Objektivität

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Objektivität (von lateinisch obiacere: gegenüberliegen oder obicere: das Entgegengeworfene, der Vorwurf oder der Einwurf) ist in der europäischen Philosophie die Unabhängigkeit der Beurteilung oder Beschreibung einer Sache, eines Ereignisses oder eines Sachverhalts vom Beobachter beziehungsweise vom Subjekt. Der Begriff der Objektivität unterliegt wie alle philosophischen Begriffe einem schwankenden Sprachgebrauch, d.h. seine genaue Bedeutung ist umstritten. Ob es Objektivität in der einen oder anderen Bedeutung überhaupt gibt, ist ebenfalls umstritten. Einen neutralen Standpunkt gibt es nicht, jede Sichtweise ist subjektiv.[1]

Alexander Gottlieb Baumgarten[Bearbeiten]

Alexander Gottlieb Baumgarten vertrat den Standpunkt, der Begriff Objektivität solle nicht mehr als mentale Idee aufgefasst werden, sondern als eine von individuellen Umständen unabhängige Eigenschaft von Ereignissen, Aussagen oder Einstellungen.[2]

Immanuel Kant[Bearbeiten]

Für Immanuel Kants kritische Philosophie gilt die allgemeine Gültigkeit als Kennzeichen der objektiven Gültigkeit von Aussagen und Begriffen. Eine Person könne nur durch Irrtum zu einem anderen Ergebnis kommen. Objektive Gründe sind vom Subjekt unabhängige Gründe.[3]

Charles Sanders Peirce[Bearbeiten]

Nach dem semiotischen Modell von Charles Sanders Peirce ist Objektivität das Zeichenobjekt, welches als reines Objekt nie fassbar ist, da es einerseits immer der Interpretation des menschlichen Verstandes unterliegt und andererseits unlösbar mit dem Medium (Publikationsform) verbunden ist, das es zu den interpretierenden Menschen leitet.

Max Weber[Bearbeiten]

Für den Soziologen Max Weber, der seinem Selbstverständnis nach auf Marx und Nietzsche antwortet, gibt es, niedergelegt in seinem berühmten Aufsatz von 1904, „keine schlechthin ‚objektive‘ wissenschaftliche Analyse des Kulturlebens oder ... der ‚sozialen Erscheinungen‘“.[4] Erkenntnis von Kulturvorgängen geschieht in der „individuell geartete[n] Wirklichkeit des Lebens“ in Abhängigkeit von „Wertideen“ und ist „stets eine Erkenntnis unter spezifisch besonderten Gesichtspunkten“.[5]

Karl Popper[Bearbeiten]

Popper, der Begründer des Kritischen Rationalismus, verteidigte den Begriff der Objektivität.[6] Er kritisierte zwar die klassische Sichtweise zum Begriff der Objektivität, nach der Wissen und Erkenntnis durch Begründungsmethoden seine Objektivität erhalte und die Objektivität für die Richtigkeit und Zuverlässigkeit des Wissens garantieren könne. Aber er wies darauf hin, dass Objektivität zumindest im Sinne von intersubjektiver Überprüfbarkeit möglich sei. Später erweiterte er seine Sicht und sprach sich für Objektivität im ontologischen Sinn aus, denn auch wenn eine Annahme nicht begründet werden könne, könne sie dennoch wahr sein und mit der Wirklichkeit übereinstimmen, und wenn sie tatsächlich wahr sei, dann könne sie nicht nur intersubjektiv überprüft werden, sondern auch ihre Konsequenzen wären objektiv zutreffend. Er übernahm Churchills Beispiel der Sonne: Man könne die zutreffende Annahme, dass sie extrem heiß und daher für Lebewesen tödlich sei nicht nur überprüfen, sondern wer in die Sonne fliege, der erleide auch objektiv den Tod.

