Neue Welt (Berlin)

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Die Neue Welt liegt am östlichen Ende der Hasenheide im Berliner Bezirk Neukölln. Das Gelände am Fuß des Rollbergs wurde seit 1867 als Standort für Bierausschank-Gärten genutzt.

Geschichte[Bearbeiten]

Neue Welt 1881
Biergarten der Neuen Welt um 1905

Die Neue Welt wurde zum ersten Mal in der Vossischen Zeitung vom 23. April 1880 erwähnt, als bekanntgegeben wurde, dass der Gastronom Sternecker das Etablissement übernommen hat. Schon zwei Tage später wurde in der gleichen Zeitung das erste große Konzert angekündigt. Wobei die Musik in jenen Jahren von den diversen Militär-Kapellen[1] kam. Neben den sonstigen Volksbelustigungen gab es auf dem Gelände die sogenannte „Indische Halle“, davor eine große Teichanlage mit Springbrunnen und Kaskaden, ein Hippodrom, eine Freiluftmanege sowie eine Halle für den „Ball champetrie“ – den „ländlichen Ball“. Eine besondere Attraktion des Parks war die elektrische Eisenbahn, die Werner von Siemens schon 1879 auf der Gewerbe-Ausstellung in Moabit vorgeführt hatte.

Kurz nach der Jahrhundertwende wurde ein erster großer Saal fertiggestellt, der knapp 2000 Personen Platz bot. Damit wurde die Neue Welt auch zum Ort für Theater-Aufführungen. Daneben war sie als politischer Versammlungsraum beliebt. Vor allem die SPD und die Gewerkschaften führten zahlreiche Versammlungen und Kundgebungen im Saal der Neuen Welt durch. Viele Vereine und Verbände richteten in der Neuen Welt Weihnachtsfeiern, Sommerfeste und Branchentreffen aus.

1910 wurde die Neue Welt weiter zum Vergnügungspark ausgebaut. Attraktionen waren eine Wasser-Rutschbahn, ein Marionetten-Theater, ein Photographen-Atelier und eine Wellenbahn.

Schon einige Jahre vorher war eine weitere Veranstaltung etabliert worden, die sich zum absoluten Publikumsrenner entwickeln sollte: das Bockbierfest. Neben dem Getränkegenuss waren Wettbewerbe wie die Prämierung des schönsten Damenbeins verantwortlich für den Erfolg.

Während des Ersten Weltkrieges diente die Neue Welt als Lazarett. Danach wurde die Tradition der politischen Versammlungen wieder aufgenommen. Wobei nicht nur KPD und Gewerkschaften zu Gast waren, sondern auch rechte Gruppierungen wie der Stahlhelm 1927. Mit dem Aufstieg der NSDAP wurde die Neue Welt vermehrt zum Ort nationalsozialistischer Propaganda-Veranstaltungen, bei denen auch Joseph Goebbels auftrat. In den Jahren der Nazi-Herrschaft war Staatstreue angesagt, so wurden Konzerte mit deutschen Swing-Kapellen, wie Otto Kermbach, immer seltener.

Nach einem Bombenangriff im Frühjahr 1945 konnte die Neue Welt nicht mehr für Veranstaltungen genutzt werden. 1946 wurde der große Saal nach einem Umbau wieder in Betrieb genommen. Er wurde nun vor allem für Film-Vorführungen und Boxkämpfe benutzt. Das Bockbierfest hatte nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt.

Nach zahlreichen Eigentümer- und Pächterwechseln übernahm 1956 Karl-Heinz Kuhnert die Regie. Der Geschäftsführer der Stadion-Terrassen am Olympiastadion, später auch der Deutschlandhalle, sollte die Geschicke der Neuen Welt bis 1982 bestimmen.

Neben dem Bockbierfest waren Catch-Veranstaltungen ein wichtiges Standbein in den nächsten Jahrzehnten. 1964 wurde eine Bowlinghalle gebaut, die zusätzliche Besucher anziehen sollte.

Mit den 1960er-Jahren hielten Beat, Pop und Rock Einzug in die Neue Welt: Geno Washington and the Ram Jam Band, André Brasseur, Lee Curtis & the All-Stars, Sandie Shaw, Manfred Mann, Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, The Walker Brothers[2]. Nicht zu vergessen die ersten Auftritte von Jimi Hendrix in Berlin. Veranstalter war oft der Starclub Hamburg.

Auch die Berliner Linken entdeckten die Neue Welt wieder als Versammlungsort. Die SEW veranstaltete regelmäßig das Pressefest ihrer Zeitung Die Wahrheit. Besonders kurios war ein Auftritt von Rudi Dutschke im November 1966, als er seine Rede vor der Dekoration des Bockbierfestes hielt, die auf bayerisch getrimmt war.

Neue Welt 2010

Ende der 1970er bot der kleine Saal der Neuen Welt einigen international bekannten Künstlern wie Elvis Costello, Patti Smith, Graham Parker, Willy DeVille und den Dire Straits eine Bühne für ihre Auftritte. Im großen Saal traten Rockmusiker wie Bob Seger und Ted Nugent auf. Im Sommer 1979 fand das Festival of Fools[3]in der Neuen Welt statt. Es ist ein Berliner Ableger der Veranstaltung aus Amsterdam. 1980 fand auch Udo Lindenberg den Weg nach Neukölln.

Im Frühjahr 1982 wurde die Neue Welt geschlossen. Jetzt setzte die Spekulation um das Grundstück ein. Es dauerte zwei Jahre, bis eine Renovierung begann. Der Versuch, das historische Erscheinungsbild zu erhalten, scheiterte. Zusammen mit einem Supermarkt entstand ein Saal, der von 1985 bis 1990 eine Rollschuhdisco, Roller Skate Center Neue Welt, beherbergte und seither unter dem Namen Huxley's Neue Welt für Konzerte genutzt wird.

Literatur[Bearbeiten]

  • Lothar Uebel: Die Neue Welt an der Hasenheide: Über hundert Jahre Vergnügen und Politik. Hrsg. Bezirksamt Neukölln von Berlin, Berlin 1994.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Berliner Biographien (B) in Berlinische Monatsschrift Website Luise Berlin. Abgerufen am 30. Mai 2010
  2. Beitrag von Karl-Heinz Website Rock in Berlin, Berliner RockWiki. Abgerufen am 25. Mai 2010
  3. Kant-Kino, Reinhard Konzack und Fred Baumgart: Gigs im Kant-Kino: 5 Jahr Konzerte, Ein Fotobuch, Berlin 1980, S. 75