Ninive

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Dieser Artikel behandelt die altorientalische Stadt. Weitere Bedeutungen unter Ninive (Begriffsklärung).

36.36666666666743.15Koordinaten: 36° 22′ 0″ N, 43° 9′ 0″ O

Reliefkarte: Irak
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Ninive
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Irak

Ninive, Ninua (auch Niniveh, arabisch ‏نينوى‎, DMG Nīnawā; akkadisch Ninu(w)a; aramäisch ܢܝܢܘܐ, Nīnwē; hebräisch ‏נִינְוֵה‎, Nīnəwē), war eine mesopotamische Stadt am Tigris im heutigen Irak. Die Ruinenhügel (Tells) von Kujundschik und Nebi Jenus am linken Ufer des Tigris gegenüber der heutigen Stadt Mosul enthalten die Überreste der Stadt. Die Stadt war eines der Zentren von Assyrien. Assyrischen Überlieferungen nach soll sie um 1800 v. Chr. von der Göttin Ištar gegründet worden sein. Nach den Grabungsbefunden ist sie allerdings um Jahrhunderte älter.

Geschichte[Bearbeiten]

Befestigungsmauern mit den Toren. Zu sehen sind die Grabungshügel Kujundschik und Nebi Jenus.
Palastüberreste und Tempelanlage auf dem Kujundschik.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Das Gebiet der Stadt war bereits in der Hassuna- und Halafzeit besiedelt. Die frühesten Reste konzentrieren sich an der Mündung des Flusses Chusur in den Tigris. Weitere Siedlungsreste stammen aus der Uruk- und Ninive-5-Zeit. In der späten Uruk-Zeit hatte die Stadt bereits eine beträchtliche Ausdehnung; der italienische Archäologe Paolo Matthiae nimmt an, dass der gesamte Tell mit einer Fläche von 40 ha bewohnt war. Ergraben ist aber lediglich ein Teil des Ischtar-Tempels. Aus der Akkad-Zeit sind die ersten Stadtmauern nachgewiesen.

Altassyrische Zeit[Bearbeiten]

Šamši-Adad I. rühmt sich, die Emenue-Kapelle und die Zikkurat Ekitškuga, das Zentrum des Emašmaš (assyrisch Emešnešs), des zentralen Heiligtums der Ištar, renoviert zu haben. Dabei habe er eine Gründungsurkunde von Maništušu, dem Sohn Sargons von Akkad gefunden. Der Bau würde demnach aus der Zeit um 2300 v. Chr. stammen.

Nach dem Ende des altbabylonischen Reiches wurde Hammurabi von Babylon Schutzherr des Ištartempels, wie es in der Einleitung seiner Gesetzesstele berichtet wird.

Mittelassyrische Zeit[Bearbeiten]

Weitere Renovierungsarbeiten fanden in mittelassyrischer Zeit statt. Die Hauptstadt war damals noch Assur. Mutakkil-Nusku ließ nach einer Inschrift Tiglat-Pilesers I. den „Palast der vier Weltgegenden“ restaurieren. An seinen Türpfosten waren Bilder der wilden Tiere der Berge und des großen Meeres zu sehen, unter anderem ein Bild eines Seepferdes, das der König selber erlegt hatte. Die Türen bestanden aus Fichtenholz und waren mit Bronze beschlagen. Aššur-rēša-iši begann mit dem Bau eines Palastes, den aber erst sein Sohn Tiglat-Pileser vollendete. Seine Mauern waren mit glasierten Ziegeln in den „Farben von Obsidian, Lapislazuli und Alabaster“ verkleidet. Es handelt sich vielleicht um das bit kutalli in der Unterstadt. Tiglat-Pileser III. ließ auch die Stadtmauern von Ninive und einige Gebäude des Emašmaš wieder aufbauen. Die Mauern wurden mit einer Verkleidung aus Kalksteinplatten versehen. Auch baute er einen Kanal, um die Palastgärten mit Wasser des Chusurs zu versorgen. Sie lagen vermutlich unterhalb des Tells von Kujundschik. Die Bauinschriften von Tiglat-Pileser III. erwähnen auch Bauten von Šamši-Adad, Assur-uballit I. und Salmanassar I. Auch Assur-bel-kala baute einen Palast in Ninive, wie eine Inschrift von der berühmten Ištar-Statue aus Kalkstein berichtet. Die Statue (94 cm) befindet sich heute im Britischen Museum.

