Oligodendrogliom

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Klassifikation nach ICD-10
D33 Gutartige Neubildung des Gehirns und anderer Teile des Zentralnervensystems
D33.0 Gehirn, supratentoriell
D33.1 Gehirn, infratentoriell
D33.2 Gehirn, nicht näher bezeichnet
D33.3 Hirnnerven
D33.4 Rückenmark
D33.7 Sonstige näher bezeichnete Teile des Zentralnervensystems
D33.9 Zentralnervensystem, nicht näher bezeichnet
C71 Bösartige Neubildung des Gehirns
C71.0 Zerebrum, ausgenommen Hirnlappen und Ventrikel
C71.1 Frontallappen
C71.2 Temporallappen
C71.3 Parietallappen
C71.4 Okzipitallappen
C71.5 Hirnventrikel
C71.6 Zerebellum
C71.7 Hirnstamm
C71.8 Gehirn, mehrere Teilbereiche überlappend
C71.9 Gehirn, nicht näher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Das Oligodendrogliom (veraltet: Oligodendrozytom) ist ein neuroepithelialer Tumor unterschiedlicher Dignität, der vermutlich von den Oligodendrozyten, einem Zelltyp der Glia, ausgeht.

Einführung[Bearbeiten]

Das Oligodendrogliom wurde 1926 erstmals von Harvey Williams Cushing und Bailey beschrieben und aufgrund der morphologischen Ähnlichkeit mit Oligodendrozyten als solches benannt. Allerdings gibt es keinen Beweis, dass ein Oligodendrogliom aus einem Oligodendrozyt entsteht. In der aktuellen wissenschaftlichen Literatur werden unter anderem Stammzellen oder gliale Progenitorzellen diskutiert. Der Tumor tritt besonders bei Erwachsenen im mittleren Lebensalter (35–50 Jahre) auf, wurde aber auch bei Kindern beobachtet. Etwa 4 bis 8 % aller Hirntumoren sind Oligodendrogliome.[1][2] Die Inzidenz der Oligodendrogliome scheint in den letzten Jahren anzusteigen. Als Grund wird diskutiert, dass die guten therapeutischen Erfolge zunehmend Neuropathologen dazu bewegen, gliale Tumoren weniger als Astrozytome denn als Oligodendrogliome zu beurteilen.

Ursachen[Bearbeiten]

Die Ursache von Oligodendrogliomen ist unklar. In einzelnen Fällen wurden diese Tumoren nach Gehirnbestrahlung[3], Gehirnverletzungen[4] oder bei Multiple Sklerose[5] beschrieben. Zudem gibt es Fallberichte mit familiären Häufungen.[6] Widersprüchliche Daten liegen über eine virale Induktion vor.[7]

Klinische Symptome[Bearbeiten]

Klinische Erstsymptome können neben den allgemeinen Hirndruckzeichen wie Kopfschmerzen, anhaltender Übelkeit und Erbrechen typischerweise auch epileptische Anfälle sein.

Bildgebung[Bearbeiten]

Typischerweise erfolgt die Diagnostik durch eine Kernspintomografie mit und ohne Kontrastmittelgabe oder durch eine Computertomografie, die manchmal Verkalkungen zeigt. Eine Kontrastmittelanreicherung zeigt nicht so sicher wie bei Astrozytomen einen Übergang zur Anaplasie an.

Neuropathologie[Bearbeiten]

Anaplastisches Oligodendrogliom des Großhirns
Ausschnittsvergrößerung (man beachte die unregelmäßigen Zell- und Kernformen)

Oligodendrogliome treten vor allem im Großhirn mit einer Verteilungsfrequenz von 3:2:2:1 zwischen Stirn-, Scheitel-, Schläfen- und Hinterhauptslappen auf. Das Oligodendrogliom gehört zur Gruppe der diffusen Gliome. Nach der WHO-Klassifikation der Tumoren des zentralen Nervensystems unterscheidet man Oligodendrogliome WHO-Grad II und (maligne) anaplastische Oligodendrogliome WHO Grad III. Mikroskopisch erkennt man optisch leere Räume um die Zellkerne, ein sogenanntes typisches „Honigwabenmuster“ − ein Artefakt aus der histologischen Aufarbeitung.

Weiterhin erkennt man sehr gleichförmige runde Zellkerne und langgezogene gerade Kapillaren. Anaplastische Oligodendrogliome weisen eine erhöhte Zahl an Tumorzellen auf, die Tumorzellen und ihre Kerne variieren deutlich im Aussehen. Zudem sind nach der WHO-Klassifikation auch Nekrosen und proliferierende Gefäße erlaubt, sodass es diagnostische Überschneidungen mit dem Glioblastom gibt. Manchmal findet man auch Mischtumoren mit Astrozytomen, hier spricht man dann von Oligoastrozytomen. Da es keine definierten Zahlen zum Anteil oligodendroglialen und astrozytären Tumorgewebes bei Oligoastrozytomen gibt, variieren die Diagnosezahlen von Oligodendrogliomen und Oligoastrozytomen zwischen den neuropathologischen Instituten zum Teil erheblich.

