Neubeckum

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51.7988055555568.024611111111199Koordinaten: 51° 47′ 56″ N, 8° 1′ 29″ O

Neubeckum
Stadt Beckum
Wappen der ehemals selbst-ständigen Gemeinde Neubeckum. Es symbolisierte die Eisenbahnstrecke zwischen den beiden Flüsschen Hellbach und Angel.
Höhe: 99 m ü. NN
Fläche: 15,44 km²
Einwohner: 10.404 (1. Okt. 2010)
Eingemeindung: 1. Januar 1975
Postleitzahl: 59269
Vorwahl: 02525

Neubeckum ist ein Ortsteil der Stadt Beckum im Kreis Warendorf mit rund 10.400 Einwohnern.

Geschichte[Bearbeiten]

Ur- und Frühzeit[Bearbeiten]

Archäologische Funde aus der Mitte des 20. Jh belegen, dass in der jüngeren Steinzeit, etwa 3000 bis 1800 v. Chr. Menschen in dieser Gegend lebten. Eine dauerhafte Besiedlung ist für die Zeit um Christi Geburt nachgewiesen,[1] als dieses Gebiet zum Kernland des germanischen Stammes der Brukterer gehörte. Etwa seit 1000 n. Chr. breitete sich das kultivierte Land über das reine Acker- und Saatland hinaus in die sogenannten Kämpen und Breden aus. Sie bildeten die Vorläufer der daraus entstandenen Parklandschaft des Münsterlandes.[2]

Vorläufersiedlung[Bearbeiten]

Die Gemeinde Neubeckum wurde am 1. April 1899 am Beckumer Haltepunkt der Köln-Mindener Eisenbahn durch Ausgliederung aus der Gemeinde Ennigerloh neu gebildet.[3] Bis dahin bildete das Gebiet die Bauerschaft Werl. Diese wurde erstmals wahrscheinlich im 11. Jahrhundert in den Urkunden des Frauenstiftes Freckenhorst,[4] sicher aber im Jahre 1534 als Teil des fürstbischöflichen Amtes Stromberg erwähnt.[5] Durch seine exponierte Lage direkt an dem Hauptverbindungsweg zwischen Warendorf und Beckum waren die Bewohner der Bauerschaft in allen Jahrhunderten von der Soester Fehde (1444–1449) bis zu den Napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer wieder äußerst schwer betroffen. Während der Reformation fasste nicht so sehr die Lehre Martin Luthers Fuß als die des Calvinismus. Die Täufer hatten im Kirchspiel Ennigerloh eine Hochburg.[1] Seit dem Wiener Kongress (1815) gehörte die Region zu Preußen.

Eine Gründungslegende dieser noch recht jungen Ortschaft besagt, dass den Beckumer Bauern das funkenstiebende Dampfross nicht geheuer war und dass man daher den Landvermessern der Eisenbahn manche Schwierigkeiten in den Weg legte, die sie zum nördlichen Ausweichen brachten. Der tatsächliche Hintergrund ist, dass die neue Eisenbahnstreckenführung das hügelige südliche Grenzland der Münsterländer Bucht wegen der erwarteten hohen Kosten des Baus einer Trasse in dieser schwierigen Topographie ohnehin hätte meiden müssen.

Verwaltungszugehörigkeit[6][Bearbeiten]

1899 - 1910 Gemeinde im Amt Oelde
1910 - 1930 Gemeinde im Amt Neubeckum
1930 - 1952 Gemeinde im Amt Ennigerloh-Neubeckum (mit Sitz in Neubeckum)[7]
1952 - 1975 Gemeinde im Kreis Beckum
1975 Eingliederung in die Stadt Beckum

Im Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

  • 27./28. Mai 1940: erster Bombenabwurf des Krieges im Kreis Beckum: Gehöft Degener
  • 22. Februar 1944: Luftangriff, St. Josephskirche schwer beschädigt
  • 23. März 1944: Luftangriff durch die 379th Bomb Group der U.S. Air Force mit 19 B-17, Alarm 11:30 Uhr, > 150 Bomben Gebiet Friedrichshorst: Wiethagen, Südstraße, Wickingstraße, Dyckerhoffstraße, 8 Tote, 1 Haus völlig zerstört …
  • 21. Oktober 1944: Luftangriff (Bahnanlagen nahe Hotel Hüttemann, Hauptstraße: Kellermann und Hegenkötter, Bahnhofstraße: Moll)
  • 22. Februar 1945: Luftangriff durch P-38 (Lightning)

Eingemeindung[Bearbeiten]

