Neue Perspektive auf Paulus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Neue Perspektive auf Paulus (englisch New Perspective on Paul) ist eine Richtung in der neutestamentlichen Forschung, in der manche Forscher abweichend von der traditionellen lutherischen Vorstellung von der Rechtfertigung des Glaubenden die Schriften des Paulus von Tarsus interpretieren, vor allem im Blick auf sein Verhältnis zum Judentum.

Entwicklung[Bearbeiten]

Die Neue Perspektive auf Paulus (so zusammenfassend erst nachträglich 1982 von James D. G. Dunn benannt) machte ihren Anfang mit den Werken von Krister Stendahl.[1] Dieser bemängelte an der deutschen Exegese, dass die Rechtfertigungslehre bei Paulus nicht wie bei Luther aufgrund der quälenden Frage nach dem individuellen Heil, sondern rein im Dienste der Legitimation der Heidenmission entstanden sei und dass es deshalb unangemessen sei, die Rechtfertigungslehre im Zentrum paulinischer Theologie zu sehen.

Bekannt wurde die „Neue Perspektive“ insbesondere durch die Ergebnisse der Arbeiten von E. P. Sanders, vor allem in Paul and Palestinian Judaism (1977).[2] Dort argumentiert er, dass das antike Judentum von christlicher Theologie als eine Gesetzesreligion karikiert wurde, in der die Tora eingehalten werden müsse, um an das Heil zu gelangen, wohingegen Paulus einen neuen Heilsweg – nicht durch die Einhaltung von Gesetzeswerken, sondern durch die Rechtfertigung durch Glauben an Christus – angeboten hätte. Sanders belegt anhand diverser frühjüdischer Texte, dass das Halten der Gesetze im antiken Judentum ein Zeichen für das Im-Bund-Bleiben („staying in“) und eben nicht das Mittel zum Heil („getting in“) war. Dieses Religionsmuster nennt er „Bundesnomismus“. Sanders’ Untersuchung hinterfragt den Interpretationshintergrund von Martin Luther, welcher die traditionelle protestantische Vorstellung von der Rechtfertigung des Sünders im Gegensatz zu einer angeblichen jüdisch-pharisäischen Werkgerechtigkeit prägte. Auch Augustinus’ Theologie, welche die gesamte westliche Christenheit beeinflusst hat, wird durch ihn in Frage gestellt. Denn nach Sanders kritisierte Paulus am Judentum nicht dessen Werkgerechtigkeit (was bereits Augustin in seiner antipelagianischen Gnadenlehre voraussetzt), sondern ausschließlich, „daß es kein Christentum ist.“[3]

Sanders zufolge hat Albert Schweitzer mit seiner Paulus-Interpretation wesentliche Einsichten der Neuen Perspektive vorweggenommen. Schweitzers Erkenntnisse seien dann allerdings durch das Auftreten Rudolf Bultmanns und seiner Schule in den Hintergrund gerückt.[4]

Heute ist der bedeutendste Vertreter der „New Perspective on Paul“ deren Namensgeber James Dunn.[5] Er erweiterte Sanders’ Überlegungen zum Bundesnomismus um den Verweis darauf, dass Gebote im Judentum nicht nur „identity markers“, sondern vor allem „boundary markers“ seien, mit denen sich das jüdische Volk von den Heiden abgrenzte. Entsprechend sei Paulus’ Kritik am Gesetz und den „Werken des Gesetzes“ in erster Linie als eine Kritik an der Abgrenzung von den Heiden zu verstehen, da für Paulus die Frage nach der Rechtfertigung jener untergeordnet sei, wie auch die Heiden zum Heil kommen können. Paulus kritisiere also nicht die Werkgerechtigkeit der Juden, sondern deren Streben nach ethisch-sozialer Abgrenzung.

Neben Dunn hat auch Nicholas Thomas Wright, emeritierter Bischof von Durham, die Arbeiten von Sanders aufgenommen und die Neue Perspektive auf Paulus weiterentwickelt. Dabei bemüht sich der selbst der evangelikal-reformierten Strömung entstammende anglikanische Theologe um eine Paulusinterpretation, die streng von der Texthermeneutik ausgeht und weniger auf religionssoziologische Hypothesen rekurriert als die (eher dem liberalen Spektrum zugeordneten) Ansätze Sanders und Dunns. Damit glaubt er gegen die konservative evangelikale Kritik, die exegetischen Ergebnisse der Neuen Perspektive ernstnehmen und durch eigene Erkenntnisse vertiefen zu können, ohne den Kern des reformatorischen Rechtfertigungsverständnisses aufzugeben.

