Oligarch

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Dieser Artikel behandelt den neuzeitlichen Oligarchenbegriff. Für die Staatsform siehe Oligarchie.

Ein Oligarch (vom griech.: ὀλίγοι oligoi = „Wenige“ und ἄρχων archon = „Herrscher, Führer“) ist ein Wirtschaftsmagnat oder Tycoon, der durch seinen Reichtum über ein Land oder eine Region weitgehende informelle Macht ausübt. Die Bezeichnung drückt, wie die Wortherkunft von Oligarchie es andeutet, aus, dass der Betreffende „einer von wenigen Herrschenden“ des betreffenden Landes ist und wie groß der Einfluss seines Reichtums auf dessen Politik ggf. sein kann.

In den USA wurde der Begriff während des wirtschaftlichen Aufschwungs im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auf Personen angewandt, die in einer Region ihre eigenen Regeln aufstellten, wenn es dort an Vertretern der allgemeinen Rechtsordnung mangelte, etwa in manchen Städten des Westens oder in Alaska. Nach einiger Zeit wurde der Begriff ungebräuchlich.

Heute bezeichnet man als Wirtschaftsoligarchen allgemein einige rasch zu Reichtum gelangte Geschäftsleute aus den ehemaligen Teilrepubliken der Sowjetunion, zumeist aus Russland und der Ukraine. Während der 1990er Jahre bezeichneten sich dort kleine Gruppen von Personen als Oligarchen, die extrem reich geworden waren und damit begannen, Massenmedien zu kontrollieren und politischen Einfluss auszuüben.

Die russischen Oligarchen[Bearbeiten]

Siehe auch: Neuer Russe

Die russischen Oligarchen sind Unternehmer, die während Gorbatschows Periode der Marktliberalisierung ihre Geschäfte begannen. Es wird allgemein angenommen, dass es in Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zwei Generationen von Wirtschaftsoligarchen gibt: Die Jelzin-Oligarchen und die Putin-Oligarchen.

Oligarchen der Ära Jelzin[Bearbeiten]

Gegen Ende der Zeit der Sowjetunion, während Michail Gorbatschows Perestroika, schmuggelten einige russische Geschäftsleute Waren wie PCs und Jeans ins Land und verkauften sie mit hohem Gewinn auf dem Schwarzmarkt. In den 1990er Jahren, zu Boris Jelzins Amtszeit, während Russlands Übergang zu einer Marktwirtschaft, erschienen die Oligarchen auf der Bildfläche: gut vernetzte Unternehmer, die mit fast nichts begannen und reich wurden durch Marktaktivitäten und durch ihre Verbindungen mit der korrupten, wenn auch demokratisch gewählten russischen Regierung.

Die Oligarchen wurden in der russischen Öffentlichkeit äußerst unbeliebt und werden allgemein für die Verursacher des Wirtschaftschaos gehalten, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion herrschte.[1][2] The Guardian beschrieb die Oligarchen als „bei den durchschnittlichen Russen ungefähr so unbeliebt wie jemand, der zum Vergnügen auf dem Gehsteig vor einem Waisenhaus 50-Pfund-Scheine verbrennt“.

Während Jelzins Präsidentschaft erlangten die Oligarchen zunehmenden Einfluss in der Politik und spielten eine bedeutende Rolle bei der Finanzierung von Jelzins Wiederwahl 1996. Mit Hilfe von Insiderwissen über die finanziellen Entscheidungen der Regierung fiel es den Oligarchen leicht, ihren Besitz weiter zu vergrößern. Die russische Finanzkrise von 1998 traf jedoch einige der Oligarchen hart, und diejenigen, deren Vermögen auf Bankgeschäften beruhte, verloren den größten Teil davon.

Die einflussreichsten und öffentlich am meisten präsenten Oligarchen der Ära Jelzin sind Boris Beresowski, Michail Chodorkowski, Michail Fridman, Wladimir Gussinski, Witali Malkin und Wladimir Potanin.[3] Von ihnen haben sich nur Potanin und Malkin in die Ära Putin „hinübergerettet“. Die anderen wurden laut einem Bericht von The Guardian durch die Regierung entmachtet.[4]

Oligarchen der Ära Putin[Bearbeiten]

Während der Regierungszeit von Wladimir Putin sind andere Oligarchen verschiedener illegaler Tätigkeiten wegen, wie Verstößen gegen Steuerrecht, unter Beschuss geraten. Es wird allerdings vielfach angenommen, dass die Vorwürfe politisch motiviert seien und die Wirtschaftsmagnaten die Gunst der Regierung verloren haben. Wladimir Gussinski (Media-Most) und Boris Beresowski entkamen der Justiz, indem sie Russland verließen. Der bekannteste von ihnen, Michail Chodorkowski (Yukos), wurde im Oktober 2003 festgenommen und zu neun Jahren Haft verurteilt.

Der Milliardär, Philanthrop und Kunstmäzen Alexander Lebedew kritisierte die Oligarchen: „Ich denke, dass materieller Reichtum für sie eine sehr emotionale und geistige Sache ist. Sie geben eine Menge ihres Geldes für persönlichen Konsum aus.“ Er beschreibt sie als eine Schar von kulturlosen Ungebildeten: „Sie lesen keine Bücher. Sie haben keine Zeit. Sie gehen zu keinen Ausstellungen. Sie denken, der einzige Weg, andere zu beeindrucken, sei, indem man eine Yacht kauft.“ Außerdem stellt Lebedew fest, dass die Oligarchen an sozialen Ungerechtigkeiten desinteressiert sind. Einige von ihnen hätten nun infolge der weltweiten Wirtschafts- und Kreditkrise von 2008 nur noch einige hundert Millionen Dollar übrig, und seien damit nach den Maßstäben der Superreichen im Armenviertel angekommen.[5]

Iwan Rybkin, der frühere Sprecher der Staatsduma, behauptete, Präsident Wladimir Putin sei Milliardär und „der größte Oligarch in Russland“. Russische Offizielle widersprachen Rybkins Auffassung und sagten, er habe für seine Aussage keinerlei Nachweis geführt. Putin selbst bestreitet dies ebenfalls.[6]

Manche Beobachter glauben, dass Putin eine staatlich gelenkte Wirtschaft errichtet hat, um die Imperien der Oligarchen der Jelzin-Ära zu demontieren. Die texanische Business-Intelligence-Unternehmung STRATFOR vertrat diese Sichtweise. Zu diesem Zweck habe Putin einige der vertrauenswürdigsten und nützlichsten Oligarchen direkt unter sich selbst im Kreml positioniert.[7]

Zu den bedeutendsten Oligarchen der Ära Putin gehören Roman Abramowitsch, Oleg Deripaska, Michail Prochorow und nach wie vor Wladimir Potanin und Witali Malkin sowie Michail Fridman.

Globale Rezession und Kreditkrise von 2008[Bearbeiten]

Seit Juli 2008 haben die reichsten 25 Russen, laut Auskunft von Bloomberg L.P., zusammengenommen 230 Milliarden Dollar verloren. Der Abstieg der Oligarchen ist eng verbunden mit dem Einbruch am russischen Aktienmarkt, wo der RTS-Index infolge der Kapitalflucht nach dem Kaukasus-Konflikt 2008 um 71 % fiel.[8]

Milliardäre in Russland und der Ukraine wurden besonders schwer von Gläubigern getroffen, die, um ihre Bilanzen aufzubessern, die Rückzahlung von Ballonkrediten forderten. Viele Oligarchen hatten bei russischen Banken hohe Kredite aufgenommen, davon Aktien gekauft und diese als Sicherheiten verwendet, um bei westlichen Banken weitere Kredite zu erhalten.[5][9]

Einer der Ersten, die von dem globalen Abschwung getroffen wurden, war Oleg Deripaska, zu dieser Zeit der reichste Mensch Russlands, dessen Nettovermögen im März 2008 28 Milliarden Dollar betrug. Als Deripaska von westlichen Banken Geld lieh, das er mit seinen Firmenbeteiligungen absicherte, zwang ihn der Fall der Aktien, Anteile zu verkaufen, um Nachschussforderungen zu begleichen.[5][9]

Die Oligarchen der Ukraine[Bearbeiten]

Die ukrainischen Oligarchen sind vor allem anlässlich der Fußball-Europameisterschaft 2012 in den Blickpunkt der Öffentlichkeit getreten: Rinat Achmetow als Besitzer des Vereins Schachtar Donezk in Donezk und als Errichter von dessen Arena, Alexander Jaroslawski, der "König von Charkiw", in gleichartiger Funktion bei Metalist Charkiw und seines Metalist-Stadions, sowie die Brüder Hryhorij Surkis und Ihor Surkis, von denen ersterer auch als Präsident des ukrainischen Fußballverbands (FFU) fungiert, während sein jüngerer Bruder Präsident des ukrainischen Fußballvereins Dynamo Kiew in der Hauptstadt Kiew ist. [10] Die Oligarchen der Ostukraine tendieren politisch zur "blauen", russlandfreundichen Partei des ehemaligen Präsidenten Wiktor Janukowytsch, jene der Westukraine zur prowestlichen "orangen" Seite seines Vorgängers Juschtschenko.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Profile: Boris Berezovsky BBC Abgerufen am 9. Nov. 2009
  2. What a carve-up! The Guardian Abgerufen am 9. Nov. 2009
  3. The Russian Oligarchs of the 1990's: Boris Berezovsky, Mikhail Friedman, Vladimir Gusinsky, Mikhail Khodorkovsky, Vladimir Potanin, Alexander Smolensky, Vladimir Vinogradov. sjsu.edu. Abgerufen am 19. Juni 2011.
  4. Billionaires boom as Putin puts oligarchs at N2 in global rich list The Guardian, 19 Feb 2008
  5. a b c Twilight of the oligarchs as credit crisis hits Russia | World news | The Guardian
  6. "Что касается различных слухов по поводу денежного состояния, я смотрел некоторые бумажки на этот счёт: просто болтовня, которую нечего обсуждать, просто чушь. Все выковыряли из носа и размазали по своим бумажкам. Вот так я к этому и отношусь." The President's annual press conference for the Russian and foreign media, February 14, 2008, Kremlin.ru
  7. The rise and fall of the Russian oligarchs STRATFOR, 22 May 2009
  8. Conflict in Georgia May Raise Pressure on Russia’s Oligarchs - NYTimes.com
  9. a b Margin Calls Ignite Billionaire Fire Sale - Forbes.com
  10. Vgl. Roland Zorn: Hintergrundartikel in der FAZ vom 9. Juni 2012