Olympische Sommerspiele 1940

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Die Olympischen Sommerspiele 1940 (offiziell Spiele der XII. Olympiade genannt) sollten ursprünglich zwischen dem 21. September und dem 6. Oktober 1940 in Tokio stattfinden. Die japanische Hauptstadt hatte sich als erste Stadt außerhalb Europas und der Vereinigten Staaten um die Austragung Olympischer Spiele beworben und argumentierte, dass die Spiele erst dann wirklich universal seien, wenn sie auch in Asien stattfinden könnten. Die Tokioter Bewerbung setzte neue Maßstäbe und forderte das Internationale Olympische Komitee (IOC) heraus, weil die Bewerbungsaktivitäten nicht bloß auf das IOC beschränkt blieben, sondern Japan auch diplomatische Kanäle nutzte, um eine günstige Entscheidung herbeizuführen. Das aggressive Auftreten der Japaner führte dazu, dass die Olympischen Sommerspiele 1940 nicht wie geplant auf der IOC-Session 1935, sondern erst auf der 1936 in Berlin stattfindenden Session vergeben wurden. In der Zwischenzeit wurde der anfangs kritisch eingestellte IOC-Präsident Henri de Baillet-Latour auf einer Japan-Reise von Tokio als Austragungsort überzeugt und durch diplomatische Verhandlungen die Kandidaturen von Rom und London zum Rückzug bewegt. Einziger Mitbewerber blieb Helsinki, gegen das sich Tokio in der Wahl durchsetzen konnte.

Die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele liefen schleppend an. In ihrem Verlauf kamen drei große Kontroversen auf: Die Nutzung des Stadions im Außenbezirk des Meiji-Schreins als Olympiastadion war umstritten, ebenso die mögliche Route des Fackellaufs und seine generelle Durchführung und die Eröffnung der Spiele durch den Tennō, bei der dessen Stimme mit einem Mikrofon übertragen worden wäre. Besonders der Streit um den Standort des Stadions verzögerte die Vorbereitungen und führte zu Kritik seitens des IOC. Als aufgrund des ausgreifenden Krieges in China Ressourcen zunehmend knapp wurden, entzog die Regierung dem Organisationskomitee die Unterstützung.

Im Juli 1938 wurde das Recht der Austragung von Tokio offiziell an das IOC zurückgegeben. Daraufhin wurde Helsinki als neuer Austragungsort bestimmt. Dort sollten die Spiele vom 20. Juli bis 4. August 1940 stattfinden. Aufgrund des Zweiten Weltkrieges konnten die Olympischen Spiele des Jahres 1940 letztendlich aber nicht abgehalten werden. Bis zu den Olympischen Sommerspielen 1948 in London fanden keine Olympischen Sommerspiele mehr statt. Helsinki erhielt die Olympischen Sommerspiele 1952, in Tokio fanden schließlich die Olympischen Sommerspiele 1964 statt. Bei den Spielen von 1964 hatten viele der Debatten um die Spiele von 1940 ihre Bedeutung verloren, hingegen wurden auch auf bereits existierende Planungen aus dem ersten Anlauf Bezug genommen.

Bewerbung und Wahl des Austragungsorts[Bearbeiten]

Tokio war die erste Stadt außerhalb der europäisch-amerikanischen Welt, die sich um die Austragung Olympischer Spiele bewarb. Dabei war Japan ein recht junges Mitglied der olympischen Bewegung und die Olympischen Spiele waren im Land selbst recht unbekannt. Der Anstoß für die Bewerbungskampagne ging von der Tokioter Stadtverwaltung aus, erst allmählich begann sich auch der Staat zu engagieren. In der heißen Phase der Bewerbung in den Jahren 1935 und 1936 nutzte die Regierung ihre diplomatischen Möglichkeiten zugunsten Tokios. Die Bewerbung um die Olympischen Spiele 1940 setzte dabei den Maßstab für zukünftige Bewerbungskampagnen, die bis heute nach dem damals etablierten Muster ablaufen. Bereits zu Beginn der Bewerbung stand diese im Kontext der Vorbereitung des 2600. Jubiläums der kaiserlichen Linie, das mit den Olympischen Spielen und mit der Veranstaltung der Weltausstellung auch international begangen werden sollte.[1] Die erste Bewerbung einer asiatischen Metropole um die Austragung und die Vergabe der Spiele durch das IOC an diese beruhten auf zahlreichen gegenseitigen Fehlannahmen und Missverständnissen. Sie war ein Symptom der Krise der olympischen Bewegung in den 1930er-Jahren, war jedoch ein wichtiger Schritt zur Öffnung der olympischen Bewegung.[2]

Idee zur Bewerbung und nationale Kampagne[Bearbeiten]

