Notitia dignitatum

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Seite aus der Notitia Dignitatum die Einheitsbezeichnung und Schildemblem der Truppen (Comitatenses) unter dem Kommando des magister equitum (OB der Kavallerie) darstellt.

Die Notitia Dignitatum ist die Kopie eines mehrfach ergänzten römischen Staatshandbuches bzw. von Listen unterschiedlicher Zeitstellung, das in seiner heutigen Textgestalt vermutlich zwischen 425 und 433 entstanden ist. Allerdings ist anzunehmen, dass die Aufzeichnungen im Kern auf das Jahr 395 zurückgehen bzw. auf noch ältere Quellen zurückgreifen. Der Text gewährt einen Überblick über die administrative Gliederung des spätantiken Römischen Reiches, die militärischen und zivilen Dienststellen sowie die Verteilung der Einheiten des Heeres in der West- und Osthälfte des Reiches.

Überlieferungsgeschichte[Bearbeiten]

Schildbemalung der Legio Secunda Brittannica im frühen 5. Jahrhundert

Die Notitia Dignitatum wurde nur in einer einzigen Handschrift überliefert. Seit dem 9. oder 10. Jahrhundert werden in der Bibliothek des Speyerer Domstifts, im sog. Codex Spirensis, drei Abschriften aus der Antike aufbewahrt, die

  • Notitia Dignitatum selbst, in weiterer Folge eine
  • Weltkarte des Castorius, ein Straßen- und Ortsverzeichnis, in dem auch der Verlauf des Oberrheines in der Antike und die Lage des Kastells Noviomagus und seinen Nachbarorten dargestellt ist und das
  • Itinerarium Antonini, eine Straßenkarte aus der Zeit Kaiser Caracallas.

Der Codex Spirensis wurde zunächst während des Konzils von Basel (1431–1437) von italienischen Humanisten entdeckt, geriet danach aber wieder in Vergessenheit, bis ihn Beatus Rhenanus um 1525 in der Speyerer Dombibliothek wiederfand. Er ging um 1672 endgültig verloren, allerdings blieben vier Abschriften erhalten, diese befinden sich heute in:

Die maßgebliche Ausgabe der Notitia Dignitatum wurde 1876 von Otto Seeck publiziert.

Bezeichnung[Bearbeiten]

Der Name leitet sich aus dem Textanfang des Dokumentes ab: Notitia dignitatum continet omnium tam civilium quam militarium dignitatum utriusque imperii occidentis orientisque („Aufzeichnung der Würdenträger, enthält alle Würdenträger, sowohl die zivilen als auch die militärischen, des westlichen und des östlichen Reiches“).

Entstehung und Zweckbestimmung[Bearbeiten]

Solidus des Johannes

In der Forschung noch immer umstritten sind Entstehungsumstände und Zweck der Notitia dignitatum. Man ist sich weitgehend nur darin einig, dass ihr Ost-Teil in der heute noch existierenden Fassung wohl um die Jahre 399 und 401 entstand. Die östliche Notitia hat dann wahrscheinlich als Modell für die Abfassung ihres westlichen Teils gedient. Während der Ost-Teil seitdem unverändert blieb, ist der West-Teil noch bis in die 420er Jahre offenbar mehrmals provisorisch überarbeitet worden.

