Odin

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Odin (Begriffsklärung) aufgeführt.
Abbildung von Odin auf Sleipnir aus der isländischen Eddahandschrift NKS 1867 4to von Ólafur Brynjúlfsson aus dem Jahre 1760

Odin oder südgermanisch Wōdan (altisländisch Óðinn, altenglisch Wōden, altsächsisch Uuoden,[1] althochdeutsch Wuotan, langobardisch Godan oder Guodan[2], neuhochdeutsch nach Richard Wagner Wotan; aus diesen Formen erschließt sich der gemeingermanische Göttername *Wôðanaz[3]) ist der Hauptgott in der nordischen Mythologie der eddischen Dichtung. Dort fungiert er als Göttervater, Kriegs- und Totengott, als ein Gott der Dichtung und Runen, der Magie und Ekstase mit deutlich dämonisch-schamanistischen Zügen.[4]

Darstellung[Bearbeiten]

Bisher liegen Odin zugeschriebene Darstellungen meist in Form eines Reiters vor. 2009 wurde bei Ausgrabungen in Gammel Lejre in Dänemark eine 1,75 cm hohe und 1,98 cm breite vergoldete Figur aus Silber gefunden. Das Museum Roskilde datiert den einzigartigen Fund auf 900–1000 n. Chr. Es handelt sich dabei um eine Darstellung von Odin und seinem magischen Thron Hlidskialf mit den Raben Hugin und Munin. Der Thron befähigt Odin, alle neun Welten zu sehen. Dass das linke Auge auf manchen Abbildungen schlecht zu sehen ist, verweist jedoch nicht auf das Auge, das Odin opferte, um Weisheit zu erlangen. Die linke Gesichtshälfte wurde nur nachträglich etwas blanker geschliffen.[5] Kleine Throne wurden auch bei anderen archäologischen Ausgrabungen gefunden, darunter auch in Haithabu. Jedoch fehlt auf diesen eine Person. Der Fund in Gammel Lejre ist die älteste bekannte Darstellung von Odin und seinem magischen Thron Hlidskialf.[6]

Etymologie und Herkunft[Bearbeiten]

Etymologie[Bearbeiten]

Odin, als Wanderer, aus einer schwedischen Ausgabe der Edda von 1886

Je nach Kontext sind im Deutschen sowohl die nordgermanische Namensform Odin als auch die südgermanischen Formen Wodan oder, in hochdeutscher Lautung, Wotan üblich. Der älteste schriftliche Nachweis des Namens ist eine Runeninschrift auf einer Bügelfibel von Nordendorf aus dem sechsten Jahrhundert n. Chr., die neben anderen Namen wodan nennt. Die zweite Silbe wird schon im Nordseegermanischen zu -en oder -in umgebildet (angelsächsisch Wōden). In den nordgermanischen Sprachen fiel dazu noch das anlautende w- (wie stets vor o und u) aus. Der früheste Beleg für den Götternamen Odin aus der Zeit um 725 n. Chr. fand sich in der Form uþin auf einem mit Runen beritzten Schädelfragment.[7]

Beide Namensvarianten entstammen einem Wortgeschlecht, das eine westliche Dehnform zum indogermanischen *wat „anblasen, anfachen“, im übertragenen Sinn „inspirieren“, darstellt, verwandt mit altindisch vátati. Die rekonstruierte protogermanische Urform des Götternamens lautet *Wōdanaz. Das mittelhochdeutsche und althochdeutsche wuot, neuhochdeutsch Wut, entstammt ebenfalls diesem indogermanischen Wortgeschlecht, entsprechend altnordisch ódr, mit der Bedeutung von „Stimme, Gesang, Leidenschaft, Dichtung“, verwandt mit gemeingermanisch *wōda „besessen, erregt“. Diese Bedeutungen sind charakteristische Darstellungen der Wesenhaftigkeit und der Handlungsmaximen Odin–Wodans.[8] Die inspirierte, seelische Erregung kann sich ebenso auf die poetische Dichtung beziehen wie auf die Magie und deren Möglichkeiten im Krieg, indem die Gegner magisch getäuscht wurden, oder auf die jähzornartige Berserkerwut. Dementsprechend schreibt Adam von Bremen in der Beschreibung des Tempels von Uppsala in seinen aus dem elften Jahrhundert stammenden Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum: „Wuodan id est furor“ („Wodan bezeichnet das Wüten“). Mit der Zweiten Lautverschiebung wurde aus dem südgermanischen Wodan althochdeutsch Wuotan und langobardisch Wotan bzw. in romanischer Schreibweise G(u)odan.[9]

