Oktoberfestattentat

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Das Oktoberfestattentat war ein Terroranschlag am 26. September 1980 am Haupteingang des Oktoberfests in München. Durch die Explosion einer selbstgebauten Rohrbombe wurden 13 Menschen getötet und 211 verletzt, 68 davon schwer. Der Anschlag gilt als schwerster Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Neues Denkmal am Ort des Anschlags, eingeweiht im September 2008

Als Bombenleger wurde Gundolf Köhler (* 1959) ermittelt, der selbst bei dem Anschlag starb. Er war Anhänger der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann, die am 30. Januar 1980 verboten worden war. Ermittler schrieben 1982 abschließend, Köhler habe den Anschlag allein geplant, vorbereitet und ausgeführt. Dies wurde seitdem immer wieder bezweifelt. Eine mögliche Mittäterschaft rechtsextremer Gruppen erschien angesichts damaliger Zeugenaussagen naheliegend und wird seit 2008 durch neue Aktenfunde gestützt.

Im September 2014 wurden neue Zeugenaussagen bekannt; im Dezember 2014 nahm die Bundesanwaltschaft ihre Ermittlungen wieder auf.[1]

Ablauf des Anschlags[Bearbeiten]

Am 26. September 1980 um 22:19 Uhr explodierte in einem Papierkorb am Haupteingang des Oktoberfests südlich der Brausebadinsel eine Rohrbombe. Sie bestand aus einer entleerten Mörsergranate, die mit 1,39 Kilogramm TNT befüllt und in einen mit Schrauben und Nägeln gefüllten Feuerlöscher gesteckt worden war. 13 Menschen starben, 211 wurden verletzt, 68 davon schwer. Mehreren Opfern mussten beide Beine amputiert werden, zahlreiche Menschen trugen schwere Behinderungen davon.

Politische Reaktionen[Bearbeiten]

Gedenkveranstaltung und Demonstrationszug 25 Jahre Oktoberfestattentat, München

Das Oktoberfest wurde (nach Überlegungen, es abzubrechen) fortgesetzt. Der Bombenanschlag fiel in die letzten Tage des Bundestagswahlkampfs, den Bundeskanzler Helmut Schmidt mit der Parole „Sicherheit für Deutschland“ führte. Am 27. September 1980 gab der bayerische Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß (CSU) dem damaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) eine Mitschuld an dem Attentat: Die Tat zeige, „wohin es kommt, wenn politische Verbrechen entmoralisiert werden“. Baum habe die Sicherheitsdienste ständig verunsichert und demoralisiert und damit Aufklärung potentieller Täterkreise im Vorfeld verhindert. Zudem habe er den Terrorismus verharmlost.[2]

Zu diesem Zeitpunkt war ermittelt worden, dass Köhler Anhänger der Wehrsportgruppe Hoffmann gewesen war. Strauß hatte diese Neonazigruppe jahrelang als Gruppe weniger „Spinner“ und „Verrückter“ verharmlost, im März 1980 deren Verbot als unverhältnismäßig kritisiert und die Gefahr von Anschlägen aus diesem Umfeld verneint. Der bayerische Innenminister Gerold Tandler hatte von einer „Schattengefahr“ gesprochen. SPD-Politiker und damalige Medienberichte deuteten die Polemik des Kanzlerkandidaten als Ablenkungsversuch.[3]

Helmut Schmidt kritisierte im Gegenzug, dass Tandler das Verbot der Wehrsportgruppe abgelehnt habe. Der für den Bayerischen Verfassungsschutz zuständige Abteilungsleiter Hans Langemann gab daraufhin am 29. September 1980 eine eidesstattliche Versicherung ab: Strauß habe die Wehrsportgruppe Hoffmann immer als verbotswürdig betrachtet und sie in Bayern sogar noch vor Innenminister Baum verbieten wollen. Schmidts Vorwurf sei „vollkommen unzutreffend“.[4]

Ermittlungen[Bearbeiten]

