O Heiland, reiß die Himmel auf

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Psalm XLIV [...] Das allerschönste Kind in der Welt. Würzburg 1622

O Heiland, reiß die Himmel auf ist ein kirchliches Adventslied. Der seit 1622 publizierte Text wird Friedrich Spee (1591–1635) zugeschrieben.

Überlieferung[Bearbeiten]

Erstmals veröffentlicht wurde das Lied in der 1622 in Würzburg gedruckten katechetischen Liedersammlung Das Allerschönste Kind in der Welt,[1] als deren Autor wegen mancher Ähnlichkeit mit seiner postum erschienenen Sammlung Trutznachtigall allgemein Friedrich Spee angesehen wird. 1623 wurde es ebenfalls ohne Nennung des Autors in die Neuausgabe des bei Peter von Brachel in Köln[2] gedruckten Gesangbuches aufgenommen.[3] 1666 wurde ihm die bis heute gesungene Melodie aus dem Rheinfelsischen Gesangbuch beigelegt, die im ersten Kichenton komponiert ist.

Das Lied thematisiert in eindrücklicher barocktypischer Weise die erwartungsvolle Sehnsucht nach dem Erlöser, die als ein besonderer Ausdruck der adventlichen Hoffnung begriffen wurde. Es fand alsbald Eingang in die Reihe der Adventslieder kirchlicher Liedersammlungen.

Im evangelischen Gesangbuch gibt es darüber hinaus eine zusätzliche siebte Strophe unbekannter Herkunft. Das Lied ist im Gotteslob Nummer 231 (GLalt 105), im Evangelischen Gesangbuch (EG 7), im Evangelisch-methodistischen Gesangbuch (EM 141), im freikirchlichen Gesangbuch Feiern & Loben (FL 189), im Mennonitischen Gesangbuch (MG 244) und im Schweizer Reformierten Gesangbuch (RG 361) zu finden.

Inhalt[Bearbeiten]

Das Lied bezieht sich - wie das 150 Jahre jüngere, gleichfalls in den Rorate-Messen der Adventszeit gesungene Tauet, Himmel, den Gerechten - auf eine Stelle im Buch Jesaja, in der Fassung der Vulgata: „Rorate coeli de super, et nubes pluant justum: aperiatur terra, et germinet Salvatorem“ (Jes 45,8 VUL), zu deutsch: „Tauet, ihr Himmel, von oben, und die Wolken mögen den Gerechten regnen: es öffne sich die Erde, und sie sprieße den Heiland“. Es handelt sich um eine Kontrafaktur der gregorianischen Antiphon Rorate caeli.[4]

Der Beginn des Lieds schließt zudem an einen anderen Ruf Jesajas an: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen“ (Jes 63,19 LUT).

Der Text bedient sich zahlreicher dynamischer Verben (reißen, gießen, fließen, brechen, regnen, ausschlagen, springen) und emphatischer Interjektionen aus dem Bereich der Klage („O, Ach“).

Während die Strophen 1–3 durch die Hoffnungsbilder Himmel, Tau und Erde eine thematische Einheit bilden, verbinden sich auf der anderen Seite die Strophen 4–6 durch dunkle Bilder (Jammertal, Finsternis, Not, „ewig Tod“ und Elend), die jeweils mit den Hoffnungsbildern „Sonne“, „Stern“, „Trost“ und „starke Hand“ korrelieren. Eine historische Einbindung in die Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges ist dabei nicht auszuschließen.

O Heiland, reiß die Himmel auf,
Herab, herab, vom Himmel lauf!
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
Reiß ab, wo Schloss und Riegel für!

O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß;
Im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
Den König über Jakobs Haus.

O Erd’, schlag aus, schlag aus, o Erd’,
Dass Berg und Tal grün alles werd’
O Erd’, herfür dies Blümlein bring,
O Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
Darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
Komm tröst uns hier im Jammertal.

O klare Sonn’, du schöner Stern,
Dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn’, geh auf, ohn’ deinen Schein
In Finsternis wir alle sein.

Hier leiden wir die größte Not,
Vor Augen steht der ewig’ Tod;
Ach komm, führ uns mit starker Hand
Vom Elend zu dem Vaterland.

Später hinzugefügt, bei David Gregor Corner 1631 (nicht im Originaltext):

Da wollen wir all’ danken dir,
Unserm Erlöser, für und für.
Da wollen wir all’ loben dich
Je allzeit immer und ewiglich.

Bearbeitungen[Bearbeiten]

Bearbeitungen des Chorals finden sich u.a. bei Johannes Brahms, Johann Nepomuk David, Hugo Distler, Johannes Weyrauch oder Richard Wetz (Weihnachtsoratorium).

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Fischer: "O JESV mein du schöner Held". Das Motiv von der Schönheit Christi im 17. Jahrhundert. In: Spee-Jahrbuch. Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft der Friedrich-Spee-Gesellschaften Düsseldorf und Trier 13 (2006), ISSN 0947-0735, S. 145–158 (online, PDF, 416 KB).
  • Hermann Kurzke: Kirchenlied und Kultur. Studien und Standortbestimmungen. Francke, Tübingen 2010, ISBN 978-3-7720-8378-5, S. 210 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Joachim Pritzkat: O Heiland, reiß die Himmel auf. Zur 374jährigen Geschichte eines Liedes von Friedrich von Spee. In: Hermann Kurzke, Hermann Ühlein (Hrsg.): Kirchenlied interdisziplinär: Hymnologische Beiträge aus Germanistik, Theologie und Musikwissenschaft. 2. Auflage. Peter Lang, Frankfurt a.M. 2002, ISBN 3-631-38738-5, S. 131–172.
  • Joachim Pritzkat: Wo bleibstu Trost der gantzen Welt? Zur Spannung zwischen Diesseitsangst und Jenseitshoffnung bei Friedrich von Spee und Andreas Gryphius. In: Spee-Jahrbuch 5 (1998), ISSN 0947-0735, S. 107–116 (historicum.net).
  • Johanna Schell: O Heiland reiß die Himmel auf. In: Hans-Christian Drömann, Gerhard Hahn, Jürgen Henkys: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Heft 2. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-50321-0, S. 3–6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wiedergabe dieser Urfassung in: Michael Härting (Hrsg.): Friedrich Spee. Die anonymen geistlichen Lieder vor 1623 (= Philologische Studien und Quellen. Heft 63). E. Schmidt, Berlin 1979, ISBN 3-503-00594-3, S. 160-162 (Digitalisat. Bei: Zeno.org.).
  2. Christoph Reske: Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet. Harrassowitz, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-447-05450-8, S. 462 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Vgl. auch Vom Himmel hoch, o Engel, kommt
  4. Markus Bautsch: Über Kontrafakturen gregorianischen Repertoires - Rorate, abgerufen am 3. Dezember 2014