Nikomachische Ethik
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Die Nikomachische Ethik (altgriechisch ἠθικὰ Νικομάχεια, ēthiká Nikomácheia) ist die bedeutendste der drei unter dem Namen des Aristoteles überlieferten ethischen Schriften. Da sie mit der Eudemischen Ethik einige Bücher teilt, ist sie möglicherweise nicht von Aristoteles selbst in der uns erhaltenen Form zusammengestellt worden. Warum die Schrift diesen Titel trägt, ist unklar. Er bezieht sich möglicherweise auf Aristoteles’ Sohn Nikomachos, auf seinen gleichnamigen Vater oder eine andere Person dieses Namens.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Ziel der Nikomachischen Ethik
Ziel dieses Werkes ist es, einen Leitfaden zu geben, um zu erlernen, wie man ein guter Mensch wird und wie man ein glückliches Leben führt. Da hierfür der Begriff des Handelns zentral ist, ist bereits im ersten Satz davon die Rede: "Jedes praktische Können und jede wissenschaftliche Untersuchung, ebenso alles Handeln und Wählen, strebt nach einem Gut, wie allgemein angenommen wird."[1] Dadurch wird das Werk insgesamt durch die Frage bestimmt, wie das höchste Gut, oder auch das höchste Ziel, beschaffen und wie es zu erreichen ist.
[Bearbeiten] Glückseligkeit
Die erste Antwort des Aristoteles auf die Frage nach dem Wesen des höchsten Gutes ist, dass die Glückseligkeit (eudaimonía) das höchste Gute ist. Sie ist ein seelisches Glück. Aristoteles erkennt, dass es daneben noch die äußeren und leiblichen Güter sind, die entscheidend für die Glückseligkeit sind. Diese Güter aber ordnet er dem zufälligem Glück zu, der (entychia). Beides zusammen ergibt eine Glückseligkeit, die Aristoteles in seinem Werk nur kurz erwähnt: Die des "vollkommen glücklichen Menschen vor und nach seinem Leben". Dieser Mensch ist dann wahrhaft glücklich, oder anders: er ist (makarios).
Das folgt für Aristoteles daraus, dass die Glückseligkeit für sich selbst steht – sie ist nicht, wie andere Güter, lediglich Mittel zum Zweck. Im Gegensatz zu anderen Gütern erstreben wir Glückseligkeit um ihrer selbst willen. Sie ist, wie Aristoteles sagt, „das vollkommene und selbstgenügsame Gut und das Endziel des Handelns.“ (1097 b20)
Doch worin besteht nun die Glückseligkeit? Aristoteles sieht die Glückseligkeit nicht als Zustand, sondern als eine Tätigkeit oder besser ein Tätigsein. Als hervorragendste Tätigkeit betrachtet er diejenige, welche den Menschen ausmacht und ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Auf der Suche nach einem Unterscheidungskriterium gelangt Aristoteles zur Vernunft, die nur dem Menschen zu eigen ist.
[Bearbeiten] Dreiteilung der Güter in äußere, körperliche und seelische Güter.
Äußere Güter sind etwa Reichtum, Freundschaft, Herkunft, Nachkommen, Ehre und ein günstig gestimmtes persönliches Schicksal. Gesundheit, Schönheit, physische Stärke, Sportlichkeit entsprechen körperlichen bzw. inneren Gütern des Körpers. Die inneren Güter der Seele sind die Tugenden. Aristoteles definiert die Glückseligkeit als eine Tätigkeit der Seele gemäß der vollkommenen Tugend (arete) in einem vollen Menschenleben. Die vollkommene Glückseligkeit besteht im bios theoretikos, im kontemplativen Leben.
[Bearbeiten] Die Seelenteile
Aristoteles unterteilt die menschliche Seele in einen vernunftlosen und einen vernunftbegabten Teil. Der Vernunftlose setzt sich wiederum zusammen aus dem vegetativen Seelenvermögen (z. B. Wachstum, Ernährung), das selbst die Pflanzen besitzen, und einem animalischen, das der Mensch mit den Tieren gemeinsam hat. Dieser animalische Teil, das Begehrende und Strebende, ist von der Vernunft zum Teil steuerbar. Die Affekte, die dem animalischen Teil zugeordnet sind, können durch die Klugheit, die der Vernunft gehorcht, beherrscht werden. Ohne die Klugheit kann es keine anderen Tugenden geben. Sie spielt die Rolle einer Vermittlerin.