Das Bayerische Landeskriminalamt bildete eine Sonderkommission „Theresienwiese“ mit zunächst 50 Beamten, die die Spurensicherung und Befragung von Zeugen durchführten.[5] Die Ermittler fanden nahe dem Explosionszentrum den Bundespersonalausweis von Gundolf Köhler mit seinem Wohnsitz in Donaueschingen und seinen Studentenausweis. Sein Name war im NADIS-Computer als Anhänger der Wehrsportgruppe Hoffmann verzeichnet.[6] 1977 hatte er Karl-Heinz Hoffmann geschrieben, er wolle eine Ortsgruppe der WSG in Donaueschingen gründen.[7]

Wegen des begründeten Verdachts einer terroristischen Gruppentat übernahm Generalbundesanwalt Kurt Rebmann am 27. September 1980 die Leitung der Ermittlungen. Die Sonderkommission gab am 13. Mai 1981 einen „Schlussvermerk“ von 187 Seiten heraus. Rebmann ließ die Ermittlungen fortsetzen und am 23. November 1982 mit einem Schlussbericht von 96 Seiten beenden.[8] Aus beiden Berichten ging hervor, dass die Ermittler in Köhlers Wohnräumen und seinem in München abgestellten PKW keine Spuren des verwendeten militärischen Sprengstoffs und eines Bombenbaus gefunden hatten.[9] Sie hatten einen LKW-Konvoi überwacht, den vier ehemalige WSG-Mitglieder am 27. September 1980 ins Ausland überführen wollten, diese und weitere 16 WSG-Mitglieder festgenommen und verhört, mussten sie aber nach vier Tagen wieder freilassen. Sie hatten zwar bei einigen davon Sprengstoffe und Waffen gefunden, aber keine konkreten Hinweise auf eine Tatbeteiligung. Auf einer Adressenliste Hoffmanns, die bei dem WSG-Mitglied Odfried Hepp gefunden wurde, stand Köhlers Name und der Vermerk, er habe an zwei Wehrsportübungen teilgenommen und zuletzt am 19. Mai 1977 mit der WSG Kontakt gehabt. Der WSG-Angehörige Walter Ulrich Behle sagte Anfang Oktober 1980 in einem Privatgespräch in Damaskus, die WSG habe den Bombenanschlag ausgeführt. Behle wurde aufgrund der Zeugenaussage seines Gesprächspartners im Juli 1981 festgenommen, erklärte aber, er habe unter Alkoholeinfluss gestanden und nur aufschneiden wollen.[10]

Die Ermittler hielten es schließlich für erwiesen, dass Gundolf Köhler die Tat allein plante, die Mörsergranate selbst in einen mit Nägeln und Schrauben gefüllten Feuerlöscher einbaute, damit nach München fuhr und die Bombe am Tatort ablegte. Sie gingen davon aus, dass der Sprengsatz zu früh zündete, so dass Köhler starb. Wie es zur Zündung kam, ist ungeklärt. Reste eines Zünders und Leitwerks des Sprengsatzes waren in tausenden Splittern um den Tatort nicht auffindbar; vermutet wurde eine Zündschnur.[11] Der Abschlussbericht gab an, Köhler habe wahrscheinlich als Alleintäter gehandelt. Spuren von Mitwissern und Tatbeteiligten hätten sich nicht erhärtet. Als Köhlers Motiv wurden private Beziehungsprobleme und Misserfolge in seiner Ausbildung vermutet.[12] Dieser Einschätzung lag eine längere Aussage von Peter Wiegand zugrunde, eines Schulfreundes von Köhler, den die Ermittler als glaubwürdig einstuften.[13]

Hinweise auf mögliche Mittäter[Bearbeiten]

Die Einzeltäterthese wurde seit 1980 immer wieder öffentlich bezweifelt. Einige Zeugen hatten den Ermittlern 1980 bis 1982 Hinweise auf mögliche Mittäter gegeben. Frank Lauterjung gab in mindestens fünf Befragungen an, er habe Köhler etwa 30 Minuten vor der Explosion nahe dem Tatort angeregt mit zwei Männern in grünen Parkas reden sehen und ihn dann im Eingangsbereich des Oktoberfestes minutenlang beobachtet. Köhler habe eine weiße Plastiktüte mit einem zylinderförmigen schweren Gegenstand und einen kleinen Koffer getragen und die Tüte in einen Papierkorb gestellt. Er, Lauterjung, habe sich wegen eines „unguten Gefühls“ zu Boden geworfen. Dann sei die Bombe explodiert. Lauterjung konnte den toten Köhler anhand Kleidungsresten identifizieren. Als Grund seiner genauen Täterbeobachtung nannte er, er habe als Homosexueller Sexpartner gesucht. Andere Zeugen bestätigten, sie hätten nach der Explosion wenige Meter entfernt einen kleinen Koffer gesehen. Dieser blieb unauffindbar.