In der Neuzeit, vor allem im Zuge der Romantik wurde der Name im Deutschen wieder aufgenommen. Richard Wagner verwendete zunächst die westgermanische Lautform Wodan (so im II. Akt des Lohengrin), ab etwa 1860 entschied er sich jedoch für die zwischen Wodan und Wuotan vermittelnde Schreibweise Wotan.[10] Diese Namensform, die im Frühmittelalter nur im Langobardischen einmal belegt ist, wurde durch den Einfluss seiner Opern eine heute gebräuchliche Schreibweise des südgermanischen Namens.[11]

Der Wochentag Mittwoch nimmt in anderen germanischen Sprachen in Anlehnung an das römische Vorbild dies Mercurii „Tag des Mercurius“, auf Wodan Bezug (vgl. Interpretatio Romana). Der „Wodanstag“ oder auch „Wodenstag“, Woensdag im Niederländischen, wurde im Englischen zum Wednesday, im Friesischen zum Wernsdey, im Dänischen und Schwedischen zum onsdag, dem Odinstag. Die Entlehnung hängt mit der Übernahme der römischen Siebentage-Woche durch die kontinentalen Germanen des zweiten bis dritten Jahrhunderts zusammen. Im deutschen „Mittwoch“ sollte der Name des höchsten germanischen Gottes vielleicht vermieden werden.

Herkunft[Bearbeiten]

Als früheste Nachweise der germanischen Gottesvorstellung wurden Felsbilder in Skandinavien gedeutet, die übermannsgroße Figuren in phallischer Pose und mit einem Speer bewaffnet zeigen.[12] Diese Deutungen sind aber umstritten und beruhen auf den spätheidnisch-skandinavischen schriftlichen sowie bildhaften Darstellungen Odins als einer mit einem Speer attributierten Gottheit neben Thor mit seinem Hammer und Tyr als Schwertgott.

Tacitus benennt im neunten Kapitel seiner ethnographischen Abhandlung, der landläufig verkürzt betitelten Germania, den ihm übermittelten Abriss zu den religiösen Verhältnissen der Germanen. In der Eröffnung zitiert er wörtlich Caesar nach dessen Gallischen Krieg. Tacitus führt als höchste verehrte Gottheit in römischer Interpretation den Mercurius an. Aus der weiteren Benennung der zwei weiteren Hauptgottheiten Hercules und Mars für Donar/Thor und Tiwas/Tyr wird für Mercurius Wodan/Odin erschlossen. Die Einführung des Tacitus ist jedoch wohl nicht ganz deckungsgleich mit den vermuteten tatsächlichen Verhältnissen. Auch die problembehaftete Identifizierung des Hercules mit Donar/Thor zeigt, dass eine differenzierte Wertung zwingend ist.[13]

In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten wurde Wodan in der Germania inferior durch Weihesteine geehrt, die in der Regel von Germanen gestiftet wurden, die in römischen Militär- oder Staatsdiensten standen. Die Steine tragen Inschriften, die den Namen des Mercurius mit germanischen Begrifflichkeiten paaren, seien es Bezüge zu Örtlichkeiten, zu einzelnen Stämmen oder Namensformen mit anderen Bezügen. Beispielhafte Inschriften sind Mercurius Cimbrianus „Wodan der Kimbern“' und Mercurius Leudisius „Wodan von Lüttich“.[14]

