Nordostpassage

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Die Strecke Westeuropa–Südkorea über die Nordostpassage (blau) im Vergleich zur Suez-Kanal-Route (rot)
Die Ausdehnung der arktischen Eisfläche im Jahr 2007 im Vergleich zu früheren Jahren

Die Nordostpassage ist ein Seeweg im Nordpolarmeer entlang der Nordküsten Europas und Asiens, vom Weißen Meer bis zur Beringstraße. Die Nordostpassage ist rund 6.500 Kilometer lang.

Geschichte[Bearbeiten]

Erste Erkundungen der Nordostpassage fanden im 16. Jahrhundert durch englische und niederländische Seefahrer wie Willem Barents statt, scheiterten jedoch im Packeis. Nach drei erfolglosen Expeditionen in den Jahren 1594 bis 1596 unternahmen die Niederländer vorerst keine weiteren Versuche, die Passage zu finden. Anfang des 17. Jahrhunderts gelangten russische Robbenjäger und Händler bis zum Kap Tscheljuskin; 1648 umsegelten Semjon Deschnjow und F. A. Popow die Tschuktschen-Halbinsel. Andere sibirische Küstenabschnitte wurden ab 1733 im Verlauf der Zweiten Kamtschatkaexpedition von Vitus Bering erforscht.

Der Berner Samuel Engel (1702–1784) schrieb geografische Abhandlungen zur Möglichkeit einer Nordostpassage.

Durchquerung[Bearbeiten]

Die erste Gesamtdurchfahrt, mit einer Überwinterung, gelang Adolf Erik Nordenskiöld 1878/79. Erst 53 Jahre später (1932) gelang dem Eisbrecher Alexander Sibirjakow die erste Durchfahrt ohne Überwinterung. Daraufhin richtete die Sowjetunion die Hauptverwaltung Nördlicher Seeweg ein. Im Sommer 1940 drang der deutsche Hilfskreuzer Komet mit Hilfe russischer Eisbrecher durch die Nordmeerpassage in sein Operationsgebiet im Pazifik vor. In den 1950er und 1960er Jahren wurde der Seeverkehr durch Anlage der Häfen Dikson, Tiksi, Pewek und Prowidenija systematisch ausgebaut und die Schifffahrtsperiode durch den Einsatz leistungsfähiger Eisbrecher verlängert. So benötigte im Mai/Juni 1978 der Atomeisbrecher Sibir 18 Tage für den Weg von Murmansk bis zur Beringstraße.

Der Westteil (Abschnitt Karasee mit den Häfen Murmansk, Archangelsk, Dudinka bei Norilsk) ist heute fast ganzjährig befahrbar, transportiert werden vor allem Erze westwärts und Versorgungsgüter ostwärts. Im östlichen Abschnitt (Nordwik, Tiksi, Pewek) ist die Durchfahrtmöglichkeit durch schwer zu passierende Packeisabschnitte eingeschränkt, so dass das Transportaufkommen 1989 nur etwa ein Zehntel des westlichen Abschnitts betrug und die Häfen hauptsächlich aus dem Osten versorgt werden.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion führte wegen der relativ hohen Transportkosten (vor allem Eisbrecher, Eisaufklärung) unter marktwirtschaftlichen Bedingungen zu einem Rückgang des Schiffsverkehrs, so dass der Nördliche Seeweg zwischenzeitlich praktisch nicht genutzt wurde, mit gravierenden Folgen für an ihm gelegene Städte wie Tiksi, die seitdem darniederliegen und sich zunehmend entvölkern.

Klimatische Veränderungen könnten die Durchfahrt wieder wirtschaftlich werden lassen: Der Seeweg zwischen Europa und Asien (RotterdamTokio) durch den Sueskanal beträgt 21.100 Kilometer, der Weg durch die Nordwestpassage hat eine Länge von 15.900 Kilometern, wohingegen die Route durch die Nordostpassage mit nur 14.100 Kilometern die kürzeste ist. Die Nordost- und die Nordwestpassage waren Ende August 2008 erstmals gleichzeitig eisfrei.[1] Auch in den Folgejahren war die Nordostpassage stets für einige Wochen zwischen August und Anfang Oktober eisfrei, wobei sich die Dauer der Passierbarkeit immer weiter auszuweiten scheint.

