Norman Davies

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Historiker Norman Davies. Zum Geistlichen und Ägyptologen siehe Norman de Garis Davies.
Norman Davies in Berlin (2013)

Norman Davies (* 8. Juni 1939 in Bolton, Lancashire, England) ist ein britisch-polnischer Historiker walisischer Herkunft. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Geschichte Polens, darüber hinaus wurde er im englischsprachigen Raum mit umfangreichen Gesamtdarstellungen zur Geschichte Europas, insbesondere der britischen Inseln, bekannt.

Akademische Laufbahn[Bearbeiten]

Davies studierte am Magdalen College der University of Oxford Geschichte bei K. B. McFarlane, Alan J. P. Taylor und John Stoye.[1] Nach Aufenthalten in Grenoble und Oxford wollte Davies in der Sowjetunion für eine Dissertation forschen, erhielt jedoch kein Visum. Ersatzweise ging er daraufhin an die Krakauer Jagiellonen-Universität. Hier forschte er zur Geschichte des Polnisch-Sowjetischen Kriegs; da dieser Krieg als solcher von der damaligen kommunistischen polnischen Herrschaft und Wissenschaft verleugnet wurde, tarnte er die Arbeit mit dem Titel „Die britische Außenpolitik gegenüber Polen 1919-1920“. Nachdem er damit 1973 in Krakau promoviert hatte, erschien der englische Text unter dem Titel White Eagle, Red Star. The Polish-Soviet War 1919-20. Nach der Rückkehr aus Polen studierte er am St Antony’s College in Oxford und promovierte bei Harry Willetts.[2]

Ab 1971 lehrte Davies osteuropäische Geschichte an der University of London (School of East European and Slavonic Studies, SSEES); von 1985 bis 1996 als ordentlicher Professor. Eine 1986 bereits vertraglich vereinbarte feste Professur an der Stanford University wurde ihm versagt, begründet mit nicht genauer benannten wissenschaftlichen Mängeln seiner Arbeit.

Davies lehrte außerdem als Gastprofessor an zahlreichen Universitäten weltweit. Seit 1996 ist er emeritiert und Fellow am Wolfson College in Oxford. Einer seiner Schüler ist Roger Moorhouse.

Werke[Bearbeiten]

Norman Davies, Warschau (Polen), 28. März 2007

Das Werk, das Davies in der englischsprachigen Welt bekannt machte, war eine 1981 erschienene zweibändige Gesamtdarstellung der polnischen Geschichte unter dem Titel God’s Playground, die bis heute als Standardwerk gilt. Vor dem Hintergrund der damaligen Ereignisse in Polen erschien 1984 eine einbändige, essayistischere Geschichte Polens unter dem Titel Heart of Europe. In Polen wurde Davies mit God's Playground schlagartig populär, obwohl - oder gerade weil - das westliche Werk damals nur im Samisdat erscheinen konnte.

In den 1990er Jahren veröffentlichte Davies zwei monumentale Bände über die Geschichte Europas (1996) und der britischen Inseln (1999). In beiden setzt er sich zum Ziel, eingefahrene Fixierungen in der Geschichtswissenschaft zu revidieren und die Geschichte der „Peripherien“ gleichberechtigt zur Geltung zu bringen.

Anders als in Polen, wo auch die letzten beiden Bände zu Bestsellern wurden, wurde Davies im deutschsprachigen Raum lange kaum beachtet und übersetzt. Erst 2000 erschien eine Übersetzung von Heart of Europe zur Frankfurter Buchmesse, auf der Polen damals Gastland war. 2002 verfasste Davies gemeinsam mit seinem ehemaligen Assistenten Breslau. Die Blume Europas, eine Geschichte die zeitgleich in deutscher, polnischer und englischer Sprache erschien. Auch Davies' Buch über den Warschauer Aufstand 1944 wurde umgehend ins Deutsche übertragen.

In dem späteren Werk Europe at War 1939-1945: No Simple Victory (2006) versuchte Davies die Wahrnehmung des Zweiten Weltkrieges seitens der westlichen Alliierten zu korrigieren. Er zeigte die für die deutsche Niederlage ausschlaggebende Rolle der Ostfront und der Sowjetunion ebenso auf wie den amoralisch-totalitären Charakter der stalinistischen UdSSR. Das Bündnis Stalins mit Hitler 1939 erlaubte es beiden, Polen innerhalb weniger Wochen unter sich aufzuteilen und dann fast zwei Jahre lang einvernehmlich zu besetzen.

Kritik[Bearbeiten]

Davies wurde vorgeworfen, in der Darstellung der Konflikte Polens mit den Nachbarstaaten Russland, Litauen, Ukraine, Preußen bzw. Deutschland oder den einheimischen Minderheiten, insbesondere Juden polnische Standpunkte zu rechtfertigen und Kritik an ethnischen Säuberungen zu relativieren.[3] Er mache sich die polnische Klage darüber zu eigen, dass in der Darstellung des Zweiten Weltkriegs der Holocaust einen so zentralen Platz einnähme, dass das Leiden der Polen im Vergleich dazu bagatellisiert werde. Seine Darstellung lasse den auch den Polen gegenüber zu erhebenden Vorwurf des Antisemitismus als unberechtigt erscheinen.