Die Deutungen[15] der Felsbilder führten neben anderen Aspekten[16] in der Forschung zu einer ungeklärten Streitfrage. Auf der einen Seite steht die in Anlehnung an Georges Dumézil und andere[17] vertretene These, dass Wodan/Odin eine gesamtgermanische Götterfigur aus indogermanischer Zeit sei.[18] Auf der anderen Seite steht die These der allmählichen Wanderung des Wodan-Kults,[19] der sich vor der Zeitenwende im niederrheinisch-nordwestdeutschen Raum entwickelt und von dort ausgebreitet habe und dabei den alten Hoch- und Himmelsgott Tiwaz aus dessen Stellung verdrängte.[20] Dieser Prozess müsse dann im Kontext der Auseinandersetzungen mit dem Römischen Reich sowie der Veränderung innergermanischer Verhältnisse gesehen werden.[21]

Schriftzeugnisse im kontinental-germanischen Bereich sind spärlich, hauptsächlicher Nachweis sind hier spätere, zum Teil nach der Christianisierung verfasste Quellen (Edda)[22], welche die im Brauchtum tief verwurzelten Erinnerungen an die heidnische vorchristliche Zeit und deren religiöse Riten und Mythologien reflektieren.[23] Zudem ist in den isländisch-eddischen Schriften des Hochmittelalters der Einfluss der Christianisierung und sowohl christlicher als auch griechisch-römischer Vorstellungen auch und gerade bei der Darstellung Odins zu erkennen.[24] Otto Höfler[25] stellte auf Grundlage der disparaten Quellensituation zu Odin/Wodan fest, dass man diesen nicht zu einem einheitlichen anthropomorphen, menschengestaltigen Charakterbild zusammenfassen kann, jedoch lässt sich über die Epoche des germanischen Paganismus hinweg ein einheitlicher Kulttypus feststellen. Dieser manifestiert sich, wie in der etymologischen Deutung kurz umrissen, folgend:

  • die Beziehung zur Ekstase
  • der Bezug zu den Toten beziehungsweise Totenkult
  • die Verwandlungsfähigkeit
  • kriegerische, vegetative und dämonische Züge.

Wodan in der kontinentalen Überlieferung[Bearbeiten]

Wodan heilt Balders Pferd, Zeichnung von Emil Doepler, 1905

Wodan ist der bestbezeugte Gott bei den germanischen Stämmen und Völkern der Wanderungszeit. Berücksichtigt werden muss bei dieser Aussage die generell schlechte primäre Quellenlage:

Odin in der nordischen Mythologie[Bearbeiten]

Odin ist eine der komplexesten Gestalten in der nordischen Mythologie. Kennzeichnend sind in den altnordisch-isländischen mythologischen Schriften die zahlreichen Beinamen, die ihn charakterisieren (vgl. Liste der Beinamen Odins).

Zusammenfassung aus der Lieder- und Prosa-Edda[Bearbeiten]

Aus den salzbereiften Steinen leckte die Kuh Audhumbla den Riesen Bure; dieser bekam einen Sohn, Bör, der sich mit der Riesentochter Bestla vermählte und mit ihr Odin, Vili und zeugte. Die letzteren beiden verlieren sich aus der Asengeschichte, werden selten erwähnt und haben wenig getan; Odin aber waltet mächtig, schöpferisch, durch alle Zeiten hindurch, bis zum Weltenbrand – dem Götterschicksal Ragnarök. Die erste Tat der drei vereinten Brüder war, dass sie gegen den Riesen Ymir auszogen, ihn erschlugen und aus seinem Leichnam die Welt bildeten. Die Welt war von Ymirs Blut überschwemmt, und es rettete sich nur ein Paar, der Riese Bergelmir und seine Frau. Nachdem die Erde gebildet war, bestand sie aus zwei Teilen: der eine nur aus Feuer (Muspellsheim) und der andere nur aus Eis (Niflheim); dazwischen befand sich die Schlucht, Ymirs Grab. Odin bevölkerte die Erde, indem er ein Menschenpaar, Ask und Embla, erschuf. Allein das Riesengeschlecht pflanzte sich gleichfalls fort, und so war von Anfang an der Streit zwischen dem Guten und dem Bösen gelegt, in dem auch Odin selbst untergeht, da er nur ein endlicher Gott ist.

