Oberkirche (Bad Frankenhausen)

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Oberkirche Bad Frankenhausen, Ansicht von Süden

Die Oberkirche (auch Kirche Unserer Lieben Frauen am Berge oder auch Bergkirche) ist eine evangelische Kirche in Bad Frankenhausen im Kyffhäuserkreis. Durch Gips- und Salzauslaugungen ist die Spitze des 56 m hohen Kirchturms um mehr als vier Meter aus der Senkrechten geneigt. Der Turm ist damit nach dem schiefen Turm in Suurhusen der zweitschiefste Turm in Deutschland, hat aber mit 4,45 m auf Grund seiner Höhe den größeren Überhang (Abweichung der Turmspitze vom Lot). Mit 4,76° ist er damit stärker geneigt als der Schiefe Turm von Pisa (laut Angabe von 2011 auf 3,97°).[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Bau und katholische Zeit[Bearbeiten]

Die Kirche wurde am 25. April 1382 als Basilika im gotischen Stil fertiggestellt. Die Bruderschaft Corporis Christi (Leib Christi) ließ sie auf den Fundamenten einer verfallenen romanischen Anlage errichten. Lange Zeit bestimmte die Oberkirche das Bild Frankenhausens mehr als die anderen Kirchen der Stadt. Der älteste Teil des Kirchenschiffes war als Gewölbebau und mehrschiffiges Langhaus ausgeführt. Spitzbogige gotische Fenster und Türen zierten das Bauwerk. Der Turm hatte ursprünglich ein spitz zulaufendes Dach mit vier kleinen Seitentürmen. Zu ihren Glanzzeiten besaß die Oberkirche viele Altäre und verfügte über hohe Einkünfte.

Im Verlauf des Deutschen Bauernkriegs, dessen Schlacht bei Frankenhausen am 15. Mai 1525 oberhalb der Stadt tobte, wurde die Oberkirche beschädigt und geplündert. Die Schwarzburger Grafen waren im Grunde Martin Luthers Wirken gewogen, versuchten die Umsetzung der Reformation in ihren Landen aber zu unterbinden. Deshalb erlangten ihre Untertanen in dieser Region erst 1539 ihre Religionsfreiheit. Im gleichen Jahr fand in der Oberkirche der letzte katholische Gottesdienst statt. Danach wurde der erste protestantische Geistliche an die Kirche berufen.

Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Ende des 19. Jahrhunderts[Bearbeiten]

Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) wurde die Oberkirche vom 21. bis 24. Oktober 1632 erneut geplündert. Bereits im Jahre 1692 wurde Baufälligkeit dokumentiert. Mangelnde Mittel waren die Ursache für eine sehr schleppende Sanierung. Besonders der Anblick von der Südseite zeugt noch heute von den regellos durchgeführten Veränderungen. Im Jahr 1724 konnte die erste Leichenpredigt in der sanierten Kirche gehalten werden, die am 14. September 1727 wieder eingeweiht wurde.

Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) plünderten durchziehende Truppen ein weiteres Mal die Kirche. Am 27. Mai 1759 fiel die Spitze des Oberkirchturms einem der vielen Stadtbrände zum Opfer. Ein Übergreifen auf das gesamte Kirchengebäude konnte zwar verhindert werden, aber Übereifrige richteten großen Schaden an, als sie die Pfeifen der Orgel herausrissen, um sie vor den Flammen zu retten. Bereits am 13. Juli 1760 wurde mit dem Neubau des oberen Turmteils begonnen, der am 22. August 1761 als barocker Bau beendet wurde. Dabei wurde der damals schon vorhandenen Schiefstellung des Turms bautechnisch entgegengewirkt. Die bei dem Brand vernichteten Glocken wurden 1765 ersetzt.

Während des französischen Eroberungsfeldzuges erlitt die Kirche 1806 neue Schäden, als 2678 gefangene Preußen unter der Bewachung von 300 Franzosen nach Frankenhausen gebracht wurden und Ober- und Unterkirche der Stadt als Gefangenenlager missbraucht wurden. Das Kircheninnere war anschließend sanierungsbedürftig und die Orgel unbrauchbar. Eine neue Orgel und die notwendige Sanierung wurden durch Spenden finanziert und die neue Orgel am 1. Mai 1867 geweiht.

