Offensive à outrance

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Offensive à outrance (dt: Offensive bis zum Äußersten) oder attaque à outrance[Anm. 1] war eine Militärdoktrin, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in vielen europäischen Armeen verbreitet war. Sie behauptete, das geballte Voranstürmen bewaffneter Kräfte könne in einer Schlacht den Sieg erzwingen. Rückblickend spricht man von einem „Kult der Offensive“, der zum sinnlosen Massensterben auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs beigetragen habe.

Geschichte[Bearbeiten]

Im imperialistischen, nationalistischen und/oder militaristischen Kontext wurde militärischer Mut verherrlicht („standhaft bis zum Tod“). So sprach man in Frankreich vom cran (dt. soviel wie „Mumm“) bzw. élan, der den französischen Soldaten besonders auszeichne. Dies erinnert an den audace celtique (etwa: keltischen Wagemut), der von Julius Caesar in seinem Buch de bello gallico beschrieben wurde und den früher fast jeder Latein-Lernende kannte. Im Italienischen gibt es den Begriff furia francese; er beschreibt ebenso das „Sich-in-eine-Gefahr-stürzen“ und dabei „die Lebensgefahr ignorieren“. Dahinter stand letztlich die Idee, dass das im Deutsch-Französischen Krieg verlorene Elsass-Lothringen nur durch bedingungslosen Angriff zurückzugewinnen sei. Die Doktrin floss daher in den „Plan XVII“ und das Reglement von 1913 ein; das Resultat waren die verlustreichen, frontal geführten Grenzschlachten im August 1914. Führende Vertreter dieser Denkrichtung waren in Frankreich vor allem Louis de Grandmaison und Ferdinand Foch.

Allerdings wurde diese Doktrin auch von allen anderen Kriegsparteien[1] praktiziert.

Österreich-Ungarn[Bearbeiten]

1906 wurde Franz Conrad von Hötzendorf auf Vorschlag seines Freundes, des Thronfolgers Franz Ferdinand, zum Chef des Generalstabs der „Bewaffneten Macht“ ernannt. Er war damit der operativ Verantwortliche für den allfälligen Kriegseinsatz der k.u.k. Armee, der k.u.k. Kriegsmarine, der k.k. Landwehr und des k.u. Honved und ausschließlich dem Kaiser und König als Oberbefehlshaber (und dem von ihm aus Altersgründen bestellten Vertreter, bis 1914 Franz Ferdinand, danach der Armeeoberkommandant) unterstellt.

Conrad verfasste mehrere Schriften (Liste hier), darunter 1898/99 das Handbuch Zum Studium der Taktik. Darinn nennt er als Grundgedanke der österreichisch-ungarischen Militärführung: Offensive und Angriff – um jeden Preis. Conrads Lebensauffassung wurde der „Aktivismus“, worunter er angriffsfreudige Entschlusskraft, zielbewussten Tatendrang und unbeugsamen Willen verstand.[2] Schon im April 1907 schlug Conrad vor, Italien in einem Präventivkrieg „niederzuwerfen“, ein Vorschlag, den er immer wieder vorbringen sollte.[3] Conrad spielte eine wichtige Rolle in der Julikrise, die zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte.

Das Resultat dieser Einstellung waren die extrem hohe Verluste, die der Friedensstamm des Heeres in Galizien erlitt und die nicht wieder ersetzt werden konnten. Man hatte übersehen oder ignoriert, dass man zwei Armeen gegenüberstand (Russland und Serbien), die im 20. Jahrhundert bereits große Kämpfe geführt hatten und die strategisch und taktisch daraus gelernt hatten.

Frankreich[Bearbeiten]

Ein berühmt gewordenes Kommuniqué oder Telegramm von General Ferdinand Foch gerichtet an Joseph Joffre vom 9. September 1914 (Schlacht an der Marne) illustriert diese Einstellung, die im Offizierskorps weit verbreitet war:

«Pressé sur ma droite, mon centre cède. Impossible de me mouvoir. Situation excellente. J’attaque.»

„Meine rechte Flanke steht unter Druck, das Zentrum meiner Armee gibt nach. Unmöglich mich zu bewegen. Exzellente Situation. Ich greife an.“

Bei Offensiven „à outrance“ starben 1914 bis 1918 etwa 400.000 französische Soldaten; das war ein Drittel der im Sommer 1914 Mobilisierten.

In der Zwischenkriegszeit änderte sich die Einstellung in der französischen Armee. Ausdruck dieser nun defensiveren Einstellung war die Maginot-Linie (gebaut 1930-1940).