Molekulargenetik[Bearbeiten]

Etwa 90 % der Oligodendrogliome WHO Grad II und etwa 50 bis 60 % der anaplastische Oligodendrogliome WHO Grad III weisen kombinierte Allelverluste auf dem kurzen Arm von Chromosom 1 (1p) und dem langen Arm von Chromosom 19 (19q) auf. Temporal-gelegene Oligodendrogliome zeigen zumeist keine Allelverluste auf 1p und 19q, extra-temporale weisen sehr oft diese Veränderungen auf. Bei anaplastischen Oligodendrogliomen WHO Grad III findet man zudem häufig Allelverluste auf dem chromosomalen Arm 9p und 10q. [8][9][10][11][12][13] Als Ursache dieses kombinierten Allelverlustes von 1p und 19q wurde eine centromere oder pericentromere Translokation identifiziert. Unter Verlust des kurzen Arms von Chromosom 1 (1p) und des langen Arms von Chromosom 19 (19q) verbinden sich der kurze Arm von Chromosom 19 (19p) mit dem langen Arm von Chromosom 1 (1q). [14][15]Die sonst bei astrozytären Gliomen (Astrozytom, Glioblastom) häufig zu findenden Mutationen im p53-Gen fehlen bei Oligodendrogliomen fast völlig. [16][17]

Therapie[Bearbeiten]

Die Therapie von Oligodendrogliomen besteht vor allem in der operativen Entfernung des Tumors. Aufgrund des biologischen Charakters diffus infiltrierender Gliome ist allerdings eine operative Heilung nahezu unmöglich. Bei anaplastischen Oligodendrogliomen WHO Grad III wird zudem eine Chemotherapie oder eine Strahlentherapie angewendet. Der Erfolg dieser beiden therapeutischen Optionen kann im Vorfeld abgeschätzt werden anhand des genetischen Profils des Tumors: Oligodendrogliome mit kombinierten Allelverlusten auf 1p und 19q sprechen zumeist gut, solche ohne Verluste schlecht auf diese Therapien an.[18] Da allerdings auch therapeutische Erfolge mittels Chemo- oder Strahlentherapie bei Oligodendrogliomen ohne Allelverlusten beobachtet werden, ist eine solche Therapie auf jeden Fall zu empfehlen. Eine genetische Testung hat sich unterdessen neben der histopathologischen Diagnostik etabliert und sollte durchgeführt werden.

Prognose[Bearbeiten]

Die publizierten Überlebenszeiten von Oligodendrogliomen variieren deutlich in der wissenschaftlichen Literatur. Die 5-Jahres-Überlebensrate von Oligodendrogliomen WHO Grad II wird zwischen 38 % und 83 % angegeben. WHO Grad II Oligodendrogliome zeigen eine Tendenz zur malignen Entartung und können zu anaplastischen Oligodendrogliomen WHO Grad III werden. Die 5-Jahres-Überlebensrate von anaplastischen Oligodendrogliomen WHO Grad III wird zwischen 23 % und 66 % angegeben.

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kleihues P, Cavenee WK (2000) Pathology and genetics of tumours of the nervous system. 2nd edition ed. IARC Press, Lyon
  • Reifenberger G, Louis DN (2003) Oligodendroglioma: toward molecular definitions in diagnostic neuro-oncology. In: J Neuropathol Exp Neurol, 62: 111-26. Review.
  • Hartmann C, Mueller W, von Deimling A. (2004) Pathology and molecular genetics of oligodendroglial tumors. In: J Mol Med., 2004 Oct;82(10):638-55. Review.
  • Bailey P, Cushing H (1926) A Classification of Tumors of the Glioma Group on a Histogenetic basis with a Correlation Study of Prognosis. Lippincott, Philadelphia
  • Herbarth B, Meissner H, Westphal M, Wegner M (1998) Absence of polyomavirus JC in glial brain tumors and glioma-derived cell lines. In: Glia, 22: 415-20
  • Eibl RH, Kleihues P, Jat PS, Wiestler OD (1994) A model for primitive neuroectodermal tumors in transgenic neural transplants harboring the SV40 large T antigen. In: Am J Pathol, 1994 Mar;144(3):556-64
  • Huang H, Reis R, Yonekawa Y, Lopes JM, Kleihues P, Ohgaki H (1999) Identification in human brain tumors of DNA sequences specific for SV40 large T antigen. In: Brain Pathol, 9: 33-42

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Helseth A, Mork SJ: Neoplasms of the central nervous system in Norway. III. Epidemiological characteristics of intracranial gliomas according to histology. In: APMIS (1989) 97:547-55 PMID 2736107.
  2. Mork SJ, Lindegaard KF, Halvorsen TB, Lehmann EH, Solgaard T, Hatlevoll R, Harvei S, Ganz J: Oligodendroglioma: incidence and biological behavior in a defined population. In: J Neurosurg, (1985) 63:881-9 PMID 4056902.
  3. Huang CI, Chiou WH, Ho DM: Oligodendroglioma occurring after radiation therapy for pituitary adenoma. J Neurol Neurosurg Psychiatry (1987) 50:1619-24
  4. Perez-Diaz C, Cabello A, Lobato RD, Rivas JJ, Cabrera A: Oligodendrogliomas arising in the scar of a brain contusion. Report of two surgically verified cases. Surg Neurol (1985) 24:581-6
  5. Giordana MT, Mauro A, Soffietti R, Leone M: Association between multiple sclerosis and oligodendroglioma. Case report. Ital J Neurol Sci (1981) 2:403-9
  6. Kros JM, Lie ST, Stefanko SZ: Familial occurrence of polymorphous oligodendroglioma. Neurosurgery (1994) 34:732-6; discussion 736
  7. Holland EC, Li Y, Celestino J, Dai C, Schaefer L, Sawaya RA, Fuller GN: Astrocytes give rise to oligodendrogliomas and astrocytomas after gene transfer of polyoma virus middle T antigen in vivo. Am J Pathol (2000) 157:1031-7
  8. Zlatescu MC, TehraniYazdi A, Sasaki H, Megyesi JF, Betensky RA, Louis DN, Cairncross JG: Tumor location and growth pattern correlate with genetic signature in oligodendroglial neoplasms. Cancer Res (2001) 61:6713-5
  9. Mueller W, Hartmann C, Hoffmann A, Lanksch W, Kiwit J, Tonn J, Veelken J, Schramm J, Weller M, Wiestler OD, Louis DN, von Deimling: A Genetic signature of oligoastrocytomas correlates with tumor location and denotes distinct molecular subsets. Am J Pathol (2002) 161:313-9
  10. von Deimling A, Louis DN, von Ammon K, Petersen I, Wiestler OD, Seizinger BR: Evidence for a tumor suppressor gene on chromosome 19q associated with human astrocytomas, oligodendrogliomas, and mixed gliomas. Cancer Res (1992) 52:4277-9
  11. Reifenberger J, Reifenberger G, Liu L, James CD, Wechsler W, Collins VP: Molecular genetic analysis of oligodendroglial tumors shows preferential allelic deletions on 19q and 1p. Am J Pathol (1994) 145:1175-90
  12. Kraus JA, Koopmann J, Kaskel P, Maintz D, Brandner S, Schramm J, Louis DN, Wiestler OD, von Deimling A: Shared allelic losses on chromosomes 1p and 19q suggest a common origin of oligodendroglioma and oligoastrocytoma. J Neuropathol Exp Neurol (1995) 54:91-5
  13. von Deimling A, Fimmers R, Schmidt MC, Bender B, Fassbender F, Nagel J, Jahnke R, Kaskel P, Duerr EM, Koopmann J, Maintz D, Steinbeck S, Wick W, Platten M, Muller DJ, Przkora R, Waha A, Blumcke B, Wellenreuther R, Meyer-Puttlitz B, Schmidt O, Mollenhauer J, Poustka A, Stangl AP, Lenartz D, von Ammon K: Comprehensive allelotype and genetic analysis of 466 human nervous system tumors. J Neuropathol Exp Neurol (2000) 59:544-58
  14. Jenkins RB, Blair H, Ballman KV, Giannini C, Arusell RM, Law M, Flynn H, Passe S, Felten S, Brown PD, Shaw EG, Buckner JC: A t(1;19)(q10;p10) mediates the combined deletions of 1p and 19q and predicts a better prognosis of patients with oligodendroglioma. Cancer Res (2006) 66:9852-61
  15. Griffin CA, Burger P, Morsberger L, Yonescu R, Swierczynski S, Weingart JD, Murphy KM. Identification of der(1;19)(q10;p10) in five oligodendrogliomas suggests mechanism of concurrent 1p and 19q loss. J Neuropathol Exp Neurol (2006) 65:988-94.
  16. Ohgaki H, Eibl RH, Wiestler OD, Yasargil MG, Newcomb EW, Kleihues P: p53 mutations in nonastrocytic human brain tumors. Cancer Res (1991) 51:6202-5
  17. von Deimling A, Eibl RH, Ohgaki H, Louis DN, von Ammon K, Petersen I, Kleihues P, Chung RY, Wiestler OD, Seizinger BR: p53 mutations are associated with 17p allelic loss in grade II and grade III astrocytoma. Cancer Res (1992) 52:2987-90
  18. Cairncross JG, Ueki K, Zlatescu MC, Lisle DK, Finkelstein DM, Hammond RR, Silver JS, Stark PC, Macdonald DR, Ino Y, Ramsay DA, Louis DN: Specific genetic predictors of chemotherapeutic response and survival in patients with anaplastic oligodendrogliomas. J Natl Cancer Inst (1998) 90:1473-9

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Oligodendrogliom – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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