Aus der Perspektive der jüdischen Religionsphilosophie hat Daniel Boyarin die Ergebnisse Dunns im Wesentlichen zustimmend aufgenommen und zu einer eigenen Sicht auf Paulus als jüdischen Religionslehrer im Kontext eines (mit der Postmoderne in Bezug gesetzten) kulturellen Spannungsfelds von Differenz und Gemeinsamkeit weiterentwickelt.

Im deutschsprachigen Raum hat die Neue Perspektive verschiedene Versuche angeregt, das zeitgenössische Umfeld des Urchristentums und des historischen Jesus mit Hilfe sozialgeschichtlicher Methoden zu erforschen (u.a. Luise Schottroff, Wolfgang Stegemann, Marlene Crüsemann und Claudia Janssen). Eine zentrale Rolle spielt dabei die Kritik antijudaistischer Stereotype in der christlichen Tradition und auch in der älteren historisch-kritischen Exegese.[6]

Kritik[Bearbeiten]

Der Neuen Perspektive auf Paulus wird häufig widersprochen. Der erste Widerspruch deutscher Theologen gegen Stendahls These stammt von Ernst Käsemann, der sich jedoch weniger inhaltlich mit Stendahl auseinandersetzte, sondern allgemein die Befürchtung ausdrückte, dass eine mehr von der Weltanschauung als von der Schrift bestimmte Exegese negative Auswirkungen auf die Verkündigung habe.[7] Präzisierer kritisiert Eduard Lohse die Reduktion des Paulus vom Theologen auf einen missionarischen Praktiker und die Verkürzung der Rechtfertigungslehre auf ein missionsstrategisches Konzept.[8]

Vor allem von reformierten Theologen[9] wird stark kritisiert, dass die neuen Sichtweisen die Lehren Johannes Calvins nicht dogmatisch korrekt widerspiegeln. Die Neue Perspektive auf Paulus war auch Gegenstand heftiger Debatten in evangelikalen Kreisen, insbesondere in den konservativen presbyterianischen Kirchen in den USA.[10][11]

Die neuere Diskussion innerhalb der Neuen Perspektive zwischen Sanders und Wright wird meist von den Kritikern nicht beachtet. 2003 hat sich N. T. Wright von Sanders und Dunn distanziert: „[T]here are probably almost as many ‘New Perspective’ positions as there are writers espousing it – and I disagree with most of them.“[12] In seinem 2011 veröffentlichten Aufsatz Justification: Yesterday, Today and Forever[13] bemüht sich Wright explizit darum, die dogmatischen Bedenken auszuräumen, die seine Pauluslesart hinsichtlich der Rechtfertigungslehre aufwirft.

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.

