Neuscholastik

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Neuscholastik ist ein Sammelbegriff für die innerhalb der katholischen Kirche im Rückgriff auf die mittelalterliche Scholastik von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart entwickelten philosophisch-theologischen Lehren. Der Begriff der Neuscholastik wurde wahrscheinlich 1862 von Jakob Frohschammer und Alois von Schmid geprägt. Die Neuscholastik ist die Fortsetzung der Scholastik über die Reformation hinaus.

Entstehungsmomente am Anfang des 20. Jahrhunderts[Bearbeiten]

Die Neuscholastik ist die streng konservative Richtung innerhalb der neueren katholischen Philosophie. Sie entwickelte sich im engen Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen und Verwerfungen der Folgen des Ersten Weltkriegs. Der Aufschwung der Neuscholastik erfasste selbst Kreise, die ihr bis dahin ablehnend gegenübergestanden hatten. So traten zu Beginn der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts die Philosophieprofessoren Dietrich von Hildebrand (1889–1977), Siegfried Behn (1884–1970) und Max Ettlinger (1877–1929) zum Katholizismus über. Namhafte katholische Philosophen wie Alois Dempf (1891–1982) bezeichneten bereits in dieser Zeit das Erstarken der katholischen Philosophie als Ausdruck der „äußeren und inneren Not der Zeit“. Hemmend für die Neuscholastik wirkte sich seit dem Zweiten Weltkrieg und danach insbesondere die Nouvelle Théologie einerseits und die Existenzphilosophie andererseits aus.

Inhaltliche Momente[Bearbeiten]

Das zentrale Anliegen der verschiedenen Gruppierungen der Neuscholastik ist dasselbe wie das der mittelalterlichen Scholastik: philosophische, d.h. rationale Begründung der kirchlichen Dogmen, Versöhnung von Glauben und Wissen, Religion und Wissenschaft, Kampf gegen alle „progressiv-sozialphilosophischen“ Ideen, insbesondere gegen den philosophischen Materialismus und den 'wissenschaftlichen' Atheismus, die in Form des Modernismus auch in die Kirche eindrangen. Ihren Anfangspunkt im deutschen Raum hat die Neuscholastik in der Mitte des 19. Jahrhunderts und steht in engem Zusammenhang mit den konservativen und restaurativen Tendenzen der damaligen Zeit. Wichtige Vertreter im deutschen Sprachraum, die an die spanische und italienische Scholastik anknüpften, waren Joseph Kleutgen, Mathias Joseph Scheeben, Constantin von Schaezler u.a.

Vorreiter der Wiederbelebung der scholastischen Tradition[Bearbeiten]

In mehreren europäischen Ländern bemühten sich katholische Theologen und Philosophen um eine Wiederbelebung scholastischer Traditionen, darunter:

Im Kampf gegen progressive Bewegungen haben diese, in Anknüpfung an eine nie ganz abgebrochene scholastische Tradition, die ersten Ansätze zur Wiederbelebung der scholastischen Philosophie unternommen. Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden diese Ansätze ausgebaut, wobei sich die deutsche Neuscholastik immer deutlicher als eine Bewegung gegen das fortwirkende 'progressive' Erbe der klassischen bürgerlichen Philosophie (Kant, Hegel, Fichte etc.) und vor allem gegen die sich ausbreitende sozialistische Bewegung entwickelte.

In Deutschland trug besonders der Kulturkampf zur Stärkung der Neuscholastik bei. Nach der Jahrhundertwende, vor allem jeweils nach den beiden Weltkriegen, gelang es der Neuscholastik, die bis dahin auch von bürgerlichen Strömungen heftig angefeindet worden war, ihre Außenseiterstellung zu überwinden und zu einer einflussreichen, jedenfalls beachteten Richtung innerhalb der modernen Philosophie zu werden.

Förderung durch die Päpste[Bearbeiten]

Die Neuscholastik ist von Anfang an durch den Vatikan gelenkt und gefördert und ihre Durchsetzung zuweilen auch erzwungen worden. Die vielfältigen Eingriffe der Kurie[1] gipfeln in der Enzyklika Aeterni patris aus dem Jahre 1879, in der die Philosophie des Thomas von Aquin zur offiziellen Lehre der katholischen Kirche erklärt wurde. Solche Bevorzugungen sind aber auch später mehrfach in diesem Sinne wiederholt worden.[1] Die letzte bedeutende Stellungnahme, in der die Neuscholastik offiziell empfohlen wurde, stellte die Enzyklika Humani generis von Pius XII. aus dem Jahre 1950 dar. Auch Papst Paul VI. und seine Nachfolger rühmten den Thomismus mehrfach, siehe die Enzyklika Fides et ratio von Johannes Paul II., ohne ihm aber eine Alleinstellung einzuräumen.

Inhaltlich brachte die Neuscholastik im Wesentlichen zwar ein Zurückgehen auf die Lehre von Thomas von Aquin (siehe Thomismus), daneben aber auch auf die von Augustinus, Bonaventura, Duns Scotus (vgl. Scotismus, Franziskanerschule) und Francisco Suarez (so gen. Suarezianismus) vertretenen Konzepte. Diese „Renaissance“ wird oftmals als Restauration gewertet.