Neuassyrische Zeit[Bearbeiten]

Eine administrative und religiöse Hochblüte erlebte Ninive in der Zeit von 704 bis 681 v. Chr. unter Sanherib als Hauptstadt des neuassyrischen Reiches. Assurbanipal (669 bis 626 v. Chr.) erweiterte die Stadt und machte sie zum Mittelpunkt seines Reiches. Sanherib ließ einen 80 Kilometer langen Kanal bauen, um die Stadt mit Wasser zu versorgen, und ließ einen Staudamm errichten. In der Stadt, die mit doppelten Mauern mit Türmen umgeben war, entstanden prachtvolle Paläste, die reich mit Reliefs verziert waren. Auffallend ist, dass es sich dabei vorwiegend um Kampf-, Jagd- und Kultszenen handelt, während religiöse Darstellungen weniger häufig auftreten.

Gefangene feindliche Könige wurden am Tor von Ninive zur Schau gestellt.[1]

Am 10. August 612 v. Chr. wurde Ninive als dritte und letzte Hauptstadt Assyriens (nach Assur und Nimrud) von den Medern und Babyloniern zerstört.

Antike[Bearbeiten]

Griechische Quellen (Ktesias von Knidos) kennen eine Stadt Ninos, die von dem gleichnamigen mythischen Herrscher Ninos gegründet worden sein soll. Nach Strabo (Geographika 16, 2) lag Ninos in Aturien, einer Region, die jenseits von Arbela am anderen Ufer des Lykos liegt (16, 3). Diese Stadt wird allgemein mit Ninive identifiziert.

Bei den Ruinen von Ninive fand im Dezember 627 n. Chr. die Entscheidungsschlacht im letzten römisch-persischen Krieg statt (Schlacht bei Ninive).

Geschichte der Ausgrabungen in Ninive[Bearbeiten]

Herabnahme des Geflügelten Stieres während der Ausgrabung Layard

Zwischen 1808 und 1820 war Claudius James Rich, Resident der East India Company in Bagdad, viermal in Mosul. Dabei untersuchte Rich den Hügel von Kuyunjik, von dem er die erste ausführliche Beschreibung mit Plan erstellte, der für die nachfolgenden Ausgräber sehr wichtig war.

1842 wurde Ninive von Paul-Émile Botta wiederentdeckt und in Teilen ausgegraben. Da er nach drei Monaten Arbeit nichts in seinen Augen Erfolgversprechendes fand, wandte er sich nach Khorsabad. Die Zeit der ersten britischen Grabungen auf dem Tell Kujundschik (1845–1855) wurde durch Austen Henry Layard und C. Rassam eingeläutet. Während der ersten, überaus erfolgreichen Kampagne entdeckte man einige neuassyrische Tempel und Palastbauten.

Ende des 19. Jahrhunderts erregte die Entdeckung von Keilschrift-Tafeln mit der „biblischen“ Sintflut-Erzählung (Fragmente des Gilgamesch-Epos) durch George Smith großes Aufsehen und gab weiteren Ausgrabungen auf dem Tell einen Schub. Dadurch wurde eine regelrechte Jagd nach den Tafeln ausgelöst („tablet hunt“), der sich auch C. Rassams Bruder Hormuzd Rassam anschloss. Die Funde von Tontafeln stammen überwiegend aus der Bibliothek des Assurbanipal. Im frühen 20. Jahrhundert wurden die Ausgrabungen von dem Briten Richard Campbell Thompson fortgeführt. 1931–32 legten R. C. Thompson und Max Mallowan einen Tiefschnitt an, der die Schichten von Ninive 1 erreichte (heute als Hassuna-Zeit bekannt). Die Schichtenfolge des Tiefschnitts:

  • Ninive 5 - bemalte Keramik, frühdynastisch, 2900–2360 v. Chr.
  • Ninive 4 - Djemdet-Nasr-Zeit, entspricht Tepe Gaura X-VIII
  • Ninive 3 - Obed (Obed 3/4)
  • Ninive 2 - östliches Halaf
  • Ninive 1 - Hassunna