Am 1. Januar 1975 verlor Neubeckum nach 75 Jahren seine Selbstständigkeit[8] und wurde im Rahmen der Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen in die Stadt Beckum eingegliedert.[9]

Militärgeschichte im Kalten Krieg[Bearbeiten]

  • 20. Mai 1976: Bei der damals geheimen Operation "Incoming Red" der Alliierten diente der Luftraum in der Umgebung Neubeckums für fast zwei Wochen der britischen Royal Air Force (RAF) und der deutschen Luftwaffe als Trainingsgebiet. Dort wurde das Abfangen von tief ins Feindesland eingedrungenen sowjetischen Tiefflugbombern trainiert. Als Aggressor dienten deutsche F-4 Phantom Jäger, die – von aus Gütersloh stammenden Harriern der RAF simuliert – abgeschossen werden sollten. Zeitgleich gab es eine größere Landung von etwa 300 Fallschirmjägern bei Nacht. Aufgrund der diskreten Durchführung erregte die Operation keine große Aufmerksamkeit bei den Bürgern.
  • 14. Juni 1978: Nach einer Beinahe-Kollision mit dem ADAC-Rettungshubschrauber Christoph 8 stürzte ein Bomber Buccaneer mit der Kennung XN975 der RAF um ca. 14:30 Uhr auf einem Übungsflug im Hohen Hagen in ein Kornfeld und brannte aus. Die beiden Besatzungsmitglieder S. Lt. Adcock und Flt. Lt. Hammond retteten sich mit dem Schleudersitz.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Die ortsansässige Industrie besteht hauptsächlich aus einigen Schlosserei- und Maschinenbaubetrieben. Der frühere Zementanlagenbauer Polysius AG, heute Teil des ThyssenKrupp-Konzerns hat hier seinen Standort. Am Ort bestehen außerdem Werke des Faserzementherstellers Eternit AG und des Maschinenbauunternehmens Balcke-Dürr GmbH.

Das Zementwerk Dyckerhoff II des Zementkonzerns Dyckerhoff AG, bei seiner Errichtung das modernste Zementwerk Europas, wurde 2007 endgültig stillgelegt.

Seit 1925 befindet sich das Stammhaus der Bauunternehmensgruppe Pollmann (Westfalen und Sachsen), die Karl Pollmann GmbH, in Neubeckum.

Seit 1935 befindet sich das Stammhaus des Pianohauses Micke in Neubeckum.

Verkehr[Bearbeiten]

Bahnhof Neubeckum

Schienenverkehr[Bearbeiten]

Der Bahnhof Neubeckum liegt an der Bahnstrecke Hamm–Minden. Er wird jeweils im Stundentakt vom RE 6Westfalen-ExpressDüsseldorfDortmundBielefeldMinden sowie von der RB 69Ems-Börde-BahnMünster–Hamm–Bielefeld bedient, sodass insgesamt ein Halbstundentakt besteht. Der „Westfalen-Express“ wird von der DB Regio NRW betrieben, die „Ems-Börde-Bahn“ wird von der Eurobahn aus Bielefeld betrieben. Täglich steigen etwa 1.300 Passagiere im Neubeckumer Bahnhof ein oder um. [10]

Neubeckum ist bis heute ein Eisenbahn-Knotenpunkt. Am Bahnhof Neubeckum kreuzt die Bahntrasse von Hamm nach Bielefeld (die meistbefahrene Eisenbahn-Magistrale in Deutschland) die Bahnstrecke Münster–Warstein. Bis 1975 wurde auf der Bahnstrecke Münster–Warstein auch Personenverkehr betrieben, u. a. bis nach Münster, Warendorf und Lippstadt. Die Strecke dient heute, neben dem regulären Güterverkehr, noch zu Museumsfahrten mit Dampflok-Zügen von Münster über Neubeckum nach Lippstadt, Erwitte, Anröchte im Möhnetal und Warstein.

Über die in Neubeckum abzweigende Strecke Neubeckum–Warendorf bringt die Westfälische Landes-Eisenbahn den hochreinen Korrektiv-Kalkstein der Warsteiner Kalksteinbrüche zu den Zementwerken rund um das nördlich gelegene Ennigerloh, wo die im weiteren Verlauf abgebaute Strecke heute ihren Endpunkt hat.

Straßenverkehr[Bearbeiten]

Die Autobahn A2 (Oberhausen-Hannover-Berlin) führt südlich an Neubeckum vorbei. Die Abfahrt "Beckum" befindet sich 2 km entfernt. Durch Neubeckum führt die B 475 (Rheine-Soest). Die Bezirksregierungsstadt Münster ist 38 km entfernt.

