Ngô Đình Diệm

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ngô Đình Diệm

Ngô Đình Diệm (Hán Nôm 吳廷, eigentlich Jean-Baptiste Ngô Đình Diệm[1]; * 3. Januar 1901 in Huế; † 2. November 1963 in Saigon-Cholon) war der erste Präsident der Republik Vietnam 1955 bis 1963.

Anmerkung: Bei diesem vietnamesischen Namen lautet der Familienname Ngô, in westlichen Texten ist die Schreibweise oft vereinfacht Ngo. Gemäß dem lokalen Brauch sollte die Person mit ihrem Rufnamen Diệm bezeichnet werden.

Lebensweg[Bearbeiten]

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten]

Diệm wurde in der Stadt Huế, der alten Hauptstadt der Nguyễn-Dynastie, geboren. Die Familie Ngô gehört zum katholischen Adel Vietnams. Einer seiner Brüder, Pierre Martin Ngô Đình Thục, war Erzbischof von Huế, ein anderer Bruder, Ngô Đình Nhu, der zu seinen engsten Beratern zählte, galt als Anhänger des Personalismus.[2] Diệm war glühender Nationalist und Anti-Kommunist. In jungen Jahren wurde er Beamter in der französischen Kolonialverwaltung.

Kabinettsposten[Bearbeiten]

1933 wurde er Innenminister unter Kaiser Bảo Đại, trat jedoch nach einem Kompetenzstreit mit den Franzosen bereits wenige Wochen später wieder ab.[3] Während der japanisch-französischen Verwaltung wurde er von den Franzosen verfolgt, aber vom japanischen Militärgeheimdienst geschützt. Zeitweise hielt er sich 1943 im Haus des Firmenchefs der Dainan Kōshi versteckt. Im Juli 1944 begab er sich zum japanischen Konsulat in Huế, da er fürchtete von den Franzosen inhaftiert zu werden. Die Kempeitai, auf Veranlassung von Konsul Ishida Masao, flog ihn mit einer Militärmaschine nach Saigon in das Hauptquartier der 38. Armee. Dort erreichte er im August, dass auch die beiden Söhne Cong Des nach Bangkok in Sicherheit gebracht wurden, wo sie mit Tran Trong Kim kooperierten. Im Schattenkabinett Cong De’s war für ihn eine führende Stellung vorgesehen. Die Japaner setzten nach der Entwaffnung der Franzosen am 9./10. März 1945 überraschend doch weiterhin auf Bao Dai.

Französische Rekolonialisierung[Bearbeiten]

Im Jahre 1946 kam es zu bewaffneten Konflikten der zahlreichen nationalistischen Gruppen, die, besonders im chinesisch befreiten Tongking bis zum Anrücken der Franzosen ab März 1946, mehr und mehr die Macht übernahmen. Nach der Augustrevolution lehnte er es ab, sich der Regierung von Ho Chi Minh anzuschließen und ging ins Exil in die USA. Dort lernte er einflussreiche Politiker kennen, bei denen er sich als anti-kommunistischer und anti-kolonialer vietnamesischer Nationalist profilierte.[4] Diese überzeugten den US-Außenminister Dulles 1954, nach dem Ende des Indochinakriegs und dem Rückzug der Franzosen, dass Diệm der geeignete Premierminister von Südvietnam sei.

US-Marionette[Bearbeiten]

Gemäß dem auf der Genfer Konferenz von 1954 erzielten Verhandlungsergebnis hätten bis 1956 freie Wahlen in ganz Vietnam und danach eine Wiedervereinigung durchgeführt werden sollen. Diệm war sich jedoch mit den USA einig, dies verhindern zu wollen, da freie Wahlen zu einem Sieg der Kommunisten geführt hätten. Außenminister Dulles forderte Diệm zwar öffentlich dazu auf, für freie Wahlen einzutreten. Hinter den Kulissen versicherte man ihm, dass die amerikanische Regierung gesamtvietnamesische Wahlen als eine große Gefahr betrachte.[5] De jure stellte man sich auf den Standpunkt, dass die südvietnamesische Regierung bei der Konferenz nicht vertreten gewesen war und deshalb an die Beschlüsse nicht gebunden wäre.

