Neue Deutsche Härte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Neue Deutsche Härte
Entstehungsphase: Mitte 1990er Jahre
Herkunftsort: Deutschland
Stilistische Vorläufer
Groove Metal · Alternative Metal
Pionierbands
Oomph! · Fleischmann
Genretypische Instrumente
E-Gitarre · E-Bass · Schlagzeug · Keyboard
Stilistische Nachfolger
Mittelalter-Rock

Die Neue Deutsche Härte, kurz NDH, ist eine Spielart der Rockmusik. Die Texte sind überwiegend in deutscher Sprache abgefasst, die musikalischen Einflüsse sind vielfältig. Die Standardbesetzung bilden (tiefer) Gesang, E-Gitarre, E-Bass, Schlagzeug und Keyboard. Der Begriff wurde 1995 nach Erscheinen des Rammstein-Albums Herzeleid durch die Musikpresse in Anlehnung an die Neue Deutsche Welle (NDW) geprägt.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Gruppe Oomph!, damals noch als „Elektro-Metal“-/„Crossover“-Band vermarktet[2], zählt zu den frühesten Vertretern der Neuen Deutschen Härte.

Die NDH entwickelte sich in der Mitte der 1990er Jahre. In der Entstehungsphase und der musikalischen Ausprägung der NDH existierten zunächst Parallelen zum Groove Metal und zur Musik von Bands wie Laibach, Die Krupps oder Ministry.

Vor Sehnsucht[Bearbeiten]

Insbesondere die Oomph!-Musiker gelten als Pioniere der NDH. Auf ihrem 1994er Album Sperm entwickelten sie – seinerzeit beeinflusst durch Gruppen wie Sepultura, Prong und Pantera[2] – eine rhythmusbetonte Mischung aus Elektronik und harter Rockmusik, die u. a. für Bands wie Rammstein als Inspirationsquelle diente. Neben Oomph! brachten 1994 auch weitere Interpreten für die NDH wegweisende Alben auf den Musikmarkt. Der Prager Handgriff veröffentlichten Täterschaft & Teilnahme, welches zwar ohne Gitarre auskam, jedoch insbesondere mit tiefem deutschen Gesang der NDH entsprach. Die Band Schweisser veröffentlichte mit Eisenkopf ein deutschsprachiges Metalalbum mit der für Rammstein später markanten sprachlichen Betonung inklusive gerolltem ‚R‘. Noch ein Jahr vor Oomph! und Schweisser veröffentlichte die Band Fleischmann das Album Fleischwolf mit einer musikalischen Mischung aus Doom Metal und Hardcore Punk mit deutschen Texten, inklusive einer Coverversion des DAF-Titels Alles ist Gut. In der Folgezeit traten weitere Interpreten mit einer ähnlichen musikalischen Ausrichtung, zum Beispiel Stahlhammer, Rammstein und Von Den Ketten in Erscheinung. Auch die ehemalige Death-Metal-Band Atrocity kooperierte 1995 mit dem NDT- und Dark-Wave-Projekt Das Ich um das Mashup-Album Die Liebe zu schaffen, welches diverse der NDH zuzurechnende Titel, unter anderem der titelgebende Coversong des Laibach-Songs Die Liebe, beinhaltet. Bis zum Jahr 1997 hatte ein breites Spektrum an NDH-Bands und Projekten im Musikgeschäft Fuß gefasst.

Sehnsucht und Danach[Bearbeiten]

Rammstein schaffte als erste mit ihrem zweiten Album Sehnsucht 1997 den kommerziellen Durchbruch und machte die NDH in Deutschland und im Ausland populär.[3]

Nach 1997 wurden mit dem kommerziellen Erfolg Rammsteins auch zahlreiche andere Bands der NDH bekannt. Unter den in den Folgen von Sehnsucht populär gewordenen Projekten waren auch deutlich gemäßigtere Rock- und Metal-Interpreten, die mit der ursprünglichen Musik nur wenig gemein hatten. Die Plattenindustrie nutzte den Erfolg als neue Keimzelle eines deutschsprachigen Alternative Metal für sich. Im Zuge der späten 1990er und frühen 2000er Jahre kamen so verschiedene Bands unterschiedlicher Stilprägungen auf, die sich nur noch teilweise auf die Anfänge der Neuen Deutschen Härte beriefen, dennoch durch stilistische Überschneidungen, insbesondere der Verbindung von Härte, Auftreten und deutschem Gesang, der NDH zugeordnet wurden.

In Extremo und ihr Sänger das letzte Einhorn erlebten mit Verehrt und angespien einen der ersten großen Chart-Erfolge des Mittelalter-Rock in Anlehnung an die Neue Deutsche Härte.

Unter den bekannt gewordenen Interpreten waren Projekte wie Megaherz, die mit Rap-beeinflusstem Alternative Metal agierten, und das später abgeleitete Projekt Eisbrecher. Joachim Witt veränderte seinen musikalischen Stil und besonders seine Ästhetik zeitweise in Richtung der NDH und erreichte 1998 Platz 2 der deutschen Single-Charts mit Die Flut.[4] Auch Oomph! konnten sich mit Unrein das erste Mal 1998 ein Album in den Charts platzieren und verabschiedeten sich mit den darauf folgenden Veröffentlichungen vom Genre der NDH.[5] 1998 nahm Sony Music Weissglut unter Vertrag und brachte deren Debütalbum unter dem Titel Etwas kommt in Deine Welt erneut heraus.

Eine partielle Nähe von Neuer Deutscher Härte und Mittelalter-Rock verhalf auch dem Mittelalter-Rock zu eigener Popularität und erster Aufmerksamkeit, nachdem Rammstein dem deutschsprachigem Metal den Weg geebnet hatten, die ersten bekannten Interpreten des Mittelalter-Rock wurden so Ende der 1990er Jahre stellenweise noch der NDH zugerechnet. Die BMG Ariola nahm 1997 Subway to Sally unter Vertrag, ein Subunternehmen der Universal Music Group In Extremo, die 1999 mit Verehrt und Angespien ein Album machten, das NDH-Anleihen hatte, und die EMI brachte im gleichen Jahr das Debütalbum der Band Tanzwut heraus, das nicht nur in eine ähnliche Richtung spielte, sondern auch mit elektronischen Elementen agierte.

BMG Ariola veröffentlichte im Zuge des medialen und kommerziellen Interesses an deutschsprachiger Rock- und Metalmusik der schwarzen Szene 1999 den Sampler Feuertanz – Neuer Deutscher Liederwahn und auch die von Sony Music verlegte Samplerreihe Crossing All Over widmete sich zum Ende der 1990er Jahre mitunter der Neuen Deutschen Härte und derivaten Formen. In der ersten Hälfte der 2000er Jahre ebbte die Schwemme neuer Interpreten langsam ab. Vereinzelt behaupteten sich jedoch alte und neue von der Neuen Deutschen Härte beeinflusste Interpreten über die Jahre in den deutschen Charts.[6][7][8][9][10]

Stil[Bearbeiten]

Aus dem Hard Rock und dem Heavy Metal wurden typische Merkmale, wie beispielsweise verzerrte und rifflastige Gitarren, übernommen. Umgangssprachlich ist daher auch häufig die Rede von sogenannten Stakkato-Riffs, die Gitarren haben dabei einen monotonen Klang. Charakteristisch ist zudem der Einsatz elektronischer Effekte, die Keyboards verleihen den Stücken durch synthetische Streicher-Arrangements häufig einen melodischen Aufhänger, sowie der vereinzelte Einsatz von Drumcomputern.

Aus dem Alternative- und Groove Metal entlehnte sich eine deutliche Rhythmusbetonung, der frühen NDH-Bands. Ähnlich dem Groove Metal neigten diese Bands zu Mid-Tempo-Riffs, die durch die Nutzung der Synkope eine zusätzliche Rhythmusdominanz erlangen. Als weitere stiltypische Spielformen wurden oft stark verzerrte Powerakkorde und Palm Muting in das Gitarrenspiel eingebunden. Auch ein verzerrtes und dominierendes Bassspiel war für diese Interpreten der NDH üblich.

In den Texten werden in einfacher Reimform Themen wie beispielsweise Liebe, Hass, Eifersucht, Sexualität, Religion und Tod thematisiert. Mit dem Einsatz der Instrumente, dem Auftreten sowie dem Gesang sollen Stärke, Leidenschaft und Aggressivität vermittelt werden. Kritisiert wurden einige Bands, die Stilmittel der Doppeldeutigkeit, Martialität sowie Ästhetik und Symbole aus der Zeit des Nationalsozialismus verwendeten.[11]

Ein auffälliges Merkmal für das Genre sind die Bandnamen, die oft aus zusammengesetzten Substantiven bestehen und in ihrer Aussprache „hart“ und „kraftvoll“ klingen sollen. Einige Bands lassen sich aufgrund ihrer vielseitigen Musik nicht vollständig der Neuen Deutschen Härte zuordnen.