Die Menge der durch die Nordostpassage transportierten Güter nahm von 2010 auf 2011 um mehr als das siebenfache auf 820.000 Tonnen zu. Bei der Fahrt eines chinesischen Eisbrechers vom Pazifik nach Island zu Erkundungszwecken im August 2012 wurde weniger Eis angetroffen als erwartet, so dass für die Rückfahrt eine näher am Nordpol vorbeiführende Route gewählt wurde.[2]

In der Schifffahrtssaison 2013 wurden 71 kommerzielle Fahrten durch die Nordostpassage gezählt, über siebenmal so viele wie 2010.[3]

Die in Bremen ansässige Beluga-Reederei hat 2009 erstmals mit zwei Handelsschiffen die Nordostpassage genutzt und so gegenüber der traditionellen Route durch den Suezkanal und das Mittelmeer 5.400 km Seestrecke eingespart. Die am 21. August 2009 von Wladiwostok aufgebrochenen Schiffe Beluga Fraternity und Beluga Foresight haben nach Reederei-Angaben Eisklasse E3 und seien für das nördliche Gewässer geeignet. Auf dem Weg nach Europa wurde ein Zwischenstopp im sibirischen Hafen Nowy Port eingelegt. Geführt wurden die Schiffe von russischen Kapitänen.[4][5][6]

Im Juli 2010 durchfuhren erstmals zwei Tanker der russischen Reederei Sowkomflot die Nordostpassage. Die beiden Schiffe Warsuga und Indiga wurden von Wladiwostok nach Pewek in Ostsibirien von einem Eisbrecher begleitet.[7] Insgesamt haben 2010 zehn Schiffe die Möglichkeit zur Passage genutzt. 2011 waren es bereits 34 Schiffe mit 0,8 Mio Tonnen Ladung und im Jahr 2012 wurden 46 Schiffe mit 1,26 Mio. Tonnen gemeldet. Über die Eisbrecherbegleitung, Versicherungsprämien plus Risikozuschläge dieser Reisen gibt es keine Informationen. Die russischen Behörden berechnen eine Gebühr.[8]

Zwischenzeitlich wurde der Ausbau der Nordostpassage zu einer bedeutenden Verkehrsader auch zu einem offiziellen Ziel der russischen Regierung erklärt. Ende 2011 wurde ein neues Gesetz zur Klärung des rechtlichen Rahmens der künftigen Nutzung verabschiedet. Außerdem wurden erhebliche Investitionen in die Modernisierung und Erweiterung der Eisbrecherflotte sowie die begleitende Infrastruktur der Schiffsroute (wie z. B. die Anschaffung moderner Kommunikations- und Navigationsmittel) beschlossen.[9] Der Hafen Sabetta wird seit 2013 errichtet; er soll dem Export von Flüssiggas dienen.

Im Sommer 2014 soll das Expeditionsschiff Hanseatic von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten als erstes nicht russisches Passagierschiff die Nordostpassage bewältigen. Im Jahr darauf soll auch die Bremen diesen Seeweg befahren.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Andreas Knudsen: Die Nordostpassage – Möglichkeiten und Herausforderungen. In: Schiff & Hafen, Heft 11/2010, S. 12–14, Seehafen-Verlag, Hamburg 2010, ISSN 0938-1643
  • Andreas Knudsen: Nördlicher Seeweg – Potentiale für die künftige Nutzung. In: Schiff & Hafen, Heft 04/2013, S. 16–18, Seehafen-Verlag, Hamburg 2010, ISSN 0938-1643

Film[Bearbeiten]

  • Wolfgang Mertin: 360° – Geo Reportage. Arktis – Die Route der Atomeisbrecher. Frankreich, Deutschland, 2008, 43 Min. (Der Film hat einen Polarfrachter aus Archangelsk von West nach Ost durchs Eismeer begleitet und dabei auch einen Blick ins Innere eines der acht größten russischen Atomeisbrecher zeigen können.)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Spiegel: Nordost- und Nordwestpassage erstmals gleichzeitig eisfrei
  2. Chinas Debüt in der Arktis. In: Täglicher Hafenbericht vom 22. August 2012, S. 14
  3. Mit Schiffen durch das schmelzende Eis der Arktis. In: Neue Zürcher Zeitung vom 7. Januar 2014, S. 23
  4. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,649639,00.html
  5. 20 Minuten: Eismeer-Passage erstmals befahren
  6. Mannheimer Morgen 22. August 2009: Schiffe nehmen Kurs durch Nordostpassage
  7. Öltanker durchqueren erstmals Nordostpassage auf ORF am 18. Juli 2010 abgerufen am 18. Juli 2010
  8. Henning Sietz: Das Schiff, das aus der Kälte kam. faz.net, 9. Juni 2013, abgerufen am 27. August 2013
  9. Gerit Schulze: Verkehrsströme auf Russlands Nordostpassage wachsen. In: Germany Trade & Invest, 8. Dezember 2011, abgerufen am 27. August 2013

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Nordostpassage – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien