Nicolau dos Reis Lobato

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Nicolau dos Reis Lobato (* 24. Mai 1946 in Sasatan Oan, Aitara Hun, Soibada/Portugiesisch-Timor;[1]31. Dezember 1978 in Mindelo, Turiscai/Osttimor[2]) war ein Politiker und Freiheitskämpfer aus Osttimor.

Herkunft und Familie[Bearbeiten]

Diverse Quellen nennen als Geburtstag und Ort von Nicolau Lobato, den 7. Dezember 1952 in Bazartete,[3] doch eine ausführlichere Biographie, die von der FRETILIN verbreitet wird, gibt den 24. Mai 1946 in Sasatan Oan (Aitara Hun, Soibada) an.[1] Nicolau wäre, wenn er 1946 geboren wurde, der älteste Sohn von Narciso Manuel Lobato (aus Leorema, Bazartete) und Felismina Alves Lobato (aus Malurucumo/Macadique, Uato-Lari). Der Vater starb am 26. April 1976 in Leorema. Die Mutter wurde am Berg Maubere in Laclubar im Juli 1979 getötet. Nicolaus Großvater mütterlicherseits war Domingos da Costa Alves (aus Samoro, Soibada), der Katechist in Uato-Lari war. Auch Nicolau war praktizierender Katholik.[1]

Nicolau hatte zwölf Geschwister: António Bosco Lobato, Rogério Tiago de Fátima Lobato, Maria Cesaltina Francisca Alves Lobato, Januario do Carmo Alves Lobato, Domingos Cassiano Maria da Silva Lobato, Luis Francisco de Assunção Alves Lobato, Silvestre Lobato, Madalena de Canossa Alves Lobato, Elga Maria do Rosário Alves Lobato, José Bernardo Alves Lobato, Silvestre Agostinho Alves Lobato und Elisa Maria Lobato. Silvestre war eine Totgeburt. José starb beim Bürgerkrieg gegen die UDT 1975. Ebenso Domingos, der Präsident der FRETILIN-Studentenorganisation UNETIM, der beim Massaker von Meti Oan umgebracht wurde. Sechs weitere Geschwister starben durch die Besetzung Osttimors durch Indonesien zwischen 1975 und 1999. Rogério wurde unter Marí Alkatiri Innenminister des wieder unabhängigen Osttimors (2002-2006). Er ist der letzte Lebende der Geschwister.[1] Lúcia Lobato, eine jüngere Cousine, war von 2007 bis 2012 Justizministerin in der Regierung Xanana Gusmão.

1972 heiratete Nicolau Lobato Isabel Barreto. Sie hatten einen gemeinsamen Sohn: José Maria Barreto Lobato. Isabel wurde bei der indonesischen Invasion am 7. Dezember 1975 in der Werft von Dili hingerichtet. Der Sohn wurde von seinen Onkel und Tante adoptiert und nahm zusätzlich ihren Familiennamen Goncalves an.[1]

Leben[Bearbeiten]

Lobato lebte bis zum 13. Lebensjahr in Soibada, wo er die Grundschule des Colégio Nuno Alvares Pereira besuchte, wie sein Freund Alberto Ricardo da Silva, der heute Bischof von Dili ist. Zusammen mit Silva führte Lobato seine Ausbildung im Unteren Priesterseminar Nossa Senhora da Fatima in Dare weiter. Dort war Lobato drei Jahre lang Sprecher der Seminarteilnehmer. 1965 entschied sich Lobato gegen eine Karriere als Priester und verließ das Seminar. Sein Traum war nach Coimbra zum Jurastudium in Portugal zu gehen, doch die Krankheit seines Vaters zwang ihn sich um die Ausbildung seiner Geschwister zu kümmern. Ohnehin fehlte das Geld. Nur wenige Timoresen erhielten in der Kolonialzeit ein Stipendium der portugiesischen Regierung. Lobato führte seine Ausbildung an der Sekundärschule (Liceu) Dr. Francisco Machado in Dili weiter, unter anderem in Philosophie, Politik, Verwaltung und Portugiesisch.[1]

1966 begann Lobato dann seinen Dienst in der portugiesischen Armee. Den Unteroffizierslehrgang schloss er als Kursbester ab, gefolgt von João Viegas Carrascalão und Moisés da Costa Sarmento als Dritter. Letzterer wurde sein Schwager, als er Nicolaus Schwester Maria Cesaltina Francisca Alves Lobato heiratete. Sie und ihr Mann wurden 1979 in Ratahau (Distrikt Viqueque) brutal abgeschlachtet. Nicolau Lobato wurde in der Armee Quartiermeister in Bazartete, danach kam er zur 15. Jägerkompanie in Caicoli und wurde Offizier und zuständig für die Messe. Hier lernte Lobato Sergeant Timane aus Nampula in Portugiesisch-Ostafrika kennen, der ihm von der mosambikanischen Unabhängigkeitsbewegung erzählte. 1968 endete Lobatos Militärdienst. Zunächst wurde Lobato Beamter in der Landwirtschaftsmission Portugiesisch-Timors. Hier hatte er Kontakt mit einem kapverdianischen Sympathisanten der PAIGC namens Marcelino. Lobato begann Bücher über den Befreiungskampf in den afrikanischen Kolonien Portugals zu lesen. Später wechselte er nach einer Beförderung zur Finanzbehörde, wo er für die Gehälter der Beamten in der Kolonialverwaltungzuständig war.[1]