[Bearbeiten] Das ergon-Argument
Aristoteles geht von einem Essentialismus aus, welcher besagt, dass jedes Wesen durch Eigenschaften gekennzeichnet ist, die es ermöglichen, dieses Wesen von anderen Wesen abzugrenzen. Des Weiteren verfolgt er einen eigenen Perfektionismus, welcher die Erfüllung der Bestimmung des Wesen von der Ausbildung seiner Wesenszüge abhängig macht.
Das Wesen des Menschen findet man in der Betrachtung seiner spezifisch eigentümlichen Leistung. Diese ist die Tätigsein der Seele gemäß des rationalen Elements oder jedenfalls nicht ohne dieses. Daneben ist es entscheidend, dass der Mensch sowohl seine Vernunft auf vollendetste Weise einsetzt als auch in seinem ganzen Leben und mehr zur Geltung bringt. "Und mehr" bedeutet in diesem Fall, dass sogar die Hinterlassenschaften des Menschen (etwa Kinder) von der intensiven Nutzung seiner Vernunft zeugen.
Diese drei Argumente - Tätigsein der Seele gemäß der Vernunft, Tätigsein auf eine vollendete Weise und in einem vollen Leben - werden allgemeinhin als erste Glücksdefinition des Aristoteles betrachtet.
[Bearbeiten] Die Tugenden
Die Tugenden sind seelische Güter. Aristoteles teilt sie in zwei Gattungen ein: Die dianoetischen (verstandesmäßigen) Tugenden entstehen aus Belehrung, die ethischen Tugenden ergeben sich hingegen aus der Gewohnheit. In Analogie zum Beherrschen eines Musikinstruments erwirbt man die Tugenden, indem man sie ausübt.
[Bearbeiten] Die ethischen Tugenden
Sie beziehen sich auf die Leidenschaften und die Handlungen, die aus diesen Leidenschaften herrühren. Die ethischen Tugenden bestehen in der Zähmung und Steuerung des irrationalen, triebhaften Teils der Seele. Dabei postuliert Aristoteles eine Ethik des Maßhaltens. Bei den ethischen Tugenden gilt es, die richtige Mitte (mesotes) zwischen Übermaß und Mangel zu treffen. Am besten lässt sich dies am Beispiel der Tapferkeit verdeutlichen. Die Tapferkeit bewegt sich zwischen den Extremen der Feigheit und der Tollkühnheit – weder die Feigheit ist wünschenswert, noch eine übersteigerte, vernunftlose Tapferkeit, die Aristoteles als Tollkühnheit bezeichnet. Der Tapfere hält hingegen das richtige Maß. Ähnlich verhält es sich für andere ethische Tugenden wie Großzügigkeit, Besonnenheit, richtige Ernährungsweise usw.
Um die Mitte (mesotes) zu verstehen und nachzuvollziehen, sollte man das irrationale und triebhafte Treiben der menschlichen Seele erlebt haben, um ein Verständnis für die mesotes zu bekommen und zu verstehen, dass die Maßlosigkeit des Treibens zu nichts führt. Die Besonnenheit – auch „Lacke“ genannt – wird sich einstellen, wenn man verstanden hat, dass ein maßloses Treiben sowie ein vollkommener Rückzug des „Ich“ zu nichts führt und erkennt, dass der Kompromiss zählt, um die Mitte (mesotes) zu finden.
Die ethischen Tugenden werden von den Menschen bewertet. Sie sind daher sittlich werthaftig. Von Wert kann aber nur etwas sein, dass keine spontane Bewegung ist, sondern ein Dauerzustand. Aufgrund dessen definiert Aristoteles die ethische Tugend zu einer festen Grundhaltung (hexis) (siehe auch Habitus).
