Niederungen

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Niederungen ist das erste Werk von Herta Müller, das 1982 in Bukarest und 1984 in einer überarbeiteten Fassung im Berliner Rotbuch Verlag erschien. Die Ausgabe bei Rotbuch enthält sechzehn Erzählungen, die teils aus dem Bukarester Band Niederungen (1982), teils aus dem Band Drückender Tango (Kriterion 1984) stammen und vornehmlich vom Leben der Schwaben in einem Dorf im Banat handeln. Der Prosaband ist nach der längsten Erzählung benannt, gleichzeitig kann man unter "Niederungen" aber auch die moralische Verkommenheit der Dorfbewohner verstehen, die alle Erzählungen thematisieren. Die Erzählerin zertrümmert das ländliche Familienidyll, indem sie von einer freudlosen Kindheit voller Schrecken, der Brutalität, Geilheit, dem Alkoholismus und dem Geiz der Erwachsenen erzählt. Die Banater Schwaben empfanden diesen Prosaband als Nestbeschmutzung. Besonders der Vorabdruck der kleinen Satire "Das schwäbische Bad" in der Temeswarer Tageszeitung Neue Banater Zeitung im Mai 1981, in dem die Autorin den Reinlichkeitsdünkel ihrer Landsleute aufs Korn nimmt, hatte eine Flut empörter Leserbriefe ausgelöst und viele banatschwäbische Leser schon im Vorhinein gegen ihren Debütband eingenommen. Dieses beiderseits recht angespannte Verhältnis besteht zum Teil noch heute.

Inhalt[Bearbeiten]

Die erste Erzählung "Die Grabrede" ist ein Traum, in dem die Erzählerin auf der Beerdigung ihres Vaters, der viele Tote auf dem Gewissen hat, eine Rede halten soll, ihr aber nichts einfällt, woraufhin sie mit der Begründung, wir lassen uns nicht verleumden, zum Tode verurteilt wird. Herta Müllers Vater war Mitglied der Waffen-SS.

In der Geschichte "Das schwäbische Bad" baden drei Generationen im gleichen Wasser und reiben in der Wanne 'graue Nudeln' ab. Die Erzählung "Meine Familie" handelt davon, dass die Väter nicht die Väter der Kinder sind, die in ihrer Familie aufwachsen, sondern die Väter der Kinder, die in anderen Familien aufwachsen. So wird auch angedeutet, dass die Erzählerin die Tochter des Postmannes ist, der ihr immer hundert Lei zum Neujahr schenkt.

"Niederungen" ist eine circa achtzig Seiten lange Erzählung, die den Dorfalltag aus der Perspektive eines phantasievollen Mädchens beschreibt, das in einem Haus lebt, in dem drei Generationen zusammenleben. Man erfährt von einem Spiel, das das Mädchen mit ihrem kleinen Bruder spielt: 'Erwachsensein'. Dabei beschimpft sie ihn unter anderem als Dreckschwein, Säufer und Hurenbock, schiebt dann ihre falschen Brüste zurecht und ihr Bruder schwitzt unter seinem Schnurrbart, als sie Mann und Frau spielen.

"Faule Birnen" erzählt von einer Fahrt von Vater, Tante, Cousine und der Erzählerin ins Gebirge, um dort Tomaten zu verkaufen. Nachts hört sie Stöhnen und Keuchen aus dem Bett ihrer Tante. Zurückgekehrt hört sie am nächsten Abend das Gleiche aus dem Bett ihrer Eltern. Nach 'faulen Birnen' riecht nach der Erzählerin die heiße Luft aus dem Bauch ihrer etwas älteren Cousine. Die weiteren Erzählungen variieren das bisher Erzählte. Sie heißen "Drückender Tango", "Das Fenster", "Der Mann mit der Zündholzschachtel", "Dorfchronik" und "Der deutsche Scheitel und der deutsche Schnurrbart".

Die letzten fünf Geschichten erzählen von einer Überlandreise ("Der Überlandbus"), einem missglückten Urlaub am Schwarzen Meer ("Mutter, Vater und der Kleine"), dem Stadtleben ("Der Straßenkehrer") und dem Alltag im Wohnblock ("Schwarzer Park").

In den Bukarester Erstausgaben kommt es in den Einzeltexten gelegentlich zu Abweichungen zur Berliner Version; die Anordnung der Texte ist in den Erstausgaben die folgende:

Niederungen (Kriterion Verlag 1982, 128 Seiten):

1. Niederungen; 2. Der Mann mit der Zündholzschachtel; 3. Die Grabrede; 4. Der deutsche Scheitel und der deutsche Schnurrbart; 5. Das schwäbische Bad; 6. Meine Familie; 7. Dorfchronik; 8. Der Überlandbus; 9. Die Straßenkehrer; 10. Die Meinung; 11. Mutter, Vater und der Kleine; 12. Damals im Mai; 13. Schwarzer Park; 14. Inge; 15. Herr Wultschmann; 16. Arbeitstag.

Drückender Tango (Kriterion Verlag 1984, 84 Seiten)

1. Heide; 2. Pferdeköpfe; 3. Aufgewühlte Erde; 4. Schwarze Tücher; 5. Drosselnacht; 6. Der Wolf im Berg; 7. Faule Birnen; 8. Die Schachtel der Einsamkeit; 9. Die Stromuhr; 10. Malven über leeren Straßen; 11. Das Fenster; 12. Rote Milch; 13. Wer seinen Teller nicht leer ißt; 14. Die andren Augen; 15. Die kleine Utopie vom Tod; 16. Der Hakenmann; 17. Die Lebenslinie; 18. Die Taschenuhr; 19. Dreihundertneunundneunzig Jahre; 20. Das Lied vom Marschieren; 21. Drückender Tango; 22. Wenn ich den Fuß beweg; 23. Es ist Sonntag; 24. Schulbankgesicht; 25. Der Regen; 26. Möbelstücke; 27. An diesem Tag; 28. Eine Arbeit; 29. Sie; 30. Meine Finger; 31. Das Licht, das aus den Bäumen fällt; 32. Herr Eugen; 33. Der feste Platz; 34. In einem tiefen Sommer; 35. Das Geweih; 36. Haar; 37. Das kalte Lied; 38. Eidechsen; 39. Bleiben zum Gehn.

Literatur[Bearbeiten]

  • Herta Müller: Niederungen. Prosa. [Kriterion Hefte] Bukarest: Kriterion 1982
  • Herta Müller: Drückender Tango. Prosa. [Kriterion Hefte] Bukarest: Kriterion 1984
  • Herta Müller: Niederungen. Berlin (West): Rotbuch 1984 und 1988, auch Rowohlt Taschenbuch 1993
  • Herta Müller: Niederungen, Hanser Verlag, München 2010 ISBN 978-3-446-23524-3
  • Herta Müller: Drückender Tango. Erzählungen. Rowohlt Taschenbuch 1996
  • Diana Schuster: Die Banater Autorengruppe. Selbstdarstellung und Rezeption in Rumänien und Deutschland. Hartung-Gorre, Konstanz 2004 ISBN 3-89649-942-4 (zugl. Diss. phil. Univ. Iași 2004)
  • Symons Morwenna: Room for Manoeuvre. The Role of Intertext in Elfriede Jelinek's „Die Klavierspielerin“, Günter Grass’s „Ein weites Feld“, and Herta Müller’s „Niederungen“ and „Reisende auf einem Bein“. London 2005, ISBN 1-904350-43-7