Italien[Bearbeiten]

Italien wechselte im Frühjahr 1915 die Seiten (siehe Londoner Vertrag) und begann einen groß angelegten Gebirgskrieg 1915–1918.

General Luigi Cadorna wählte zu Beginn eine konservative, veraltete Angriffstaktik. Seine Soldaten gingen dicht gedrängt und gestaffelt vor, was alle anderen kriegsführenden Länder wegen der außerordentlich hohen Verluste durch Maschinengewehrfeuer der Verteidiger seit langem vermieden. Außerdem war Cadorna zu zögerlich und verschenkte so des Öfteren bereits erkämpfte Anfangserfolge.

Allein 1915 verloren die Italiener etwa 175.000 Mann, namentlich in den ersten vier Isonzoschlachten.

Italien führte zwölf Isonzoschlachten; kurz vor Kriegsende führte es drei Piaveschlachten. Deren dritte (Schlacht von Vittorio Veneto) war entscheidend; sie führte zum Waffenstillstand von Villa Giusti.

Sonstiges[Bearbeiten]

Mythos von Langemarck[Bearbeiten]

Von Ende Oktober bis zum 10. November 1914 kam es bei Ypern wiederholt zu verlustreichen Kämpfen, der Ersten Flandernschlacht. Die Oberste Heeresleitung glorifizierte die Verluste mit der Falschmeldung, bei Langemarck hätten junge deutsche Regimenter unter dem Gesang „Deutschland, Deutschland über alles“ die vordersten gegnerischen Stellungen eingenommen. Diese Meldung setzte den Mythos von Langemarck in die Welt, der bis in die NS-Zeit hinein existierte und der den angeblichen Opfertod einer jungen, gebildeten deutschen Generation verherrlichte. Mit den Kämpfen bei Ypern endete der Bewegungskrieg. An der deutschen Westfront entstand nun ein ausgedehntes System aus Schützengräben (Grabenkrieg). Das Elend, die Sinnlosigkeit und die enormen psychischen Belastungen des Grabenkrieges (siehe Kriegszitterer, Kriegstrauma) mögen dazu beigetragen haben, die Offensive à outrance zu verherrlichen: Kämpfende und Offiziere hatten das Gefühl bzw. Bedürfnis, den 'gordischen Knoten zerschlagen' zu wollen, um dem Grabenkrieg irgendwie ein Ende zu machen.

Tapferkeit[Bearbeiten]

Tapferkeit ist die menschliche Fähigkeit, als Individuum oder als Gruppe Gleichgesinnter einer schwierigen Situation furchtlos entgegenzutreten, meist mit der Überzeugung, für etwas Übergeordnetes zu kämpfen. Im heutigen Sprachgebrauch ist Tapferkeit ein Synonym für oder Teilaspekt von Mut.

Tapferkeit zeigt sich in dem Willen, ohne Garantie auf die eigene Unversehrtheit einen physischen oder mentalen Konflikt durchzustehen – im Allgemeinen mit der Motivation, einen Sieg zu erringen und der Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang. Tapferkeit kann materiell und/oder immateriell belohnt werden, z.B. durch eine Beförderung, einen Geldbetrag, einen Orden ("Tapferkeitsmedaille") und/oder durch Anerkennung von Dritten (siehe auch Ehre, Ruhm).

Platon nannte die Tapferkeit eine von vier Kardinaltugenden. Die Mesotes-Lehre des altgriechischen Philosophen Aristoteles definiert Tapferkeit als Mitte zwischen „Tollkühnheit“ und „Feigheit“.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Douglas Porch: The March to the Marne: The French Army 1871–1914. Cambridge University Press, 2003. ISBN 0-521-54592-7.
  • Jack Snyder: The Ideology of the Offensive: Military Decision Making and the Disasters of 1914. Cornell University Press, Ithaca 1984. ISBN 0-8014-8244-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alistair Horne, Des Ruhmes Lohn, Bastei, Lübbe 1980, S. 25
  2. Rudolf Kiszling: Franz Graf Conrad von Hötzendorf. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik. Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend u. Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 39–46, hier S. 40.
  3. Feldmarschall Conrad: Aus meiner Dienstzeit 1906-1918. Band 2: 1910-1912. Die Zeit des libyschen Krieges und des Balkankrieges bis Ende 1912. Wien/Berlin/Leipzig/München 1922, S. 315; und Rudolf Kiszling: Franz Graf Conrad von Hötzendorf. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik. Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend und Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 39–46, hier S. 41

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Mit „Attaque“ ist eher der konkrete Angriff gemeint; mit „Offensive“ eher die Grundeinstellung.