1982 starb Lauterjung im Alter von 38 Jahren an Herzversagen. 2010 wurden Briefe bekannt, wonach Lauterjung um 1965 beim rechtsextremen Bund Heimattreuer Jugend (BHJ) „Zweiter Bundesführer“ und „Standortführer“ gewesen war. Er war von anderen BHJ-Leitern als vom Verfassungsschutz eingeschleuster Provokateur verdächtigt und ausgeschlossen worden. Er wurde dann Mitglied im Berliner SDS. Journalisten vermuteten daraufhin, er könnte 1980 einen Behördenauftrag gehabt haben, Köhler zu beschatten. Die Ermittler waren weder seinen Hinweisen auf mögliche Mittäter noch seinen eigenen Verbindungen zur rechtsextremen Szene nachgegangen.[11]

Eine Zeugin sagte aus, Köhler und ein weiterer Mann hätten sich kurz vor der Explosion gegenübergestanden, beide mit den Händen an einem weißen Gegenstand, und offenbar daran gezerrt. Der Gegenstand sei in die Luft geflogen, dann sei es zur Explosion gekommen. Im selben Moment habe sie noch die Beine eines der Männer weglaufen sehen. Kurz nach der Explosion habe sie einen Dialog zweier Männer nahe der Leiche Köhlers gehört, in dem einer der Beteiligten gerufen habe: „Ich wollt’s nicht, ich kann nichts dafür, bringt’s mich um.“[14]

Zwei inhaftierte Rechtsextremisten gestanden den Ermittlern am 27. September 1980: Der rechtsextreme Waffenexperte Heinz Lembke habe den „Deutschen Aktionsgruppen“ im August 1980 militärischen Sprengstoff und Zünder gezeigt und angeboten, sie in deren Gebrauch auszubilden. Er habe auch von Waffendepots im Wald gesprochen. Nach einer ergebnislosen Hausdurchsuchung bei Lembke am 29. September wurde diese Spur nicht weiterverfolgt. Lembke wurde nicht verhört und im Abschlussbericht von 1982 zu Köhler nicht erwähnt. Erst nach einem zufälligen Waffenfund im Oktober 1981 wurde Lembke festgenommen und gab über 20 seiner Waffendepots preis. Ein Depot, das er nicht preisgeben wollte, wurde nicht gefunden. Durch seinen Suizid im November 1981 entfiel die Möglichkeit, ihn nach Kontakten und Ausbildung anderer Rechtsextremisten im Umgang mit Sprengstoffen zu befragen.[15]

2008 machte der Investigativjournalist Tobias von Heymann Akten der DDR-Staatssicherheit bekannt, in denen regelmäßige Funkkontakte zum Bundesnachrichtendienst aus Lembkes Wohnort dokumentiert waren. Die Stasi hatte diese Funkkontakte einer Stay-behind-Organisation namens „Gruppe 27“ zugeordnet. Auf diese Dokumente stützte der Schweizer Historiker Daniele Ganser 2004 seine Vermutung, es habe sich um eine Untergruppe einer europaweiten Geheimarmee gehandelt, deren italienischer Zweig „Gladio“ in Italien 1990 aufgedeckt worden war. Diese Untergruppe könne auch am Oktoberfestattentat beteiligt gewesen sein.[16]

Zu den Asservaten vom Tatort gehörten Splitter der Bombe und Teile einer Hand, die keinem der Opfer zugeordnet werden konnte und deshalb als Hinweis auf einen Mittäter galt. 2010 forderten Anwälte von Opfern neue DNA-Analysen. Das Bundeskriminalamt teilte daraufhin mit, dass alle Asservate 1997 vernichtet worden waren. Dieses Vorgehen sei üblich, da der Fall aufgeklärt gewesen sei und alle Ermittlungen nach Mittätern ergebnislos geblieben seien.[17] Zu den vernichteten Asservaten gehörten auch 47 Zigarettenkippen aus den Aschenbechern von Köhlers Auto, die zu sechs verschiedenen Sorten gehörten – teils mit, teils ohne Filter; dies spricht dafür, dass auch jemand anderes in Köhlers Auto geraucht hatte.[18]

