Norwegendebatte

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Winston Churchill

Norwegendebatte (engl. Norway Debate) oder auch Narvikdebatte (engl. Narvik Debate) bezeichnet eine parlamentarische Krise im britischen Unterhaus (House of Commons) während des Zweiten Weltkriegs. In den am 7. und 8. Mai 1940 stattgefundenen Parlamentssitzungen wurden der konservativen Regierung strategische Versäumnisse angelastet, die zur Besetzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht führten. Unmittelbares Ergebnis der Debatte war der Sturz der Regierung Neville Chamberlains (1937-40) und die Bildung eines Kriegskabinetts unter Winston Churchill (1940-45) am 10. Mai.

Hintergrund[Bearbeiten]

Historischer Hintergrund der Norwegendebatte bildet der beginnende Zweite Weltkrieg in Europa. Großbritannien und Frankreich, die Garantiemächte Polens, hatten dem Deutschen Reich als Antwort auf den Überfall auf Polen am 3. September 1939 den Krieg erklärt, sich aber in den folgenden Monaten militärisch passiv verhalten (Sitzkrieg). Winston Churchill, nach Kriegsausbruch als Erster Lord der Admiralität von Premierminister Neville Chamberlain in die Regierung berufen, plante, das Deutsche Reich von den kriegswichtigen schwedischen Erzlieferungen abzuschneiden. Da diese hauptsächlich über den norwegischen Hafen Narvik abgewickelt wurden, wollte er das Land, ungeachtet seiner Neutralität, durch britische Truppen besetzen lassen (Operation Wilfred). Mit Beginn des Unternehmens Weserübung am 9. April 1940, kam die deutsche Wehrmacht den britischen Landungstruppen zuvor.

Verlauf[Bearbeiten]

Am 7. Mai erstattete Premierminister Chamberlain vor dem Unterhaus Bericht über die aktuelle militärische Lage in Norwegen. Als er erklärte, dass man die alliierten Brückenköpfe in Mittelnorwegen aufgrund der deutschen Luftherrschaft nicht erweitern, sondern aufgeben musste, entspann sich eine heftige Debatte. Angesichts der angespannten militärischen Lage warfen ihm sowohl Abgeordnete seiner eigenen Regierungsfraktion (Leopold Amery, Duff Cooper, Roger Keyes) als auch Abgeordnete der Liberalen (David Lloyd George) und der Labour-Opposition (Clement Attlee) unzureichende Planung und Vorbereitung sowie mangelhafte Durchführung des Norwegenunternehmens vor. Schließlich verbreiterten sie den Fokus ihrer Kritik auf die gesamte Kriegsführung und die gescheiterte Appeasement-Politik und überhäuften die konservative Regierung mit scharfen Versäumnis-Vorwürfen. Der konservative Abgeordnete Leopold Amery beendete seine Rede mit dem Aufruf: "Sie sind hier zu lange geblieben für das Gute, das Sie hier getan haben. Gehen Sie, sage ich Ihnen! In Gottes Namen, gehen Sie!" (You have sat too long here for any good you have been doing. Depart, I say, and let us have done with you. In the name of God, go!).[1]

Am Tag des deutschen Angriffs im Westen (10. Mai) gipfelte die Debatte in einer Rebellion großer Teile der Regierungsfraktion gegen ihre eigene Regierung. Bei der Abstimmung über den Antrag zur Einführung der Zensur - de facto, wenn auch nicht formal eine Vertrauensfrage - stimmten 30 Konservative mit der Opposition und 60 enthielten sich der Stimme. Die Majorität ging von 200 auf 80 Stimmen zurück. Da sich Liberale und Labour weigerten, in einem erweiterten Kabinett mitzuarbeiten, reichte Chamberlain seinen Rücktritt ein. Nachfolger wurde Winston Churchill, der zuvor bereit gewesen war, seinen Teil an der Verantwortung für die Norwegenoperation zu übernehmen, aber in der Öffentlichkeit als entschiedener Gegner der bisherigen Politik galt. Mit Clement Attlee und Ernest Bevin traten nun führende Mitglieder der Labour-Party in das neue Kriegskabinett ein, das sich auf eine Allparteienkoalition stützen konnte.

Originaltext der Debatte[Bearbeiten]

Der Originaltext der Debatte ist einsehbar in Hansard (Stenographische Protokolle der britischen Parlamentssitzungen): Fünfte Serie, Band 360, Spalten 1073–1196 und 1251–1366.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Raymond Cartier: Der Zweite Weltkrieg 1939/41 Band 1 München 1967, S. 103