Die Notitia wurde vom primicerius notariorum, dem ersten Notar des Reiches, geführt und aufbewahrt. Zu dessen Aufgabe zählte es u. a. Ernennungsurkunden auszustellen. Bei Änderungen der bürokratischen und militärischen Strukturen im Reich wurden von ihm die dafür nötigen Korrekturen vorgenommen.[1] Nach dem Tod des Honorius im August des Jahres 423 wurde im Herbst desselben Jahres mit Hilfe des Flavius Aëtius für einige Monate ein gewisser Johannes neuer Kaiser im Westen. Johannes hatte, als einziger der Imperatoren vor und nach ihm, zuvor das Amt des primicerius notariorum innegehabt, also jenes, das u. a. auch für die Truppenlisten und die Ernennungsschreiben der Militärbefehlshaber zuständig war. Zu diesem Beamten auf dem Kaiserthron würde die Notitia Dignitatum gut passen. So bleibt die Vermutung, dass sie in ihrer (für den Westen) letztmals aktualisierten Fassung als Geschenk für Johannes anlässlich seiner Thronbesteigung am 20. November 423 dienen sollte, doch ist diese vor allem von Ralf Scharf vertretene These in der Forschung umstritten und letztlich auch kaum zu beweisen. Da die Notitia Dignitatum in ihrer vorliegenden Form ein Dokument der Einheit von Ostrom und Westrom darstellt, ist auch ein Zusammenhang mit der Einsetzung des Kaisers Valentinian III. (425 bis 455) durch den Ostkaiser Theodosius II. denkbar, da unter diesen beiden blutsverwandten Herrschern die Zusammengehörigkeit beider Reichshälften wieder stärker in den Vordergrund trat. So hat Gianfranco Purpura 1992 vorgeschlagen, die Notitia Dignitatum als Geschenk des Theodosius II. an seinen jungen Vetter und Kaiserkollegen zu dessen 10. Geburtstag anzusehen; und Peter Brennan meinte 1996 sogar, den Prätorianerpräfekten Macrobius Ambrosius Theodosius als Verfasser identifiziert zu haben.

Zusammensetzung[Bearbeiten]

Das Werk setzt sich aus der notitiae dignitatum tam civilium quam militarium in partibus orientis bzw. occidentis, also zwei Verzeichnissen aller zivilen und militärischen Würden des west- bzw. oströmischen Reichsteils, zusammen. Diese beiden Teildokumente können als eine Art administratives Nachschlagewerk in modernem Sinne angesehen werden, das dem Leser einen Einblick in die Organisation und Hierarchie der zivilen und militärischen Dienststellen gewährt. In den einzelnen Kapiteln werden die Titel des Beamten, sein Zuständigkeitsbereich, sein Verwaltungspersonal sowie bei den Militärs auch die Einheiten und Standorte genannt. Die Aufzählung erfolgt gemäß dem Rang des jeweiligen Amtes innerhalb der Hofgesellschaft und nach einem geografischen Prinzip.

Inhalt[Bearbeiten]

Die Schildzeichen der Einheiten unter dem Kommando des Magister Militum Praesentalis I (Ostreich).

Der Text gibt einen Überblick über die administrative Gliederung des spätantiken Römischen Reiches, die militärischen und zivilen Dienststellen sowie die Verteilung der militärischen Einheiten in der West- und Osthälfte des Reiches.

Die Notitia ist reich illustriert und zeigt unter anderem die Schildmuster der einzelnen militärischen Einheiten sowie stilisierte Ansichten von Städten und Kastellen. Die vier bekannten und erhaltenen mittelalterlichen Abschriften geben auch die reichhaltigen farbigen Abbildungen wieder, die wahrscheinlich weitgehend denen des Originals entsprechen, aber aufgrund von Missverständnissen auch einige Fehler und Anachronismen enthalten. Die Angaben über die Osthälfte des Reiches dürften den Stand von 395, in etwa um den Tod von Kaiser Theodosius I., wiedergeben. Für die Westhälfte wurden Änderungen bis 408 genau dokumentiert, abschnittsweise wurden diese noch bis 422 vorgenommen. Als Quelle für die Spätantike ist der Text dennoch von großem Wert, auch wenn noch viele Details umstritten sind – unter anderem hat man den Umstand, dass auch Britannien noch aufgelistet wird, als Hinweis darauf verstehen wollen, dass die Römer die Insel auch nach dem Abzug ihrer Truppen im Jahr 410 noch als Teil des Imperiums betrachtet haben.

Heereslisten[Bearbeiten]