Odin ist überaus weise. Sein Wissen verdankt er zwei Raben, Hugin und Munin, die auf seinen Schultern sitzen und ihm alles erzählen, was auf der Welt geschieht, weshalb er auch der Rabengott heißt; ferner bezieht er sein Wissen aus einem Trunk von Mimirs Brunnen, wofür er ein Auge verlor; daher wird er auch der Einäugige genannt. Den köstlichen Skaldenmet wusste er sich durch seine List und männliche Schönheit von Gunnlöd zu verschaffen, ist daher auch Dichterkönig und führt den Beinamen Liodasmieder (Liedermacher, Verseschmieder).

Odins Gattinnen und Geliebte sind: Jörd (Mutter des Thor), Rinda (Mutter des Wali), Frigga die Asenkönigin (Mutter des Balder, Bragi, Hermodr und Tyr), Grydur (Mutter des Vidar), neun reine Riesenjungfrauen von unendlicher Schönheit, die alle neun am Meeresstrand schlafend, zugleich Mütter des Heimdall wurden; Skadi, früher Njörds Gattin (von O. Mutter des Semming und vieler anderer Söhne), Gritha (Mutter Skiolds); ferner erfreuten ihn mit ihrer Gunst die Riesentochter Gunlöda und Laga, die Göttin der Gewässer.

Odin wohnt in Asgard, wo er zwei Paläste hat: Walaskialf und Gladsheim mit Walhall. Von dem ersten vermag er die ganze Welt zu überschauen; der zweite ist zu den Versammlungen des Götterrats bestimmt; darin befindet sich die Halle, in der sich um ihn alle Helden der Erde sammeln, um mit ihm gegen die den Weltuntergang herbeiführenden Mächte zu kämpfen. Diese Helden heißen Einherjer, werden auf dem Schlachtfeld (Walstatt) von den Walküren mit einem Kuss zum Festmahl Odins eingeladen und erwarten dort unter fortwährendem Festgelage und Kämpfen das Schicksal der Götter (Ragnarök).

Selbst ein Freund des Zechens und der Schlachten, lässt Odin sich stets von zwei Walküren, Rista und Mista, mit goldenen Pokalen bedienen und kämpft mit den Einherjern auf seinem achtfüßigen Ross mit einem nie das Ziel verfehlenden Speer Gungnir; doch helfen ihm weder seine Helden noch seine Waffen: Der Weltuntergang bringt auch ihm den Tod.[26]

Odins Selbstopfer[Bearbeiten]

Odin ist beharrlich auf der Suche nach Weisheit. Er gibt ein Auge als Pfand gegen einen Schluck aus Mimirs Brunnen, um seherische Kräfte zu bekommen. Er raubt von der Riesin Gunnlöd den Skaldenmet Odrörir und bringt ihn in Adlergestalt zu den Göttern. Als Opfer für die Menschen hängt er im Weltenbaum Yggdrasil, verwundet von seinem eigenen Speer. Er hängt dort während neun Tagen und Nächten („Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht, mir selber ich selbst, am Ast des Baums, dem man nicht ansehen kann, aus welcher Wurzel er spross“; aus Odins Runenlied 138), wobei er die Runen ersinnt (Odins Runenlied in der Hávamál der Lieder-Edda).

Magische Artefakte und Begleiter[Bearbeiten]

Bildnis des Odin, 1888

Odin reitet jeden Morgen auf seinem achtbeinigen Ross Sleipnir und mit seinen beiden treuen Raben Hugin und Munin („Gedanke“ und „Erinnerung“) über den Morgenhimmel und erkundet die Welt. Seine Wölfe Geri und Freki („Gierig“ und „Gefräßig“) helfen ihm bei der Jagd. Er besitzt den goldenen Zwergen-Ring Draupnir und den Speer Gungnir, mit dem er den ersten Krieg in die Welt brachte, als er ihn ins Heer der Wanen warf. Weiterhin hat er den abgetrennten Kopf des Riesen Mimir, der die Zukunft vorhersagen kann. Von seinem Thron Hlidskialf aus (er steht in Valaskjalf; siehe auch: Sökkvabekk oder Gladsheim) kann Odin alles sehen, was sich in der Welt ereignet. Odin trägt einen Wunschmantel, der ihn an die Orte bringt, an denen er sich aufhalten will und mit dem er sich unsichtbar machen kann.