Der Bürgermeister von Tokio, Nagata Hidejiro, begann 1930 mit den Planungen des 2600. Jubiläums der kaiserlichen Linie im Jahr 1940. Im März diesen Jahres hatte es in der Stadt ein dreitägiges Fest anlässlich des Wiederaufbaus Tokios als einer moderne Metropole nach dem Großen Kantō-Erdbeben von 1923 gegeben.[3] Die Feierlichkeiten zur Erinnerung an den Ursprung des Herrscherhauses gehörten zur Selbstdefinition Japans als moderne Nation und sollten besonders pompös begangen werden. Nagata betrachtete das Jubiläum als politisch bedeutend für Japan und als wirtschaftliche Chance für seine Stadt. Um internationale Touristen anzulocken, plante er die Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele 1940.[4] Der Bürgermeister bat Yamamoto Tadaoki, einen Professor der Universität Tokio, der nach Europa reiste, dort ein Meinungsbild über eine Tokioter Bewerbung einzuholen. Bei seiner Rückkehr Anfang Dezember 1930 berichtete er Nagata, dass die Reaktionen aus Europa und auch Amerika überwiegend positiv gewesen seien. Davon in seiner Idee bestärkt, gab der Bürgermeister am 4. Dezember 1930 eine Pressekonferenz, in der er die Bewerbung Tokios um die Olympischen Sommerspiele 1940 verkündete.[5] Zugleich gab Nagata bekannt, die für 1935 geplante Weltausstellung ebenfalls auf das Jahr 1940 zu verschieben. Zum Zeitpunkt der Bekanntgabe hatte Tokios Bürgermeister noch keinerlei Unterstützung aus der olympischen Bewegung in Japan, weshalb kein japanisches IOC-Mitglied oder Mitglied der Japanese Amateur Athletic Association (JAAA) anwesend war. Die Idee, sich um die Austragung Olympischer Spiele zu bewerben, entstand somit vollkommen außerhalb der japanischen Sportwelt.[6]

Kanō Jigorō war das erste japanische IOC-Mitglied und stand dem Plan skeptisch gegenüber.

Der erste Unterstützer aus der nationalen Politik war der Eisenbahnminister. Die japanische Sportwelt stand der Idee jedoch kritisch gegenüber. Die Bewerbung musste beim IOC vom Nationalen Olympischen Komitee - im Falle Japans der JAAA - eingereicht werden. Die Haltung der JAAA wurde stark von den beiden japanischen IOC-Mitgliedern Kanō Jigorō und Kishi Seiichi beeinflusst. Beide waren gegenüber den Bestrebungen Nagatas skeptisch eingestellt. Sie betrachteten Japan noch nicht als bereit, Olympische Spiele auszutragen. Bevor dieser Schritt unternommen werden könne, solle sich Japan bei Olympischen Spielen erst einmal als eine führende Sportnation beweisen. Zudem gab es Bedenken bezüglich der Tokioter Infrastruktur im Bereich der Sportstätten und der Hotelkapazität für ausländische Gäste.[7]

Trotz dieser Bedenken verabschiedete die Stadtversammlung Tokios am 28. Oktober 1931 einstimmig eine Verordnung, mit der die Unterstützung der Stadt für eine Bewerbung betont werden sollte. Einen Monat zuvor hatte es den so genannten Mukden-Zwischenfall gegeben, der die Mandschurei-Krise und damit das militärische Engagement Japans in China auslöste. Diese Vorgänge führten zur internationalen Isolation Japans. In dieser Situation bewarb Nagata mit der Unterstützung der Stadt im Rücken die Olympischen Spiele sowohl national als auch international als einen möglichen diplomatischen Kanal. Er sandte Telegramme mit der Bitte um Unterstützung der Kandidatur an die japanischen Konsulate in Schweden, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten.[8] Mit dieser Positionierung der Bewerbung wandte sich Nagata erneut an die olympische Bewegung in Japan. Kishi betrachtete die Bewerbung nun neutral, ging aber von einer Niederlage aus. Ende 1931, fast ein Jahr nach der Bekanntgabe der Idee, erklärten sich die beiden japanischen IOC-Mitglieder bereit, eine Bewerbung Tokios formal beim IOC zu übermitteln. Sie schlugen vor, diese nicht von der Stadt Tokio, sondern vom Außenministerium einreichen zu lassen, um so die diplomatische Bedeutung der Olympischen Spiele 1940 zu betonen.[9]

Innerhalb Japans wurde die Bewerbung sowohl mit den ökonomischen Chancen als auch als Form kultureller Diplomatie als Gegengewicht zur japanischen Aggression begründet. Die Finanzierung erst einer Bewerbung und dann der Veranstaltung selbst in einer Zeit innerer und äußerer Krisen wurde mit einer Betonung der nationalen Bedeutung des Sports gerechtfertigt. Die Teilnahme an und Austragung von olympischen Spielen wurde als eine nationale Aufgabe definiert. Die erfolgreiche Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen 1932 in Los Angeles war ein wichtiger Beitrag zur Steigerung der Akzeptanz der Bewerbung in der japanischen Bevölkerung, ebenso das Engagement verschiedenster Persönlichkeiten in der Diskussion, die einen Einbezug unterschiedlicher Positionen erlaubten. Am 25. Juli 1932 verabschiedete die Tokioter Stadtversammlung im Vorfeld der offiziellen Bewerbung beim IOC eine erneute Verordnung, die ihre Unterstützung für die Olympischen Sommerspiele 1940 unterstrich, während der Bürgermeister beim Außenministerium um Fürsprache bat.[10]