Generell sieht sich die katholische Theologie aber auch neueren philosophischen Ideen gegenüber dialogfähig an. So leistete Jean Guitton, obwohl gleichfalls konservativ eingestellt, eine critique de la critique, indem er sich, ausgehend von Henri Bergson, sehr sorgfältig mit dem modernen Denken kritisch auseinandersetzte. Diese Anstrengung mündete im kurzen Werk Gott und die Wissenschaft 1991 aber gleichfalls in besondere Anerkennung für den Thomismus.

Grundlinien der Lehren[Bearbeiten]

Da der Neuthomismus bei weitem die einflussreichste und von der Kirche am meisten unterstützte Gruppierung innerhalb der Neuscholastik ist, wird diese vielfach – jedoch unzulässigerweise – mit jenem identifiziert. Obwohl die Neuscholastik auf Grund dieser Umstände wie auch auf Grund bestimmter Modernisierungsbestrebungen, die teilweise recht weitreichend sein können, nach der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert (bis dahin war die Neuscholastik ausgesprochene Repristination) eine gewisse Spannungsbreite aufwies, gibt es doch einen bestimmten Grundstock an Lehren, der es gestattete, die Neuscholastik als eine einheitliche Strömung anzusehen. Im Selbstverständnis der Neuscholastik werden diese Lehren etwa von Johannes Hirschberger in seiner Geschichte der Philosophie (Teil II, 1949–1952) so zusammengefasst:

Bei allen diesen Denkern findet sich ein gewisses Depositum von philosophischen Lehren, das sie zusammenhält: Es gibt Wahrheit überhaupt und gibt ewige Wahrheiten; das Erkennen des Menschen schließt den modus cognoscentis ein, wird aber dadurch nicht zu reiner, relativistischer Subjektivität; es ist vielmehr das Sein selbst erkennbar und hat einen objektiven Charakter; es läßt sich analysieren in geschaffenes und ungeschaffenes Sein, in Substanz und Akzidenz, Wesenheit und Dasein, Akt und Potenz, Urbild und Abbild, in die Schichten des körperlichen, lebendigen, seelischen, geistigen Seins; die Seele des Menschen ist immateriell, substantiell und unsterblich; dadurch unterscheidet sich der Mensch wesenhaft vom Tier; Sittlichkeit, Recht und Staat richten sich nach ewigen Normen; und die erste Ursache allen Seins, aller Wahrheit und Werte ist der transzendente Gott.
In der Einzeldurchführung gibt es eine große Variationsbreite, wie man das an den bekannten Kontroversen sehen kann, z.B. um die Deutung des Unterschiedes des geschaffenen und ungeschaffenen Seins (ens a se und ens ab alio, Urbild und Abbild), um das Verhältnis von göttlicher Ursächlichkeit und menschlicher Freiheit (Thomismus und Molinismus), um das geistige Erkennen (Abstraktion und Intuition), um die Universalien (ante oder post res), um die Wertung der Seelenkräfte (Intellektualismus oder Voluntarismus), um die Begründung der Ethik (theonome oder teleologische Ethik oder Wertlehre)... Trotzdem ist die Grundhaltung immer irgendwie getragen vom Geiste der platonisch-aristotelischen Philosophie und ihrer Metaphysik der Wesenheiten, Formen und Ideen.[2]

Als gemeinsames Moment der Neuscholastik kann – bei aller Varianz der inhaltlichen und methodischen Durchführung – auch das Bemühen um eine möglichst einheitliche und exakte philosophische und theologische Begrifflichkeit gewertet werden. Dieser mitunter als "inhaltsleere Dürre" und "lebensferne Abstraktion" empfundenen Strenge und dem damit verbundenen methodisch-intellektuellen Anspruch setzten Kritiker aus Philosophie und Theologie nicht selten eigene Denkansätze und Systeme entgegen, die sich jedoch in den seltensten Fällen zu einer "Schule" (daher: schola) im eigentlichen Sinn entwickelten. Damit werde – so ein Einwand gegen diese "Neuerer" – nicht nur die Kommunikabilität der Inhalte sondern auch der Anspruch von Philosophie und Theologie, eine Geisteswissenschaft zu sein, zunehmend ausgehöhlt und durch die Berufung auf die bloß subjektive, "existenzielle" Erfahrung ersetzt. Die neuscholastische Philosophie akzeptiert diese, ihrer Auffassung nach, kurzschlüssige Anthropozentrik einer autonomen Theologie nicht (vgl. Neo-Modernismus).

Hauptvertreter der Neuscholastik[Bearbeiten]

Siehe: Liste der Hauptvertreter der Neuscholastik

Lehrwerke und Quellen zur Scholastik[Bearbeiten]

Als repräsentative Darstellung der Neuscholastik, wobei gleichzeitig auch ihre Entwicklung Berücksichtigung findet, können gelten:

  • Albert Stöckl, Lehrbuch der Philosophie, 3 Bände, 1869
  • Alfred Lehmen, Lehrbuch der Philosophie auf aristotelischer und scholastischer Grundlage, 4 Bände, 1899–1904
  • Philosophische Handbibliothek, 10 Bände, Herausgegeben von Clemens Baeumker, Ludwig Bauer, Max Ettlinger
  • Philosophia Lovaniensis, Grundriß der Philosophie in Einzeldarstellungen, deutsch: 1948ff

Ein Gemeinschaftswerk, das die neuscholastische Philosophie in einfacher und gedrängter Form auf neuerem Stand wiedergibt, ist das Buch von

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b Carl Mirbt, Quellen zur Geschichte des Papsttums und des römischen Katholizismus, 1924
  2. Johannes Hirschberger, Geschichte der Philosophie, II, 1949–1952

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]