Niederländisch Formosa

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Lage von Taiwan, dem ehemaligen Niederländisch-Formosa
Karte der Ilha Formosa (Taiwan) zu Zeiten der niederländischen Kolonisation (1624-62)
Einwohner Formosas (1670)
Das "Fort der Rothaarigen" (Santo Domingo)
Das Fort Zeelandia heute

Die Herrschaft der Niederländischen Ostindien-Kompanie über Formosa (das heutige Taiwan) dauerte von 1624 bis 1662 und war die einzige längere Herrschaftsperiode einer europäischen Kolonialmacht auf der Insel Taiwan. Obwohl die Anwesenheit der Niederländer von verhältnismäßig kurzer Dauer war und das tatsächlich von ihnen kontrollierte Gebiet zur Zeit der größten Ausdehnung nur etwa ein Drittel der Insel umfasste, war die Epoche dennoch ein bedeutender Wendepunkt in der gesamten taiwanischen Geschichte.[1][2] Der Name leitet sich vom portugiesischen „Ilha Formosa“ (schöne Insel) ab.

Geschichte[Bearbeiten]

Im Jahr 1622 entführte Cornelis Reyerszoon im Auftrag des batavischen General-Gouverneurs Jan Pieterszoon Coen eine Anzahl von Chinesen an der Küste von Fujian und griff das portugiesische Macao an. Die Portugiesen schlugen den Angriff zurück, Reyerszoon zog zu den Pescadoren-Inseln (chin. Penghu) und ließ dort im Juli, August jenes Jahres mithilfe chinesischer Zwangsarbeiter ein Fort errichten. Er blieb als Kommandeur des Forts bis 1624, als die chinesische Regierung die Kontrolle über Penghu zurückverlangte. Das Fort wurde abgerissen, und die Niederländer begannen mit dem Aufbau eines Stützpunktes auf Formosa an der Bucht Taiwan, die später der gesamten Insel den Namen gab. In der Umgebung gab es Dörfer der taiwanischen Ureinwohner, aber auch chinesische und japanische Händler, Piraten und Fischer. Die niederländische Kolonie bestand zwischen 1624 und 1662. Als Hauptstützpunkt diente das Fort Zeelandia an der Bucht Taiwan.

1626 setzten sich die Spanier im Nordwesten der von ihnen Isla Hermosa genannten Insel fest und errichteten ein Fort namens San Domingo, wurden jedoch von den Niederländern vertrieben. Auf Anordnung des neuen Gouverneurs der Philippinen zogen sich die Spanier 1642 endgültig aus Taiwan zurück. Auch die Japaner zeigten zwischenzeitlich starkes Interesse an der Insel, ließen aber im Zuge ihrer Isolationspolitik im Laufe der dreißiger Jahre von ihren Plänen wieder ab.

Besiedlung durch chinesische Einwanderer[Bearbeiten]

Trotz der Nähe Taiwans zum chinesischen Festland setzte die Einwanderung chinesischer Siedler nach Taiwan in größerem Umfang erst während der niederländischen Herrschaft ein, und zwar, weil die Niederländer selbst aktiv um chinesische Siedler warben. Die Niederländer brauchten die Chinesen als Zwischenglied für den Handel mit den Ureinwohnern einerseits und mit dem chinesischen Festland andererseits. Aus beidem konnten die Niederländer durch die Erhebung von Steuern und Zöllen Nutzen ziehen. Auch benutzten sie chinesische Bauern, um das Land urbar zu machen. Den Nutzen der chinesischen Einwanderer für die Niederländer beschrieb der Gouverneur Nicholas Verburg mit den Worten, die Chinesen seien "die einzigen Bienen auf Formosa, die Honig geben".[3]

Kontrolle und Aufstände[Bearbeiten]

Nachdem die Niederländer sich die Kontrolle über die Ureinwohnerstämme ihres Herrschaftsgebiets gesichert hatten, hielten sie diese Kontrolle aufrecht, indem sie in jedem Dorf einen Ältesten zum Dorfvorsteher ernannten, den sie mit einer Art Regierungsstab als Zeichen der Würde auszeichneten. Einmal im Jahr wurde ein Landtag abgehalten, auf dem sämtliche Dorfhäuptlinge von den Niederländern bewirtet wurden und die Häuptlingswürde bestätigt oder auf andere Häuptlinge übertragen wurde.