Während der Kampfhandlungen der beiden Weltkriege wurde der Tell Kujundschik wegen seiner strategisch günstigen Lage von türkischen beziehungsweise britischen Militärs als Basislager genutzt. Dennoch wird der im Krieg entstandene Schaden in der Forschung geringer als derjenige eingeschätzt, den Thompsons Ausgrabungen für die Archäologie bedeuten. Insgesamt ließ man während dieser umstrittenen Ära von Grabungen wenig Sorgfalt bei der graphischen Dokumentation architektonischer Überreste walten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es lange Zeit ruhig um Ninive, bis die irakische Altertumsverwaltung 1965 begann, Paläste und Tempel zu restaurieren und mehrere Rettungsgrabungen durchzuführen. Weite Bereiche wurden erneut aufgedeckt und zum Schutz der Reliefs überdacht. Die Regierung erklärte das gesamte Gelände innerhalb der Stadtmauern zum archäologischen Park und erließ ein striktes Bauverbot.

Die bisher letzten Grabungen zwischen 1987 und dem Ausbruch des Zweiten Golfkrieges unternahm ein amerikanisches Team unter der Leitung von David Stronach. Die irakische Antiquitätenverwaltung hat Teile der Stadtmauer und auch zwei Stadttore restauriert, zuletzt mit Unterstützung der amerikanischen Armee.

Architektur[Bearbeiten]

Südwest-Palast[Bearbeiten]

Austen Henry Layard entdeckte während seiner ersten Kampagne unter anderem den Palast des neuassyrischen Königs Sanherib, den sogenannten Südwest-Palast. Layard identifizierte dessen Erbauer durch Inschriften als „den Sohn des Erbauers von Chorsabad“. Obwohl Layard in seiner zweiten Kampagne große Teile des Palastes freilegen konnte und spätere Ausgrabungen weitere Bereiche im Nordwesten und Südwesten erschlossen, ist bisher nur gut die Hälfte des Gebäudes ausgegraben worden. Der Rest ist vermutlich nicht mehr vorhanden.

1904 begann Richard Campbell Thompson Ausgrabungen am Südwest-Palast, die er 1930 fortsetzte. Die Dokumentation seiner Ausgrabungen ist jedoch mangelhaft. So sind genaue Grundriss-Zeichnungen des Süd-West-Palastes den ersten Ausgräbern – vor allen A. H. Layard – zu verdanken. Die Ruine des Süd-West-Palasts haben irakische Archäologen in ein Museum integriert.

Nachleben[Bearbeiten]

Ninive in der Bibel[Bearbeiten]

Im Alten Testament der Bibel einschließlich der Apokryphen wird Ninive häufiger erwähnt. Als Erbauer Ninives wird in 1. Mose/Genesis 10,11 Nimrod, ein Enkel des Noah, erwähnt. 2 Kön 19,36 EU nennt es als Residenz des Assyrerkönigs Sanherib. Das Buch Nahum enthält Prophezeiungen über den Untergang[2] des als große Hure bezeichneten[3] Ninives, das Buch Jona berichtet von der Sendung des gleichnamigen Propheten nach Ninive. Im Buch Zefanja findet sich ein Fremdvölkerspruch gegen Ninive. Der Untergang der Stadt wird angekündigt:

„Auch Rohrdommeln und Eulen werden wohnen in ihren Säulenknäufen, das Käuzchen wird im Fenster schreien und auf der Schwelle der Rabe.“

Zef 2,14 EU

Die Stadt wird zum Spott der Vorübergehenden, die pfeifen und in die Hände klatschen aus Freude über ihre Zerstörung.

Auch der Prophet Nahum aus Elkosch beschreibt die bevorstehende Zerstörung. Die Stadt wird in Flammen aufgehen, die Einwohner durch das Schwert umkommen, während die Königin und die Jungfrauen hinweggeführt und das Volk über die Hügel zerstreut werden wird. Die Mauern des Palastes sollen durch die Wasser des umgeleiteten Flusses zerstört werden. Wie eine reife Feige wird die Stadt fallen, auch wenn sie sich noch so sicher fühlt.

„Siehe, ich will an dich, spricht der Herr Zebaoth; ich will dir den Saum deines Gewandes aufdecken über dein Angesicht und will den Völkern deine Blöße und den Königreichen deine Schande zeigen. Ich will Unrat auf dich werfen und dich schänden und ein Schauspiel aus dir machen, dass alle, die dich sehen, vor dir fliehen und sagen sollen: Ninive ist verwüstet; wer will Mitleid mit ihr haben?“

Nah 3,5-7 LUT

Ninive wurde nie wieder aufgebaut.

In späteren alttestamentlichen Schriften, im Buch Jona, das wahrscheinlich erst in hellenistischer Zeit entstanden ist, sowie den Büchern Tobit und Judit, die keineswegs älter sind, ist die Erinnerung an Ninive als Assyrerhauptstadt weitergeführt worden. Die Stadt steht nun als literarisches Symbol aller Großmächte, unter deren Vorherrschaft Israel stand (so bei Jona), bzw. als Hauptstadt der (negativ) idealisierten, Israel beherrschenden oder bedrohenden Großmacht (so bei Tobit und Judit). Dass die Stadt zum literarischen Topos für die bedrohliche Großmacht überhaupt geworden ist, zeigt sich im Buch Jona sowie im Buch Judit darin, dass das Ninive-Bild mit Elementen anderer Großmächte verbunden ist. Im Jona-Buch sind Elemente in das Ninivebild eingeflossen, die ursprünglich mit den Persern verbunden waren (Eingottglaube der Niniviten; gemeinsames Dekret des Königs und seiner großen Beamten; Einbeziehung der Tiere in die Buße); im Buch Judit ist Ninive, die Hauptstadt Assyriens, als Residenz Nebukadnezars dargestellt, der nicht König von Assyrien, sondern von Babylon war. Zugleich hat dieser einen Feldhauptmann mit dem persischen Namen Holofernes. Im Jona-Buch sind also mit Ninive die Elemente zweier Großmächte verbunden, mit denen Israel in seiner Geschichte zu tun hatte, der Assyrer und der Perser. Im Buch Judit ist Ninive als Residenz Teil eines Großmachtbildes, in das Elemente dreier Großmächte eingegangen sind, der Assyrer, der Babylonier und der Perser.

Ninive bei Schriftstellern des klassischen Altertums[Bearbeiten]

Xenophon beschrieb in der Anabasis (III 4, 10–12) die Ruinen von Ninive unter dem Namen Maspila, die er wohl selbst gesehen hatte, aber er verbindet sie mit der Herrschaft der Meder und der Eroberung durch Kyros II. Herodot (I. 178) berichtet von einer Stadt Ninos am Tigris, nach deren Fall der Sitz des Königtums nach Babylon verlegt worden sei.

Spätere Autoren wie Ktesias von Knidos berichten, Ninos sei durch den König Ninos gegründet worden (so wie Babylon durch Belos), wissen aber sonst wenig Konkretes zu berichten. Die Beschreibung des Grabmals des Ninos bei Diodor lässt vermuten, dass man zu dieser Zeit den ganzen Tell mit den Ruinen des Grabmals gleichsetzte. Strabo (Geographika 16, 2) berichtet von der Stadt Ninos, die von König Ninos, dem Gemahl der Semiramis, gegründet wurde. Sie war größer als Babylon und lag in Aturien, durch den Fluss Lykos von Arbela geschieden. Ninos wurde nach der Niederlage gegen die Meder zerstört.

Literatur[Bearbeiten]

Zu Archäologie und Geschichte der Stadt[Bearbeiten]

Zur Rolle Ninives in der Bibel[Bearbeiten]

  •  Walter Dietrich: Ninive in der Bibel. In: Theopolitik. Studien zur Theologie und Ethik des Alten Testaments. , Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 2002, ISBN 978-3-7887-1914-2..
  •  Meik Gerhards: Ninive im Jonabuch. In: Johannes Friedrich Diehl (u. a.) (Hrsg.): Einen Altar von Erde mache mir. Festschrift für Diethelm Conrad zu seinem siebzigsten Geburtstag. Hartmut Spenner, Waltrop (heute Kamern) 2003, ISBN 978-3899910100.

Zu Ninive bei Schriftstellern des Klassischen Altertums[Bearbeiten]

  •  Reinhold Bichler, Robert Rollinger: Die Hängenden Gärten zu Ninive – Die Lösung eines Rätsels?. In: Robert Rollinger (Hrsg.): Von Sumer bis Homer, Festschrift für Manfred Schretter zum 60. Geburtstag am 25. Februar 2004. Ugarit (Verlag Dr. Manfried Dietrich u. Dr. Oswald Loretz), Münster 2005, ISBN 978-3-934628-66-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ninive – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kathryn F. Kravitz, A last-minute revision to Sargon's Letter to the God. Journal of Near Eastern Studies 62/2, 2003, 81-95
  2. Nahum 2
  3. Nahum 3