Novosedly na Moravě

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Novosedly
Wappen von Novosedly
Novosedly na Moravě (Tschechien)
Paris plan pointer b jms.svg
Basisdaten
Staat: Tschechien
Region: Jihomoravský kraj
Bezirk: Břeclav
Fläche: 1668 ha
Geographische Lage: 48° 50′ N, 16° 30′ O48.83444444444416.504166666667173Koordinaten: 48° 50′ 4″ N, 16° 30′ 15″ O
Höhe: 173 m n.m.
Einwohner: 1.151 (1. Jan. 2014) [1]
Postleitzahl: 691 82
Kfz-Kennzeichen: B
Struktur
Status: Gemeinde
Ortsteile: 1
Verwaltung
Bürgermeister: František Trefilík (Stand: 2007)
Adresse: Novosedly 1
691 82 Novosedly na Moravě
Gemeindenummer: 584746
Website: www.novosedlynamorave.cz

Novosedly (früher deutsch Neusiedl) ist eine Gemeinde im Jihomoravský kraj (Südmähren), Okres Břeclav in Tschechien. Der Ort ist als ein Längsdreieckangerdorf angelegt.

Geographie[Bearbeiten]

Wegen der Bodenbeschaffenheit wurde der Ort früher durchweg „Neusiedl am Sand“ genannt. Die Dürnholzer Berge mit der Alten Haide (260 m) und der Steinhaide (273 m), die Prerauer Berge im Süden mit dem Bergried (224 m) durchziehen das Gemeindegebiet mit rebenreichen Hängen. Die Nachbarortschaften sind Drnholec (Dürnholz) im Norden, Dobré Pole (Guttenfeld) im Osten, Nový Přerov (Neu Prerau) im Süden und Jevišovka (Jaispitz) im Westen.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Gründung des Ortes „Newsidl“ erfolgte wohl im 11. Jahrhundert. Die Anlage des Ortes sowie die Ui-Mundart (bairisch-österreichisch) weisen auf eine Besiedlung durch bayrische deutsche Stämme hin, wie sie vor allem im 12./13. Jahrhundert erfolgte.[2] Die Pfarre wurde 1181 gestiftet. 1230 wurde der Ort der Mark Mähren zugesprochen. Neusiedl fiel unter die Herrschaft Dürnholz und somit an die Familien Falkenstein. Das Patronat lag bis zu dessen Auflösung im Jahre 1538 beim Kloster Rosa Coeli. In den Hussitenkriegen wurde der Ort im Jahre 1426 geplündert. Zur Herrschaft Dürnholz gehörig kam es mit dieser 1394 an die Familie Liechtenstein, welche den Ort bis 1848 verwaltete. Im Jahre 1576 erhielt Neusiedl das Recht auf einen Markt. Im 16. Jahrhundert tauchte der Ortsnamenszusatz „am Sand“ auf. Dieser Zusatz sollte die Ortschaft vom niederösterreichischen Neusiedl an der Zaya unterscheiden. Im 19. und 20. Jahrhundert jedoch war der Zusatz nicht mehr geläufig.[3]

Während des Dreißigjährigen Krieges wird Neusiedl durch die Nikolsburger Besatzung überfallen und geplündert.

Matriken werden seit 1649 geführt. Onlinesuche über das Landesarchiv Brünn.[4] Grundbuchaufzeichnungen werden seit 1751 geführt.

