Nurculuk

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Nurculuk ist eine Bezeichnung für die auf Said Nursi zurückgehende religiöse Reformbewegung in der Türkei.[1] Der Begriff Nurcu (in etwa „Anhänger des Lichts“) wird von vielen Anhängern benutzt, jedoch auch von vielen als diskriminierend und als unrichtig abgelehnt.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Untergruppen der Nur Cemaati

Die erste Abspaltung ereignete sich bereits zu Lebzeiten Said Nursis. Als 1956 der Druck der Werke Said Nursis erlaubt wurde, entschied er, dass diese in Lateinschrift publiziert werden sollten.

Die Mehrheit der Anhänger Said Nursis sammelte sich nach dessen Tod 1960 hinter dem Rat der ağabeys, seiner engsten Weggefährten zu Lebzeiten. Ihre wichtigsten Vertreter waren Zübeyir Gündüzalp, Mustafa Sungur und Bayram Yüksel. Vor allem Mitte der 1960er Jahren und erneut nach dem Putsch von 1971 verfolgten staatliche Stellen die Nur-Schüler wegen vermeintlich staatsfeindlicher Aktivitäten, welche nie nachgewiesen wurden. Diese Gruppierung gab ab 1971 die Tageszeitung „Yeni Asya“ (deswegen Yeni Asyacılar), und ab 1977 die Monatszeitschrift „Köprü“ heraus. In den siebziger Jahren bekämpften sie den Einfluss des Marxismus in der türkischen Gesellschaft. Sie unterstützten jedoch nicht die Anhänger Necmettin Erbakans Milli Görüş-Bewegung, da sie deren Politkonzept als undemokratische politische Instrumentalisierung der Religion verwerfen. Nach dem Militärputsch von 1980 wurden ihre Zeitschriften mehrfach verboten, weil sie gegen die vom Militär erlassene Verfassung polemisierten. Die Parteinahme gegen das Militärregime und die Mutterlandspartei von Turgut Özal war jedoch nicht unumstritten. 1990 spaltete sich schließlich die Gruppe der Yeni Nesil (= Neue Generation) um Mehmed Fırıncı von der Yeni Asya-Gruppe ab. Die Neue Generation betreiben einen Verlag und den Radiosender „Moral FM“. Ihr Verlag publiziert zahlreiche Romane, Sachbücher und Ratgeber.

Bereits 1980 hatte sich eine Gruppe von Nurcus um den in Erzurum lebenden Mehmed Kırkıncı abgespalten, weil sie den Putsch von Kenan Evren befürworteten. Später unterstützten sie die Mutterlandspartei von Turgut Özal. Generell sind die politischen Vorstellungen dieser Fraktion autoritärer. Ihr steht die Zeitschrift „Zafer“ nahe.

Eine große Gruppe von Nur-Schüler um Mustafa Sungur formierte sich zur Gruppe der Okuyucular (= Leser), welche sich selbst als die „klassische Form“ der Nurculuk-Bewegung betrachtet. Sie legen das Schwergewicht auf die Lektüre der Schriften von Said Nursi.

Für eine stärker intellektuelle Ausrichtung steht dagegen die Zeitschrift "Karakalem".

Daneben besteht eine Vereinigung von Nurcus kurdischer Herkunft, die in Istanbul den Verlag "Tenvir Neşriyat" betreibt. Da sie die anderen Nurcu Fraktionen des türkischen Chauvinismus zeihen, sind deren Beziehungen zu ihnen gespannt.[2]

[Bearbeiten] Gülen-Bewegung

Eine Sonderrolle spielt Fethullah Gülens Bewegung, die in den späten 1960er Jahren als lokale Gruppierung in İzmir und Umgebung entstand und ab Mitte der 1980er in andere Teile der Türkei expandierte.[3] Er wird von vielen Außenstehenden als bedeutendster Vertreter der Nur-Schüler betrachtet, obwohl er sich nie als Nurcu bezeichnet hat. In seiner Vereinigung sind die Lehren Said Nursis nur zweitrangig. Eng mit den Anhängern Gülens arbeitet der populäre Autor Hekimoğlu İsmail zusammen, der in seinem Bestseller „Minyeli Abdullah“ von 1967 und anderen Werken, die Ideen der Nur Cemaati in Romanform verbreitet.

