Niendorf (Timmendorfer Strand)

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53.99292510.8160194444441Koordinaten: 53° 59′ 35″ N, 10° 48′ 58″ O

Niendorf
Höhe: 1 m
Postleitzahl: 23669
Vorwahl: 04503
Niendorf (Schleswig-Holstein)
Niendorf

Lage von Niendorf in Schleswig-Holstein

Niendorf ist ein Ortsteil der Gemeinde Timmendorfer Strand im Kreis Ostholstein mit einem Fischerei- und Yachthafen (Niendorfer Hafen).

Niendorf, vom Brodtener Ufer aus gesehen

Lage[Bearbeiten]

Der Ort liegt etwa 3,5 Kilometer östlich des Zentrums von Timmendorfer Strand. Travemünde befindet sich etwa 4 Kilometer südöstlich und die Innenstadt von Lübeck 16 Kilometer südwestlich. Die Hafenstadt Neustadt liegt 12 Kilometer nördlich und Hamburg 70 Kilometer südwestlich.

Geschichte[Bearbeiten]

Zerstörtes Bauernhaus in Niendorf nach der Sturmflut 1872
Seevermessungs-Karte Lübecker Bucht - 1811, 1815

Der Ort Niendorf wurde bereits im Jahre 1385 unter der Bezeichnung „Nyendorpe“ erstmals urkundlich erwähnt. Es war ein Bauerndorf im Besitz des Lübecker Domkapitels. Die Fischrechte in der Lübecker Bucht standen zu der Zeit nur den Fischern aus Lübeck zu. Erst 1817 wurde den Niendorfer Bauern der Fischfang gestattet.[1]

Als 1806 Lübeck von den französischen Truppen Napoleons besetzt wurde und bis 1813 in dessen Besitz blieb (Lübecker Franzosenzeit), geriet auch Niendorf unter die französische Herrschaft. Um das neu gewonnene Land vom Ostseeraum aus zu schützen und aufgrund der Feindschaft gegenüber der englischen Seemacht, planten die Franzosen im Hemmelsdorfer See einen Kriegshafen zu bauen. Der See hatte – über die damals noch breitere Aalbeck – eine Verbindung zur Ostsee. Die französischen Kriegsschiffe hätten damit in der Ostsee einen Zufluchthafen erhalten. Hierfür wurden um 1810 detaillierte Vermessungsarbeiten in der Lübecker Bucht durchgeführt und in einer Vermessungskarte von 1811 dokumentiert.[2]

Eine Karte von 1836 (in[3]) zeigt das Bauerndorf Niendorf mit seinen Häusern – umgeben von Gartenländern und Feldern – unmittelbar am Ostseestrand gelegen. In der Zeit kannte man noch kein Badevergnügen an der Ostseeküste. Der Bevölkerung war damals das Meer unheimlich. Kaum einer konnte schwimmen, die Küsten wurden gemieden, die Strände waren leer. Mit der Veröffentlichung seiner Forschungen über die heilende Wirkung des Meerwassers leitete der englische Arzt Richard Russell aus Brighton 1753 den Beginn der Seekurbäder ein. Daraufhin entwickelte sich in Brighton um 1780 eines der ersten Seekurbäder.[4]

Die Einrichtung einer Gaststätte und die Unterkunft für Badegäste im Jahr 1854 sowie die Aufstellung von zwei Badekarren am Niendorfer Strand im Jahr 1855 stellen den Beginn des Badeortes Niendorf dar. In Travemünde hatte sich schon ein Strandleben etabliert, am Timmendorfer Strand dauerte es noch sieben Jahre, bevor das erste Haus errichtet wurde. Die Aufstellung der Badekarren in Niendorf bedurfte der Zulassung durch das Amt in Schwartau, verbunden mit der Auflage, der Einhaltung polizeilicher Anordnungen bezüglich der Stellung der Badekarren und eines Badereglements.[5]

Im November 1872, als ein Sturmhochwasser mit Pegelständen von über 3,50 m über NN in die Lübecker Bucht drückte, überfluteten die Wassermassen auch Niendorf und das umliegende Hinterland. In Niendorf wurden von den 33 Häusern 12 ganz und 15 teilweise zerstört, 4 Menschen (2 ältere Männer und 2 Kinder) kamen ums Leben. 17 Schiffe strandeten in der Lübecker Bucht. Der Hochwasserschaden an der Lübecker Bucht löste eine große Spendenaktion aus.[5]