Internationale Kampagne[Bearbeiten]

Als die japanischen IOC-Mitglieder die Bewerbung auf der IOC-Session 1932 in Los Angeles präsentierten, hatten sich bereits Alexandria, Barcelona, Budapest, Buenos Aires, Dublin, Helsinki, Mailand, Montreal, Rio de Janeiro, Rom und Toronto um die Olympischen Sommerspiele 1940 beworben. Kanō betonte die Verbindung der Spiele in Tokio mit dem 2600. Jubiläum der kaiserlichen Linie und den Beitrag zur olympischen Idee, den diese Verbindung leisten könnte. Kishi erläuterte im Anschluss das Konzept der Tokioter Bewerbung. Die erste internationale Unterstützung erhielt die Tokioter Bewerbung vom schwedischen IOC-Mitglied Sigfrid Edström, mit dem es bereits im Vorfeld Kontakt gegeben hatte.[11] Der IOC-Präsident bewertete die hohe Zahl an Bewerbern aus verschiedenen Regionen als ein Zeichen der Stärke der olympischen Idee.

Am 5. August 1932, noch während der für Japan ausgesprochen erfolgreich verlaufenden Spiele von Los Angeles, beschloss die Tokioter Stadtversammlung die Bewerbung mit 25.000 Yen (50.000 US-Dollar) zu finanzieren. Nach der Rückkehr aus den Vereinigten Staaten präsentierte Kishi dem Tennō die Bewerbung Tokios und betonte Benito Mussolinis Engagement für Rom als Austragungsort. Zugleich übermittelte er Baron Pierre de Coubertins positive Reaktion auf die Möglichkeit, Olympische Spiele in Asien abzuhalten. Das Interesse des Kaisers und weiterer hoher Regierungsoffizieller zeigte, dass die Bewerbung von einer städtischen Idee zu einer Angelegenheit von nationalem Interesse geworden war, auch wenn sich die Regierung weiterhin nicht aktiv engagierte.[12]

Favorisiert für die Olympischen Sommerspiele war Rom, das 1906 nach dem Ausbruch des Vesuv die Spiele von 1908 an das IOC zurückgegeben hatte und zudem in Europa und damit in der Nähe der die olympische Bewegung dominierenden Nationen lag. Angesichts dieses Ausgangslage verfolgte das Tokioter Bewerbungskomitee eine aggressive Strategie, die diplomatische Verhandlungen mit Mussolini und der britischen Regierung umfasste. Diese Form der Bewerbungskampagne forderte das IOC heraus, das sich als unabhängig von äußerem politischen Einfluss verstand, und sollte Maßstäbe für zukünftige Kampagnen bis heute setzen.[13] Zu Beginn der Bewerbung konzentrierten sich die Tokioter auf klassische Formen der Kampagne, wie sie vom olympischen Protokoll vorgesehen waren. So nutzte Tokio die jährlichen IOC-Sessionen als Anlässe, sich als würdiger Gastgeber für Olympische Spiele zu präsentieren. So veranstalteten die japanischen IOC-Mitglieder auf der Session in Wien 1933 Präsentationen, hielten ein Bankett ab und warben informell unter den IOC-Mitgliedern für Tokio. Dabei wurde betont, dass Asien als Kontinent mit der größten Bevölkerungszahl Austragungsort Olympischer Spiele werden müsste, wenn die Olympischen Spiele wirklich universell sein sollten.[14]

Nach der Session von Wien erklärte Mussolini die Bewerbung Roms zu einer Angelegenheit von hoher nationaler Priorität. Dieses Engagement der italienischen Regierung führte dazu, dass Kanō eine größere nationale Verankerung der Tokioter Bewerbung als notwendig erachtete. Für eine erfolgreiche Kampagne müsste die gesamte Nation, nicht bloß die Stadt, die Pläne unterstützen. Um dies zu erreichen, trugen die Stadt und das JAAA gemeinsam die Bewerbung. Das Bewerbungskomitee wurde neu zusammengesetzt und umfasste in der Folge auch Regierungsmitglieder. Das Budget des Komitees für die drei Jahre der Kampagne wurde von der Stadt gestellt und betrug 300.000 Yen.[15] Zudem wandte sich das Bewerbungskomitee an Akteure außerhalb des IOC wie Botschafter und andere Diplomaten. Der belgische Botschafter riet, Japans Position im Osten noch stärker herauszustellen. Auf der Session 1934 in Athen wurde deshalb eine Broschüre verbreitet, die Tokio als Zentrum des Sports im Orient bewarb und vor allem Fotos umfasste, die Japan als Land zeigten, das östliche Tradition mit westlicher Moderne verband. Dieser zwischen West und Ost vermittelnde Diskurs knüpfte an nationale Diskurse innerhalb Japans an und dominierte von da an die Bewerbung Tokios.[16] Ebenfalls auf den Rat des belgischen Botschafters hin beschloss die Stadtversammlung Tokios, dass die Anreise zu den Olympischen Spielen für die ausländischen Mannschaften mit einer Million Yen subventioniert werden würde.[17] Der neue Tokioter Bürgermeister Ushizuka Toratarō bemühte sich vergebens um ein Treffen mit dem Premierminister, konnte hingegen mit Außenminister Hirota Kōki sprechen, was aber auch nicht zu direkter Unterstützung führte. International wandte sich das Bewerbungskomitee direkt an den IOC-Präsidenten und bat ihm um direktes Engagement für Tokio. Der Mitbewerber Helsinki ging vor allem mit dem IOC-Mitglied Ernst Krogius ähnliche Wege innerhalb der olympischen Gemeinschaft, während die Japaner jede Möglichkeit nutzten, um für sich auch auf politischem Parkett zu werben. Krogius verstand dabei nicht, welche Signifikanz das Jahr 1940 für die Japaner hatte und befürchtete deshalb eine japanische Bewerbung um die Spiele des Jahres 1944 für den Fall, dass Rom für 1940 Olympia schon versprochen bekommen hätte.[18]