Tobias von Heymann berichtete 2008 auch von zwei Mitgliedern der verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann, die wahrscheinlich oder bewiesen zum Umfeld Köhlers gehört und eine Beteiligung an den Attentaten behauptet hatten. Die eine Person war ein gewisser Stefan Wagner. Dazu der Autor Tobias von Heymann: „Am 2. August 1982 lieferte er sich nach einer Schießerei mit Geiselnahme eine stundenlange Verfolgungsjagd mit der Polizei. Dabei legte er gegenüber Geiseln eine Art Geständnis ab und bezichtigte sich selbst der Teilnahme am Münchner Attentat. Dann erschoss er sich – ähnlich wie bei einem Amoklauf.“[19] Der andere Mann war Walter Ulrich Behle, ein V-Mann des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen, der zur Zeit der Bombenexplosion an einer Überführung von Geländewagen in den Nahen Osten, allem Anschein nach für die PLO, teilnahm. Dieser hatte sich im Oktober 1980 nach Damaskus abgesetzt und äußerte dort in einem glaubhaft bezeugten Gespräch gegenüber Karl-Heinz Hoffmann, dem Gründer der Wehrsportgruppe Hoffmann, folgendes: „Ja, deswegen kann ich nicht mehr nach Deutschland zurück, wir waren das selbst.“ Als Motiv für den Anschlag vermutet der recherchierende Autor Tobias von Heymann, dass die Täter eine False-flag-Aktion beabsichtigten: Sie wollten den Anschlag linksextremen Terroristen in die Schuhe schieben und so die Politik der sozialliberalen Koalition bei der Bundestagswahl am 5. Oktober angreifbar machen. Die Nutznießer wären damit die Unionsparteien und ihr Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß gewesen. Entsprechende politische Reaktionen verebbten jedoch schnell, als im Zug der Ermittlungen klar wurde, dass Köhler als Täter gelten konnte und der rechten Szene zugehörig war.[19]

Der Spiegel berichtete im Oktober 2011 unter Berufung auf 46.000 Blatt bisher unveröffentlichte Ermittlungsakten, dass den Behörden schon damals bekannt gewesen sei, dass Köhler „fest in einem Milieu militanter Neonazis verwurzelt“ gewesen sei, welche „ihrerseits teils intensive Kontakte zu CSU-Funktionären pflegten.“ Die Akten würden „zudem ein rechtsterroristisches Motiv des Täters“ belegen: „Er wollte offenbar dem damaligen Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß kurz vor der Bundestagswahl zur Macht verhelfen.“ Köhler hatte sich vor dem Anschlag über die bevorstehende Bundestagswahl geäußert, man könne doch einen Bombenanschlag in Bonn, Hamburg oder München verüben. Nach dem Anschlag „könnte man es den Linken in die Schuhe schieben, dann wird der Strauß gewählt.“[20]

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen stellte im Juni 2009 eine Kleine Anfrage im Bundestag mit dem Titel Oktoberfest-Attentat – Stasi-Notizen und Indizien betreffend Beteiligung der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ sowie Verbindungen zu „Gladio“.[21] Die Abgeordneten bezogen sich in ihren 48 Einzelfragen insbesondere auf Notizen im Archiv der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, die durch das Buch Die Oktoberfest-Bombe des Journalisten Tobias von Heymann publik geworden waren.[21] Unter anderem stellen sie der Bundesregierung die Frage, ob Erkenntnisse vorliegen, die einen Zusammenhang zwischen diesem Attentat und dem Anschlag von Bologna vom 2. August 1980 nahelegen. Zudem wurde nach der Aktion Wandervogel gefragt, in der laut Stasi-Aufzeichnungen die Verfassungschutzämter dreier Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg und Hessen) schon 22 Stunden vor dem Bombenanschlag die später tatverdächtige Wehrsportgruppe Hoffmann intensiv beobachtet hatten.[21] Die Anfrage wurde von der Bundesregierung am 22. Juni 2009 zu den meisten Einzelfragen dahingehend beantwortet, dass ihr die betreffenden Tatsachen bekannt seien, aber keine neuen Erkenntnisse darüber vorlägen. Zudem wurde die Beantwortung zahlreicher Fragen, die den Geheimdienstbereich tangierten, mit dem Hinweis abgelehnt, dass man grundsätzlich keine Fragen beantworte, die die Arbeit der Nachrichtendienste des Bundes beträfen – respektive nur dem dafür zuständigen parlamentarischen Kontrollgremium antworten würde. Zu Angelegenheiten der Bundesländer äußere man sich zudem grundsätzlich nicht.[22]