Einfluss[Bearbeiten]

Stilistisch sind einige Interpreten des Mittelalter-Rock mit kraftbetontem, heroischem Auftreten und metallastigen Songs in deutscher Sprache der NDH nahe. Nach den ersten großen Erfolgen der NDH wurde auch der metallastige Mittelalter Rock populär. Die Einflüsse der NDH lassen sich bei In Extremo mit Verehrt und angespien, Tanzwut wie auch bei Subway to Sally mit Hochzeit ab 1999 deutlich erkennen. Mit Texten der Gegenwart und härterem Stil wurde die Nähe auf dem Album Engelskrieger noch deutlicher. Auch die 2005 gegründete Formation Ragnaröek ist deutlich von der NDH beeinflusst.

Verbreitung[Bearbeiten]

Anfangs nur im Untergrund der deutschen Rockmusikszene populär, erlebte die NDH ab Mitte der 1990er Jahre bis 2001 besonders in Deutschland und den USA ihre populärste Phase und gehört seitdem zum Mainstream der Rockmusik. Ab zirka 2002 ließ das breite öffentliche Interesse am Genre nach, so dass nunmehr nur die populärsten Bands des Genres wie Rammstein szene- und marktübergreifend hohe Verkaufszahlen erzielen.

Trotz ihrer Popularität besitzt die Neue Deutsche Härte keine eigenständige Jugendkultur. Sie entwickelte sich als szenenunabhängiges Musikgenre und wird in unterschiedlichen Subkulturen und Milieus, wie etwa in der Metal-Szene oder in Teilen der Schwarzen Szene, gehört. Verbreitung fand sie dort insbesondere durch die Präsenz vieler NDH-Bands auf genreübergreifenden Großveranstaltungen (Independent- bzw. Alternative-Musikfestivals) oder Metal-Festivals, wie etwa dem Wacken Open Air, aber auch durch einzelne Konzerte und Tourneen. Ein Beispiel dafür ist Rammsteins Funktion als Vorgruppe der ehemaligen Wave-Band Project Pitchfork auf deren 1995er Alpha-Omega-Tour.

Das kam von Project Pitchforks Seite aus und wir sahen darin eine gute Chance, ein anderes Publikum kennen zu lernen und andersherum. Wir haben vorher überwiegend in der Metal-Szene unser Feld gehabt, doch ich denke, dass uns diese Tour auf jeden Fall was gebracht hat.[12]

Rammstein, April 1996

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolf-Rüdiger Mühlmann: Letzte Ausfahrt: Germania – Ein Phänomen namens Neue Deutsche Härte. Berlin, Iron Pages Verlag Jeske & Mader, 1999, ISBN 3-931624-12-9.
  • Stephan Lindke: Der Tabubruch von heute ist der Mainstream von morgen – Die „Neue Deutsche Härte“ als ästhetisches Spiegelbild der wiedererstarkten Nation. in: Andreas Speit (Hg.): Ästhetische Mobilmachung. Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien. Hamburg/Münster, Unrast Verlag, 2002, ISBN 3-89771-804-9, S. 231–266.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Axel Schmidt, Klaus Neumann-Braun: Die Welt der Gothics: Spielräume düster konnotierter Transzendenz, S. 269. hier online
  2. a b Uwe Rothhämel: Interview mit Oomph!. In: New Life Soundmagazine, Heft-Nr. 5/94, Mai 1994, Seite 7.
  3. Sehnsucht auf [1]
  4. Die Flut in den deutschen Single Charts
  5. Unrein in den deutschen Album-Charts
  6. Stahlmann in den deutschen Charts. metal4.de, abgerufen am 23. Juni 2014.
  7. Chartplatzierung von Augen auf!
  8. Chartplatzierung von Rammstein Pussy
  9. Chartplatzierung von Geboren um zu leben
  10. Ost+Front, Ave Maria. charts.de, abgerufen am 5. Februar 2014 (deutsch).
  11. Axel Schmidt, Klaus Neumann-Braun: Die Welt der Gothics: Spielräume düster konnotierter Transzendenz, S. 270.
  12. Nicolas D. Lange: Interview mit Rammstein. In: Neurostyle Musikmagazin, Ausgabe 1/96, April 1996, S. 40.