Die aufgeschobene Entscheidung auf der IOC-Session 1935[Bearbeiten]

Im Vorfeld der geplanten Entscheidung über den Austragungsort auf der IOC-Session des Jahres 1935 in Oslo war Rom der Favorit. Die Stadt Tokio beauftragte die beiden IOC-Mitglieder Soyeshima und Sugimura Yotaro damit, Mussolini dazu zu bewegen, die römische Kandidatur zurückzuziehen. Am 8. Februar 1935 kam es zu dem Treffen, bei dem die Japaner der italienischen Premier von ihrer Mission überzeugten. Die Gründe für den Rückzieher Mussolinis sind unklar. Es wird sowohl vermutet, die Verbindung zum Jubiläum der kaiserlichen Linie hätte ihn beeindruckt, als auch, dass der Abessinienkrieg nun in dessen Fokus stand. Im Gegenzug für den Verzicht sicherten die japanischen IOC-Mitglieder ihre Unterstützung für eine römische Kandidatur um die Olympischen Spiele 1944 zu.[19]

In Japan markierte das Ergebnis des Gesprächs mit Mussolini den Auftakt zu noch einmal intensivierten Bemühungen: Der Bürgermeister Tokios sicherte sich die Unterstützung der Bewerbung durch Premierminister Okada Keisuke, Außenminister Hirota Kōki und beide Parlamentskammern. Hirota wies zudem die Botschaften und Konsulate an, unterstützend tätig zu werden. Diese Maßnahmen sollten zum einen den IOC-Mitgliedern vermitteln, dass es sich um ein Unternehmen mit nationaler Unterstützung handelte, zum anderen in Japan selbst die Zustimmung zu Olympischen Spielen stärken. Beim IOC stießen die Vorgänge jedoch auf Kritik, da sie gegen das traditionelle Protokoll des Bewerbungsverfahrens, das ein Werben nur im Rahmen des IOC selbst vorsah, verstießen. Der IOC-Präsident lehnte äußeren politischen Einfluss auf Entscheidungen des IOC ab. Es handelte sich um den ersten Versuch in der Geschichte der olympischen Bewegung, durch politische Vertreter Einfluss auf interne Vorgänge zu nehmen. Zudem protestierten das Comitato Olimpico Nazionale Italiano und das italienische IOC-Mitglied Alberto Bonacossa gegen die politische Einflussnahme und hielten an der Bewerbung Roms fest.[20]

Auf der IOC-Session 1935 in Oslo wirkten sich die zwischenstaatlichen Verhandlungen als eine Gefahr für die Kontrolle des IOCs über die Olympischen Spiele aus und verursachten unlösbare Probleme. Über den Status der Bewerbung Roms sollte erst am letzten Tag der Session entschieden werden. Deshalb stellten die Kandidaten Tokio, Rom und Helsinki ihre Bewerbungen am Eröffnungstag den IOC-Mitgliedern, von denen viele die Spiele eher nach Europa vergeben wollten, vor. Der Streit zwischen Bonacossa und Sugimura über die Zusicherung Mussolinis ließ sich in der Folge nicht beilegen. Selbst die Anweisung Mussolinis per Telegramm, Rom als Kandidat zurückzuziehen, führte zu keiner Lösung, zumal es im IOC Konsens war, dass der italienische Premierminister keinen Einfluss auf diese Frage hätte. Zwar zog Bonacossa letztendlich die römische Kandidatur doch noch zurück, aber IOC-Präsident Baillet-Latour gab bekannt, dass die Entscheidung über den Ausrichter der Olympischen Spiele des Jahres 1940 auf die IOC-Session 1936 in Berlin verschoben wurde.[21] Der IOC-Präsident wandte sich zudem an die Japaner und bat sie darum, ihre Bemühungen außerhalb der olympischen Institutionen einzustellen. In Finnland wurde die Aufschiebung der Entscheidung als Entwicklung zu Gunsten der Bewerbung Helsinkis interpretiert.