Andreas Kramer, laut eigener Aussage Historiker, sagte Anfang April 2013 vor dem Luxemburger Kriminalgericht im Prozess um die Bombenlegeraffäre unter Eid aus, sein im November 2012 verstorbener Vater habe den Anschlag auf das Oktoberfest und andere Attentate im Rahmen seiner Tätigkeit für den BND eingefädelt.[23] Der Bundeswehr-Hauptmann Kramer senior habe den aus US-Beständen stammenden Sprengstoff mit Hilfe des niederländischen Militärgeheimdienstes beschafft, den Bau der Bombe überwacht und den Attentäter Köhler angeworben. Die Vorsitzende Richterin bezeichnete diese Aussage als „abenteuerlich“. Materielle Belege für seine Behauptungen legte Kramer dabei nicht vor; in Interviews sagte er, seine Aussagen beruhten auf ausführlichen Gesprächen, die sein Vater später mit ihm darüber geführt habe.[24][25][26] Von Verwandten wurde Kramer als notorischer Lügner bezeichnet.[27] Tobias von Heymann, Autor von Die Oktoberfestbombe, hält Kramers Aussagen für „völlig unglaubwürdig“, viele seien „eindeutig falsch“.[28] Im Mai 2013 nahm der Generalbundesanwalt Prüfungen in dieser Angelegenheit auf.[29] Im Juli 2013 kündigte Innenminister Herrmann an, dass die Opferanwälte Einblick in die Akten bekommen.[30] Im Juni 2014 räumte Herrmann erstmals ein, dass in den ihm unterstellten Behörden noch nicht ausgewertete Akten zum Attentat und der Wehrsportgruppe lagern.[18]

Wiederaufnahme der Ermittlungen[Bearbeiten]

Bekannte Kritiker der damaligen Ermittlungen sind die ehemalige SPD-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, das Attentatsopfer Ignaz Platzer, das bei der Explosion zwei Kinder verlor, der Journalist Ulrich Chaussy[31][32] und der Rechtsanwalt Werner Dietrich, der im Auftrag von Attentatsopfern für eine Wiederaufnahme der Ermittlungen kämpfte. Sein Antrag auf Wiederaufnahme wurde vom Generalbundesanwalt in Karlsruhe 1984 abgelehnt.[33]

Ein breites Bündnis aus Organisationen, Gewerkschaften und Einzelpersonen, darunter mehrere Münchner Stadträte sowie Landes- und Bundespolitiker der SPD, setzte sich zum 25. Jahrestag des Anschlags 2005 erneut für eine Wiederaufnahme der Ermittlungen ein.[34] Zu ihren Hauptkritikpunkten zählt, dass zahlreiche Zeugenaussagen, die auf eine Beteiligung weiterer Personen hinwiesen, in den Abschlussberichten der Soko Theresienwiese sowie der Bundesanwaltschaft nicht berücksichtigt wurden. Die Bemühungen fanden jedoch politisch keine Mehrheit und wurden vom BKA zurückgewiesen.