Für die mobilen Feldarmeen (comitatenses) wurden in der Notitia Dignitatum zwei Listen angelegt. Die erste zählt die jeweiligen Regimenter (numeri) und ihre obersten Befehlshaber, dem magister peditum (Infanterie) und dem magister equitum (Reiterei), die zweite (distributio numerorum) listet deren Stationierungsorte und Abschnittskommandeure auf.[2] Ein großes Problem ist das fast völlige Fehlen von Mengenangaben, sodass eine genaue Schätzung über die damalige Größe der Armee unmöglich ist und daher nur für das späte 4. Jahrhundert halbwegs zutreffende Angaben gemacht werden können. Auch sind die Probleme in puncto Auswertung bzgl. der Verwaltungs- und Militärorganisation der Grenzprovinzen im Alpen-Donau-Raum bis dato noch nicht zufriedenstellend gelöst worden. Neuere Forschungen brachten zutage, dass die Angaben über die Feldarmeen des Westreiches (palatini und comitatenses) wahrscheinlich dem Sollbestand der Jahre zwischen 420–425 nahekommen, jedoch die Aufzeichnungen die das östliche Heer betreffen ab dem Jahr 395 wohl nicht mehr gegolten haben. Nur die Liste der ostillyrischen Heeresgruppe wurde zwischen 396 und 410 noch einmal aktualisiert.[3] Auch die Listen der Grenztruppen (limitanei) an der Donau weisen unterschiedliche und oft widersprüchliche Eintragungen auf. Es ist auch fraglich ob die Listen der norisch-pannonischen Limitanei über die Jahre 375–378 hinausreichen.

Die Auswertung der o.a. Listen lässt vermuten, dass das weströmische Heer nach der Katastrophe von 406 die meisten Verluste hinnehmen musste.[4] Fast die Hälfte der ursprünglichen westlichen Einheiten dürften in den Auseinandersetzungen des frühen 5. Jahrhunderts aufgerieben worden sein oder lösten sich einfach auf. Im Jahr 395 umfasste das östliche Feldheer 157 Einheiten, das westliche – bis zum Jahr 420 – 181 Einheiten, davon waren 97 nach 395 aufgestellt worden und nur 84 stammten noch aus den Jahren vor 395.[5] Die neu gebildeten Einheiten des Westheeres wurden aber zu 64 Prozent aus den limitanei herausgezogen. Viele dieser ehemaligen Grenzregimenter scheinen in den nicht mehr korrigierten Abschnitten der Listen daher auch noch in ihren alten Stationierungsorten am limes auf. Die Verluste der Westarmee waren also nicht mit neu rekrutierten Soldaten, sondern lediglich durch eine Statusänderung schon bestehender Einheiten kompensiert worden. Von den 35 neuen Einheiten der Feldarmee wurde etwa ein Drittel aus Germanenstämmen (z. B. Attecoti, Marcomanni, Brisigavi) angeworben. Glaubt man den Zahlenangaben in der Endfassung der Notitia Dignitatum, war das westliche Feldheer zu diesem Zeitpunkt sogar stärker als noch 25 Jahre zuvor. Während auch das Feldheer nun scheinbar größer war, war der Mannschaftsbestand in der westlichen Armee in Wirklichkeit aber stark geschrumpft, da die meisten zu comitatenses aufgewerteten limitanei aus Geldmangel nicht mehr durch neue Einheiten ersetzt werden konnten. Dies traf besonders für die Grenztruppen in Gallien zu. Insgesamt dürfte die Anzahl der Einheiten der „echten comitatenes“ sogar real um 25 Prozent gesunken sein (d. h. von ca. 160 auf 120 Einheiten).[6]

Kapitelaufbau[Bearbeiten]

Die „Notitia Dignitatum“ umfasst 90 Kapitel mit je einer Bildtafel und pro Bildtafel zwischen fünf und zwanzig in Ihnen abgebildeten Objekten. Bei den Tafeln der Grenztruppenkommandeure (Dux/Comes) ist die obere linke Ecke u. a. für die Angabe ihres Titels „comes primi ordinis“ reserviert. Der nur in Kürzeln angegebene Text lautet:

[Fl]oreas [int]er [ali]os [com]ites [ord]inis [pr]imi“, – „Mögest Du aufblühen unter den Gefolgsleuten ersten Ranges.“

Abbildung der vom Dux Foenicis kommandierten Garnisonsstandorte in der Notitia Dignitatum (siehe dazu auch Vadomar)

