beschreibung der Musik des „Nate Starkman & Son“-Plattenlabels, das Mitte bis Ende der 1980er hauptsächlich folk-inspirierten Post-Punk (wie z. B. Fourwaycross und Shiva Burlesque), Gothic- und Indie-Rock veröffentlichte. In: Spex Musikmagazin, Ausgabe 10/88, Oktober 1988, S. 61
  2. Tony F.: Death in June - The guilty have no pride [Rezension.] Abgerufen am 17. November 2009.
  3. a b c d e f Lichtscheiben über Neuschwabenland.
  4. Uwe S.: NONPOP > CURRENT 93: Aleph At Hallucinatory ... Abgerufen am 22. Januar 2010.
  5. Martin L.: NONPOP > Current 93: Rezension und Bericht. Abgerufen am 22. Januar 2010.
  6. Michael We.: DEATH IN JUNE: The Rule Of Thirds [Rezension.] Abgerufen am 17. November 2009.
  7. a b c d e John Eden: What Ends When the Symbols Shatter? My Time as a Death In June Fan. Who Makes the Nazis?, 7. November 2010, abgerufen am 2. September 2014 (englisch).<
  8. siehe dazu unter anderem: Gruftis gegen Rechts [Hrsg.] (1998-2002): Die Geister, die ich rief... / Die Katastrophe der Phrasen / Die Geister, die ich rief... II / Die letzte Walpurgisnacht. Bremen/Berlin
  9. Roman Rutkowski: Das Charisma des Grabes, S. 137, 2004, ISBN 3-8334-1351-4.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Fluxeuropa (Version vom 7. Februar 2011 im Internet Archive) – Englisches Onlinemagazin, wird seit 2005 nicht mehr aktualisiert, es war allerdings das erste seiner Art und umfasst ein sehr großes Band- und Tonträgerarchiv (Webarchivversion).
  • Funprox (Funeral Procession) Englischsprachiges Onlinemagazin aus Holland, welches einen Großteil seiner Berichterstattung dem Neofolk widmet.
  • sturmgeweiht.de Umfassende, direkt zu navigierende Datenbank mit einer großen Zahl szenerelevanter Liedtexte.
  • Ein Versuch die Neofolk-Szene zu greifen Gregor Hufenreuter spricht über Hintergründe des Neofolk.