Aufgrund neuer Zeugenaussagen, die der Rechtsanwalt Werner Dietrich gesammelt und bekannt gemacht hatte, prüfte die Generalbundesanwaltschaft im September 2014 die Wiederaufnahme der Ermittlungen. Dafür sprach sich zuvor auch Bundesjustizminister Heiko Maas aus, der dazu auf Versäumnisse bei der Aufklärung der NSU-Morde hinwies. Die Fraktionen von SPD und Grünen im Bayerischen Landtag erwogen die Einsetzung einer parlamentarischen Prüfungskommission, falls die Wiederaufnahme der Ermittlungen erneut abgelehnt werden sollte. Auch Dietrich bemühte sich anlässlich des Jahrestags des Attentats am 26. September 2014 um eine Wiederaufnahme.[35]

Am 11. Dezember 2014 ordnete Generalbundesanwalt Harald Range die Wiederaufnahme der Ermittlungen an.[36] Nach Presseberichten steht hierbei die Aussage einer Zeugin im Vordergrund, die seinerzeit bei einem Rechtsextremisten Flugblätter gesehen haben will, auf denen der Name Gundolf Köhlers genannt wurde – zu einem Zeitpunkt, als dieser von der Polizei noch gar nicht bekanntgegeben worden war, so dass es Mittäter oder zumindest Mitwisser gegeben haben müsste. Damals sei die Zeugin nach eigenen Angaben von der Polizei aber nicht ernst genommen worden.[37] Die Ermittlungen wurden auf das BLKA übertragen.[38]

Gedenken[Bearbeiten]

Auf Antrag einzelner Stadträte wurde das Denkmal auf der Theresienwiese im Jahr 2008 umgestaltet und am Jahrestag des Anschlags eingeweiht. Der Bildhauer Friedrich Koller hat eine stählerne Wandschale gestaltet, die in der Oberfläche Zerstörungen wie nach einer Explosion aufweist.

Literatur[Bearbeiten]

Historische Darstellungen
  • Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat. Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Christian Links, Berlin 2014, ISBN 978-3-86153-757-1.
  • Tatjana Neef: 26. September 1980. Das Oktoberfest-Attentat. Kulturreferat der Landeshauptstadt München, 2010 (Information online).
  • Tobias von Heymann: Die Oktoberfestbombe. München, 26. September 1980 – die Tat eines Einzelnen oder ein Terror-Anschlag mit politischem Hintergrund?. NoRa, Berlin 2008, ISBN 978-3-86557-171-7.
  • Ulrich Chaussy: Oktoberfest. Ein Attentat. Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1985, ISBN 3-472-88022-8; Hörbuch-Ausgabe: Ungelöst – Oktoberfest-Attentat. Hörbuch Hamburg, 2000, ISBN 3-934120-39-3.
  • Florian Dering (Hrsg.): Das Oktoberfest. 175 Jahre bayerischer National-Rausch. Mitwirkende: Münchner Stadtmuseum, Stadtarchiv München, Verein Münchner Oktoberfestmuseum. Bruckmann, München 1985, ISBN 3-7654-2028-X (S. 117ff.: Das Oktoberfest-Attentat 1980)
Fiktion

Filme[Bearbeiten]

  • Bernd Niebrügge, Arndt Wittenberg: Tod auf der Wiesn: Das Oktoberfest-Attentat von 1980. Bayerisches Fernsehen, 26. September 2000[39]
  • Frank Gutermuth, Wolfgang Schoen: Anschlag auf die Republik? Das Oktoberfestattentat 1980. D 2009[40]
  • Daniel Harrich: Der blinde Fleck (2013) – Täter. Attentäter. Einzeltäter?

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Oktoberfest-Attentat: Generalbundesanwalt nimmt Ermittlungen wieder auf. Der Spiegel vom 11. Dezember 2014, abgerufen am 11. Dezember 2014.
  2. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 16
  3.  Mit „Dumdum aus der Schußlinie“. In: Der Spiegel. Nr. 41, 1980 (online).
  4. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 134
  5. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 14
  6. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 35 f.
  7. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 39
  8. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 11
  9. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 215
  10. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 40–42
  11. a b Jan Friedmann, Conny Neumann, Sven Röbel, Steffen Winter (Der Spiegel, 13. September 2010): Verbrechen: Die Briefe des Zeugen
  12. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 9 f.
  13. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 62
  14. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 21
  15. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 216–217
  16. Ulrich Chaussy: Oktoberfest – Das Attentat: Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Berlin 2014, S. 221
  17. Annette Ramelsberger (Süddeutsche Zeitung, 14. Mai 2009): Oktoberfest-Attentat – Die Asservatenkammer ist leer.; Philipp Gessler (taz, 7. August 2009: Viele offene Fragen.)
  18. a b Florian Fuchs: Neue Zweifel an der Einzeltäterthese. Süddeutsche.de, 8. September 2014, abgerufen am 8. September 2014.
  19. a b Reinhard Jellen: Das Oktoberfestattentat war kein Werk eines Einzeltäters. In: Telepolis. 26. Juli 2010 (Teil 1 eines Interviews mit Tobias von Heymann)
  20. Tobias von Heymann, Peter Wensierski: Im rechten Netz. In: Der Spiegel Nr. 43, 24. Oktober 2011, S. 48–52
  21. a b c Kleine Anfrage der Abgeordneten Hans-Christian Ströbele, Jerzy Montag, Volker Beck (Köln), Monika Lazar, Silke Stokar von Neuforn, Wolfgang Wieland, Josef Philip Winkler und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. In: Bundestags-Drucksache 16/13305. Deutscher Bundestag, 4. Juni 2009, abgerufen am 23. Juni 2009 (PDF; 161 kB, elektronische Vorab-Fassung): „Oktoberfest-Attentat – Stasi-Notizen und Indizien betreffend Beteiligung der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ sowie Verbindungen zu „Gladio““
  22. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Hans-Christian Ströbele, Jerzy Montag, Volker Beck (Köln), weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. In: Bundestags-Drucksache 16/13527. Deutscher Bundestag, 22. Juni 2009, abgerufen am 17. April 2010 (PDF; 344 kB): „Oktoberfest-Attentat – Stasi-Notizen und Indizien betreffend Beteiligung der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ sowie Verbindungen zu „Gladio“, Seite 2“
  23. Peter Wolter: Legte BND die Bombe? In: junge Welt. 13. April 2013, abgerufen am 13. April 2013.
  24. Peter Wolter: „Mein Vater hat Münchner Bombe mitgebaut“. In: junge Welt. 13. April 2013, abgerufen am 17. Mai 2013.
  25. Helmut Reister: Historiker: Darum plante mein Vater das Wiesn-Attentat. In: Abendzeitung. 5. Mai 2013
  26. Ambros Waibel: Prozess Oktoberfest-Attentat: „Mein Vater hat Tote einkalkuliert“. In: die tageszeitung. 7. Mai 2013
  27. Bommeleeër: Zeuge Kramer als Lügner entlarvt? In: Luxemburger Wort. 13. Mai 2013
  28. Reinhard Jellen: „Kramer verrührt Fakten und Fiktionen zu einem ungenießbaren Cocktail“. In: Telepolis. 14. Mai 2013
  29. Tanjev Schultz: Regierung lässt Vorwürfe gegen BND prüfen. Süddeutsche.de. 21. Mai 2013. Abgerufen am 22. Mai 2013.
  30. „Innenminister Herrmann will Akteneinsicht gestatten“ br.de vom 3. Juli 2013
  31. Wolfgang Görl: Der dubiose Zeuge. In: Süddeutsche Zeitung. 27. September 2000 (Internet Archive)
  32. 25. Jahrestag des Oktoberfestattentats: Was geschah wirklich am 26. September 1980? In: haGalil. 20. September 2005, abgerufen am 17. Mai 2013.
  33. Oktoberfest-Attentat - Zeugin wurde sechs Wochen lang beschattet - München - Süddeutsche.de
  34. Die Opfer nicht alleine lassen: Attentat in München. In: haGalil. 22. September 2005, abgerufen am 17. Mai 2013.
  35. Süddeutsche Zeitung, 9. September 2014: Andreas Glas: Oktoberfest-Attentat – Justiz reagiert auf neue Erkenntnisse."
  36. Wiesn-Attentat 1980 – Ermittlungen werden wieder aufgenommen Stuttgarter Nachrichten. 11. Dezember 2014
  37. Oktoberfest-Attentat 1980: Die Zeugin, die 34 Jahre schwieg - SPIEGEL ONLINE
  38. Wiederaufnahme Ermittlungen Oktoberfestattentat
  39. Tod auf der Wiesn: Das Oktoberfest-Attentat von 1980. Teil 1; 9:25 min und Teil 2; 10:18 min auf youtube.com
  40. Trailer zu Anschlag auf die Republik? Das Oktoberfestattentat 1980. bei tvschoenfilm

48.13583333333311.55Koordinaten: 48° 8′ 9″ N, 11° 33′ 0″ O