1890 waren in Niendorf ca. 200 Kurgäste mehr als in Travemünde. Seit 1882 ist Travemünde – insbesondere für die Hamburger Kurgäste – bereits mit der Eisenbahn erreichbar. Die Weiterfahrt nach Niendorf erfolgte dann mit Pferdekutschen der Post. 1899 erhält Niendorf eine Kirche und eine eigene Schule. 1909 wurde direkt vor dem Johansen Hotel eine 220 Meter lange Seebrücke gebaut. Zu den Bäderschiffen mussten die Fahrgäste nicht mehr ausgebootet werden, sondern konnten diese jetzt von der Brücke aus erreichen. Das Bauerndorf Niendorf entwickelte sich organisch zum Seebad und zählte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Badeorten in der Lübecker Bucht. 1913 erhielt Niendorf auch einen Bahnanschluss. 1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, erhielt Niendorf am Strand mit dem Musik-Pavillon noch eine weitere Attraktion.[5]

Park An der Acht - Niendorfer Hafen

Entwicklung des Ortes Niendorf (Anmerkung: - bedeutet keine Angabe):[5]

Jahr Wohnhäuser Einwohner Hotels Kurgäste
1875 37 193 1 1175
1880 56 296 1 -
1882 60 342 3 -
1885 78 375 3 1390
1890 100 453 8 3186
1895 112 478 19 3600
1900 - 573[3] - -

In den Jahren 1920 bis 1922 wurde der Niendorfer Hafen im Mündungsbereich der Aalbek künstlich geschaffen. An der ehemaligen Aalbek-Mündung auf der Westseite des Hafens wurde der Kurpark An der Acht angelegt.

Im Jahr 1945 wurde Timmendorfer Strand von der britischen Militärregierung als eigenständige Gemeinde erklärt, mit den Ortsteilen Niendorf, Hemmelsdorf, Groß Timmendorf und Klein Timmendorf, wie sie heute noch bestehen.[1]

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Niendorf viele Heimatvertriebene und Flüchtlinge auf, darunter 30 Fischerfamilien aus Ost- und Westpreußen. Für diese Familien wurde 1954 die sogenannte „Fischersiedlung“ am Rande Niendorfs gebaut.[6]

Im Jahre 1948 wurde durch den Bau eines zusätzlichen Hafenbeckens für den Niendorfer Yachtclub der Niendorfer Hafen zu einem Yacht- und Fischereihafen.

1954 erfolgte die Anerkennung als Ostseeheilbad, was für den Ausbau des Fremdenverkehrs von Bedeutung war. Niendorf hat eine Tradition von Kinderheimen, Kindererholungsheimen und Müttergenesungsheimen, wie unter anderem die Fachklinik Maria Meeresstern.

Am südlichen Ortsrand wurde 1973 der Vogelpark Niendorf eröffnet.

Anfang der 1990er Jahre ging die Fischerei, die viele Jahr lang eine bedeutende Rolle in Niendorf gespielt hatte, nach Einführung von Fangquoten in der Ostsee stark zurück.

Tourismus[Bearbeiten]

Steilküste Niendorf 2004

Niendorf ist im Vergleich zum benachbarten mondänen Timmendorfer Strand ein eher beschauliches Ostseeheilbad, das gerade bei Familien mit Kindern beliebt ist. Es gibt zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten in Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen.

Niendorf hat einen etwa 2 Kilometer langen und bis zu 40 Meter breiten Sandstrand mit einer Promenade. An ihr befinden sich die 1966 errichtete Seebrücke, das Haus des Kurgastes und das Meerwasserhallenbad von 1975.

Am 14. Juni 2014 wurde die neue, 1,9 Millionen Euro teure, 185 Meter lange Seebrücke eröffnet. Die alte Seebrücke wurde im Winter 2012/2013 und 2013/2014 schwer beschädigt.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Der Niendorfer Hafen bei Einbruch der Dunkelheit

Hauptattraktion direkt im Zentrum des Ortes ist der Yacht- und Fischereihafen mit mehreren Fischrestaurants. Von Mai bis Oktober findet hier an jedem ersten Sonntag im Monat der Niendorfer Fischmarkt statt.