Sein Regierungsstil galt als autoritär. Zunächst wandte er sich mit Brutalität gegen die Flusspiraten des Gangsterbosses Binh Xuyen, die unter den Franzosen in Saigon Polizeigewalt ausübten und sich mit Opiumschmuggel, Prostitution und Erpressung finanzieren durften.[6] Der sechstägige Häuserkampf in Saigon-Cholon im Mai 1955 kostete 500 Tote, 2000 Verletzte und machte 20000 obdachlos. Dann ging er auch gegen die Sekten der Hoa Hao und der Cao-Daisten vor. Die Amerikaner honorierten seine Erfolge mit großzügigen finanziellen Zuwendungen, durch die Diệm etwa 80% des Staatshaushaltes abdecken konnte. Sein Bruder und Berater Ngo Dinh Nhu ließ zur Aufbesserung der Staatsfinanzen den Opiumhandel wieder zu, dabei bediente man sich der Gangster, die die Air Opium-Gesellschaften betrieben.[7]

1955 ließ sich Diệm in einer manipulierten Wahl zum Präsidenten wählen (in Saigon erzielte er 135 % der abgegebenen Stimmen) und schaffte gleichzeitig die Monarchie mit dem unbeliebten ehemaligen Kaiserreich Vietnam von Bảo Đại ab. Durch die Vernichtung der kaiserlichen Garde und kaisertreuer Milizen wurden die nationalistischen Kräfte Vietnams wesentlich geschwächt.

Diệm festigte seine Herrschaft, indem er einflussreiche Positionen bevorzugt an Verwandte vergab und zwei sich gegenseitig bespitzelnde Geheimdienste aufbaute. Er begann eine brutale Kampagne nicht nur gegen Kommunisten, sondern auch gegen andere tatsächliche oder vermeintliche politische Gegner. Nach unabhängigen Schätzungern wurden 150.000 Personen inhaftiert und allein zwischen 1955 und 1957 12.000 Menschen getötet.[8]

Trotz allem galt er in der US-amerikanischen Öffentlichkeit immer noch als Alternative zu Ho Chi Minh. Man hoffte, er könne sich zum charismatischen Gegenpol entwickeln. Die Eisenhower-Administration war der machtpolitischen Ansicht, dass man angesichts seiner anti-kommunistischen Haltung über die Grausamkeiten des Regimes und die massive Korruption hinwegsehen dürfe. Südvietnam blieb von den USA vollständig abhängig und war ohne deren Hilfe nicht überlebensfähig.

Seine Ablehnung einer auch von den USA für notwendig gehaltenen Bodenreform trug dazu bei, dass Diệm in der Bevölkerung zunehmend unpopulär wurde. Durch Zwangsumsiedlungen der Landbevölkerung in Wehrdörfer, dem sogenannten Taylor-Staley-Plan, sollte dem Vietcong (NLF) die Versorgung entzogen werden. Erreicht wurde eher das Gegenteil – Diệm trieb auch diejenigen Vietnamesen, die bisher dem Sozialismus ablehnend gegenübergestanden hatten, in die Arme der NLF. Als der überzeugte Katholik Diệm, gestützt auf knapp zwei Millionen Katholiken, eine christliche Bekehrungskampagne durchführte, riefen auch noch die Buddhisten Vietnams zum Umsturz auf. Diệm, der inzwischen fast alle relevanten Gruppierungen gegen sich aufgebracht hatte, reagierte auch hier mit Verhaftungen und Hinrichtungen.

Der amerikanische Vizepräsident Lyndon B. Johnson bezeichnete Diệm 1961 noch als „Winston Churchill Südostasiens“. Allmählich begann jedoch auf der Seite der Amerikaner, die ihn weiterhin unterstützten, ein Meinungsumschwung, weil offensichtlich wurde, dass das Fehlen demokratischer Strukturen, das Ausbleiben der Landreform und die ausufernde Korruption in Diệms Regierung dem Fortkommen Südvietnams schadeten.