In der Folge versuchte die japanische Seite, den IOC-Präsidenten von Tokio als Austragungsort zu überzeugen. In diesem Kontext wagten die Verantwortlichen erneut einen Schritt, der vorher nicht zum Bewerbungsverfahren gehörte, sich seitdem aber als normales Vorgehen etabliert hat: Baillet-Latour wurde nach Tokio zu einem Besuch eingeladen. Der Präsident des IOC gab dem Bewerbungskomitee Hinweise, wie diese Einladung ausgestaltet werden sollte. So wurden die Kosten übernommen und die Reise als rein privat dargestellt. Trotz des Putsches am 26. Februar 1936 kam Baillet-Latour am 19. März in Yokohama an und verbrachte 20 Tage in Tokio. Während des Aufenthaltes nahm er an verschiedenen Konferenzen teil, besichtigte mögliche Sportstätten und traf auch den Kaiser.[22] Die Reise überzeugte ihn tatsächlich von der Tokioter Kandidatur, die er in der Folge öffentlich unterstützte. Diese Unterstützung knüpfte er an Bedingungen. So sollte die Reisekostenunterstützung für ausländische Athleten auf eine Million Yen anheben, einen vom IOC bestellten technischen Berater anstellen und ebenso ausreichend Übersetzter. Zudem sollten die Kosten für die teilnehmenden Nationen begrenzt werden und der Zeitraum der Spiele auf die letzte August- und erste Septemberwoche festgelegt werden. [23] Die Reise wurde sowohl in Japan als auch international von der Presse begleitet. In Finnland stieß der Besuch auf deutliche Kritik. Zwar besuchte Baillet-Latour für fünf Tage auch Helsinki und sah sich unter anderem den Stadionneubau an. Dennoch unterstützte er letztendlich Tokio.

Die Londoner Kandidatur[Bearbeiten]

Der Bürgermeister Tokios suchte 1935 den britischen Botschafter in Japan, Robert Henry Clive, auf und bat diesen um britische Unterstützung für die Tokioter Bewerbung. Japans IOC-Mitglied Soyeshima suchte zudem im Juli 1935 Premierminister Okada Keisuke auf und bat diesen, seinen Einfluss für Tokio geltend zu machen. Die Reaktionen auf diese Bemühungen waren jedoch verhalten, da eine politische Einflussnahme auf olympische Belange abgelehnt wurde.[24] Während der Londoner Bürgermeister die Kandidatur weiter verfolgte und die Eignung der Stadt herausstellte, wendete sich im Sommer 1936 die politische Stimmung. Das britische Kabinett und das Foreign and Commonwealth Office nahmen nach einem Kabinettbeschluss vom 9. Juli 1936 Einfluss auf die British Olympic Association und die Stadt, damit die Bewerbung der britischen Hauptstadt zurückgezogen wurde. Am 14. Juli informierte Robert Vansittart das Nationale Olympische Komitee, das eine Woche später sich dem Druck aus der Regierung beugte und zurückzog.[25] Von diesem Vorgehen erhoffte sich die britische Regierung bessere Beziehungen zu Japan. Zudem wurde unter dem Eindruck der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin, bei denen sich die Nationalsozialisten der internationalen Öffentlichkeit als friedlich und weltoffen präsentiert hatten, eine ähnliche liberalisierende Wirkung auf Japan erhofft. Zwar fällte die Regierung ihre Entscheidung bereits vor dem Beginn der 1936er Spiele, jedoch hatten die dortigen Erfahrungen weiteren Einfluss auf das britische Handeln, da sie die Meinung bestärkten diplomatischer Druck auf Sportveranstaltungen könnte das Handeln eines Landes beeinflussen und mäßigen.[26]

Die Vergabe auf der IOC-Session 1936[Bearbeiten]

Die Entscheidung des IOC für Tokio hatte auch eine interne, ideologische Bedeutung. Die Olympischen Spiele der Neuzeit wurden als Ausdruck der Modernisierung verstanden. Sie sollten - mit dem institutionellen Überbau durch das IOC - Gerechtigkeit, Verständigung und Frieden fördern. Besonders nach dem Ersten Weltkrieg sollten sie internationales Wohlwollen stärken und ein Friedenssymbol werden. Die Vertreter der olympischen Bewegung wirkten nicht bloß in ihre Herkunftsländer hinein, um die olympischen Werte und den Gedanken des Olympismus zu verbreiten, sondern wollten auch international weitere Nationen für die Olympischen Spiele gewinnen. Diese Überlegung veranlasste unter anderem Pierre de Coubertin, den Begründer der modernen olympischen Bewegung, zu dem Schluss, dass die Olympischen Spiele erst mit der Austragung außerhalb des euro-amerikanischen Raumes wirklich internationale Wirkung entfalten können.[2]

Dieser internationale Anspruch und die propagierte politische Neutralität des IOC führte in den 1930er-Jahren zu einer Phase konstanter Unruhe innerhalb der olympischen Bewegung. Die Nutzung der Olympischen Spiele 1936 durch die nationalsozialistische Diktatur im Deutschen Reich führte zu einigen Protesten. Dennoch wählte eine große Mehrheit die japanische Hauptstadt als Austragungsort der nächsten Spiele. Diese standen jedoch von Beginn an im Kontext des imperialen Projekts Japans in Asien.[27] Die Betreuung mit der Austragung bestätigte die japanische Ideologie, die einzige asiatische Nation zu sein, die den westlichen Mächten auf Augenhöhe begegnen könnte. Zudem rückte das Mitte der 1930er-Jahre international zunehmend isolierte Land nach der Entscheidung des IOC wieder ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Japanische Offizielle betrachteten die Olympischen Spiele als eine Möglichkeit, nach dem Austritt aus dem Völkerbund 1932 wieder in diplomatischen Kontakt mit der Welt zu treten. Noch im März 1938 zeigte das IOC die Unterstützung für Tokio als Austragungsort der 1940er-Spiele mit der Vergabe der Winterspiele für dasselbe Jahr nach Sapporo.[28]

Vorbereitung[Bearbeiten]

Das Organisationskomitee[Bearbeiten]

Verlauf der Vorbereitungen[Bearbeiten]

Zu Beginn der Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele 1940 plante die Stadt Tokio den zentralen Stadion-Komplex auf dem neugewonnenen Land von Tsukishima oder Shibaura zu errichten. Mit dieser Nutzung hätten die Grundstückspreise in diesen Gebieten gesteigert werden sollen.[29] Die Stadt vertrat im Verlauf der Kampagne verstärkt den Tsukushima-Vorschlag. Bürgermeister Ushizuka Toratarō war ein großer Anhänger dieser Idee, da er dort auch ein neues Rathaus errichten wollte. Der Plan sah ein rechteckiges Areal vor, in dem die verschiedenen Sportstätten angeordnet werden sollten.[30]

Diese Pläne wurden nach der Beteiligung von Persönlichkeiten aus dem japanischen Sport und der olympischen Bewegung jedoch nicht weiter verfolgt. Stattdessen rückten der Komazawa-Golfplatz und der Außenbezirk des Meiji-Schreins ins Zentrum der Überlegungen. Letzterer wurde aufgrund der mit ihm verknüpften symbolischen Bedeutung favorisiert und in der Bewerbung als Standort des Olympiastadions präsentiert: Der mit dem Meiji-Tennō verknüpfte Ort sollte der Begegnung des Westens mit der östlichen Zivilisation dienen.[29] Besonders das IOC-Mitglied Soyeshima Michimasa bewarb diesen Plan aggressiv. Das Stadium im äußeren Bezirk des Meiji-Schreins wurde in den Bewerbungsunterlagen als Olympiastadion ausgewiesen und wurde zudem 1936 dem IOC-Präsidenten bei dessen Besuch in Tokio – es handelte sich um eine von den Japaner beförderte neue Form der Kampagne für Olympische Spiele – gezeigt. Die Örtlichkeit beeindruckte Baillet-Latour und er führte später aus, dass dieser Besuch am Meiji-Schrein seine Entscheidung, die Tokioter Kandidatur zu unterstützen, erheblich beeinflusst hatte.[31]

Aufgrund der verhärteten Fronten zwischen der JAAA und der Stadt Tokio setzte das Organisationskomitee eine Kommission ein, um die Frage des besten Standorts für das Olympiastadion zu finden. Neun Örtlichkeiten standen zur Diskussion: Yoyogi, Shibaura, der Komazawa-Golfplatz, Sagimiya, Kamitakaitô, Kinuta, Suginami, Iogi und der Meiji-Schrein. Die Kommission kam schnell zu einem Ergebnis, aber der Streit über den Standort setzte sich im OK noch längere Zeit fort. Der erste Vorschlag war Yoyogi, gefolgt vom Meiji-Schrein und dem Komazawa-Golfplatz.[32] Die endgültige Entscheidung wurde aufgrund der Unstimmigkeiten vier Mal bis in den März 1937 verschoben. Die Stadt Tokio aber auch das Militär waren mit Yoyogi und dem Schrein nicht einverstanden. Diese Verzögerung sorgte beim IOC für Besorgnis und führte zur Intervention des IOC-Präsidenten.[33]

Trotz der zahlreichen Gegenstimmen befürwortete die Mehrheit des OK den ursprünglichen Plan: Das existierende Stadion im äußeren Bezirk des Meiji-Schreins sollte auf eine Kapazität von 100.000 Zuschauern vergrößert werden, was Kosten von rund 2,5 Millionen Yen zur Folge gehabt hätte. Soyeshima, der angab, die Unterstützung hoher Offizieller wie etwa Premierminister Hayashi Senjūrō, Finanzminister Yuki und des Militärministers sowie on 23 OOC-Mitgliedern gehabt zu haben, konnte seinen Plan somit durchsetzen. Sieben Monate nach der Vergabe der Spiele an Tokio war somit der Ort des wichtigsten Stadions geklärt.[34]

Die Debatte um den Außenbezirk des Meiji-Schreins als Ort des Stadions[Bearbeiten]