Die Gülen-Bewegung verfügt über hunderte von Unterorganisationen und Kongressen in etwa 50 Ländern.[4] Alle Einrichtungen sind formal voneinander unabhängig, auf der Beziehungsebene der Leiter miteinander aber zu einem Netzwerk verbunden. [5] Der Gülen-Bewegung werden hunderttausende Mitglieder zugerechnet, was sie zu einer der größten – wenn nicht sogar der größten – islamischen Bewegung in der Türkei macht. [6]

[Bearbeiten] Nurcus in Europa

Die Nurculuk-Bruderschaft, deren Gesamtleitung in der Verantwortung einer Arbeitsgemeinschaft gleichberechtigter „Brüder“ in Istanbul liegt, soll nach eigener Darstellung in 100 Ländern weltweit 10 Millionen Mitglieder haben.[7] In Deutschland ist die Nurculuk-Bewegung in dem Dachverband Jam'at-un Nur (Islamische Gemeinschaft des göttlichen Lichtes e.V.) mit Sitz in Köln organisiert. Deren Vervierfachung der Mitgliederzahl in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ist auch ein Erfolg Fethullah Gülens, der im Dezember 1994 eine intensive Öffentlichkeitskampagne startete. Nach eigenen Angaben hat sie in Deutschland 120 Medressen.[8] Ähnliche Vereinigungen bestehen in Österreich und den Niederlanden.

[Bearbeiten] Religiöse Praktiken und das Gemeinschaftsleben der Nurcus

Im Mittelpunkt der religiösen Praxis der Nurcus steht die sohbet, eine Zusammenkunft nach dem Abendgebet, bei dem aus den Werken Said Nursis rezitiert wird, die die Wunder des Islam aufzeigen.[7]

Die Nurcus unterhalten zahlreiche Studentenwohnheime, die nach religiösen Prinzipien geleitet werden.

[Bearbeiten] Literatur

  • Bekim Agai: Zwischen Netzwerk und Diskurs: das Bildungsnetzwerk um Fethullah Gülen (geb. 1941): Die flexible Umsetzung modernen islamischen Gedankenguts, Schenefeld, 2004 ISBN 3-936912-10-6
  • Sahinöz Cemil: Die Nurculuk Bewegung. Entstehung, Organisation und Vernetzung. Die erste soziologische und wissenschaftliche Analyse der Bewegung, Nesil Verlag: Istanbul 2008, ISBN 978-9752696204

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. „Politik im Namen Allahs. Der Islamismus – eine Herausforderung für Europa“, 2001, S. 69-77
  2. Atacan, Fulya : “A Kurdish Islamist Group in Modern Turkey: Shifting Identities” Middle East Studies 37.3 (2001) S. 111 – 144.
  3. Ahmet T. Kuru: Globalization and Diversification of Islamic Movements: Three Turkish Cases. In: Political Science Quaterly. 120, Nr. 2, 2005, S. 253-274, S. 261.
  4. Referenz-Fehler: Ungültiges <ref>-Tag; kein Text angegeben für Einzelnachweis mit dem Namen globalization.
  5. Bekim, Agai, Ein moderner türkisch-islamischer Reformdenker?, qantara.de 28. Dezember 2004
  6. Turkey accuses popular Islamist of plot against state, The Guardian 1. September 2000
  7. a b „Politik im Namen Allahs. Der Islamismus – eine Herausforderung für Europa“, 2001, S. 73
  8. „Politik im Namen Allahs. Der Islamismus – eine Herausforderung für Europa“, 2001, S. 73-74
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