Jürgen Habermas[Bearbeiten]

Habermas kritisiert am Begriff der Objektivität, die Wissenschaften würden durch ihn „die spezifische Lebensbedeutsamkeit einbüßen“.[7] Er setzt die Offenlegung „erkenntnisleitender Interessen“[8] an die Stelle der Objektivität, Objektivität selbst hält er für unmöglich. Beispielhaft vorgeführt wird das von Hans-Ulrich Wehler in der Einleitung seiner „Deutsche[n] Gesellschaftsgeschichte“.[9]

Niklas Luhmann[Bearbeiten]

Für Niklas Luhmann sind Objektivität und Subjektivität keine Gegensätze, sondern ähnliche Begriffe in verschiedenartigen Systemen. Objektiv ist, was sich im Kommunikationssystem (= Gesellschaft) bewährt, subjektiv ist, was sich im einzelnen Bewusstseinssystem (grob gesprochen: im Kopf eines Menschen) bewährt. Bewusstseinssysteme können dann „subjektiv das für objektiv halten, was sich in der Kommunikation bewährt, während die Kommunikation ihrerseits Nicht-Zustimmungsfähiges als subjektiv marginalisiert“.[10]

Ernst von Glasersfeld[Bearbeiten]

Nach Ernst von Glasersfeld, einem Vertreter des Radikalen Konstruktivismus, ist alle Wahrnehmung und jede Erkenntnis subjektiv. Intersubjektiv wird eine Erkenntnis dann, wenn auch andere Menschen diese Erkenntnis erfolgreich anwenden. Da auch deren Erkenntnis aber subjektiv ist, wird damit keine Objektivität gewonnen, sondern eben nur Intersubjektivität. Damit ist aber auch keine Erkenntnis der ontologischen Realität möglich. Von Glasersfeld beansprucht daher, die vorausgesetzte Trennung von Objekt und Subjekt überwunden zu haben.[11]

Sandra Harding[Bearbeiten]

Die Feministin Sandra Harding fordert für ihr Konzept der „strengen Objektivität“, dass die „soziale Situiertheit“ (Donna Haraway) der forschenden Person ins Forschungskonzept miteinbezogen werden müsse (Standpunkttheorie). Beim Konzept der „strengen Objektivität“ geht es darum, die soziale Situiertheit von Wissen anzuerkennen, indem man zusätzlich zum Objektivismus die Position eines historischen Relativismus einnimmt.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Lorraine Daston, Peter Gallison: Objektivität. Frankfurt a.M., 2007. ISBN 978-3-518-58486-6. (Amerikan. Orig.: Objectivity. Brooklyn, NY: Zone Books, 2007.)
  • Donald Davidson: Subjektiv, intersubjektiv, objektiv, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, ISBN 3-518-58387-5.
  • Christian Thiel: objektiv/Objektivität. in: Jürgen Mittelstraß (hg.), Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 2 (H-O), Mannheim/Wien/Zürich 1984

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Zweifel und Gewissheit: Skeptische Debatten im Mittelalter, S. 158 [1]
  2. Christian Thiel: Objektivität 1984 S. 1052f
  3. Christian Thiel: Objektivität 1984 S. 1053 siehe dazu: Jäsche, Gottlob Benjamin (Hg.): Immanuel Kants Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen, Königsberg 1800. S. 106
  4. Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, In: Schriften zur Wissenschaftslehre, Reclam, Stuttgart 1991. S.49; ISBN 3-15-008748-1
  5. Max Weber, a.a.O.
  6. K.R.Popper: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf Hamburg 1974²
  7. Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse. In: Technik und Wissenschaft als »Ideologie«. 4. Auflage. Edition 287, Suhrkamp, Frankfurt [1965 Merkur] 1970, Seite 150 f.
  8. Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse, Frankfurt am Main 1968
  9. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Erster Band, C.H.Beck, München 1989. S.12ff. ; ISBN 3-406-32261-1
  10. Niklas Luhmann, Die Religion der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt 2002. S.19 ; ISBN 3-518-29181-5
  11. Ernst von Glasersfeld: Objektivität, in: Leon R. Tsvasman (Hg.): Das große Lexikon Medien und Kommunikation. Kompendium interdisziplinärer Konzepte. Würzburg 2006. ISBN 3-89913-515-6
  12. Sandra Harding, Das Geschlecht des Wissens. Frauen denken die Wissenschaft neu. Campus Verlag, Frankfurt/M. [1991] 1994, ISBN 3-593-35049-1, S. 165-168

Weblinks[Bearbeiten]