Dieser Text steht innerhalb einer weißen Tafel, die in manchen Abbildungen als buchähnliche Insignie dargestellt wird. Solche Textfelder finden sich ausschließlich in den Kapiteln der viri spectabiles, derjenigen Amtsinhaber, die ab 364 zur mittleren senatorischen Rangklasse zählten. Sie sind stets mit einer Schriftrolle kombiniert die als Symbol des kaiserlichen Ernennungsschreibens dient, das anlässlich der Einsetzung eines dux an den Amtsinhaber übergeben wurde. Die Bildtafeln beinhalten in weiterer Folge die Garnisonsorte der Truppen des jeweiligen dux, die durch stark stilisierte Städte- bzw. Festungsdarstellungen angegeben sind, unter denen der dazugehörige Ortsname steht. Die dreizehn sechseckigen Vignetten in der Abbildung des Dux Foenicis als Symbole für seine von ihm kontrollierten Garnisonen geben allerdings nur einen standardisierten Bildtyp eines Kastells oder einer befestigten Stadt wieder. Durch die unterschiedliche Zahl von Türmen und Toren sowie die wechselnde Farbgebung sollte wohl eine gewisse Abwechslung erzeugt werden. Es war nicht Absicht, hier ein bestimmtes Kastell oder eine Art Bedeutungsstufe wiederzugeben.

Der Kapiteltext beginnt immer mit der Formel:

sub dispositione viri spectabilis“ – „Zur Verfügung des hoch angesehenen dux/comes von…“.

Die Truppenlisten entsprechen in ihrem Aufbau dem üblichen Schemata der Notitia: Zuerst wird der Rang des befehlshabenden Offiziers genannt, dann der Name seiner Einheit und abschließend deren Garnisonsstandort. Nach den Truppenabteilungen werden die obersten Verwaltungsbeamten im officium (Büro) des Dux angeführt, wie zum Beispiel

  • der princeps officii/Vorstand,
  • der numerarius/Kassenführer und
  • der commentariensis/Rechtskundiger.

Definition der Abbildungen[Bearbeiten]

Schildwappen der weströmischen armigeri defensores seniores, die älteste Darstellung des späteren Yin-Yang-Symbols.[7]

Die verschiedenen Illustratoren des Manuskripts haben versucht, die spätrömischen Insignien möglichst exakt wiederzugeben, wie der Vergleich mit antiken Abbildungen zeigt, doch gestatteten sie sich bei der Darstellung dekorativer Details - wie etwa der Kleidung - offensichtlich einige Freiheiten; zudem interpretierten sie wohl einige der spätrömischen Abkürzungen falsch. Die Insignien der hohen Beamten werden als ein Ensemble von Kodizillen dargestellt – goldverbrämte Ernennungsurkunden in Elfenbeinrahmen mit dem kaiserlichen Porträt – oder als Buch mit heraldischer Bemalung auf dem Buchdeckel zusammen mit Schriftrollen. Die Kodizille - und manchmal auch die Bücher - sind auf einem Tisch mit gemustertem Überwurf angeordnet. In manchen Fällen steht eine geschnitzte Elfenbeinsäule auf einem Dreifuß. Dieser stellt das zeremonielle Schreibzeug dar, das die richterliche Gewalt symbolisiert. Hinzu kommen etwa 3600 Textzeilen zur Aufzählung von Ämtern und Militäreinheiten.

Die Notitia enthält auch die ältesten bekannten Abbildungen des heute als Yin und Yang bekannten Zeichens.[7][8][9][10] Die weströmischen Infanterieeinheiten armigeri defensores seniores („Schildträger“) und Mauri Osismiaci führten ein Wappen im Schild, das der dynamischen, rechtsläufigen Variante der fernöstlichen Tradition entspricht.[7] Eine weitere Legionseinheit, die Thebaei, führte ein der statischen Variante des ostasiatischen Taijitu vergleichbares Schildmuster.[7] Diese römischen Symbole gehen den späteren, daoistischen Versionen um beinahe sieben Jahrhunderte voraus.[7]

Die spätantike Verwaltungs- und Militärorganisation[Bearbeiten]

Das römische Imperium mit seinen Präfekturen, Diözesen und Provinzen zur Zeit der Reichsteilung von 395

