Abendland

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Als Abendland (auch: Christliches Abendland) oder Okzident wird ursprünglich der westliche Teil Europas bezeichnet, besonders Deutschland, England, Frankreich, Italien und die Iberische Halbinsel.[1] Heute wird der Begriff teils übereinstimmend mit dem Begriff der westlichen Welt verwendet. Seit der Romantik entwickelte sich vor allem im deutschsprachigen Raum eine besondere Traditionslinie um den Abendlandbegriff, die einen letzten Höhepunkt in einer regelrechten Abendland-Ideologie der 1950er Jahre fand.

Der Begriff Abendland ergab sich aus der antiken und mittelalterlichen Vorstellung von Europa als dem westlichsten, der untergehenden Abendsonne am nächsten gelegenen Erdteil. Das ihm entsprechende Antonym ist daher das griechisch-orthodox und islamisch geprägte Morgenland oder der Orient. Die griechisch-orthodoxe Kirche wird auch als die morgenländische bezeichnet.[2]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Im Römischen Reich stand der lateinische Begriff occidens (zu ergänzen: sol, „die untergehende Sonne“) für die westliche Himmelsrichtung. Der Begriff „Abendländer“ für „Okzident“ findet sich erstmals 1529 bei Kaspar Hedio. Martin Luther prägte in seiner Bibelübersetzung dafür den Ausdruck Abend.

Romantik[Bearbeiten]

In Deutschland entwickelten, von Novalis angeregt, die Brüder August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel eine Europakonzeption, die sich auf kulturelle Traditionen stützte. Das Abendland umfasste ihrer Vorstellung nach alle Länder, die durch ihr romanisches, germanisches und christliches Erbe zu einem einzigen europäischen Kulturraum in Antinomie zu einem islamisch gedachten Orient oder Morgenland vereint waren. Besondere Bedeutung maßen sie dabei Karl dem Großen als vermeintlichem Einiger Europas und Herrn über das christliche Abendland zu.

Zwischen den Weltkriegen[Bearbeiten]

Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs veröffentlichte Oswald Spengler sein kulturphilosophisches Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes. In diesem beschreibt er die Bedrohung bzw. den Zerfall der okzidentalischen Kultur, die er in Europa und Nordamerika verortete. Nach Spenglers Geschichtsvorstellung könnten derartige Hochkulturen als Riesenpflanzen angesehen werden, die aus einer mütterlichen Landschaft heraus geboren werden, wachsen, reifen und schließlich eingehen. Er betonte jedoch, dass der Untergang des Abendlandes nicht im Sinne eines Katastrophismus zu verstehen sei. Vielmehr werde der abendländische Kultur-Organismus allmählich durch fremde Zivilisationen abgelöst. Spengler ging davon aus, dass die „russische Kultur“ diese Rolle übernehmen und die Geschichte des dritten Jahrtausends maßgeblich bestimmen werde.

In der Publizistik zwischen den Kriegen lebte der Gedanke eines friedvoll zusammenlebenden abendländischen Reiches wieder auf. Das Wiederanknüpfen an traditionelle europäische Narrationen und Symbole seit dem Ende der Weimarer Republik führte in der Zeit des Nationalsozialismus zur Verbreitung einer spezifischen „abendländische Identität“. Diese setzte sich insbesondere aus antiken (griechisch-römischen), germanischen und romanischen Elementen zusammen. Die nationalsozialistische Propaganda setzte hier an und stellte den Nationalsozialismus häufig als Rettung und Fortsetzung der abendländischen Kultur im Sinne einer historischen Kontinuität dar. Zu diesem Zwecke wurde auch versucht, Persönlichkeiten aus Mythos und Geschichte wie Leonidas I., Hagen von Tronje oder Karl den Großen als Vorläufer einer Art „paneuropäischen“ Gesellschaft darzustellen. Gleichzeitig dienten die Gemeinsamkeiten, die den „abendländischen“ Europäern zugeschrieben wurden, als Abgrenzungsmerkmal, insbesondere gegenüber Fremd- oder Feindbildern, die von der slawischen, russisch-asiatischen und besonders von der jüdischen Kultur gezeichnet wurden. Als Legitimationsgrundlage für Angriffskriege und Deportationen konnten diese Feindbilder einem Selbstbild der Zugehörigkeit zu einer arisch-abendländischen Kultur gegenübergestellt und in die vorherrschenden Ideologien von Rasse, Blut und Boden sowie in nationalsozialistische Europapläne integriert werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und 1950er Jahre[Bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Abendlandidee in Westdeutschland zeitweise an erheblichem Einfluss. Konservativ-bürgerliche Werte sollten nach der Katastrophe der Hitler-Diktatur hier eine neue Verankerung finden und sowohl gegen die als seelenlos und individualistisch bezeichnete Moderne westeuropäischer oder amerikanischer Prägung in Stellung gehen als auch gegen den Kollektivismus und Totalitarismus der Sowjetunion. Auch vom sogenannten Ungeist der als nihilistisch verstandenen eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit grenzte die Abendlandideologie sich ab. In diesem Sinne bekannte sich Bundeskanzler Konrad Adenauer in seiner ersten Regierungserklärung am 20. September 1949 ausdrücklich zum „Geist christlich-abendländischer Kultur“ als Fundament seiner Kanzlerschaft.[3]

Mit noch stärkerer Emphase erklärte Bundespräsident Theodor Heuss am 16. September 1950 bei einer Schulfeier in Heilbronn:

„Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muß sie als Einheit sehen.“[4]

Politisch wurde die Abendlandideologie in den vierziger und fünfziger Jahren in der Schulpolitik eingesetzt, etwa beim Kampf für die Erhaltung des dreigliedrigen Schulsystems, für die Bekenntnisschulen, für das humanistische Gymnasium und den altsprachlichen Unterricht.[5]

Auch in anderen Bereichen spielte das Abendlandkonzept eine Rolle: Adenauers Außenpolitik mit ihren Schwerpunkten auf Westbindung, NATO-Mitgliedschaft, Europäische Einigung, Deutsch-französische Freundschaft und Antikommunismus ließ sich in die traditionelle Abendlandidee einbinden, dadurch konnten auch national-konservative Kreise innerhalb der CDU mit dem Gedanken einer supranationalen Zusammenarbeit der europäischen Staaten versöhnt werden.[6] Danach erschien das Karolingische Reich als vorweggenommene Verwirklichung der europäischen Ideale der Nachkriegszeit. Ausdruck dieser Vorstellungen war die Stiftung des Aachener Karlspreises. Aber auch die Geschichtswissenschaft und der Geschichtsunterricht in den westdeutschen Schulen der Nachkriegszeit vermittelten ein Mittelalterbild, das eher den europäischen Wunschvorstellungen der Bundesregierung entsprach als der historischen Wirklichkeit.

Von geringerer Bedeutung war die sogenannte Abendlandbewegung um die Zeitschrift „Neues Abendland“. Hier versuchten orthodox-katholische hochadlige Kreise der katholisch-konservativen Intelligenz zu mobilisieren. „Abendland“ bedeutete in diesem Zusammenhang vor allem Wiederbelebung des Christentums und Abgrenzung gegenüber der Sowjetunion und sozialpolitischem Paternalismus. Auch ständestaatliche Ideen spielten eine Rolle,[7] die angeblich christlichen Diktatoren Francisco Franco und António de Oliveira Salazar wurden positiv rezipiert.[8] Da die Abendlandbewegung somit offen antidemokratische Prinzipien propagierte und es ihr nicht gelang, sich abseits der elitären Führungsgestalten eine breite Basis zu verschaffen, versank sie Mitte der 1960er Jahre in der Bedeutungslosigkeit.

Da das Reich Karls des Großen nur bis zur Elbe gereicht hatte, verstanden Teile der damaligen Opposition diese abendländische Konzeption als Abwendung vom Ziel der deutschen Wiedervereinigung. Doch auch diese letzten, politisch relevanten Diskussionen über die Bedeutung des Begriffs Abendland versandeten in den 1960er Jahren ergebnislos.

Gegenwart[Bearbeiten]

Der Begriff wird aktuell verwendet, um die eigene kulturelle Identität vom Islam abzugrenzen.[9] Im rechtspopulistischen oder rechtsextremen Diskurs wird behauptet, das „jüdisch-christliche Abendland“ müsse gegen eine angeblich drohenden Islamisierung verteidigt werden. Nach Ansicht des Berliner Antisemitismusforschers Wolfgang Benz ist dieser Begriff jedoch irreführend: Tausend Jahre lang habe das christliche Abendland alles daran gesetzt, die Juden auszugrenzen und als Sündenböcke zu diskriminieren; die verbreitete Vorstellung einer Symbiose von Juden und Nicht-Juden sei irreführend: Vielmehr würden „Muslimfeinde ein christlich-jüdisches Abendland konstruieren, das es nie gegeben hat“.[10]

Kritik[Bearbeiten]

Edward Said kritisiert neben dem Begriff des Orient auch den Begriff des Okzident. Beiden Begriffen unterstellt Said, dass sie über keine eigenständige Ontologie verfügen, dass sie also konstruiert seien. Das Gegensatzpaar Okzident/Orient erfülle dabei den Zweck, sich vom jeweils anderen abgrenzen zu können, um dadurch eine eigene Identität zu gewinnen. Dies führt laut Said auch dazu, „dass sich diese allmächtigen Fiktionen leicht in den Dienst der Manipulation und der Organisation kollektiver Leidenschaften stellen lassen“.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard Faber: Das ewige Rom oder: die Stadt und der Erdkreis. Zur Archäologie „abendländischer“ Globalisierung, Königshausen und Neumann, Würzburg 2000, ISBN 3-8260-2034-0.
  • Richard Faber: Abendland: Ein politischer Kampfbegriff, 2. Auflage, Philo, Berlin / Wien 2002, ISBN 3-86572-251-2 (= Kulturwissenschaftliche Studien, Band 10, Erstausgabe Hildesheim: Gerstenberg, 1979).
  • Heinz Herz: Morgenland – Abendland. Fragmente zu einer Kritik abendländischer Geschichtsbetrachtung, VOB Koehler & Amelang, Leipzig 1963.
  • Heinz Hürten: Der Topos vom christlichen Abendland in Literatur und Publizistik nach den beiden Weltkriegen. In: Albrecht Langner (Hg.): Katholizismus, nationaler Gedanke und Europa seit 1800. Paderborn [u. a.] 1985, S. 131-154,
  • Otto Kallscheuer: Zur Zukunft des Abendlandes. Essays. zu Klampen Verlag, Springe 2009, ISBN 978-3-86674-040-2.
  • Oskar KöhlerAbendland. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 1, de Gruyter, Berlin/New York 1977, ISBN 3-11-006944-X, S. 17–42.
  • Dagmar Pöpping: Abendland. Christliche Akademiker und die Utopie der Antimoderne 1900-1945, Metropol, Berlin 2002, ISBN 3-932482-71-9.
  • Axel Schildt: Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur Westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre. Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56344-0.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Meyers Hand-Lexikon, Vierte Auflage 1888, Bd 1, S. 3
  2. vgl. etwa Dr. Nikodim Milaš, Das Kirchenrecht der morgenländischen Kirche, Zara 1897.
  3. Klaus von Beyme (Hrsg.), Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schmidt, Hanser, München/Wien 1979, S. 53-73 sowie http://www.kas.de/wf/de/33.820/.
  4. An diesem Tag wurden in Heilbronn die wieder errichteten Gebäude des Robert-Mayer-Gymnasiums und der Rosenauschule eingeweiht. Das humanistische Karlsgymnasium, an dem Theodor Heuss 1902 das Abitur abgelegt hatte, wurde nach zwischenzeitlicher Vereinigung mit der Dammrealschule am selben Tag unter dem Namen Theodor-Heuss-Gymnasium wieder selbständig. Theodor-Heuss-Gymnasium; Reden an die Jugend, R. Wunderlich Tübingen 1956, S. 32; vgl. Meik Gerhards, Golgatha und Europa. Warum das Evangelium zu den bleibenden Grundlagen des Abendlandes gehört, Universitätsdrucke Göttingen 2007, S. 31 f.
    Ähnlich Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache im deutschen Bundestag am 22. September 2011: "Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas." vatican.va
  5. Dietmar Süss, Lieb Abendland, magst ruhig sein, in: Die Zeit vom 17. September 2009, S. 98, auch online
  6. Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre, Oldenbourg, München 1999, S. 23
  7. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 5: Von der Gründung der beiden deutschen Staaten bis zur Vereinigung 1949 – 1990, C.H. Beck, München 2008, S. 168
  8. Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre, Oldenbourg, München 1999, S. 64
  9. Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. C. H. Beck, München 2011, S. 83, 125 u.ö.
  10. Wolfgang Benz: Ansturm auf das Abendland?. Zur Wahrnehmung des Islam in der westlichen Gesellschaft. Picus Verlag, Wien 2013; Otto Langels: Entwurzelt und gedemütigt. Wolfgang Benz: „Deutsche Juden im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts. (23. Januar 2012) auf DRadio.de, Zugriff am 22. Oktober 2013 (hier das Zitat).

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Abendland – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen