Nord-Süd-Leitung

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Dieser Artikel behandelt eine in den 1920er Jahren errichtete Stromleitung.

Zu geplanten Hochspannungsleitungen im Rahmen der deutschen Energiewende siehe Südlink

C1-Mast der Nord-Süd-Leitung nordöstlich von Mannheim

Die Nord-Süd-Leitung (Rheinlandleitung) ist eine in den 1920er Jahren errichtete Verbundleitung für Drehstrom-Hochspannungs-Übertragung. Sie verbindet die Umspannanlage Brauweiler mit dem Vermuntwerk der Vorarlberger Illwerke, wurde zwischen 1924 und 1929 von der RWE erbaut und am 17. April 1930 in Betrieb genommen. Sie wurde auf der Spannungsebene 220 kV betrieben; als weltweit erste Verbundleitung wurde sie beim Bau teilweise für eine Betriebsspannung von 380 kV ausgelegt.

Sie ermöglichte es, die elektrische Leistung zwischen den entstehenden Höchstspannungsnetzen Nord- und Süddeutschlands bedarfsgerecht und wirtschaftlich zu verteilen und insbesondere Überkapazitäten der Wasserkraftwerke Vorarlbergs (Illwerke) und des Schluchseewerks für den hohen Energiebedarf des Ruhrgebiets zu nutzen. Durch die Nord-Süd-Leitung wurde „ein erster großer Entwicklungsabschnitt in der Errichtung des Parallelbetriebs und in der Integration der größten Netze zum Verbundsystem vollendet[1]

Die Nord-Süd-Leitung ist noch immer in Betrieb, wobei die Amprion (vormals RWE Transportnetz Strom) den gesamten nördlichen Teil und einen Großteil der südlichen Abschnitte der Leitung verwaltet. Einzelne Abschnitte in den Bereichen Sinsheim, Ludwigsburg und Ravensburg werden von der TransnetBW (ehemals Energie-Versorgung Schwaben) betrieben.

Geschichte[Bearbeiten]

Als Hugo Stinnes 1924 starb, hatte Arthur Koepchen (1878-1954, seit 1917 technischer Vorstand der RWE) den Plan für eine Hochspannungsleitung, um die rheinischen Kohlenkraftwerke mit den Wasserkraftwerken der Alpen zu verbinden und zugleich mit dem RWE zu expandieren.[2] Dadurch bahnte sich ein Konflikt mit dem Freistaat Preußen und der staatseigenen Preußischen Elektrizitäts AG an, die sich die Stromversorgung von Frankfurt am Main vom Kraftwerk Borken aus sichern wollten. Die Energieversorgungsunternehmen hatten zerstückelte Interessengebiete; sie versuchten die Leitungsführung jeweils anderer Unternehmens zu durchkreuzen, um zu verhindern, dass diese Großverbraucher aus dem Versorgungsgebiet abwarben bzw. abwerben könnten. Preußen verweigerte solange die Enteignungen und Genehmigungen für den Weiterbau ab dem Umspannwerk Kelsterbach und die Mainquerung, bis der Versorgungsvertrag geschlossen war. Der erste Teilabschnitt zwischen Neuenahr und Rheinau wurde 1926 zur Probe mit 110 kV in Betrieb genommen.[3] Der Konflikt wurde 1927 im sog. Elektrofrieden, in dem streitige Liefergebiete abgesteckt wurden, vorläufig beigelegt.[4]

Trassenverlauf[Bearbeiten]

Nord-Süd-Leitung (D-A-CH)
Bürs
Bürs
Lindau
Lindau
Herbertingen
Herbertingen
Tiengen
Tiengen
Hoheneck
Hoheneck
Mannheim-Rheinau
Mannheim-Rheinau
Pfungstadt
Pfungstadt
Marxheim
Marxheim
Wallersheim
Wallersheim
Bad Neuenahr
Bad Neuenahr
Brauweiler
Brauweiler
Trassenverlauf
Verlauf zwischen Herbertingen und Hoheneck

Südliche Teile[Bearbeiten]

Die Nord-Süd-Leitung beginnt im Umspannwerk Bürs bei Bludenz, führt über Lindau und durch Oberschwaben und trifft am Umspannwerk Herbertingen auf einen zweiten Strang, der von Tiengen her kommt. Die Leitung verläuft weiter über die Umspannwerke Ludwigsburg-Hoheneck und Mannheim-Rheinau zum Umspannwerk Pfungstadt. Im Landkreis Böblingen schlägt die Trasse einen großen Bogen um die benachbarten Städte Böblingen und Sindelfingen. Der ursprünglich geplante direkte Weg wurde untersagt, um den Verkehr auf dem damaligen Flughafen Böblingen nicht zu beeinträchtigen. Es kam in diesem Zusammenhang zu einem Rechtsstreit.[5]

Rhein-Main-Raum[Bearbeiten]

Nördlich von Pfungstadt führte die ursprüngliche Trasse in geringer Entfernung westlich am Flughafen Frankfurt am Main entlang über die Umspannwerke Kelsterbach und Marxheim. Dieser Abschnitt musste wegen der Nähe zum Flughafen aus Gründen der Luftverkehrssicherheit mehrmals geändert werden, zuletzt waren dort niedrige Maste mit Einebenenanordnung zu finden.

Für den Bau der Landebahn Nordwest des Frankfurter Flughafens wurde 2008 bis 2009 der Abschnitt der Nord-Süd-Leitung zwischen den Umspannwerken Pfungstadt und Marxheim vollständig abgebaut. Das Umspannwerk Kelsterbach wurde verlegt.

Eine mit 220 kV betriebene Direktverbindung zwischen den Umspannwerken Pfungstadt und Marxheim liegt auf der 380-kV-Trasse über Griesheim, Trebur und Bischofsheim.

Nördlicher Teil[Bearbeiten]

Vom Umspannwerk Marxheim verläuft die Trasse über Koblenz-Wallersheim und Bad Neuenahr nach Brauweiler bei Köln. In diesem Bereich wurde ein großer Teil der Originalmaste bereits durch andere Bauformen ersetzt.

Umbauten[Bearbeiten]

  • 1964 wurde ein Stromkreis der Sektion Ludwigsburg-Hoheneck–Herbertingen–Tiengen auf 380 kV umgestellt.
  • Im Abschnitt zwischen den Umspannwerken Ludwigsburg-Hoheneck und Mannheim-Rheinau wurde im Jahr 2003 ein Stromkreis entbehrlich; daher wurden auf diesem Teilstück zwischen dem 10. November und den 16. Dezember 2003 die beiden untersten Leiterseile demontiert, um eine bessere Nutzung des Platzes unter der Leitungstrasse zu ermöglichen. Aus statischen Gründen wurde ein vierter, jetzt spannungsloser Leiter als Ankerphase auf den Masten belassen.
  • Im September 2006 wurden einige Maste der Leitung Hoheneck–Herbertingen saniert, was teilweise zu einem ungewohnten Erscheinungsbild führte.
  • Die Leitung kreuzt die A6 westlich der Anschlussstelle Bad Rappenau auf sehr niedrigen Einebenenmasten und passiert das Dorf Grombach auf neueren Donaumasten, bevor sie westlich von Grombach wieder auf die C1-Originalmasten wechselt. Dieser Umbau wurde erforderlich, weil südlich von Grombach ein Autobahn-Behelfsflugplatz eingerichtet wurde.
  • Der Abschnitt zwischen Weißenthurm und Koblenz-Wallersheim wurde 2009 vollständig demontiert[6], der Abschnitt von Weißenthurm bis Bad Neuenahr 2011 durch eine 380/110 kV-Leitung ersetzt, sodass nördlich des Rhein-Main-Gebiets heute keine C1-Masten mehr existieren.

Verwendete Maste[Bearbeiten]

Die gesamte Leitung war ursprünglich auf Freileitungsmasten mit Dreiebenenanordnung installiert. Noch heute ist der südliche Teil der Leitung auf Originalmasten verlegt, mit Ausnahme der Sektion HeilbronnNeckarwestheim und einiger kurzer Abschnitte beispielsweise bei Grombach.

Für den 1926 in Betrieb genommene Sektion Bad Neuenahr–Koblenz–Kelsterbach–Mannheim-Rheinau–Ludwigsburg-Hoheneck wurde der C1-Mast, für die anderen Abschnitte Maste der Typen C2 und C3 verwendet, je nach erwarteter Eislast.

C1-Mast[Bearbeiten]

Der C1-Mast ist für zwei Drehstromkreise mit einer Spannung von 220 kV in Dreiebenenanordnung (Tonnenmast) ausgelegt, wobei die beiden unteren Traversen miteinander verstrebt sind. Sie waren auf den Teilstrecken zu finden, die zuerst gebaut und in Betrieb genommen wurden. Heute findet man die C1-Masten nur noch auf den Teilstücken von Pfungstadt über Mannheim-Rheinau nach Heilbronn sowie Neckarwestheim bis Hoheneck.

C2- und C3-Mast[Bearbeiten]

Die Tonnenmaste mit drei separaten Traversen können für Drehstromleitungen mit ein oder zwei Stromkreisen bis 380 kV verwendet werden. Sie ähneln einander in der Bauart und unterscheiden sich vor allem in der maximal zulässigen Eislast: Der C3-Typ ist für höhere Belastung ausgelegt. Noch heute existiert der größte Teil der C2-/C3-Masten.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bildergalerie der Nord-Süd-Leitung – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Nord-Süd Leitung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Norbert Gilson: Der Irrtum als Basis des Erfolgs. Das RWE und die Durchsetzung des ökonomischen Kalküls der Verbundwirtschaft bis in die 1930er Jahre, in: Helmut Maier (Hrsg.): Elektrizitätswirtschaft zwischen Umwelt, Technik und Politik: Aspekte aus 100 Jahren RWE-Geschichte 1898–1998, Freiberg 1999, S. 75.
  2. Udo Leuschner: Kurzschluß, Münster 2007, S. 268; ders.: Basiswissen RWE errichtete die erste „Verbundleitung“, abgerufen am 8. Februar 2014.
  3. Norbert Gilson: Der Irrtum als Basis des Erfolgs. Das RWE und die Durchsetzung des okonomischen Kalküls der Verbundwirtschaft bis in die 1930er Jahre, in: Helmut Maier (Hrsg.): Elektrizitätswirtschaft zwischen Umwelt, Technik und Politik: Aspekte aus 100 Jahren RWE-Geschichte 1898–1998, Freiberg 1999, S. 78.
  4. Norbert Gilson: Der Irrtum als Basis des Erfolgs. Das RWE und die Durchsetzung des okonomischen Kalküls der Verbundwirtschaft bis in die 1930er Jahre, in: Helmut Maier (Hrsg.): Elektrizitätswirtschaft zwischen Umwelt, Technik und Politik: Aspekte aus 100 Jahren RWE-Geschichte 1898–1998, Freiberg 1999, S. 82.
  5. Landesarchiv Baden-Württemberg
  6. Energie Mittelrhein vom 6. Februar 2009: Älteste deutsche Hochspannungsleitung wird abgebaut. Abgerufen am 3. Juni 2014.