Die Organisationsstruktur in der Zivil- und Militärverwaltung, wie sie in der Notitia Dignitatum beschrieben wird, gründet sich im Wesentlichen auf die Reformen Diokletians und Konstantins und die Aufteilung des Imperiums durch Valentinian I. und Valens in Okzident (Westen) und Orient (Osten) im späten 4. Jahrhundert. Unter Diokletian wurde die Anzahl der Provinzen nahezu verdoppelt. Überliefert sind bis zu 114 Provinzen. Diese wurden wiederum gruppenweise in Diözesen zusammengefasst. Gab es zunächst nur 12 dieser mittleren Verwaltungseinheiten, waren es unter Kaiser Theodosius I. schon 14. Da die Vier-Kaiser Herrschaft (Tetrarchie) über ein dementsprechend untergegliedertes Reich nur eine kurze Episode blieb, ließ sich die Bildung von, den Diözesen übergeordneten, administrativen Großeinheiten langfristig nicht umgehen. Die Schaffung der territorialen Prätorianerpräfekturen (unter Konstantin vier, zwischen 337 und 395 nur drei, danach wieder vier), die diese Aufgabe übernahmen, wurde von Konstantin I. in Gang gesetzt.

Die diokletianisch-konstantinische Reformtätigkeiten beschäftigten sich aber in erster Linie mit dem Heerwesen. Die gesamte Exekutive wurde dabei umorganisiert, wobei auch – entgegen der bisherigen römischen Gepflogenheiten – eine Trennung zwischen ziviler und militärischer Gewalt eingeführt wurde. Der Hauptgrund für diese Maßnahme dürfte in der neuerlichen Aufspaltung der Provinzen zu suchen sein: Hätte man Zivil- und Militärämter weiter in einer Hand belassen, so wäre in weiterer Folge auch eine Teilung der Kommandobereiche unumgänglich geworden. Das wäre aber wiederum strategisch oft nicht sinnvoll gewesen. Die meisten der neu entstandenen Provinzen waren zu klein, um genügend große Einheiten aufzustellen, bzw. weiter unterhalten zu können. Sie verlor an sich auch als militärische Größe immer mehr an Bedeutung, da die neuen Feldarmeen überregional operieren mussten. Deswegen war es auch in mehreren Fällen notwendig, die Streitkräfte mehrerer Provinzen unter das Kommando eines Heerführers (z. B. der Dux Pannoniae Primae et Norici Ripensis) zu stellen. Ein weiterer Grund liegt auch in der Zunahme der Verwaltungsaufgaben, deren Administration erst durch die Reformen Diokletians notwendig wurden und hiefür – auch fachlich versierte – Amtsinhaber erforderten, die sich allein damit beschäftigen konnten. Die Trennung dürfte aber zur Zeit Diokletians noch nicht vollständig umgesetzt worden sein, da man in den Quellen auch noch von praesides liest, die weiterhin zivile und militärische Ämter in Personalunion besetzten. Diese Reformen erfuhren erst unter Konstantin I. ihren endgültigen Abschluss.[11]

Galt die Zivilbürokratie in den folgenden Jahrhunderten als militia Romana, die nur Bürgern mit juristischen Kenntnissen offenstand, so wurde die Armee, militia armata, in weit stärkerem Maße als bisher für das „niedere Volk“ und „Barbaren“ geöffnet. Diejenigen Einheiten der Armee, die weiterhin an der Grenze, dem limes, dienten, standen in ihren Abschnitten unter dem Befehl eines Dux Limitis, und werden erstmals im Jahre 363 in den Quellen als Limitanei erwähnt. Das Grenzheer hatte zwar einen niedrigeren Status, unterschied sich dabei aber nicht gravierend von dem als kaiserliche Gefolgschaft bezeichneten comitatus, dem mobilen Marsch- oder Feldheer unter dem Kommando eines Comes.

Die nach der Garde (scholaren) engste Umgebung des Kaisers bildeten die „Palastleute“, palatini, die anfangs von Elite-Legionen und aus Barbarenstämmen rekrutierten Auxiliarverbänden gestellt wurden. Als zweite Gruppe im Bewegungsheer rangierten die eigentlichen Gefolgsleute, die Comitatenses, in der die übrigen Legionen, und besonders ihre kampfkräftigsten Abordnungen, in Vexillationen zusammengefasst wurden. Den untersten Rang im mobilen Feldheer nahmen schließlich die pseudocomitatenses ein, die bei Bedarf vorübergehend aus den Grenztruppen herausgezogen wurden.