Die Entscheidung, das Olympiastadion im Außenbezirk des Meiji-Schreins anzusiedeln, führte zu Spannungen zwischen der Verwaltung Tokios, dem Organisationskomitee, dem Innenministerium und dem Schrein-Büro. Auch innerhalb dieser Institutionen fanden sich teils verschiedene Vorstellungen zu dieser Frage. Vor allem führende Mitglieder des OK befürworteten den Plan, da der äußere Bezirk des Schreins aufgrund seiner Bedeutung eine dem Anlass angemessene Umgebung bieten würde. Zugleich wurden auch von Mitgliedern des OK alternative Örtlichkeiten vorgeschlagen.[29]

Die Position der Stadt Tokio[Bearbeiten]

Die Stadt Tokio kritisierte, dass der äußere Bezirk des Meiji-Schreins nicht ausreichend Platz böte für ein modernes Stadium, das die Anforderungen Olympischer Spiele erfüllen würde.[30] Dabei stützte sie sich vor allem auf die Expertise von Kishida Hidenobu, der an der Kaiserlichen Universität Tokio Architektur lehrte und zu den Olympischen Sommerspielen 1936 nach Berlin gereist war, um die dortigen Sportstätten zu begutachten. In einem Zeitungsartikel wandte er sich strikt gegen die Weiterverfolgung des Plans: „Der Umbau des heutigen Stadions im äußeren Bezirk des Meiji-Schreins zu den großen Ausmaßen, die für ein Olympisches Stadion notwendig sind, würde den Außenbezirk des Meiji-Schreins zerstören und zu einem mangelhaften Olympiastadion führen. Der Vorschlag des Außenbezirks des Meiji-Schreins wurde in letzter Minute entschieden, um Baron Baillet-Latour während seiner Japan-Reise etwas vorzeigen zu können.“[35] Der Bezugspunkt bei dieser Argumentation waren die Sportstätten, die 1936 in Berlin genutzt wurden. Kishida vertrat die Ansicht, der äußere Bezirk des Meiji-Schreins könne den in Berlin gesetzten Maßstäben nicht gerecht werden, weshalb ein gänzlich neuer Olympia-Komplex errichtet werden sollte.[36] Die Stadt war zudem verärgert über die Abstimmung über das Stadion im Meiji-Schrein. Bürgermeister Ushizuka war nicht eingeladen worden und kam zu spät, so dass die Entscheidung ohne Einwände gefällt wurde.[36] Seine Bitte, die Frage weiter zu erörtern, berücksichtigte der Vorsitzende Prinz Tokugawa Yoshihisa nicht. Ushizuka erhielt dabei Unterstützung durch das zweite japanische IOC-Mitglied Kanô Jigorô, der die Örtlichkeit ebenfalls für nicht ausreichend untersucht hielt.[32]

Schrein-Büro und Innenministerium[Bearbeiten]

Das Schrein-Büro und das Innenministerium wandten sich gegen den Plan, den Meiji-Schrein als Stätte für die Olympischen Spiele zu nutzen. Sie befürchteten, die landschaftliche Schönheit, die einen essentiellen Bestandteil des Schreins darstellt, würde durch die für eine so große Veranstaltung erforderlichen Baumaßnahmen zerstört werden.[30] Zudem war die Anwesenheit einer großen Zahl von Ausländern auf dem heiligen Areal Bestandteil der Kritik. Die Feierlichkeiten zum 2600. Jubiläum der Begründung der imperialen Linie und die Erinnerung an den Meiji-Tennō im Schrein könnten durch die Anwesenheit westlicher Besucher, welche die Heiligkeit des Ortes nicht verstehen könnten, gestört werden.[30] Anlässlich der Feierlichkeiten im Jahr 1940 plante das Innenministerium, den äußeren Bezirk des Meiji-Schreins zu erweitern. Die Erweiterung und Umgestaltung der Parkanlage in Erwartung der Olympiabesucher und –teilnehmer hätte die heilige und beeindruckende Schönheit der Landschaft gefährden können.[30]

Trotz der endgültigen Entscheidung für das Olympiastadion im Park des Meiji-Schreins blieben Widerstände bestehen. Das Innenministerium plante die Vergrößerung des Stadions bereits als selbstständiges Projekt anlässlich des 2600. Jubiläums im Jahr 1940. Der Innenminister Kawarada Kakichi betonte den Wert dieses Ausbaus als Ehrung des Anlasses und sah die Erweiterung des Außenbezirks des Schreins als ein Unternehmen unabhängig von den Olympischen Spielen.[34] Diese Rhetorik wurde auch von Kodama Koichi, dem Vorsitzenden des Schrein-Büros, übernommen, der die Diskussion um den Standort des Olympiastadions von der Frage der Erweiterung der Parkanlange getrennt wissen wollte. Zudem hätte es bereits seit Längerem Pläne gegeben, das zu klein gewordene Stadion zu erweitern. Hiranuma Ryozo, Vizepräsident der JAAA und Mitglied sowohl des OK und des Abgeordnetenhauses, griff diese Positionen auf. Er ließ gegenüber der Presse verlauten, dass das Innenministerium die Erweiterung der Anlage und des Stadions plane und dies nicht die landschaftliche Schönheit gefährden werde.[34] Diese Sichtweise setzte sich durch und so verabschiedete das Abgeordnetenhaus ein Gesetz zur Erweiterung des Außenbezirks des Meiji-Schreins, das auch den Aus- und Umbau des Stadions umfasste. Der Beschluss vom 30. März 1937 lautete, die Regierung müsse „die notwendigen Maßnahmen treffen, um die Anlagen im Außenbezirk des Meiji-Schreins auf eine Weise zu erweitern, welche die Würde des Schreins bewahrt, die kaiserlichen Tugenden ehrt, die Frömmigkeit des Andenkens erhält und die Körperertüchtigung unserer Jugend diszipliniert.“[37]