[Bearbeiten] Die dianoetischen Tugenden
Die dianoetischen Tugenden sind den ethischen übergeordnet, einerseits, da sie sich nur auf den rein rationalen Seelenteil beziehen, andererseits, da nur durch sie die vollkommene Glückseligkeit, das Leben in der reinen Schau der Wahrheit (theoria), der bios theoretikos erreicht werden kann. Wissenschaft (episteme), Kunstfertigkeit (techne), Klugheit (phronesis), Vernunft (nous) und Weisheit (sophia), Verstand (logos). Die Klugheit gilt dabei als die wichtigste dianoetische Tugend.
[Bearbeiten] Lust und Schmerz
Die ethischen Tugenden stehen in engem Zusammenhang mit Lust und Schmerz. Die Hinwendung der Menschen zum Schlechten erklärt Aristoteles damit, dass die Menschen die Lust suchen und den Schmerz fürchten. Diese natürliche Verhaltensweise gilt es durch Erziehung zum Guten zu beeinflussen und zu steuern. Aus diesem Grund rechtfertigt er auch Züchtigungen: „Sie sind eine Art Heilung, und die Heilungen werden naturgemäß durch das Entgegengesetzte vollzogen.“
Doch auch die Ausübung der Tugend ist mit dem Angenehmen und der Lust verbunden. Aristoteles differenziert zwischen verschiedenen Arten der Lust, von denen lediglich manche für den Menschen schädlich sind. Er verurteilt die Lust also nicht prinzipiell.
Auch dem Glückhaben (eutychia) – im Gegensatz zur Glückseligkeit – weist er einen Platz zu. Auch wenn die Glückseligkeit in der Ausübung der Tugend besteht, müssen gewisse äußere Umstände gegeben sein.
[Bearbeiten] Gerechtigkeit
„Die Gerechtigkeit ist also eine Mitte, freilich nicht auf dieselbe Art wie die übrigen Tugenden, sondern weil sie die Mitte schafft. Die Ungerechtigkeit dagegen schafft die Extreme.“ (1133 b 32)
Siehe auch: Gerechtigkeit
[Bearbeiten] Literatur
[Bearbeiten] Primärquellen
- Aristoteles: Nikomachische Ethik. Rowohlt, Reinbek 2006 ISBN 3499556510 (Übersetzerin Ursula Wolf)
- Aristoteles: Nikomachische Ethik. Reclam, Stuttgart 2003 ISBN 3-15-008586-1 (Übersetzer: Franz Dirlmeier)
- Aristoteles: Nikomachische Ethik. dtv, München 2000 ISBN 3-423-30126-0 (Übersetzer: Olof Gigon)
- Aristoteles: Nikomachische Ethik. F. Meiner, Hamburg 1985 ISBN 3-7873-0655-2 (Übersetzer: Eugen Rolfes)
- griechisch-deutsche Ausgabe:
- Aristoteles: Nikomachische Ethik. Artemis & Winkler, Düsseldorf u.a. 2001 ISBN 3-7608-1725-4 (Übersetzer: Olof Gigon)
[Bearbeiten] Sekundärliteratur
- Otfried Höffe (Hrsg.): Nikomachische Ethik. Akademie, Berlin 1995, ISBN 3-05-002692-8
- Otfried Höffe (Hrsg.): Aristoteles-Lexikon. Stuttgart 2005 ISBN 3520459019
- Christoph Horn, Christof Rapp (Hrsg.): Wörterbuch der antiken Philosophie. München 2002 (Erläuterungen zahlreicher Termini der antiken und auch der aristotelischen Philosophie) ISBN 3406476236
- Christof Rapp: Aristoteles zur Einführung. Hamburg 2004, ISBN 3885063468 (Gute deutschsprachige Einführung zu Aristoteles mit sehr guter thematisch gegliederter Bibliografie für Einsteiger)
- Ursula Wolf: Nikomachische Ethik. Wiss. Buchges., Darmstadt 2002, ISBN 3-534-14142-3
[Bearbeiten] Weblinks
- Übersetzung von Adolf Lasson Jena 1909 bzw. englisch von W. D. Ross
- (in der Übersetzung Rolfes (1911) Nikomachische Ethik als Online-Text im Projekt Gutenberg-DE
- Aristotle's Ethics. Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (Englisch, inkl. Literaturangaben)
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik, 1094 a1 (übersetzt von Franz Dirlmeier).