In der Notitia Dignitatum aufgelistete Zivil- und Militärämter[Bearbeiten]

Kommandostruktur der Ostarmee um ca. 395 n. Chr. lt. der Notitia Dignitatum Orientis.[12]
Kommandostruktur der Westarmee um ca. 410–425 n. Chr lt. der Notitia Dignitatum occ.[13]
Follis des Diokletian, geprägt um das Jahr 301 in Trier.
Münze mit dem Abbild Konstantins des Großen
Münzbild von Valentinian I.
Solidus des Valens, Regent des Ostens, geprägt um 376. Am Revers ist Valens gemeinsam mit seinem Bruder Valentinian dargestellt der im Westen herrschte. In ihren Händen halten sie einen Globus cruciger (Reichsapfel), als Symbol der Macht über den Erdkreis.
Schildemblem der legio Iovani seniores

Ostreich[Bearbeiten]

Zivilverwaltung:

Die höchsten Zivilbeamten im Orient waren:

  • 2 Praefectus Praetorio (Orientis, Illyrici),
  • 1 Praefectus urbis Constantinopolitanae (Stadt und Umland von Konstantinopel),

Dem Praefectus praetorio Orientis unterstehen 5 Vikare:

  • Asiana,
  • Pontica,
  • Thracia,
  • Aegyptus und
  • Oriens.

Die Provinzen dieser 5 Diözesen werden von 1 Proconsul, 12 Consulares, 1 Corrector und 32 Praesides verwaltet.

Dem Praefectus praetorio Illyrici unterstehen zwei Vikare:

  • Dacia und
  • Macedonia.

Die Provinzen dieser 2 Diözesen werden von 1 Proconsul, 3 Consulares, 1 Corrector und 8 Praesides verwaltet.

Militärverwaltung:

Die höchsten Militärämter im Osten waren die des

  • Magister militum praesentalis I,
  • Magister militum praesentalis II,
  • Magister militum per Orientum,
  • Magister militum per Thracias und der
  • Magister militum per Illyricum.

Dem Magister militum praesentalis I unterstehen in Ägypten und Nordafrika der:

  • Dux Thebaidos,
  • Dux Libyarum,
  • Comes limitis Aegypti.

Der Magister militum praesentalis II kontrolliert in Pontus (Schwarzmeerküste, Armenien) den

  • Dux Armeniae,
  • Comes per Isauriam.

Dem Magister militum per Orientum unterstehen im vorderen Orient der:

  • Dux Foenicis,
  • Dux Syriae,
  • Dux Palaestinae,
  • Dux Osrhoenae,
  • Dux Mesopotamiae,
  • Dux Arabiae.

Dem Magister militum per Thracias unterstehen an der unteren Donau der:

  • Dux Moesiae secundae,
  • Dux Scythiae.

Dem Magister militum per Illyricum unterstehen am Balkan der:

  • Dux Daciae ripensis,
  • Dux Moesiae primae.

Westreich[Bearbeiten]

Zivilverwaltung:

Die höchsten Zivilbeamten im Occident waren:

Schildemblem der Legio XIIII Gemina in der Notitia Dignitatum
Insignien des Comes domesticorum equitum, peditum (Befehlshaber der Gardetruppen/Westreich)
  • 2 Praefectus Praetorio (Italien, Gallien),
  • 1 Praefectus urbis Romae (Stadt und Umland von Rom).

Dem Praefectus praetorio Italiae unterstehen 3 Vikare:

  • Illyricum,
  • Italiae,
  • Africae.

Dem Praefectus praetorio Galliarum unterstehen 3 Vikare:

  • Septem Provinciarum,
  • Hispaniarum,
  • Britanniarum.