Brauchtum[Bearbeiten]

Ausgehend von der Etymologie Wodans hat sich die Vorstellung im Volksglauben bis in die Neuzeit erhalten und tradiert, dass sich zur Zeit der Herbststürme Wodan in der wilden Jagd (dänisch Odins jagt, schwedisch Odensjakt) mit dem Heer der Verstorbenen durch den Himmel bewegt. Die wilde Jagd heißt im Nordischen auch Asgardareid. Odin und Frigg nehmen dort gemeinsam teil. Wodan als der Herr der Toten und Stürme (hier besonders die Herbststürme) kam bei den heidnischen Herbstfesten eine besondere Rolle zu. In den altsächsischen Siedlungs- und Sprachgebieten hielten (bzw. halten sich vereinzelt bis heute, zum Beispiel in Ostwestfalen) Bräuche, bei Ernten und Erntedankfeiern Dankopfer darzubringen. Dies kann eine nicht gemähte Ecke des Feldes sein, die stehen gelassen wird um quasi durch Zurückerstatten eines Teils der Ernte um Segen für das nächste Jahr zu bitten oder, bis ins 16. Jahrhundert der Brauch, „Woden“ zu Ehren Bier als Trankopfer auszugießen und Tänze aufzuführen.

Jacob Grimm zeigte, dass besonders Erntesprüche und damit verbundene Segenssprüche auf Wodan Bezug nahmen. Vor allem in den ehemaligen sächsischen Gebieten, dem heutigen Niedersachsen und Westfalen, aber auch den sächsischen Siedlungsgebieten in England, wo der Wodanskult tief in den Stammessagen verwurzelt war und auf das tradierte Brauchtum bis in die Gegenwart abstrahlt. Grimm führte z. B. aus den mecklenburgischen und besonders aus dem schaumburg-lippischen Landen folgende Erntesprüche in den jeweiligen niederdeutschen Dialekten an:[27]

Mecklenburg:

Wode, Wode, hale dinnen Rosse nu voder,
nu Diestel un Dorn,
ächter jar beter Korn!“

Wode, Wode, hole deinem Rosse nur Futter,
nun Distel und Dorn,
über' s Jahr besser Korn.“

Schaumburg:

Wold, Wold, Wold!
Hävenshüne wei wat schüt,
jümm hei dal van Häven süt.
Vulle Kruken un Sangen hät hei,
upen Holte wässt manigerlei:
hei is nig barn un wert nig old.
Wold, Wold, Wold!

Wold, Wold, Wold!
Himmelshüne weiß was geschieht,
vom Himmel er herunter sieht,
Volle Krüge und Garben gibt er,
im Walde wächst mancherlei:
Er ist nicht geboren und wird nicht alt.
Wold, Wold, Wold!

Wotan-Denkmal in Hannover von Wilhelm Engelhard, 1888

Geistliche, die sich bis ins 19. Jahrhundert an solchen Riten beteiligten, erhielten als eigene Abgaben auch Getreideopfer zum Schutz der Feldfrucht.[28]

Auch bei Schlachtungen gab es solche Riten. So wurden zum Beispiel Gebärmutter und Scheide einer geschlachteten Sau als Dankopfer „die Wood“ in das Geäst eines Baumes geworfen, damit Krähen und Raben, Wodans ständige Begleiter, sich daran gütlich tun konnten. [29]