Opposition und Putsch[Bearbeiten]

Im Jahr 1963 zeigten buddhistische Mönche anlässlich des Geburtstages von Buddha trotz Verbotes auch buddhistische Flaggen. Daraufhin ließ Diệm seine Elitetruppen in die unbewaffnete Menge schießen, neun Menschen starben. Es kam zu weiteren Demonstrationen, die auch blutig niedergeschlagen wurden. Der Mönch Thích Quảng Đức verbrannte sich aus Protest vor den Augen der internationalen Öffentlichkeit selbst. Studenten schlossen sich den Protesten an und auch die Armee war unzufrieden.

Die Buddhistenkrise überzeugte die inzwischen in den USA regierende Kennedy-Administration, dass Diệm an der Spitze Südvietnams nicht die geeignete Person war, um weiterhin für Stabilität im Sinne Washingtons zu sorgen. Kennedy berief Henry Cabot Lodge zum neuen Botschafter in Saigon mit dem Auftrag, Diệm „zur Vernunft“ zu bringen oder nach einer Alternative zu ihm zu suchen. Inzwischen freigegebene Dokumente belegen,[9] dass amerikanische Geheimdienste den Sturz und die Ermordung Diệms aktiv herbeiführten. Bis dahin wurde behauptet, Lodge habe lediglich einigen unzufriedenen Militäroffizieren signalisiert, die USA hätten nichts gegen einen Putsch einzuwenden.

Am 1. November 1963 kam es daraufhin zu einem Militärputsch von ARVN-Generälen um Dương Văn Minh. Erst als der Präsidentenpalast umstellt war und Diệms Eliteeinheiten entwaffnet waren, erklärte Diệm seine Bereitschaft zu Reformen und versuchte verzweifelt und vergeblich, die Unterstützung des US-Botschafters Lodge zu gewinnen. Der gab vor, sich nicht in innere Angelegenheiten Südvietnams einmischen zu können. Diệm und sein jüngerer Bruder Dinh Nhu konnten durch unterirdische Geheimgänge zunächst fliehen. Später wurden sie jedoch von Suchtrupps aufgegriffen und ermordet. Am nächsten Tag fand man die beiden Leichen von Kugeln durchsiebt und verstümmelt in einem Lieferwagen.[10]

Zur Entscheidung des Weißen Hauses, den Diktator Diệm zu opfern, soll beigetragen haben, dass er zuletzt direkten Kontakt zu Ho Chi Minh aufnehmen wollte, um die USA aus dem vietnamesischen Bürgerkrieg herauszudrängen.[11] Die amerikanische Führung drückte nach außen ihre vorgebliche Empörung über die Tötung Diệms aus.

Kennedy hatte seinen engen Vertrauten Torby MacDonald nach Südvietnam entsandt, der bei einem Treffen mit Diệm dringend zu Maßnahmen gegen die grassierende Korruption in dessen Regierung geraten hatte. Außerdem hatte er ihn vor möglichen Rebellen gewarnt und ihm empfohlen, sich in die sichere US-Botschaft zu begeben. Diệm war allerdings blind für die Vorgänge im eigenen Land und ignorierte daher diese Warnung.[12]

Entgegen den Hoffnungen der US-Regierung konnte allerdings kein besserer Nachfolger gefunden werden. Nach Diệms Tod gab es im Land keine stabile Regierung mehr, die sich auf längere Zeit etablieren konnte.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ngô Đình Diệm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bernard B. Fall: The Two Vietnams: A Political and Military Analysis Greenwood Publishing Group, Second Revised Edition 1967, ISBN 978-0-9991417-9-3 S. 235
  2. Peter Scholl-Latour: Der Tod im Reisfeld. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1979, ISBN 3-421-01927-4, S. 86-90
  3. Marc Frey; Geschichte des Vietnamkrieges; Beck, München 2000, ISBN 3-406-45978-1, S. 47
  4. Frey (2000), S. 48
  5. Frey (2000), S. 51
  6. Scholl-Latour (1979), S. 87 f.
  7. McCoy, Alfred; The Politics of Heroin; New York 1991 (rev. ed.; Orig. 1972); ISBN 1-55652-126-X
  8. Frey (2000), S. 60
  9. U. a. die Pentagon Papers (Volltext)
  10. Frey (2000), S. 97 f.
  11. Scholl-Latour (1979), S. 106
  12. Larry J. Sabato: The Kennedy Half-Century. The Presidency, Assassination, and Lasting Legacy of John F. Kennedy. Bloomsbury, New York 2013, S. 124 f.