Militärverwaltung:

Die höchsten Militärämter im Westen waren die des:

Dem Magister militum unterstehen für Italien, Slowenien und die Ostalpen der:

für das westliche Illyricum (Balkan, obere und mittlere Donaugrenze) der:

für Hispaniarum (Spanien, Portugal): ein

  • Comes Hispaniae,

für Tingitaniam (westliches Algerien, Marokko): ein

  • Comes Tingitaniae,

für intra Africam (Tunesien, Algerien, Libyen), ein

  • Comes Africae,
  • Dux limitis Mauretaniae Caesariensis,
  • Dux limites Tripolitani,

für Britannien (England, Hadrianswall, Wales und Sachsenküste britischer Teil) ein:

für Gallien, Sachsenküste (gallischer Teil), Westalpen und die Rheingrenze der:

Literatur[Bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Otto Seeck: Notitia dignitatum. Accedunt notitia urbis Constantinopolitanae et laterculi provinciarum. Weidmann, Berlin 1876 (unveränderter Nachdruck. Minerva, Frankfurt am Main 1962).
  • Concepción Neira Faleira: La Notitia dignitatum. Nueva edición crítica y comentario histórico. Consejo Superior de Investigaciones Científicas, Madrid 2005, ISBN 84-00-08415-2 (Nueva Roma 25).

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Pamela C. Berger: The insignia of the Notitia dignitatum. Garland, New York 1981. ISBN 0-8240-3927-0.
  • Peter Brennan: The Notitia Dignitatum. In: Entretiens Fondation Hardt 42, 1996, S. 147–178.
  • Dietrich Hoffmann: Das spätrömische Bewegungsheer und die Notitia Dignitatum (Epigraphische Studien. Bd. 7, ISSN 0071-0989). 2 Bände. Rheinland-Verlag, Düsseldorf 1969–1970.
  • Michael Kulikowski: The Notitia Dignitatum as a historical source. In: Historia. 49, 2000, S. 358–377.
  • Friedrich Lotter: Völkerverschiebungen im Ostalpen-Mitteldonau-Raum zwischen Antike und Mittelalter (375–600) (= Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Ergänzungsbände 39). Unter Mitarbeit von Rajko Bratoz und Helmut Castritius. de Gruyter, Berlin u. a. 2003, ISBN 3-11-017855-9.
  • Gianfranco Purpura: Sulle origini della Notitia Dignitatum. In: Atti del X Convegno Internazionale Accademia Costantiniana di Perugia, 8 ottobre 1991. Perugia 1995, S. 347–357 = Annali dell'Università di Palermo 42, 1992, S. 471–483 Digitalisat
  • Ralf Scharf: Der Dux Mogontiacensis und die Notitia Dignitatum. Eine Studie zur spätantiken Grenzverteidigung (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Ergänzungsband 48). de Gruyter, Berlin u. a. 2005, ISBN 3-11-018835-X.
  • Matthias SpringerNotitia dignitatum. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 21, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2002, ISBN 3-11-017272-0, S. 430–432.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Notitia Dignitatum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Notitia dignitatum – Quellen und Volltexte (Latein)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. * Peter Heather: Der Untergang des Römischen Weltreiches. 2. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2011, ISBN 978-3-499-62665-4, S. 289.
  2. Notitia Dignitatum Occ. V, VI und VII.
  3. Friedrich Hoffmann: Bewegungsheer, Dietz: Cohortes (mit ausf. Literaturangaben).
  4. Peter Heather: Der Untergang des Römischen Weltreiches. 2. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2011, ISBN 978-3-499-62665-4, S. 289.
  5. Peter Heather: Der Untergang des Römischen Weltreiches. 2. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2011, ISBN 978-3-499-62665-4, S. 289.
  6. Peter Heather: Der Untergang des Römischen Weltreiches. 2. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2011, ISBN 978-3-499-62665-4, S. 290–291.
  7. a b c d e Giovanni Monastra: The "Yin-Yang" among the Insignia of the Roman Empire?, Sophia, Bd. 6, Nr. 2 (2000).
  8. Isabelle Robinet: Taiji tu. Diagram of the Great Ultimate, in: Fabrizio Pregadio (Hrsg.): The Encyclopedia of Taoism A–Z, Routledge, Abingdon (Oxfordshire) 2008, ISBN 978-0-7007-1200-7, S. 934–936 (934).
  9. Late Roman Shield Patterns. Notitia Dignitatum: Magister Peditum.
  10. Helmut Nickel: The Dragon and the Pearl. In: Metropolitan Museum Journal 26, 1991, S. 146 Fußnote 5.
  11. Karen Piepenbrink: Konstantin der Große und seine Zeit, Reihe Geschichte Kompakt 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-534-20905-7, S. 15.
  12. Notitia Oriens Title I: List of duces.
  13. A. H. M. Jones: 1964, S. 610.