Odoaker

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Odoaker – Porträt auf einer Münze, 477, British Museum

Odoaker,[1] auch Odowakar oder Odovakar, in althochdeutschen Glossen Otacher,[2] und im Hildebrandslied in der Form Otachre,[3] lateinisch Flavius Odovacer, Odovacar oder Odovacrius[4] (* um 433; † vermutlich 15. März 493 in Ravenna), war ein weströmischer Offizier germanischer Herkunft und nach der Absetzung des Romulus Augustus 476 König von Italien (Rex Italiae).

Das Reich Odoakers im Jahre 480

Inhaltsverzeichnis

Leben[Bearbeiten]

Odoaker war ein Sohn des Edekon (Edika), der im Dienste des Hunnenkönigs Attila stand, und einer Frau vom Stamme der Skiren. Odoaker selbst wuchs wahrscheinlich am Hof Attilas auf. Er war Arianer und soll Analphabet gewesen sein. Über die Herkunft Odoakers gibt das mittelbyzantinische Lexikon Suda zumindest indirekt Auskunft. Dort heißt es über Odoakers Bruder Hunulf, dass dessen Vater Edekon „Torcilingorum rex“ und dass seine Mutter „vom Stamm der Skiren“ gewesen sei.[5] Nach Meinung von Wolfram Brandes gibt diese Quelle die Herkunft Hunulfs und damit auch Odoakers als zur Hälfte thüringisch an.[6]

Über die frühen Jahre Odoakers ist nur wenig bekannt. Die gelegentlich geäußerte Annahme, er könne mit einem Heerführer namens Adovacrius gleichgesetzt werden, der in den 60er Jahren des 5. Jahrhunderts sächsische Plünderer in Gallien befehligte,[7] ist wohl unzutreffend (siehe dazu Paulus).[8] Gesichert ist, dass Odoaker schließlich in der Leibwache des weströmischen Kaisers Anthemius diente. Im Machtkampf zwischen diesem und Ricimer hielt er zu Letzterem. Nachdem der Heermeister Orestes den letzten legitimen Kaiser Westroms, Julius Nepos, 475 zur Flucht gezwungen hatte, erhob Orestes seinen Sohn Romulus zum neuen „Schattenkaiser“. Romulus wurde aufgrund seiner Jugend in den Quellen als „Augustulus“ (Kaiserlein) verspottet. Bald darauf erhoben sich die barbarischen Hilfstruppen (Föderaten) in Italien. Die Soldaten forderten entweder Land in Italien oder eine finanzielle Gleichstellung mit den römischen Soldaten des stark geschrumpften exercitus Romanus; fest steht, dass Orestes die Forderungen ablehnte und sich Odoaker an die Spitze der Meuterer stellte. Vermutlich spielten auch persönliche Differenzen eine Rolle, denn auch Orestes hatte einst Attila gedient, wobei es zum Streit zwischen ihm und Odoakers Vater gekommen sein soll, die Rivalen am Hunnenhof gewesen sein sollen. Da es kaum noch reguläre weströmische Truppen gab, stellten die barbarischen Föderaten unter dem Kommando des Odoaker fast die einzige militärische Macht in Italien dar und setzten ihre Forderung nun mit Gewalt durch. Die Mehrheit dieser Soldaten wählte am 23. August 476 Odoaker zu ihrem Anführer (rex, d. h. „König“, ein unrömischer und „barbarischer“ Titel).

Odoaker tötete Ende August 476 Orestes im Kampf, und kurz darauf auch dessen Bruder. Romulus wurde ungewöhnlicherweise aber nicht getötet, vielmehr setzte er ihn ab, sagte ihm jedoch ein Jahrgeld zu. Entscheidend war vor allem, dass er weder selbst nach dem Purpur griff noch, wie Orestes, zumindest einen von ihm abhängigen Kaiser einsetzte. Odoaker sandte stattdessen den kaiserlichen Ornat nach Konstantinopel und erklärte, man brauche im Westen keinen eigenen Augustus mehr, sondern unterstelle sich direkt dem oströmischen Kaiser, der in seinem Antwortschreiben zwar einerseits darauf hinwies, es gebe in Gestalt von Julius Nepos noch einen legitimen Westkaiser, Odoaker aber andererseits als patricius anredete und ihn damit - zumindest in Odoakers Augen - faktisch als Regent anerkannte.[9] Damit endete de facto das weströmische Kaisertum, auch wenn Julius Nepos noch bis 480 lebte und es auch später immer wieder zu Versuchen kam, einen Westkaiser zu installieren.[10] Sodann ernannte sich Odoaker zum Rex Italiae („König von Italien“) und wurde spätestens nach dem Tode Julius Nepos’ (480) vom oströmischen Kaiser Zenon als (faktisch unabhängiger) Verwalter Italiens unter oströmischer Ägide anerkannt. Teilweise auftretender Widerstand, ausgehend von einzelnen germanischen Truppenführern, wurde rasch niedergeschlagen, so dass Italien als gesichert gelten konnte.

Odoaker vergab entweder Land oder (wahrscheinlicher) Anteile an den Steuereinkünften an die eingewanderten Germanen (vor allem Heruler, Skiren und Thüringer), ließ jedoch das römische Rechts- und Steuersystem, die römische Verwaltung und den Senat intakt, zu dem er offenbar ein gutes Verhältnis pflegte. Wahrscheinlich betrachteten die Senatoren die Absetzung des letzten Kaisers in Italien als Möglichkeit, wieder mehr an Einfluss zu gewinnen. Wichtige Posten wurden von Odoaker denn auch an führende Senatoren vergeben, allerdings zeitlich beschränkt. Ebenso stiegen aber auch Germanen in Führungspositionen auf. Odoaker ließ außerdem Münzen prägen, auf denen er aber nicht als Kaiser erschien, womit die Stellung des Ostkaisers explizit berücksichtigt wurde. Obwohl selbst arianischer Christ, gestaltete sich auch die Beziehung zur Kirche anscheinend recht problemlos. Die Kultur der Spätantike bestand also in Italien fort, und die Absetzung des machtlosen weströmischen Kaisers dürfte auf die Zeitgenossen kaum Eindruck gemacht haben, da Italien formell unter die Herrschaft des Kaisers in Konstantinopel getreten war (vgl. auch Völkerwanderung sowie Ende der Antike).

Durch Verträge und Kriege konnte Odoaker sein Reich deutlich ausdehnen: 477 pachtete er Sizilien von den Vandalen, 481 eroberte er, nach dem Tod des Julius Nepos, Dalmatien und 488 zerstörte er das Reich der Rugier in Noricum. Die romanische Bevölkerung im nördlichen Grenzraum wurde durch seinen Bruder Hunulf zwangsevakuiert, um so einer eventuell neuen Reichsbildung die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen.

Ab 489 musste Odoaker die vorrückenden Ostgoten abwehren, die von Ostrom unterstützt wurden, wo man Odoaker wohl die Eroberung Dalmatiens übel nahm. Odoaker brach daraufhin die Kontakte mit Konstantinopel ab und erhob seinen Sohn Thela 490 wahrscheinlich als Caesar zum Gegenkaiser (den Schritt, ihn zum Augustus zu machen, scheute er offenbar). Auf mehrere Niederlagen (489 am Isonzo, dann bei Verona und am 11. August 490 an der Adda) folgte eine zweijährigen Belagerung Odoakers in Ravenna. Im Juli 491 scheiterte der letzte große Ausbruchsversuch, dabei fand ein großer Teil der Heruler in Odoakers Diensten den Tod, ebenso sein treuer magister militum Livila. Nach dem Ende der Kämpfe um Ravenna, die die spätere Überlieferung als „Rabenschlacht“ in Erinnerung behielt, schloss Odoaker mit dem ostgotischen rex Theoderich dem Großen am 27. Februar 493 einen Vergleich, nicht zuletzt wegen einer drohenden Hungersnot. Bereits wenige Tage später wurde er aber von Theoderich in Ravenna eigenhändig ermordet. Als Vorwand diente eine persönliche Rache des Goten an Odoaker, wahrscheinlicher ist allerdings, dass Theoderich so seine Machtposition sichern wollte. Thela entkam wohl zunächst nach Gallien, wurde aber noch im selben Jahr bei einem Rückkehrversuch nach Italien getötet.

Eine Gedenktafel für Odoaker fand Aufnahme in die Walhalla bei Regensburg.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Odoacer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Zu den Namensvarianten vgl. auch Assunta Nagl, Odoacer, in: RE XVII, Sp. 1888.
  2. Moriz Schönfeld: Wörterbuch der Altgermanischen Personen und Völkernamen. Heidelberg 1911. S. 174 ff.; Hermann Reichert: Lexikon der Altgermanischen Namen. Böhlau, Wien 1987. S. 999 ff.
  3. Vgl. z. B. Das Hildebrandlied. in: Walther Haug, Benedikt Konrad Vollmann: Frühe deutsche und lateinische Literatur in Deutschland. 800-1150. Frankfurt am Main 1991, S. 9-15, hier S. 10 (V. 18 u. 25).
  4. AE 1967, 00007, auf seinen Münzen der abgekürzte Name „Fl. Odovac“, Odovacar rex“ in einer Urkunde aus dem Jahr 489 (PDF; 4,2 MB).
  5. Suda, Stichwort Kata patera kai mêtera, Adler-Nummer: kappa 693, Suda-Online
  6. Wolfram Brandes: Thüringer/Thüringerinnen in byzantinischen Quellen. In: Helmut Castritius (Hrsg.): Die Frühzeit der Thüringer. Archäologie, Sprache, Geschichte. Berlin 2009, S. 291–328.
  7. Gregor von Tours, Historiae II 18.
  8. Vgl. auch Halsall (2007), S. 270 f.
  9. Die wichtigste Quelle, Malchus von Philadelphia, ist nur fragmentarisch in einer späteren, widersprüchlichen Zusammenfassung erhalten (Malch. Frg. 14 [Blockley]), so dass manches unklar bleibt.
  10. Vgl. Henning Börm: Das weströmische Kaisertum nach 476. In: Josef Wiesehöfer u.a. (Hrsg.): Monumentum et instrumentum inscriptum. Stuttgart 2008, S. 47-69.


Vorgänger Amt Nachfolger
Rex Italiae
476–493
Theoderich der Große