Schulen[Bearbeiten]

Vor Ort befinden sich zwei Grundschulen (Friedrich-von Bodelschwingh-Schule, Roncalli-Schule), das Kopernikus-Gymnasium. Aus der bis 2012 bestehenden Käthe Kollwitz Hauptschule wurde ein Standort der ortsübergreifenden Gesamtschule Ennigerloh- Neubeckum.

Söhne und Töchter Neubeckums[Bearbeiten]

Personen Neubeckums[Bearbeiten]

  • Gustav Moll (1844–1901), Unternehmer (s. auch Geschichte der Balcke-Dürr GmbH) und entscheidender Mitgründer Neubeckums, starb am 8. Mai 1901 in Neubeckum und ist dort begraben.
  • Hannah Schreiber de Grahl (1864–1930), Malerin und Schülerin von Karl Hagemeister und Lovis Corinth, starb am 9. April 1930 in Neubeckum und ist dort begraben.
  • Curt Prüssing (1896–1988), Unternehmer (s. Polysius), 1961 Ehrenbürger der Gemeinde Neubeckum, starb 1988 in Neubeckum und ist dort begraben.
  • Herbert Benedikt (1925–1987), österreichischer Maler, Grafiker und Mosaizist, lebte und arbeitete von 1959 bis zu seinem Tod am 23. Juli 1987 in Neubeckum und ist dort begraben.
  • Ludwig Dinnendahl (1941-2014), Steinbildhauer, lebte von 1974 bis 2006 in Neubeckum.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz Hessberger, Die Industrielandschaft des Beckumer Zementreviers, Im Selbstverlag des Geographischen Instituts der Universität Münster und der Geographischen Kommission für Westfalen, Münster 1957, 110 Seiten.
  • Ahlmer, Egon / Herausgeber Gemeinde Beckum: Gemeinde Neubeckum 1899 - 1974. Daten und Ereignisse aus 75 Jahren, Neubeckum 1974, 102 Seiten.
  • Günter Buchwald, Josef Schumacher: Neubeckum auf alten Postkarten, Sutton Verlag 1998, 128 S., ISBN 3-89702-056-4.
  • Heimatverein Neubeckum e.V. (Hrsg), Neubeckum 1899-1999, Stationen und Entwicklung in 100 Jahren, Neubeckum 1999.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Käthe Hartmeyer: Geschichte der Bauerschaft Werl, in: Heimatverein Neubeckum e.V. (Hrsg), Neubeckum 1899-1999, Stationen und Entwicklung in 100 Jahren, Neubeckum 1999, S. 16–27.
  2. Siegfried Schmieder u. Friedrich Helmert: Ennigerloh. Chronik einer münsterländischen Gemeinde, Ennigerloh 1983, S. 23.
  3.  Stephanie Reekers: Die Gebietsentwicklung der Kreise und Gemeinden Westfalens 1817–1967. Aschendorff, Münster Westfalen 1977, ISBN 3-402-05875-8, S. 264.
  4. Clewing: Aus Neubeckums Vergangenheit, 1924, Manuskript im Archiv des Heimatvereins Neubeckums.
  5. Jörg Wunschhofer: Die Höfe der Bauerschaft Werl im Jahre 1534, in: Heimatverein Neubeckum e.V. (Hrsg), Neubeckum 1899-1999, Stationen und Entwicklung in 100 Jahren, Neubeckum 1999, S. 41–46.
  6. Kreisarchiv Warendorf: Daten zu Neubeckum
  7.  Wolfgang Leesch: Verwaltung in Westfalen 1815–1945. In: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen. 38, Aschendorff, Münster 1992, ISBN 3-402-06845-1.
  8. Insgesamt klagten beim Verfassungsgerichtshof Nordrhein-Westfalen mehr als 70 Gemeinden, Städte und Kreise gegen die Neugliederungsentscheidung des Landtages. Fünf Verfassungsbeschwerden, die sieben Gemeinden betrafen, waren erfolgreich. Die Beschwerde Neubeckums wurde durch das sogenannte Neubeckum-Urteil vom 12. Juli 1975 - VerfGH 21/74 - abgewiesen, s. Stüer, Bernhard, Verfassungsfragen der Gebietsreform, in: Die öffentliche Verwaltung, Heft 3, Februar 1978, S. 78-90, hier S. 78.
  9.  Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- u. Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen u. Reg.-Bez. vom 27.5.1970 bis 31.12.1982. Kohlhammer, Stuttgart/Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 312.
  10. Stadtentwicklungskonzept Beckum. Abgerufen am 18. Februar 2014.