Neusprech

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Der Ausdruck Neusprech (englisch: Newspeak, in älteren Versionen als Neusprache übersetzt) stammt aus dem Roman 1984 von George Orwell und bezeichnet eine Sprache, die aus politischen Gründen künstlich modifiziert wurde. Bei Neusprech handelt es sich um eine kritische Satire auf das Basic English von Charles Kay Ogden und I. A. Richards, das Orwell zwischen 1942 und 1944 noch wohlwollend unterstützte, bevor er es ab 1946 in seinem Aufsatz Politics and the English Language bekämpfte.[1]

Zum Begriff „Neusprech“[Bearbeiten]

„Neusprech“ bezeichnet die vom herrschenden Regime vorgeschriebene, künstlich veränderte Sprache. Das Ziel dieser Sprachpolitik ist es, die Anzahl und das Bedeutungsspektrum der Wörter zu verringern, um die Kommunikation des Volkes in enge, kontrollierte Bahnen zu lenken. Damit sollen sogenannte Gedankenverbrechen unmöglich werden. Durch die neue Sprache bzw. Sprachregelung soll die Bevölkerung so manipuliert werden, dass sie nicht einmal an Aufstand denken kann, weil ihr die Wörter dazu fehlen.

Das subjektive Empfinden zum Ausdruck bringende Wörter (wie „wunderbar“, „erstklassig“) sollen durch anscheinend objektive Wendungen wie gut—plusgut—doppelplusgut abgelöst werden, schlecht wird ersetzt durch ungut, um Sprechen, Denken und Empfinden voneinander abzukoppeln. Die Wörter verlieren außerdem Teile ihrer ursprünglichen Bedeutung. Es gibt in Neusprech zwar noch das Wort „frei“, jedoch nicht mehr im Sinne von „politisch frei“, sondern nur noch in der Bedeutung von „ohne“ (z. B. „Der Hund ist frei von Flöhen“).

George Orwell hat seinem Roman 1984 eine Einführung in Neusprech angefügt. In dem Roman wurden auch ältere Bücher z. B. von Shakespeare umgeschrieben, um den neuen manipulativen Anforderungen zu entsprechen. Laut seiner Fiktion sollte die Geschichtsumschreibung von Altsprech zu Neusprech um 2050 abgeschlossen sein; zur Zeit der Romanhandlung, eben 1984, ist das Neusprech noch nicht vollständig ausgereift. Der Anhang beschreibt den Versuch, Neusprech durchzusetzen, in der Vergangenheit, und ist in Standard-Englisch geschrieben (Altsprech in Neusprech).

Beispiele für Neusprech in „1984“[Bearbeiten]

Neben Zitaten, die die Begriffe der normalen Sprache umdeuten, manifestiert sich Neusprech durch die Definition von Wieselwörtern (engl. weasel words). Dabei werden vorhandene Wortstämme zu Begriffen kombiniert, die der herrschenden Ideologie dienlich sind.

  • Doppeldenk (in älterer Übersetzung „Zwiedenken“) (engl. doublethink): Bezeichnet die Fähigkeit, zwei einander widersprechende Denkweisen gleichzeitig als wahr zu akzeptieren.
  • Deldenk (in älteren Übersetzungen „Undenk“ oder „Verbrechdenk“) (engl. Crimethink): bezeichnet im herkömmlichen Englisch (im Buch Oldspeak genannt) ein sogenanntes „Gedankenverbrechen“ (thought crime), eine gedachte Kritik an der Doktrin der jeweiligen Regierung oder auch nur ein In-Erwägung-Ziehen von anderen Gedanken.
  • Quaksprech (in älteren Übersetzungen „Entenquak“) (engl. duckspeak): buchstäblich sprechen, ohne zu denken, oder wie eine Ente zu schnattern. Wenn man Unsinn redet und lügt, so spricht man Quaksprech. Je nach Anwendung ein Lob (bei Personen mit gleicher, regierungstreuer Meinung) oder eine Beschimpfung (bei Personen mit anderer Meinung als der des Großen Bruders).
  • Die Steigerung von gut zu plusgut und doppelplusgut (engl. doubleplusgood): Im Unterschied zum Begriff gut in der herkömmlichen Sprache ist hier immer auch der Grad der Übereinstimmung mit der herrschenden Ideologie gemeint. Das Gegenteil ist ungut, plusungut, doppelplusungut.
  • Verbrechenstop (auch „Delstop“): Eine Methode, Gedankenverbrechen zu vermeiden, indem man den Gedankenstrom automatisch umlenkt, wenn er regierungskritische, ungute Themen berührt.
  • Gutdenker (engl. goodthinker): Eine „rechtgläubige“ Person, die auch ohne bewusste Anstrengung keine unguten Gedanken hat.
  • Vaporisieren (abgeleitet vom lateinischen Wortstamm für verdampfen): Einen Menschen töten, auf andere Weise aus der Gesellschaft entfernen, oder beides. Alle Aufzeichnungen/Erinnerungen an die Unperson vernichten. Alle müssen vergessen, dass sie jemals gelebt haben. Dies ist eine logische Fortsetzung der stalinistischen Praxis, unerwünschte Personen aus Fotos zu retuschieren, welches wiederum eine moderne Variante der bereits in der Antike praktizierten Damnatio memoriae darstellt.
  • Unperson: Eine vaporisierte Person. Eine Erwähnung der Unperson ist ein Gedankenverbrechen (Thoughtcrime) und in Neusprech grammatikalisch unmöglich. Dies ist ebenfalls eine Analogie zum stalinistischen Umgang mit unerwünschten Personen.
  • Frei von Läusen, frei von Unkraut. Das Konzept von Freiheit im politischen Sinne oder das Wort „frei“ im Sinne von Offenheit wurden entfernt.
  • Miniwahr (engl. Minitrue): Ministerium für Wahrheit (Propaganda)
  • Minipax (engl. Minipax): Ministerium für Frieden (Krieg)
  • Minifülle (in älteren Übersetzungen „Minifluss“) (engl. Miniplenty): Ministerium für Überfluss (Rationierungen)
  • Minilieb (engl. Miniluv): Ministerium für Liebe (Recht und Ordnung)

Heutige Verwendung[Bearbeiten]

Josef Joffe kritisierte in einem Artikel der Zeit die aktuelle Verwendung neu geschaffener Worte in der Political Correctness zur sprachlichen Verschleierung, wobei er insbesondere Euphemismen hervorhebt.[2]

2008 dozierte Martin Haase auf dem Chaos Communication Congress über Neusprech im Überwachungsstaat.[3] Kai Biermann nahm dies auf und verfasste einen Artikel in Zeit Online,[4] der den Impuls für die Einrichtung eines gemeinsamen Blogs gab.[5][6] Für den Neusprechblog erhielten sie 2011 einen Grimme Online Award in der Kategorie Wissen und Bildung.[7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Neusprech – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. s. en:Newspeak und en:Politics and the English Language
  2. Political Correctness: Neusprech und Gutdenk. In: Die Zeit, 16. April 2010. Abgerufen am 12. April 2012
  3. Martin Haase: Neusprech im Uberwachungsstaat. (PDF-Datei; 151 KB)
  4. Innenministerdeutsch: Des Schäubles kleines Wörterbuch. In: Zeit Online, 14. September 2009.
  5. Über auf neusprech.org. Abgerufen am 12. April 2012
  6. Alternativlos, Folge 12. Podcast, 79 Minuten.
  7. Begründung Neusprechblog. In: grimme-institut.de, abgerufen am 12. April 2012