Der jüdische Gelehrte Jacob Neusner kritisierte E. P. Sanders Paulusinterpretation im Kontext der wissenschaftlichen Kontroverse um die Rolle des pharisäischen Judentums für die rabbinische Literatur, die Neusner für weniger prägend hält als gemeinhin angenommen. Er hinterfragt insbesondere die von E. P. Sanders u.a. entwickelte Methodik bzw. den Umgang mit den rabbinischen Quellen und spricht von einer unzeitgemässen (anachronistischen) Vereinnahmung verschiedener Schriften. Umgekehrt sieht Sanders Ungenauigkeiten und Willkür in Neusners Interpretationen der pharisäischen Diskussionen und Beschlüsse und hält die daraus gezogenen Schlüsse für fragwürdig.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Englisch
  • Robert Badenas: Christ. The End of the Law. Romans 10.4 in Pauline Perspective. JSOT, Sheffield 1985, ISBN 0-905774-93-0 (Journal for the study of the New Testament Supplement Series 10).
  • Daniel Boyarin: A Radical Jew: Paul and the Politics of Identity. University of California Press, Berkeley 1994, ISBN 0520212142 (Contraversions: Critical Studies in Jewish Literature, Culture, and Society; 1).
  • James D. G. Dunn: The New Perspective on Paul. In: Bulletin of the John Rylands University Library of Manchester 65, 1983, ISSN 0301-102X, S. 95–122 (öfters nachgedruckt, u. a. in: James D. G. Dunn: Jesus, Paul and the Law. Westminster – John Knox Press, Louisville KY 1990, ISBN 0-664-25095-5, S. 183–214).
  • Simon J. Gathercole: Where Is Boasting? Early Jewish Soteriology and Paul's Response in Romans 1–5. Eerdmans, Grand Rapids MI u.a. 2002, ISBN 0-8028-3991-6.
  • Michael B. Thompson: The New Perspective on Paul. Grove Books, Cambridge 2002, ISBN 1-85174-518-1 (Grove Biblical Series 26).
  • N. T. Wright: What St Paul Really Said. Was Paul of Tarsus the Real Founder of Christianity? Eerdmans, Grand Rapids MI u.a. 1997, ISBN 0-8028-4445-6.
  • N. T. Wright: Paul. Fresh Perspectives. Society for Promoting Christian Knowledge, London 2005, ISBN 0-281-05739-7.
Deutsch
  • Michael Bachmann / Johannes Woyke (Hg.), Lutherische und Neue Paulusperspektive. Beiträge zu einem Schlüsselproblem der gegenwärtigen exegetischen Diskussion (WUNT 182), Tübingen 2005
  • Jens-Christian Maschmeier: Rechtfertigung bei Paulus. Eine Kritik alter und neuer Paulusperspektiven (BWANT 189), Stuttgart 2010.
  • E. P. Sanders: Paulus. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009365-1 (Reclams Universal-Bibliothek 9365).
  • E. P. Sanders: Paulus und das palästinische Judentum. Ein Vergleich zweier Religionsstrukturen. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-525-53371-3, (Studien zur Umwelt des Neuen Testaments 17).
  • Krister Stendahl: Der Jude Paulus und wir Heiden. Anfragen an das abendländische Christentum. Kaiser, München 1978, ISBN 3-459-01177-7 (Kaiser-Traktate 36).
  • N. T. Wright: Worum es Paulus wirklich ging. Brunnen, Gießen 2010, ISBN 978-3-7655-1454-8

Weblinks[Bearbeiten]

  • The Paul Page Umfangreiche Sammlung von Artikeln über die Neue Perspektive (englisch)
  • Paul's Perspective (Version vom 6. November 2007 im Internet Archive) Kritik der Neuen Perspektive aus konservativ-presbyterianischer Sicht (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Krister Stendahl: The Apostle Paul and the Introspective Conscience of the West. In: Harvard Theological Review 56 (1963), S. 199–215 (u.a. Schriften).
  2. E. P. Sanders: Paulus und das Palästinische Judentum. Ein Vergleich zweier Religionsstrukturen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985.
  3. E. P. Sanders: Paulus und das palästinische Judentum. Ein Vergleich zweier Religionsstrukturen, Göttingen 1985, S. 513.
  4. E. P. Sanders: Paulus. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 1995, S. 171.
  5. James D. G. Dunn: The New Perspective on Paul, Tübingen 2005 (WUNT 185); ders.: Romans, Dallas 1988 (WBC 38); ders.: The Theology of Paul the Apostle, Edinburgh 1998.
  6. Claudia Janssen u.a.: Antijudaismus im Neuen Testament? Grundlagen für die Arbeit mit biblischen Texten. Christian Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997.
  7. Ernst Käsemann: Rechtfertigung und Heilsgeschichte im Römerbrief; in: Ders.: Paulinische Perspektiven, Tübingen 1969; S. 108-139
  8. Eduard Lohse: Theologie der Rechtfertigung im kritischen Disput – zu einigen neueren Perspektiven in der Interpretation der Theologie des Apostels Paulus; GGA 249 (1997), S. 66-81
  9. Lee Irons: Seyoon Kim's Critique of the New Perspective on Paul (PDF-Datei; 177 kB). Website von Lee Irons. Abgerufen am 24. November 2004.
  10. Report on Justification Presented to the 73rd General Assembly of the Orthodox Presbyterian Church (PDF-Datei; 690 kB). Website der Orthodox Presbyterian Church. Abgerufen am 24. November 2010.
  11. Mississippi Valley Presbytery Report (PDF-Datei; 303 kB). Website des Mississippi Valley Presbytery der Presbyterian Church in America. Abgerufen am 24. November 2010.
  12. N. T. Wright: New Perspectives on Paul. Website von N. T. Wright. Abgerufen am 24. November 2010.
  13. N. T. Wright: Justification: Yesterday, Today and Forever (PDF-Datei; 100 kB). In: Journal of the Evangelical Theological Society (JETS) 54/1 (2011), 49–63.