Neomarxismus

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Mit der Bezeichnung Neomarxismus werden unterschiedliche, sich ab den 1920er Jahren bildende wissenschaftliche Denkschulen und davon ausgehend auch vereinzelte politische Strömungen zusammengefasst, die an das Werk von Karl Marx anknüpfen, sich aber von einer dogmatisierenden Auslegung (z. B. der „Wissenschaftliche Sozialismus“, die von Karl Kautsky formulierte „Marxistische Orthodoxie“, Marxismus als „Proletarische Weltanschauung“ usw.) abgrenzen.

Überblick[Bearbeiten]

Hintergrund für die Entstehung des Neomarxismus waren verschiedene politische Entwicklungen und Probleme, für die der „Wissenschaftliche Sozialismus“ keine hinreichenden Erklärungen bzw. Antworten zu haben schien: die Auflösung der Zweiten Internationalen als Folge der Unterstützung der national organisierten sozialistischen/sozialdemokratischen Parteien für ihren jeweiligen Staat im Ersten Weltkriegs; das Scheitern bzw. völlige Ausbleiben der Revolution, obwohl eine „revolutionäre Situation“ diagnostiziert wurde; der Aufstieg faschistischer Bewegungen. Hinzu kamen Probleme innerhalb der marxistischen Theorie. Eine neue Sicht auf das Werk von Marx wurde auch angestoßen durch die Veröffentlichung bisher nicht zugänglicher Frühschriften wie Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844 (1932). Eindringliche Kommentare schrieb dazu seinerzeit Herbert Marcuse.

Frankfurter SchuleMax Horkheimer (vorne links) und Theodor W. Adorno (vorne rechts)

Da es keine geschlossene neomarxistische Bewegung, keine Organisationen und nur selten Personen, die sich neomarxistisch nennen, gibt, ist eine eindeutige Eingrenzung der Zugehörigkeit zum Neomarxismus schwierig, bisweilen ist die Verwendung des Begriffs willkürlich; in der tagespolitischen Debatte werden auch oft allgemein gesellschafts- oder kapitalismuskritische Positionen unspezifisch – dann meist als negative Wertung gemeint – als neomarxistisch bezeichnet. Auch eine einheitliche Theorie existiert nicht, man kann nur allgemeine Merkmale angeben. Eine dauerhafte Strömung im neomarxistischen Umkreis bildet der praxisphilosophische Marxismus, dessen Bezeichnung bis auf den italienischen, marxistischen Philosophen Antonio Labriola zurückverweist.

Der Neomarxismus verwirft das als deterministisch missverstandene Geschichtsbild des „traditionellen Marxismus“, nach dem eine quasi naturgesetzliche Entwicklung zu Revolution und Sozialismus führe. Betont wird hingegen die Bedeutung des sozialen Handelns der realen Menschen (Subjekte), die gesellschaftliche Praxis, sowie das besondere Verhältnis zum philosophischen Erbe des deutschen Idealismus, besonders das von Hegel. Damit weicht auch die Auffassung, dass alle Erscheinungen schematisch aus wirtschaftlichen Faktoren abgeleitet werden können („Ökonomismus“), einer differenzierteren Betrachtungsweise. Einige neomarxistische Richtungen greifen weniger auf die Ergebnisse der Marx'schen Analyse als auf seine Methoden zurück, um die veränderten sozioökonomischen Verhältnisse entwickelter kapitalistischer Gesellschaften zu analysieren.

Wichtige theoretische Anstöße für den Neomarxismus kamen nach dem Ersten Weltkrieg von Georg Lukács, Karl Korsch und Antonio Gramsci. Aus dem 1923 gegründete Institut für Sozialforschung in Frankfurt ging als eine wichtige gesellschaftswissenschaftliche Forschergruppe die Frankfurter Schule von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hervor, deren Kritische Theorie besonders nach dem Ende der Emigration des Instituts während der Zeit des Nationalsozialismus in Westdeutschland Einfluss gewann.

Herbert Marcuse setzte seine wissenschaftliche Tätigkeit in Amerika fort. Durch seine theoretische Orientierung und die Suche nach einer Verbindung mit den neuen sozialen Bewegungen steht er eher dem praxisphilosophischen Ansatz und dem Philosophen Ernst Bloch nahe.

Weiter dem Neomarxismus zugerechnet werden der französische Theoretiker Henri Lefebvre und der Philosoph und Historiker Lucien Febvre. Mit seinem Versuch, Marxismus und Existenzialismus zu verbinden, schloss sich auch Jean-Paul Sartre dem neomarxistischen Diskurs an.

In Großbritannien formierte sich eine Gruppe von Marxisten, die nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn aus der Kommunistischen Partei Großbritanniens ausgetreten war, um die Zeitschrift New Left Review (unter ihnen E.P. Thompson, Perry Anderson).

Herbert Marcuse (1898–1979)

Da in den Ländern des „real existierenden Sozialismus“ die Staatsparteien das Interpretationsmonopol am Marxschen Werk beanspruchten, konnte sich der Neomarxismus zunächst nur in den westlich-kapitalistischen Ländern entwickeln („Westlicher Marxismus“), hauptsächlich als akademische Disziplin an Universitäten außerhalb der westlichen kommunistischen Parteien. Mit der jugoslawischen Praxis-Gruppe bildete sich in der Mitte der 1960er Jahre eine offen neomarxistische Theorieschule in einem sozialistischen Land. Deren internationale Tagungen und die Zeitschrift Praxis (1965–1974) wurden zu einem Kristallisationspunkt unorthodoxen Marxismusdenkens in Europa.

Über die Kritische Theorie sowie Ernst Bloch und Herbert Marcuse hatte neomarxistisches Denken nachhaltigen Einfluss auf die 68er Studentenbewegung in Deutschland.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Perry Anderson: Über den westlichen Marxismus. Frankfurt/Main 1978, ISBN 3-8108-0074-0
  • Hans Heinz Holz: Strömungen und Tendenzen im Neomarxismus. Carl Hanser Verlag, München 1972, ISBN 3-446-11650-8
  • Stefan Gandler: Marx in Mexiko. In: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, Frankfurt am Main, Nr. 47, Sept. 2001. S. 167-180. ISSN 0940-0648.
  • Horst Müller: Praxis und Hoffnung. Studien zur Philosophie und Wissenschaft gesellschaftlicher Praxis von Marx bis Bloch und Lefebvre. Germinal Verlag, Bochum 1986, ISBN 3-88663-509-0
  • Andreas von Weiss: Neomarxismus. Die Problemdiskussion im Nachfolgemarximus der Jahre 1945 bis 1970. Karl-Alber-Verlag, Freiburg/München 1970, ISBN 3-495-47212-6

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