Rettungs- und Sanierungsmaßnahmen[Bearbeiten]

Bereits bei der Errichtung der Kirche existierte eine geologische Störung, die sich im Verlauf der Schwedengasse am östlichen Rand des Bauplatzes durch eine rinnenförmige Senke im Hangbereich manifestiert und zuletzt im 19. Jahrhundert durch Schuttauffüllungen zeitweise einplaniert wurde. Im Jahr 1908 ereignete sich in 500 m Entfernung von der Kirche ein Tagbruch durch Auslaugung von oberflächennahen Gipshorizonten mit der Entstehung eines Erdfalls. Mit diesem Ereignis begann eine rasche Schrägstellung der Kirche, verursacht durch starkes Absacken von Erdmassen und die Störungen des Wasserabflusses in unmittelbarer Nähe des Standortes. Ein weiteres Indiz für die Instabilität des Baugrundes liefert die Existenz der Elisabethquelle, eine seit dem Mittelalter bekannte, in unmittelbarer Nähe bei der Kirche aus dem Boden tretende Heilwasserquelle. Aus Sorge um die Sicherheit der Kirchenbesucher wurde die Kirche 1908 geschlossen.[2]

Erste Baumaßnahmen zur Stoppung der Schiefstellung des Oberkirchturmes wurden 1911 durchgeführt. Dabei wurden vor der Nordostecke zwei etwa elf Meter hohe Strebpfeiler aus Sandsteinquadern mit Beton- und Steinfüllung errichtet, die den Turm abstützen und einer weiteren Neigung entgegenwirken sollten. Dies erwies sich als kontraproduktiv, da diese Pfeiler nun zusätzlich auf den Untergrund pressten und sich sogar schneller senkten als der Turm, wie am aufklaffenden Spalt zwischen Pfeilern und Turm zu sehen war. Trotzdem wurde die Kirche am 8. Oktober 1911 neu geweiht. Die große Glocke musste 1917 zusammen mit der mittleren Glocke zur Kriegsproduktion im Ersten Weltkrieg abgeliefert werden.

Im Frühjahr 1920 wurden erstmals Bohrungen zur Untersuchung der Untergrundverhältnisse durchgeführt. Dabei wurde eine Neigung des Turms gegen die Senkrechte von 5 cm auf 1 m Höhe festgestellt. 1925 wurde das Gebäude wegen Einsturzgefahr baupolizeilich gesperrt und der Abriss erwogen. Ein Kostenvoranschlag aus dieser Zeit ergab, dass die Kosten für Abriss oder Sanierung etwa gleich hoch sein würden.

Georg Rüth von der TU Dresden veranlasste zwischen September 1935 und März 1936 erfolgreiche Erhaltungsmaßnahmen an der Oberkirche: Ringanker aus Flacheisen wurden um den Turm gelegt und verbanden ihn von nun an mit dem Langhaus. Anschließend wurde der Ostgiebel der Kirche abgerissen, da er durch die unter ihm hindurchführende Erdspalte stark rissig geworden war. Er wurde durch einen in Leichtbauweise errichteten Giebel aus Bimsbeton-Hohlblocksteinen mit Eisenbetonskelett ersetzt. Am 27. Juni 1937 fand der Einweihungsgottesdienst in der wiederhergestellten Oberkirche statt.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Oberkirche als Arsenal der SS benutzt. Nachdem die Alliierten Truppen die dort gehorteten Güter im Frühjahr 1945 zur Verteilung freigaben, wurde die Kirche durch die Bevölkerung erneut geplündert. Orgel, Fenster und Kircheninneres wurden dabei stark zerstört. 1952 erhielten der Turm und die Südseite des Kirchenschiffes eine neue Schiefereindeckung. Wegen starken Schwammbefalls musste das Kirchendach jedoch schon 1962 wieder abgetragen werden. Die Bausubstanz wurde zur Beseitigung der Schwammschäden vollständig entkernt, ein Wiederaufbau des Kirchenschiffs unterblieb, das Gebäude ist heute nur noch als Ruine erhalten.

1984 wurde die gesamte Kirche durch die Staatliche Bauaufsicht des Kreises Artern (Bezirk Halle) gesperrt. Aus Sicherheitsgründen wurde der Abriss der barocken Turmhaube gefordert. Fehlende Kapazitäten verhinderten diesen jedoch. Nach erneuten Sicherungsmaßnahmen am Turm konnte die Vollsperrung am 9. September 1993 in eine Teilsperrung umgewandelt und am 12. September 1993 der erste Gottesdienst in der Ruine der Oberkirche abgehalten werden.