Im Jahre 1771 wird der Ort eine Expositur und 1785 eine eigene Pfarrgemeinde. Im gleichen Jahr wird der Friedhof von der Kirche weg verlegt. 1831 fordert die Cholera 72 Opfer, worauf auf dem Weg nach Prerau eine Feldkapelle mit dem gegeißelten Heiland errichtet wird. 1856 wurde ein Schulgebäude errichtet. Bis 1918 war diese Schule vierklassig. Des Weiteren mussten im Rathaus zwei weitere Klassen für die Kinder aus Neu Prerau unterhalten werden. 1871 erfolgte der Bau der Eisenbahnstrecke LundenburgZnaim und ein Jahr später der Bau einer Abzweigung von Neusiedl nach Laa an der Thaya. Im Jahre 1887 wütete ein Großbrand und zerstörte zwei Drittel der Ortschaft. Wochenmarkt war seit 1874 jeden Dienstag, er wurde später jedoch eingestellt, da der Dürnholzer Markt genügte. Aufgrund der Thayaregulierung wurde der Betrieb der alten Mühle (erstmals im Urbar 1414 erwähnt und später umgebaut) eingestellt. Der größte Teil der Einwohner lebte von der Landwirtschaft. Einen besonderen Stellenwert nahm hierbei der seit Jahrhunderten bekannte Weinbau ein. Zwar wurden durch die Reblausplage, um 1900, ungefähr die Hälfte aller Weinstöcke vernichtet, doch trotzdem erhielt sich der Ort eine blühende Weinbaukultur mit mehr als 200 ha.[5] Weiters gab es neben dem üblichen Kleingewerbe eine Dampfmühle mit Lagerhaus, eine Käserei, eine Sparkassa und ein Ziegelwerk. Im Jahre 1883 wurde eine Freiwillige Feuerwehr gegründet.

Das überwiegend von Deutschen bewohnte Sudetenland und die von Tschechen besiedelten Gebiete Böhmens gehörten bis 1918 zur Donaumonarchie. Nach der Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg wurde die Tschechoslowakei als unabhängiger Staat gegründet und allen dort lebenden Nationalitäten die Gleichberechtigung versprochen. Im November 1918 besetzten tschechoslowakische Truppen die von Deutschen besiedelten Gebiete. Im Vertrag von Saint-Germain[6] wurden die Sudetengebiete dann gegen den Willen der Bevölkerung endgültig der Tschechoslowakei zuerkannt. Also auch der Ort Neusiedl, dessen Bewohner 1910 zu 99,5 % der altösterreichischen Volksgruppe angehörten. In der Zwischenkriegszeit kam es durch neue Siedler und durch Neubesetzung von Beamtenposten zu einem vermehrten Zuzug von Personen tschechischer Nationalität. Die entstehenden wachsenden Autonomiebestrebungen der Deutschsüdmährer führten zu Spannungen innerhalb des Landes und im weiteren zum Münchner Abkommen,[7] das die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an Deutschland regelte. Zwischen 1938 und 1945 gehörte der Ort zum Reichsgau Niederdonau.

Am 16. April 1945 floh ein Teil der Bevölkerung vor den anrückenden russischen Truppen. Die Flüchtlinge wurden aber von diesen bei Retz eingeholt und kehrten teilweise nach Neusiedl zurück.

Im Zweiten Weltkrieg hatte der Ort 106 Opfer zu beklagen. Nach Weltkriegsende (8. Mai 1945) wurden jene Territorien, die nach dem Münchener Abkommen (1938) bei Deutschland gewesen waren, im Rückgriff auf den Vertrag von Saint-Germain (1919) wieder der Tschechoslowakei zugeordnet. Vor den einsetzenden Nachkriegsexzessen durch selbsternannte Revolutionsgardisten flohen ab Ende Mai 1945 hunderte deutsche Bürger oder wurden in „wilden Vertreibungsaktionen“ über die nahe Grenze nach Österreich vertrieben. Dabei kam es zu 13 Toten unter den Vertriebenen.[8] Eine juristische Aufarbeitung des Geschehens hat nicht stattgefunden, da das Beneš-Dekret 115/46 Handlungen bis 28. Oktober 1945 „im Kampfe zur Wiedergewinnung der Freiheit …, oder die eine gerechte Vergeltung für Taten der Okkupanten oder ihrer Helfershelfer zum Ziel hatte, …“ für nicht widerrechtlich erklärt.[9] Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges nahmen am 2. August 1945 im Potsdamer Protokoll, Artikel XIII, zu den laufenden „wilden“ Vertreibungen der deutschen Bevölkerung konkret nicht Stellung. Explizit forderten sie jedoch einen „geordneten und humanen Transfer“ der „deutschen Bevölkerungsteile“, die „in der Tschechoslowakei zurückgeblieben sind“.[10][11] Zwischen dem Mai und Oktober 1946 erfolgte die Zwangsaussiedlung, bis auf sieben Personen, nach Westdeutschland.[12][13] Laut Bericht von Francis E. Walter an das US-Repräsentantenhaus erfolgten diese Transporte zu keiner Zeit in „ordnungsgemäßer und humaner“ Weise.[14] Aufgrund der Beneš-Dekrete 108 wurde das gesamte Vermögen der deutschen Einwohner sowie das öffentliche und kirchliche deutsche Eigentum konfisziert[15] und unter staatliche Verwaltung gestellt. Der Ort wurde neu besiedelt.

