Nuklearstrategie

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Eine Nuklearstrategie ist ein strategisches Konzept, das den angedrohten oder tatsächlichen Einsatz von Kernwaffen zu politischen Zwecken umfasst. Aufgrund ihres außergewöhnlich hohen Zerstörungspotenzials nehmen Kernwaffen seit ihrem erstmaligen Einsatz am Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 eine moralische und sicherheitspolitische Sonderstellung als Massenvernichtungswaffe ein. Nuklearstrategien wie die massive Vergeltung oder die flexible Reaktion waren daher neben dem massiven Wettrüsten ein prägendes Merkmal des Kalten Krieges. Weil beide Konfliktparteien in dieser strategischen Auseinandersetzung über Kernwaffen verfügten und diese technisch aufrüsteten, stand die Nichtverwendung von Kernwaffen bei gleichzeitiger Wahrung sicherheitspolitischer Interessen im Mittelpunkt ihrer Nuklearstrategien.

Nach dem Ende des Kalten Krieges verloren Nuklearstrategien unmittelbar an Bedeutung. Nuklearstrategische Angelegenheiten wie die Sicherung verlorengegangener Atomsprengköpfe, Raketenabwehrschilde, „schmutzige Bomben“, Nichtverbreitung im Rahmen des Atomwaffensperrvertrags und Abrüstungsvorhaben stellen weiterhin wichtige Themen der internationalen Politik dar.

Die nuklearstrategische Forschung war im Kalten Krieg eine umstrittene Domäne der Strategischen Studien. Dabei griffen Strategietheoretiker häufig auf Erkenntnisse der Spieltheorie zurück, die das gängige nuklearstrategische Dilemma des Nichteinsatzes als ein Beispiel für das Gefangenendilemma betrachtete. In diesem Forschungsgebiet bekannt wurden vor allem Bernard Brodie, Herman Kahn, Albert Wohlstetter und Colin Gray.

Strategien der USA / NATO[Bearbeiten]

  • Vorneverteidigung (forward strategy): Konzept der Verzögerung eines Angriffs des Warschauer Paktes mit konventionellen Kräften östlich des Rheins. Anschließend nuklearer Gegenschlag strategischer Luftstreitkräfte mit einer konventionellen Gegenoffensive mit dem Ziel den Warschauer Pakt zurückzudrängen. Diese Konzeption fand Anwendung von 1950/52 bis 1957 - NATO-Dokument 14/1 - und hätte bei einer Anwendung die Verstrahlung von weiten Teilen Deutschlands bedeutet. Es wurde aufgrund des angewachsenen Vernichtungspotentials der Atomwaffenarsenale durch die 'massive retaliation' ersetzt.
  • Flexible Reaktion (flexible response) (NATO-Dokument 143/3): Angemessene Beantwortung des Angriffs. Im Rahmen der Konzeption der flexiblen Reaktion von 1967/68 bis 1991 wurde in der NATO die Triaden-Strategie entwickelt. Diese Taktik sieht vor, konventionelle, nukleartaktische und nuklearstrategische Mittel im Verbund oder als Einzelelemente einzusetzen. 1980 umfasste der Single Integrated Operational Plan SIOP-5D rund 40.000 mögliche Ziele für Nuklearangriffe.[3] [4]
  • Counterforce-Doktrin/Countervailing-Strategie, ist eine in den USA unter US-Präsident Jimmy Carter entwickelte Strategie, die eine Flexibilisierung des Nukleararsenals und den Ausbau der Angriffsfähigkeiten gegenüber feindlichen (lies: sowjetischen) strategischen Kernwaffen vorsieht um flexible Optionen unterhalb einer massiven Vergeltung zu ermöglichen. Die Countervailing-Strategie ergänzte ab 1980 durch die US-Präsidentendirektive (PD 59) die Counterforce-Doktrin und führte u. a. zur Entwicklung von "Erdpenetrationskörpern" (Raketen, Bomben) gegen gehärtete Ziele.
  • Global Strike (weltweiter Schlag), ist ein Bestandteil einer US-Militärstrategie zur möglichen weltweiten Zerstörung von strategischen und taktischen Zielen mit konventionellen und nuklearen Mitteln und deren Zusammenfügung in einen einzigen Operationsplan OPLAN 8022. Die Bekämpfung von Proliferationszielen ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Konzeptes.

Strategien der UdSSR / Warschauer Pakt[Bearbeiten]

  • 1951 befahl der sowjetische Regierungschef Generalissimus Josef Stalin die Entwicklung von Strategien für den Nuklearkrieg. Die Sowjetarmee sah ebenfalls den Präventivkrieg als Option vor. Nikita Sergejewitsch Chruschtschow erklärte am 14. Januar 1960 vor dem Obersten Sowjet, dass der globale Atomkrieg eine strategische Option sei, die es erlaube, „das Land oder die Länder, die uns überfallen ... buchstäblich dem Erdboden gleichzumachen“. 1952 sollte Marschall Pawel Fjodorowitsch Schigarew eine strategische Bomberflotte der UdSSR aufbauen, die in der Lage sein sollte, die USA mit Nuklearwaffen anzugreifen. Entsprechende Luftstützpunkte wurden 1952 in Dikson und auf der Schmidt-Insel eingerichtet, von wo aus modifizierte Tupolew Tu-4 regelmäßig im internationalen Luftraum nahe den US-Basen in Kanada und auf Grönland Einsatzflüge unternahmen.
  • Unter Leonid Iljitsch Breschnew wurde ab 1965 eine Doppelstrategie propagiert. Demnach sollte die UdSSR einen Nuklearkrieg nicht führen, wenn er nicht von den USA bzw. der NATO aufgezwungen werde. Wenn ein Atomkrieg notwendig sei, müsse er auch geführt werden. Notfalls sei ein Präventivschlag denkbar.
  • Perimetr (Tote Hand), steht für ein Atomwaffen-Führungssystem, das im Falle eines nuklearen Enthauptungsschlags, der die sowjetische Führung aktionsunfähig gemacht hätte, einen allumfassenden Gegenschlag automatisch auslösen sollte.
  • Erst unter Michail Sergejewitsch Gorbatschow entwickelte man ab 1987 eine neue Strategie, die der Verhinderung einer militärischen Auseinandersetzung gegenüber der Vorbereitung auf einen möglichen kommenden Krieg Priorität gab.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Michio Kaku und Daniel Axelrod To Win a Nuclear War. The Pentagon’s Secret War Planes (South end Press, Boston, 1987)
  2. vgl. die ausführliche Darstellung unter The Creation of SIOP-62 More Evidence on the Origins of Overkill National Security Archive Electronic Briefing Book No. 130, gwu.edu, 13. July 2004.
  3. MC 14/3 (Final) (PDF; 186 kB)
  4. Flexible Response- das Konzept der abgestuften Abschreckung

Weblinks[Bearbeiten]