Auf einer Synode im Jahr 813 ließ der Frankenkönig Ludwig der Fromme, Sohn Karls des Großen, den Michaelstag in die Woche des Festes für Wodan legen. Die zahlreichen Michaelskapellen in Norddeutschland weisen auf vermutete vorherige Wodansheiligtümer oder andere Kultplätze hin.[30] Des Weiteren deuten Funde von Weihesteinen auf den Bezug zwischen Wodan und St. Michael hin. So wurden auf dem „Michelsberg“, der ein Vorberg des Heiligenbergs bei Heidelberg ist, Weihesteine gefunden, welche die Inschrift „Mercurius Cimbrianus“ und „Mercurius Cimbrius“ tragen, und somit auf alte Wodanskultstätten hinweisen, die zu christlichen Zwecken umgewandelt wurden. In der Regel wurde auch durch die Errichtung von Kapellen vor Ort die christliche Inanspruchnahme ausgedrückt.[31] Im selben Zeitraum setzte eine deutliche Dämonisierung seitens der christlichen Missionare ein, wie beispielsweise im Wortlaut des sächsischen Taufgelöbnisses nachzuvollziehen ist. Dies war im Falle Wodans insofern naheliegend, als der schamanistische Grundzug des Gottes in der religiösen Praxis der Germanen alltäglich gegenwärtig war. Zusätzlich wurde dem aus christlicher Sicht machtlosen Wodan der Heerführer Christus[32] oder der heldenhafte Erzengel Michael, der den Drachen besiegt, gegenübergestellt.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Hanns Bächtold-Stäubli: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Walter de Gruyter, Berlin und Leipzig 1929–1942 (2000 ISBN 3-11-016860-X).
  •  Arthur Cotterell: Die Enzyklopädie der Mythologie. Edition XXL, ISBN 3-89736-300-3.
  •  Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte (2 Bände). 3. unveränderte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 1970.
  •  Jan de Vries: Die geistige Welt der Germanen. WBG, Darmstadt 1964.
  •  Jan de Vries: Altnordisches Etymologisches Wörterbuch. Brill, Leiden 1962 (ab 1997 ISBN 90-04-05436-7).
  •  Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte (2 Bände). Carl Winter, Heidelberg 1913–1953.
  •  Karl Helm: Wodan – Ausbreitung und Wanderung seines Kultes. W. Schmitz Verlag, Gießen 1946.
  •  Anders Hultgård: Wotan–Odin. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. 35, Walter de Gruyter, Berlin – New York 1992, ISBN 3-11-018784-1, S. 759–785.
  •  Friedrich Kluge, Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Walter de Gruyter, Berlin 2002, ISBN 3-11-017473-1.
  • Anatoly Liberman: A Short History of the God Óðinn, NOWELE 62/63 (2011), S. 351–430.
  •  Wolfgang Meid: Aspekte der germanischen und keltischen Religion im Zeugnis der Sprache. Innsbruck 1991.
  • Wolfgang Meid: Das Suffix -NO- in Götternamen. In: Beiträge zur Namenforschung 8 (1957), S. 72–108, 113-126.
  •  Rudolf Much, Wolfgang Lange unter Mitarbeit von Herbert Jankuhn (Hrsg.): Die Germania des Tacitus. 3. erweiterte Auflage. Carl Winter, Heidelberg 1967.
  •  Ernst Alfred Philippson: Germanisches Heidentum bei den Angelsachsen (Kölner anglistische Arbeiten Bd. 4). Verlag Bernh. Tauchnitz, Leipzig 1929.
  • Hellmut Rosenfeldt: Kultur der Germanen; Wodanskult. In: Abriss der Geschichte antiker Randkulturen, Wolf - D. Barloewen (Hrsg.). Oldenbourg, München 1961.
  •  Hermann Schneider (Hrsg.): Edda, Skalden, Saga. Festschrift Felix Genzmer. Carl Winter, Heidelberg 1952.
  • Stefan Schaffner: Die Götternamen des Zweiten Merseburger Zauberspruchs. In: Heiner Eichner, Robert Nedoma (Hrsg.): „insprinc haptbandun“. Referate des Kolloqiuiums zu den Merseburger Zaubersprüchen auf der XI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft in Halle/Saale (17.-23. September 2000) Teil 1. In: Die Sprache – Zeitschrift für Sprachwissenschaft. 41, Heft 2 (1999; erschienen 2002), Wiener Sprachgesellschaft. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1999. ISSN 0376-401X