In Übereinstimmung mit den ursprünglichen Überführungszielen des Potsdamer Protokolls sollten alle in Österreich befindlichen Neusiedler nach Deutschland weiter transferiert werden. Trotzdem konnten etwa 150 Familien in Österreich verbleiben, der Großteil wurde in Deutschland ansässig. Zwei Personen wanderten in die USA und Brasilien und je eine nach Kanada und Australien aus.[16][17]

Wappen und Siegel[Bearbeiten]

Ein Ortssiegel ist seit dem 17. Jh. bekannt. Das Siegel zeigt einen von einem reichen Blütenkranz umgebenen barocken Schild, der eine zweifenstrige Kirche mit gekreuztem Dach und einer sechseckigen Turmlaterne zeigt.[18]

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten]

Volkszählung Häuser Einwohner insgesamt Volkszugehörigkeit der Einwohner
Jahr Deutsche Tschechen Andere
1793 122 668
1836 170 599
1869 194 1183
1880 200 1288 1278 9 1
1890 230 1364 1358 5 1
1900 246 1343 1334 2 7
1910 252 1348 1341 3 4
1921 288 1427 1309 76 42
1930 332 1472 1278 158 36
1939 1340

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

  • Pfarrkirche St. Ulrich wurde 1780 ursprünglich gotisch umgebaut (1276)
  • Rochuskapelle, ältester Bau mit Mariensäule, Ende 17. Jahrhundert
  • Rathaus, Neubau 1912, mit Postamt, Gemeindegasthaus, Saal, und Behelfs-Unterrichtsräumen
  • Schule, 1856 zweiklassig, für 1771 ist eine Lehrperson belegt, 1882 dreiklassig, 1918 vierklassig; wegen der Neuprerauer Kinder zwei weitere Klassen im Rathaus; 1939 erweitert, mit Kindergarten, Armenhaus und Notspital 1883
  • Kriegerdenkmal

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

  • Mathias Krebs (1880–1962), Lehrer, Heimatforscher.
  • Karl Mayer (1923–1998), Mundartdichter, Kulturpreisträger.

Brauchtum[Bearbeiten]

Reiches Brauchtum bestimmte den Jahresablauf der 1945/46 vertriebenen, deutschen Ortsbewohner. Traditionsgemäß war der Kirtag am 4. Juli (Ulrich). Im 19. Jahrhundert wurde er, wegen der Erntearbeit, auf den 16. August (Rochus) verlegt.

Quellen[Bearbeiten]

  • Wilhelm Szegeda: Heimatkundliches Lesebuch des Schulbezirks Nikolsburg, 1935, approbierter Lehrbehelf, Lehrerverein Pohrlitz Verlag, Neusiedl, S. 74.
  • Generalvikariat Nikolsburg: Kirchlicher Handweiser. Neusiedl, S. 19.
  • Felix Bornemann: Kunst und Kunsthandwerk in Südmähren. Neusiedl, S. 25; C. Maurer Verlag, Geislingen/Steige 1990, ISBN 3-927498-13-0.
  • Bruno Kaukal: Die Wappen und Siegel der südmährischen Gemeinden. Neusiedl, S. 163 f., Josef Knee, Wien 1992, ISBN 3-927498-19-X.
  •  Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band 3. Die Geschichte der deutschen Südmährer von 1945 bis zur Gegenwart. Südmährischer Landschaftsrat, Geislingen an der Steige 2001, ISBN 3-927498-27-0, S. 250, 252, 406, 409, 422, 423, 431, 491, 514, 573 (Neusiedl).
  • Walfried Blaschka, Gerald Frodl: Der Kreis Nikolsburg von A bis Z. Neusiedl, S. 138 f., Südmährischen Landschaftsrat, Geislingen/Steige 2006.

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz Josef Schwoy: Topographie vom Markgrafthum Mähren. 1793, Neusiedl, Seite 247.
  • Mayer Karl: Die Mundart des Dorfes Neusiedl.
  • Ilse Tielsch-Felzmann: Südmährische Sagen. 1969, München, Verlag Heimatwerk.
  • Wenzel Max: Thayaland, Volkslieder und Tänze aus Südmähren. 1984, Geislingen/Steige.
  • Knee Josef: Neusiedl an der Thaya. 1991.

Weblinks[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. Český statistický úřad – Die Einwohnerzahlen der tschechischen Gemeinden vom 1. Januar 2014 (PDF; 504 KiB)
  2. Leopold Kleindienst: Die Siedlungsformen, bäuerliche Bau- und Sachkultur Südmährens, 1989, S. 9.
  3. Codex diplomaticus et epistolaris Moraviae, Bl. IV, S. 121.
  4. Acta Publica Registrierungspflichtige Online-Recherche in den historischen Matriken des Mährischen Landesarchivs Brünn (cz,dt). Abgerufen am 22. März 2011.
  5. Hans Zuckriegl: Ich träum’ von einem Weinstock, Kapitel 7, S. 262.
  6. Felix Ermacora: Der unbewältigte Friede: St. Germain und die Folgen; 1919–1989, Amalthea Verlag, Wien, München, 1989, ISBN 3-85002-279-X.
  7. O. Kimminich: Die Beurteilung des Münchner Abkommens im Prager Vertrag und in der dazu veröffentlichten völkerrechtswissenschaftlichen Literatur, München 1988.
  8. Walfried Blaschka, Gerald Frodl: Der Kreis Nikolsburg von A–Z, Südmährischer Landschaftsrat, Geislingen an der Steige, 2006, S. 216.
  9. Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band III. Maurer, Geislingen/Steige 2001, ISBN 3-927498-27-0.
  10. Charles L. Mee: Die Potsdamer Konferenz 1945. Die Teilung der Beute. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979. ISBN 3-453-48060-0.
  11. Milan Churaň: Potsdam und die Tschechoslowakei. 2007, ISBN 978-3-9810491-7-6.
  12. Archiv Mikulov, Odsun Němců – transport odeslaný dne 20. kvĕtna, 1946.
  13. Emilia Hrabovec: Vertreibung und Abschub. Deutsche in Mähren 1945–1947. Frankfurt am Main / Bern / New York / Wien (= Wiener Osteuropastudien. Schriftenreihe des österreichischen Ost- und Südosteuropa-Instituts), 1995 und 1996.
  14. Francis E. Walter (1950): Expellees and Refugees of German ethnic Origin. Report of a Special Subcommittee of the Committee on the Judiciary, House of Representatives, HR 2nd Session, Report No. 1841, Washington, March 24, 1950.
  15. Ignaz Seidl-Hohenveldern: Internationales Konfiskations- und Enteignungsrecht. Reihe: Beiträge zum ausländischen und internationalen Privatrecht. Band 23. Berlin und Tübingen, 1952.
  16.  Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band 3. Die Geschichte der deutschen Südmährer von 1945 bis zur Gegenwart. Südmährischer Landschaftsrat, Geislingen an der Steige 2001, ISBN 3-927498-27-0, S. 252 (Neusiedl).
  17. Brunnhilde Scheuringer: 30 Jahre danach. Die Eingliederung der volksdeutschen Flüchtlinge und Vertriebenen in Österreich, Verlag: Braumüller, 1983, ISBN 3-7003-0507-9
  18. Bruno Kaukal: Die Wappen und Siegel der südmährischen Gemeinden, 1992, Neusiedl, S. 158.