Theodore K. Rabb warf Davies vor, er habe in seinem Buch Europe: A History der Kooperation von Juden mit polnischen Sicherheitskräften bei gewaltsamen Übergriffen und Vertreibungen nach dem Krieg zu viel Raum eingeräumt und damit die Einmaligkeit des Holocaust negiert.[4]

Seine teilweise polemisch vertretene Position brachte Davies selbst den Vorwurf des Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus durch Lucy Dawidowicz und Abraham Brumberg ein und führte unter dem Druck der Anti-Defamation League 1986 dazu, dass ihm eine bereits vertraglich vereinbarte feste Professur an der Stanford University mit einer Stimme Mehrheit durch die Fakultätsversammlung kurzfristig wieder entzogen wurde.[5] Die offizielle Begründung hob hervor, dass dies nicht wegen seiner politischen Position erfolgt sei, sondern aufgrund von „manner and substance of his academic interpretation of historical events occurring some 40 years earlier“. Davies verklagte die Universität daraufhin wegen Diskriminierung aus politischen Gründen, Vertragsbruch und Rufschädigung; die Klage wurde 1989 und erneut 1991 abgewiesen, da sich das Gericht als nicht zuständig für Gastprofessoren erklärte.[6]

Ehrungen[Bearbeiten]

Norman Davies erhielt mehrere Ehrungen und Auszeichnungen, unter anderem der British Academy, und ist Fellow der Royal Historical Society.[7] Insbesondere in und von Polen wurde er geehrt, so wurde ihm unter anderen 2004 der Sankt-Stanislaus-Orden der 1. Klasse verliehen, zudem Ehrendoktorwürden der Universitäten von Lublin und Danzig, die Mitgliedschaft in einer der Polnischen Akademien sowie Ehrenbürgerwürden in Lublin and Krakau. 2009 wurde Davies mit dem Internationalen Brückepreis ausgezeichnet. 2013 erhielt er die Erasmus Medal der Academia Europaea. Am 04. Juli 2014 erhielt er die polnische Staatsangehörigkeit. Er betonte, man könne ebenso Pole und Europäer sein wie auch Pole und Brite.[8]

Schriften[Bearbeiten]

  • 1972: White Eagle, Red Star: The Polish-Soviet War, 1919-20. London: MacDonald. ISBN 0-356-04013-5 (Neuauflage 2004, London: Pimlico, ISBN 0-7126-0694-7)
  • 1977: Poland, Past and Present. A Select Bibliography of Works in English.
  • 1981: God's Playground. A History of Poland. Vol. 1: The Origins to 1795, Vol. 2: 1795 to the Present. Oxford: Oxford University Press. ISBN 0-19-925339-0 / ISBN 0-19-925340-4. Ab 2005: God's Playground in deutscher Übersetzung.
  • 1984: Heart of Europe. A Short History of Poland. Oxford: Oxford University Press. ISBN 0-19-285152-7 (deutsch unter dem Titel: Im Herzen Europas. Geschichte Polens. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-46709-1).
  • 1991 (mit Antony Polonsky): Jews in Eastern Poland and the U.S.S.R., 1939-46. Houndmills: Palgrave Macmillan. ISBN 0-333-49128-9
  • 1996: Europe. A History. Oxford: Oxford University Press. ISBN 0-19-820171-0
  • 1999: The Isles. A History. Oxford: Oxford University Press. ISBN 0-19-513442-7
  • 2001: Smok Wawelski nad Tamizą. Eseje, polemiki, wykłady, hrsg. v. Andrzej Pawelec. Warszawa: Znak. ISBN 83-240-0015-1
  • 2002 (mit Roger Moorhouse): Microcosm. Portrait of a Central European City. London: Jonathan Cape. ISBN 0-224-06243-3 (deutsch unter dem Titel: Breslau. Die Blume Europas. Geschichte einer mitteleuropäischen Stadt. : Droemer-Knaur, München 2005, ISBN 3-426-27362-4)
  • 2004: Rising '44. The Battle for Warsaw. ISBN 0-333-90568-7 (dt. u.d.T. Aufstand der Verlorenen. Der Kampf um Warschau 1944. München: Droemer. ISBN 3-426-27243-1)
  • 2006: Europe at War. 1939 - 1945: No Simple Victory. Houndmills: Macmillan. ISBN 0-333-69285-3 (deutsch unter dem Titel: Die Große Katastrophe. Europa im Krieg 1939-1945. Droemer, München 2009, ISBN 978-3-426-27496-5)
  • 2006: Europe East and West: A Collection of Essays on European History . London: Jonathan Cape. ISBN 0-224-06924-1.
  • 2011: Vanished Kingdoms. The History of Half-Forgotten Europe. Allan Lane, London, ISBN 978-1-84614-338-0.
    • 2013: deutsch: Verschwundene Reiche. Die Geschichte des vergessenen Europa. Theiss, Darmstadt, ISBN 978-3-8062-2758-1.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. N. Davies, Verschwundene Reiche, S. 17.
  2. N. Davies, Verschwundene Reiche, S. 17.
  3. Benjamin Schwarz, „God's Playground by Norman Davies“, The Atlantic, December 2002 [1]
  4. Anne Applebaum, Against the old chlichés, The New Criterion, Mai 1997, online: http://www.newcriterion.com/articles.cfm/oldcliches-applebaum-3340
  5. New York Times, 13. März 1987
  6. http://news.stanford.edu/pr/91/910905Arc1210.html Website der Stanford-Universität
  7. http://www.royalhistoricalsociety.org/rhsfellows.htm „Fellows of the Royal Historical Society, D - F“ (MS-Word-Dokument)
  8. Prof. Norman Davies erhielt die polnische Staatsangehörigkeit, wp.pl (polnisch)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Norman Davies – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien