Neue Mathematik

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Unter der Bezeichnung Neue Mathematik wurde in den 1960er und 1970er Jahren in vielen Ländern der schulische Mathematikunterricht reformiert. An Stelle des traditionellen Rechenunterrichts sollte Mathematik als Beschäftigung mit abstrakten Strukturen gelehrt werden.

Die Neue Mathematik war eine internationale Strömung, die in den USA unter dem Namen New Math lief. Mit ihr wurde eine Entwicklung nachvollzogen, die in der wissenschaftlichen Mathematik in den Jahrzehnten um 1900 mit der mengentheoretisch-axiomatischen Formulierung der Grundlagen des Faches begonnen hatte und in den 1950er Jahren namentlich von der Gruppe „Nicolas Bourbaki“ in den akademischen Unterricht getragen wurde – wobei insbesondere Jean Dieudonné auch für die Übertragung in den Schulunterricht eintrat. 1959 gab er auf einer internationalen Konferenz der OEEC (dem Vorgänger der OECD) im Kloster Royaumont die Parole aus „Nieder mit Euklid – Tod den Dreiecken!“[1] Erste Debatten gab es dazu schon auf dem Internationalen Mathematikerkongress 1958 in Edinburgh. Eines der Motive war auch der Sputnik-Schock, in dessen Folge man einen großen pädagogischen Aufholbedarf im Westen ausmachte.

Schon vor der OECD-Konferenz gab es eine entsprechende Bewegung in den USA, wo die Bewegung unter anderem von dem einflussreichen Chicagoer Mathematiker Marshall Stone gefördert wurde und von der School Mathematics Study Group (SMSG) unter Leitung von Edward G. Begle (Yale, später Stanford) vorangetrieben wurde, die von der National Science Foundation (NSF) finanziert wurde. Auch hier fand New Math Eingang in die Lehrpläne der Schulen. Es regte sich allerdings auch Widerstand, wie ihn beispielsweise 1973 Morris Kline in seinem Werk Why Johnny can’t add. The failure of the New Math formulierte. Auch in Frankreich regte sich Anfang der 1970er Jahre zunehmend Widerstand.[2]

In Westdeutschland war die „Neue Mathematik“ eine von mehreren Reformen, mit denen auf den von Georg Picht ausgerufenen „Bildungsnotstand“ reagiert werden sollte; in die gleiche Zeit fallen unter anderem auch die Einführung der Reformierten Oberstufe und die Neugründung von Reformuniversitäten wie in Bielefeld und Konstanz. Auf der Kultusministerkonferenz vom 3. Oktober 1968 wurde die flächendeckende Einführung der Neuen Mathematik für alle Schulformen ab dem Schuljahr 1972/73 beschlossen.[3] Walter Robert Fuchs brachte es damals mit Büchern wie Eltern entdecken die Neue Mathematik (1970) zu Bestseller-Erfolgen.

Eine bleibende Errungenschaft der „Neuen Mathematik“ ist beispielsweise die frühzeitige Einführung des Funktionsbegriffs im Unterricht der Mittelstufe. Weitergehende Neuerungen, wie zum Beispiel die Behandlung von Gruppen- und Körperaxiomen, wurden nach wenigen Jahren zurückgenommen.

Die spektakulärste Neuerung bestand darin, den Mathematikunterricht in der Grundschule nicht mehr mit Zählen und Rechnen, sondern mit naiver Mengenlehre zu eröffnen. Ziel war es, neben der Vermittlung von Rechenfertigkeiten auch das logische Denken und das Abstraktionsvermögen der Kinder zu fördern. Dazu wurde die Mengenlehre didaktisch reduziert auf Mengendiagramme, deren Elemente bunte Plastikplättchen, die sogenannten „logischen Blöcke“, mit verschiedenen Eigenschaften waren. Diese Reform stieß jedoch auf den Widerstand von Eltern und Lehrern und wurde nach wenigen Jahren wieder abgeschafft.[4][5]

Grund für die Einführung war eine Studie, die konstatierte, dass Schüler, die freiwillig in Mengenlehre unterrichtet wurden, insgesamt bessere Leistungen im Fach Mathematik gezeigt hätten. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese Studie formale Fehler aufwies, was dazu beitrug, die Reform rückgängig zu machen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bob Moon: The New Maths Curriculum Controversy. An International Study. Falmer Press, London 1986.
  • J. Fey, Anne O. Graeber: From the new math to the Agenda for Action, in: G. Stanic, J.Kilpatrick (Herausgeber): A Recent History of Mathematics Education in the United States and Canada. Reston, VA: National Council of Teachers of Mathematics 2003
  • Elizabeth Barlage, The New Math. An Historical Account of the Reform of Mathematics Instruction in the United States of America, ERIC, Institute of Education Science, 1982, Abstract
  • R. W. Hayden: A Historical View of the "New Mathematics." American Educational Research Symposium, Montreal 1983
  • Tom Loveless: A tale of two math reforms: the politics of the new math and the NTCM Standards, in: Loveless (Herausgeber): The Great Curriculum Debate: how should we teach and reading math ?, Brookings Institution Press 2001

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. New Thinking in School Mathematics, Organisation for European Economic Cooperation, Paris 1961, mit gleichnamigem Aufsatz von Dieudonné
  2. Große Verwirrung, Der Spiegel 1972, Nr. 11
  3. Tanja Hamann Macht Mengenlehre krank ? Die Neue Mathematik in der Schule, Beiträge zum Mathematikunterricht 2011, pdf
  4. Spiegel, 25. März 1974, Mengenlehre: 3+5=5+3
  5. Morris Kline: Mengenlehre – das ist Zeitverschwendung, Der Spiegel, 1974, Nr. 36