Nach der Befriedung der Ureinwohnerstämme zu Anfang der niederländischen Herrschaft gab es von Seiten der Ureinwohner keinerlei nennenswerte Revolten gegen die Niederländer. Wohl aber kam es zu Spannungen zwischen den Ureinwohnern und Chinesen einerseits und zwischen den Chinesen und Niederländern andererseits. Die Chinesen waren die Hauptagenten des Handels zwischen den Ureinwohnern und den Niederländern sowie den Niederländern und dem chinesischen Festland. Für diese Tätigkeit erwarben sie von den Niederländern Lizenzen und mussten Steuern zahlen. Mancherorts kam es zu Fällen von Übervorteilung und Ausbeutung der Ureinwohner durch die Chinesen, so dass unter den Ureinwohnern Unmut gegen letztere entstand, der sich manchmal in gewaltsamen Übergriffen gegen die Chinesen entlud. Als Schutzmacht schritten die Niederländer meist auf Seiten der Chinesen ein und erstickten die Unruhen, doch sind auch Fälle bekannt, bei denen chinesische Händler für ihr Fehlverhalten bestraft wurden.

Die Höhe der Steuern führte schließlich auch zu Aufständen der Chinesen gegen die Niederländer. Die Erhebungen wurden niedergeschlagen, doch ein Zustand des gegenseitigen Misstrauens blieb, zumal die Chinesen auf Taiwan in ständigem Kontakt mit dem Festland und dem in Südchina operierenden chinesischen Feldherren Zheng Chenggong standen, der für die Niederländer zu einer immer größeren Bedrohung wurde.

Chinesische Invasion und Ende der Herrschaft[Bearbeiten]

Zheng Chenggong, ein Loyalist der Ming-Dynastie im Kampf gegen die neu errichtete Qing-Dynastie, musste sich nach langem Widerstand vom chinesischen Festland zurückziehen und landete 1661 auf Taiwan, um die Insel zu seiner neuen Operationsbasis zu machen. Nach seinem Angriff auf Fort Zeelandia und einer neunmonatigen Belagerung kapitulierten die zahlenmäßig weit unterlegenen Niederländer unter Gouverneur Frederick Coyett im Jahr 1662 und mussten Formosa verlassen.

Bedeutung[Bearbeiten]

Die Herrschaft der Niederländer in Taiwan dauerte nicht einmal vier Jahrzehnte, und zur Zeit ihrer größten Machtentfaltung war nur schätzungsweise ein Drittel der ganzen Insel tatsächlich unter ihrer Kontrolle gewesen. Dennoch hatte ihre Anwesenheit in Taiwan weitreichende Folgen:

1. Mit den Niederländern kamen zum ersten Mal in größerem Umfang chinesische Siedler nach Taiwan. Damit markiert die niederländische Herrschaft gleichzeitig den Anfang kontinuierlicher chinesischer Einwanderung nach Taiwan in den folgenden zweihundert Jahren.

2. Durch die Berichte und Aufzeichnungen der Niederländer wurde das Wissen der Europäer über Taiwan und die südchinesische Küste erweitert.

3. Die Niederländer brachten das protestantische Christentum nach Taiwan und übersetzten das Neue Testament in die Sprache der in der Siraya-Ureinwohner, wozu sie ein auf lateinischen Buchstaben basierendes Schriftsystem für diese Sprache entwickelten. Diese Schriftzeugnisse sind bis heute wertvolles Material für die Erforschung der inzwischen ausgestorbenen Siraya-Sprache.

Bis heute haben sich einige wenige architektonische Spuren der niederländischen Herrschaft auf Taiwan erhalten. Am bekanntesten sind das Fort Zeelandia in Anping (Tainan) sowie das Fort der Rothaarigen genannte Fort San Domingo in Tamsui.

siehe auch: Geschichte Taiwans

Literatur[Bearbeiten]

  • Andrade, Tonio: How Taiwan Became Chinese: Dutch, Spanish, and Han Colonization in the Seventeenth Century. New York: Columbia University Press, 2008.
  • Schmalkalden, Caspar: Die wundersamen Reisen des Caspar Schmalkalden nach West- und Ostindien 1642-1652. Leipzig: F.A. Brockhaus Verlag, 1983.
  • Weggel, Oskar: Die Geschichte Taiwans. Vom 17. Jahrhundert bis heute. Böhlau, Köln, Weimar, Wien 1991, ISBN 978-3-412-02891-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Niederländisch Formosa – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. William Campbell: Formosa under the Dutch: Described from Contemporary Records. With Explanatory Notes and a Bibliography of the Island. London 1903 (Nachdruck, Taipei: Ch'eng-wen Publ., 1967)
  2. Cheng Shaogang: De VOC en Formosa, 1624–1662: Een Vergeten Geschiedenis. Doktorarbeit, Rijksuniversiteit te Leiden, 1995 (Niederländische Nationalbibliothek).
  3. Andrade, Tonio: How Taiwan became Chinese, Chapter 8