Südlich von Niendorf liegt der Hemmelsdorfer See, dessen tiefste Stelle 39 Meter unter NN liegt. Zwischen dem See und dem Ort befindet sich der sehenswerte Vogelpark Niendorf mit 1.300 Tieren 350 verschiedener Arten und der größten Sammlung lebender Eulen der Welt. Östlich zwischen Niendorf und Travemünde bei der Ortschaft Brodten befindet sich das Brodtener Ufer, eine bis zu 20 Meter hohe Steilküste mit einem Ausflugsrestaurant. Man kann das Brodtener Steilufer komplett von Niendorf bis Travemünde abwandern.

In der Umgebung gibt es zahlreiche weitere Sehenswürdigkeiten wie z. B. das Sea-Life-Aquarium in Timmendorfer Strand, der Hansa-Park in Sierksdorf oder die Altstadt von Lübeck.

Unmittelbar am Ortsrand beginnt das 349 Hektar große Naturschutzgebiet Aalbek-Niederung, ein Natura 2000-Gebiet von europäischem Rang. Der Bruchwald, der Seggenrasen und die Feuchtwiesen am Nordufer des Hemmelsdorfer Sees sind Lebensraum einer artenreichen Wasservogel-, Lurch- und Insektenfauna. Nahe dem Seeufer befindet sich der „Hermann-Löns-Blick“, ein Aussichtsturm, der dem Besucher einen weiten Rundblick über die Landschaft eröffnet. Rad-/Wanderwege beginnen an Kurpark und Vogelpark und führen bis nach Timmendorfer Strand.

Gedenkstein auf dem Friedhof von Niendorf (Ostsee) für 113 Opfer der Cap-Arcona-Tragödie
Die Petri-Kirche in Niendorf

Kultur[Bearbeiten]

Im Mai 1952 traf sich die Literatenvereinigung Gruppe 47 zu ihrer 10. Tagung in Niendorf; dort trug Paul Celan neben anderen Gedichten seine noch unbekannte Todesfuge vor. Ein Gedenkstein am Haus des Kurgastes erinnert an dieses Treffen.

Seit 2012 findet das Festival JazzBaltica in Niendorf statt.[7]

Friedhof[Bearbeiten]

Auf dem Friedhof an der Straße nach Häven (Ratekau) befindet sich eine Gedenkstätte für 113 Tote der Cap-Arcona-Tragödie. Außerdem ist dort ein Gedenkstein für die Toten des 1. Weltkrieges, sowie auch für die im 2. Weltkrieg Gestorbenen, auch für alle, die in fernen Ländern begraben sind. Der Friedhof ist kürzlich inclusive aller Gräber renoviert worden.

Verkehrsanbindung[Bearbeiten]

Die nächsten Autobahnausfahrten befinden sich bei Lübeck und Ratekau an der A 1 und der A 226. Die Bundesstraße 76 von Lübeck-Travemünde nach Kiel verläuft als eine Art Umgehungsstraße nicht durch das Zentrum des Ortes.

Lübeck Hauptbahnhof ist der nächste ICE/EC-Bahnhof, Regionalzüge halten in Lübeck-Travemünde und Timmendorfer Strand.

Die normalspurige Nebenbahn Lübeck-Travemünde Hafen–Niendorf ist 1974 stillgelegt und seitdem abgebaut worden.

Südlich von Lübeck befindet sich der Regionalflughafen Lübeck-Blankensee; in Hamburg-Fuhlsbüttel liegt der nächste internationale Flughafen.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Timmendorfer Strand-Niendorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Heine Herde, Die Reihe Archivbilder – Timmendorfer Strand, Sutton Verlag, Erfurt 2006, ISBN 3-89702-985-5.
  2. Otto Rönnpag, Von Nyendorpe bis Niendorf/Ostsee 1385-1985, 600-Jahrfeier Niendorf/Ostsee, Sammlung der Aufsätze im Jahrbuch für Heimatkunde Eutin über Timmendorfer Strand und Niendorf, 1985.
  3. a b , Georg Schipporeit, Timmendorfer Strand und Niendorf/Ostsee, Verlag Gronenberg, Wiehl, 2002 ISBN 3-88265-234-9.
  4. [1], Die Welt: Wir fahren ans Meer.
  5. a b c d Chronik der Bädergemeinde Timmendorfer Strand, Zur Hundertjahrfeier 1965, 2. erweiterte Auflage 1979.
  6. [2], Geschichtliche Entwicklung – Timmendorfer Strand.
  7. http://www.ndr.de/kultur/klassik/shmf/jazzbaltica223.html