  •  Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. 3. Auflage. Kröner Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36802-1.
  •  Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen. WBG, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-16910-7.
  •  Åke Viktor Ström, Haralds Biezais: Germanische und Baltische Religion. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1975, ISBN 3-17-001157-X.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Odin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Odin – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Woden; Quelle für die Form Uuoden ist das sächsische Taufgelöbnis in altsächsischer Sprache. Die Wiedergabe ist aber teilweise in ahd. Schriftform, ostfränkischer Mundart mit angelsächsischem Einfluss in der Transkription, die das „W“ in dieser noch heute im Englischen so benannten Form des „Doppel-U“ wiedergibt.
  2. Vgl. Paulus Diaconus, Historia Langobardorum, 8-9. In: Ludwig Bethmann, Georg Waitz (Hrsg.): Scriptores rerum Langobardicarum et Italicarum saec. VI–IX. Hannover 1878, S. 52–53 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat).
  3. Jan de Vries: Altnordisches Etymologisches Wörterbuch. S. 416.
  4. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. 2006, S. 310, 311 ff.
  5. Tom Christensen: Odin fra Lejre. In: ROMU, museets årskrift 2009, S. 15.
  6. Tom Christensen: Odin fra Lejre. In: ROMU, museets årskrift 2009, S. 7–25, PDF online (auf dänisch), vgl. auch die englische Seite Odin fra Lejre auf der Internetseite des Museums Roskilde, abgerufen am 15. April 2012.
  7. A. Hultgård: Wotan-Odin. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 35. Berlin 2007, S. 759 f.
  8. Vgl. Kluge-Seebold: etymologische Abhandlung unter den Stichworten „Wut“.
  9. Erika Timm: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten. 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet; Hirzel, Stuttgart 2003, S. 71.
  10. W. Schild: Staatsdämmerung: zu Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“. Berlin: Berliner Wiss.-Verlag 2007. (Juristische Zeitgeschichte, Kleine Reihe 15) S. 13 (Digitalisat bei Google Bücher)
  11. Edward R. Haymes: Wagner's Ring In 1848: New Translations of the Nibelung Myth and Siegfried's Death. Rochester (NY): Camden House 2010, S. 26. (Wortschatzlexikon der Uni Leipzig), Abfrage Wotan (Häufigkeitsklasse 15) und Wodan (Häufigkeitsklasse 20) am 3. Mai 2012. – Vgl. dazu die historische Entwicklung im Google-Ngram-Viewer.
  12. Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. Bd. 2, § 373.
  13. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. 2006.
  14. Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. Bd. 2, § 363 f.; Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte. Bd. 1, S. 209–211.
  15. Kurt Schier: Skandinavische Felsbilder als Quelle für die germanische Religionsgeschichte. In: Germanische Religionsgeschichte. In: Hrsg. H. Beck, D. Ellmers, K. Schier.: Ergänzungsband Nr. 5 des Reallexikons der Germanischen Altertumskunde. Berlin – New York 1992, S. 198 f. Bezüglich der Deutungen Jan de Vries u.a.
  16. Unter anderem sind diese Aspekte das von Tacitus (Kap. 39) beschriebene Opfer der Semnonen an einen regnator omnium deus (den alles beherrschenden Gott) der entweder als Wodan oder Teiwaz/Tiuz gedeutet wird (u. a. R. Much in Die Germania des Tacitus. S. 437–438). Daneben werden die fehlenden Ortsnamenbezüge (Theophorismen) auf Odin in Skandinavien, die in Norwegen und Island zur Gänze fehlen, verschiedentlich von den im Artikel angeführten wissenschaftlichen Autoren gedeutet.