Nach letzten Messungen der Hochschule Magdeburg-Stendal erreicht der Turm der Oberkirche eine Gesamtneigung von mehr als 4,76°. Die Spitze des 56 m hohen Turms ist damit 4,45 m in Richtung Nordost aus dem Lot (Stand: September 2011). Dabei weist der Turmschaft sogar eine Neigung von 5,42° auf, da die Turmhaube 1761 bewusst gegenläufig schief aufgesetzt wurde. Eine Schiefstellung des Turms wurde im Jahre 1640 erstmals erwähnt. Ursache der Neigung sind nach den neusten geologischen Untersuchungen Senkungserscheinungen östlich des Turmes. Die Annahme, dass sich aufgrund unterschiedlicher Bodenverhältnisse etwa diagonal unter dem Turm fester Felsen von losem Schotter trennt, aus dem im Laufe der Zeit der Gips ausgespült wurde, hat sich jedoch nicht bestätigt.[3]

Bei den zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfolgten Sanierungsmaßnahmen wurden die Stützpfeiler von 1911 wieder entfernt und aufgetretene Risse im Mauerwerk abgedichtet. Im Juni 2007 erhielt eine spezialisierte Tiefbaufirma den Auftrag zur Sanierung des Untergrundes unter dem Kirchturm, sie verdichtete ihn durch Einpressung von Flüssigbeton. Es gelang immerhin, die bisherige Senkungsgeschwindigkeit von 6 cm/Jahr zu verringern. Nach Abschluss der Arbeiten wurden noch immer Werte von 2 mm/Jahr gemessen.[1]

Abrisspläne und eine letzte Rettungschance[Bearbeiten]

Experten haben errechnet, dass bei weiterer stetiger Neigung der Turm spätestens im Jahr 2092 komplett einstürzen würde. Weil das Gebäude gesperrt ist und ein weiterer Rettungsversuch mit mindestens 800.000 Euro zu Buche schlüge, fanden im Januar 2011 Verhandlungen zwischen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises um eine Abrissgenehmigung statt. Zunächst erzielte man keine Einigung.[4] Die Evangelische Landeskirche bot daraufhin an, die Ruine an die Stadt Bad Frankenhausen zu verschenken.[5]

Inzwischen hat das Land Thüringen die Summe für einen weiteren Rettungsversuch bereitgestellt, die durch Gelder aus dem Etat der Stadt und Privatspenden auf 1,4 Millionen Euro erhöht werden soll. Mittels eines Korsetts und zweier Stützpfeiler soll die Seitwärtsbewegung aufgehalten und somit der Abriss verhindert werden.[1] Anfang Dezember 2011 beschloss der Stadtrat den Erwerb von Kirche und zugehörigem Gelände, der zum symbolischen Preis von einem Euro erfolgen soll.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Oberkirche (Bad Frankenhausen) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Kirche „Unser Lieben Frauen am Berge“ auch Ober- oder Bergkirche Bad Frankenhausen/Kyffhäuser. Hrsg. Förderverein Oberkirche Bad Frankenhausen e. V. 2. Aufl. 2001

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Bernhard Honnigfort: Echt schräg. In Thüringen steht der höchste schiefe Kirchturm der Welt. Nun droht ihm der Abriss. Artikel in der Berliner Zeitung vom 13. September 2011, S. 28
  2.  Ingenieurbüro Trabert & Partner (Hrsg.): Der Schiefe Turm von Bad Frankenhausen. Tagungsbericht zum Fachseminar für Tragwerksplaner, Architekten und Handwerksmeister an der Probstei Johannesberg (2011). Geisa 2011, S. 27.
  3. Schiefer Turm von Frankenhausen – Auf Salz gebaut. In: Spiegel Online, 27. April 2010
  4. Bürgermeister: Kirche will den Turm nicht retten. MDR, 27. Dezember 2010
  5. Kirche will schiefen Turm verschenken. EKM, 29. März 2011
  6. Bad Frankenhausen kauft schiefen Turm, Thüringer Allgemeine, 7. Dezember 2011

51.35944444444411.105555555556Koordinaten: 51° 21′ 34″ N, 11° 6′ 20″ O