Lobato war 1974 Mitbegründer der FRETILIN und ab dem 11. September ihr Vizepräsident. Um dafür mehr Zeit zu haben, verließ er den Beamtendienst. Im August 1975 spielte Lobato eine entscheidende Rolle beim Sieg der FRETILIN im Machtkampf gegen die UDT. Lobato gelang am 11. August mit anderen Mitgliedern des FRETILIN-Zentralkomitees die Flucht aus Dili. Am 13. August flohen sie aus den angrenzenden Bergen weiter nach Aissirimou (Distrikt Aileu). Dort rief Lobato zum allgemeinen bewaffneten Widerstand auf. Die portugiesischen Offiziere in Aileu wurden gezwungen, die noch dort stationierten timoresischen Kolonialsoldaten unter den Befehl der neugegründeten FALINTIL zu stellen, dem bewaffneten Arm der FRETILIN. Ab diesen Zeitpunkt hatte Lobato sowohl die militärische, als auch die politische Führung des Widerstandes inne. Parallel versuchte er eine politische Lösung für den Konflikt zu finden, indem Portugal nochmals die Kontrolle über seine Kolonie übernimmt und sie geordnet in die Unabhängigkeit führt. Die Versuche scheiterten. Am 28. November 1975 rief die FRETILIN die Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Osttimor von Portugal aus. FRETILIN-Parteichef Francisco Xavier do Amaral wurde erster Präsident, Lobato erster Premierminister.

Ab dem 7. Dezember 1975 besetzten indonesische Truppen Osttimor. Lobato ging in den Untergrund und organisierte den Guerillakampf. Auf dem FRETILIN-Kongress vom Mai 1976 in Soibada wurde Lobato offiziell zum militärischen Kommandant erhoben. Von September 1977 an bis zum 31. Dezember 1978 war Lobato Vorsitzender der FRETILIN und nominell Präsident der Demokratischen Republik Osttimor. Amaral war wegen Meinungsverschiedenheiten über das Vorgehen gegen die indonesische Besatzung von der FRETILIN abgesetzt worden. Bis Dezember 1978 wurden die Basen der Widerstandsbewegung von der indonesischen Armee weitgehend zerstört und über 80 % der FRETILIN-Kämpfer getötet. Lobato wurde bei der Operation Einkreisung durch eine Kugel am Bein verletzt und kurz darauf von den Indonesiern am 31. Dezember 1978 im Tal von Mindelo bei Turiscai gestellt. Mit den Worten „meine letzte Kugel ist mein Sieg“ erschoss sich Lobato selbst, bevor er gefangen genommen werden konnte. Andere Quellen berichten, Lobato sei von den indonesischen Streitkräften getötet worden.

Lobatos Leichnam galt lange Zeit als verschollen. Er war zunächst von Oberst Dading Kalbuadi, dem indonesischen Armeechef in Osttimor, für eine Siegesfeier nach Dili gebracht. Erst Weihnachten 2003 fanden Bauarbeiter im Hof seines Hauses, das nun von Premierminister Marí Alkatiri bewohnt wurde, sterbliche Überreste, von denen Lobatos Familie glaubt, sie seien von Nicolau Lobato. Der Kopf fehlte. Er soll auf Anweisung von Indonesiens Präsident Suharto, zum Beweis des Todes Lobatos, nach Jakarta geschickt worden sein. Im März 2004 sandte die Familie Lobatos mehrere Knochen nach Darwin, um sie dort auf ihre Identität untersuchen zu lassen, doch dort wurden sie über fünf Jahre im Forensischen Zentrum der Northern Territory Police vergessen. Erst Ende 2009 wurden weitere Untersuchungen angekündigt. Zuvor hatte im August Osttimors Regierung die Forderung nach einer Rückgabe der Sterblichen Überreste Lobatos und anderer Freiheitskämpfer durch Indonesien erneuert.[4]

Nicolau dos Reis Lobato gilt für die Osttimoresen, egal welcher politischen Richtung, als Volksheld. Nach ihm wurde der neue internationale Flughafen Dilis Presidente Nicolau Lobato International Airport benannt. Ebenso das Nicolau Lobato Trainingszentrum nahe Metinaro in dem das zweite Bataillon der Verteidigungskräfte Osttimors stationiert ist.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g Timor-Leste/ Biografia do Presidente Nicolau dos Reis Lobato, abgerufen am 31, Dezember 2012; auf Englisch: Biography of President Nicolau dos Reis Lobato, abgerufen am 2. November 2012
  2. Timor-Leste Memória
  3. zum Beispiel: Who is who in East Timor
  4. Sydney Morning Herald, 28. Dezember 2009, Bones gathering dust in NT may be of Timorese hero