  17. So auch Gustav Neckel, Jan de Vries, Åke V. Ström u.a.
  18. Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. Bd. 2, S. 374 f.
  19. So unter anderen Franz Rolf Schröder, Rudolf Much, Karl Helm besonders in dessen Schrift Wodan ... (siehe Literaturliste).
  20. Otto Höfler: Das Opfer im Semnonenhain und die Edda. In: Festschrift für F. Genzmer. (Hrsg. H. Schneider), Heidelberg 1952, S. 64 f.; Herder Lexikon: Germanische und keltische Mythologie. Herder Verlag, Freiburg 1997, ISBN 3-451-04250-9, S. 186, Stichwort „Wodan“, unterstützt die Wanderungshypothese.
  21. René L. M. Derolez: [?], S. 136: durch Wanderungen Aufhebung der alten räumlichen Gliederung der germanischen Stämme und Entstehung einzelner Dialekte aus der gemeingermanischen Sprache.
  22. Wolfgang Golther: Handbuch der germanischen Mythologie. Leipzig 1895, Neuauflage Marixverlag, Wiesbaden 2004, S. 67: „... in der Odin-Dichtung gelangt man zunächst auf die unmittelbare Quelle, den deutschen Wodans-Glauben, der jedoch nicht unverändert, sondern im Gegenteil mit selbständigen Zusätzen der nordischen Skalden reichlich ausgeschmückt erscheint.“
  23. Das primäre mythische Motiv wurde vermengt mit dem sekundären Mythenkomplex (Lieder-Edda und Prosa-Edda). Je stärker entwickelt sich das mythologische Element darstellt, umso schwächer ist die dahinter stehende religiöse Dichte bzw. die Verlässlichkeit der Rückschlüsse auf die eigentliche Religion. Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte. Bd. 1, S. 27, 28 ff.; Walter Baetke: Art und Glaube der Germanen. Hamburg 1934, S. 18.
  24. Wolfgang Golther: Handbuch der germanischen Mythologie. Leipzig 1895, Neuauflage Marixverlag, Wiesbaden 2004, S. 68 f.: „Die Frage dreht sich eigentlich gar nimmer ernstlich darum, ob die nordische Mythologie überhaupt fremde Bestandteile aufnahm, sondern nur, wie viele und auf welche Art [aus Sicht der neueren Forschung werden diese Aussagen in ihrer Absolutheit wie von Golther, so nicht mehr getroffen]. Die Baldrsage, Odin am Galgen, den Weltbaum, diese Mythenkreise erklärt Bugge entstanden unter Einwirkung antiker und christlicher Vorstellungen, welche die nordischen Wikinger in England und Irland kennen lernten.“ Sowie zuvor auf S. 68: „Längst war die Ähnlichkeit antiker und christlicher Sagen und Vorstellungen mit einzelnen Zügen nordischer Mythologie erkannt […] worden.“
  25. Otto Höfler: Rezension zu Jan de Vries' Altgermanische Religionsgeschichte2. In: Otto Höfler: Kleinere Schriften. Hrsg. von Helmut Birkhan. Helmut Buske Verlag, Hamburg 1992, ISBN 3-87548-015-5, S. 332 f.
  26. Wilhelm Vollmer: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. 1874, Neuauflage Reprint-Verlag-Leipzig, Holzminden 2002, ISBN 3-8262-2200-8: Inhaltliche Zusammenfassung zum Stichwort „Odin“.
  27. Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. Nachdruck der 4. Auflage 1875-78, Vma-Vertriebsgesellschaft, Berlin, ISBN 3-922383-68-8, S. 122 f.
  28. Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter. Ullstein, Berlin 1999, ISBN 3-548-26513-8, S. 388.
  29. Reinhard Dzingel: Die Wodanseiche in Daerstorf – Ein heidnischer Opferbrauch in der Mitte des 20sten Jahrhunderts, Moisburg 2013 (PDF; 294 kB)
  30. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 6, Stichwort „Michael, St. Michael“
  31. Karl Helm: Altgermanische Religionsgeschichte. Bd. 2, Teil 2, S. 124, 150.
  32. So die Darstellung Jesu Christi im Heliand in bewusster Anknüpfung an die sächsisch-germanische Weltsicht unter Einbeziehung des Formats der stabreimenden Heldenepik. (Jan de Vries: Heldenlied und Heldensage. Francke Verlag, Bern/München 1961, S. 254–256, 341, 342.)