Jedoch kam es zu keiner guten Zusammenarbeit zwischen OK, dem Innenministerium, dem Schrein-Büro und der Schrein-Verwaltung. Trotz der fehlenden Unterstützung verfolgte das OK den Plan weiter, um ihn auf der IOC-Session 1937 in Warschau zu präsentieren. Kurz vor der Session gab das Schrein-Büro jedoch bekannt, die Erweiterung des Stadions nun abzulehnen, da die Schönheit des Meiji-Schreins gefährdet sei.[38] Das OK nahm diese Position zwar wahr, vertrat aber den Meiji-Plan weiterhin gegenüber dem IOC. Deshalb suchte das Innenministerium den Kontakt zu den Organisatoren, um die Position zu erläutern: Unter den Nationalisten hatte sich die Meinung durchgesetzt, dass der Außenbezirk des Meiji-Schreins als heiliger Bezirk zu verstehen sei und deshalb kein geeigneter Ort für die Veranstaltung Olympischer Spiele sei.[38] In den Medien wurde zu dieser Zeit bereits über die Wahl eines alternativen Ortes für das Stadion spekuliert, während Soyeshima sich bereits in Europa aufhielt und betonte, dass die Erweiterung des Außenbezirks des Meiji-Schreins und des dortigen Stadions wichtig sei, um das internationale Ansehen Japans zu wahren.[38] Da der IOC-Präsident aufgrund der andauernden Probleme der Tokioter Organisatoren andeutete, die Spiele könnten auch wieder entzogen werden, kam es zu hektischer Betriebsamkeit im OK. Prinz Tokugawa nutzte seine persönlichen Beziehungen, um den Meiji-Schrein-Park als Stätte des Olympiastadions zu bewerben. In persönlichen Verhandlungen mit Verbindungsleuten in der Schrein-Verwaltung reduzierte er die angestrebte Kapazität für das Stadion von 120.000 auf 75.000, um die Landschaft nicht zu stören. Dieser Vorschlag geriet jedoch innerhalb der japanischen Sportwelt in die Kritik, da so der Anspruch der Olympischen Spiele gesenkt werde.[39] Auch die Stadt Tokio wandte sich gegen diesen Kompromissvorschlag, da sie als Hauptfinanzier ein großes, repräsentatives Stadion wollte. Jedoch wurde der Innenminister durch Prinz Tokugawa überzeugt, weshalb diese Frage als gelöst erschien.[39]

Der Vorsitzende des Schrein-Büros, Kodama, wandte sich weiterhin gegen den Plan. Auch die Verwaltung des Außenbezirks des Meiji-Schreins stand den Plänen weiterhin ablehnend gegenüber, da die heilige Vollständigkeit, die von den japanischen Nationalisten dem Ort zugeschrieben worden war, durch den Ausbau des bestehenden Geländes gefährdet werde.[39] Diese hohe Ansehen, das der Meiji-Schrein genoss, machte ihn aber auch gerade für das OK so attraktiv. Es versuchte den Ort mit den Idealen der Olympischen Spiele zu verbinden.[40] Das Schrein-Büro erhielt seine Ablehnung jedoch aufrecht, weshalb Ende 1937 über Alternativen nachgedacht wurde. Auch Soyeshima sprach sich für eine Alternative aus, als sich der Kompromiss im OK nicht mehr halten ließ. Anfang 1938 zeichnete sich endgültig ab, dass keine Einigung mit dem Schrein-Büro erzielt werden würde. Hinzu kamen die zunehmenden Limitierungen des Ressourceneinsatzes infolge des in China geführten Krieges, weshalb die staatliche Finanzierung der Olympischen Spiele und auch des Olympiastadions insgesamt zunehmend fraglich wurde.[40]

Anfang April 1938 entschied sich die Stadt Tokio, den Olympiakomplex in Komazawa zu errichten und die Pläne im äußeren Bezirk des Meiji-Schreins nicht weiterzuverfolgen. Das OK stimmte diesen Plänen zu. Im offiziellen Bericht auf Englisch gab das OK an, die Entscheidung sei gefallen, weil die Steigerung der Zuschauerkapazität von 50.000 auf 100.000 beim Stadion im Meiji-Schrein nicht möglich gewesen sei. Der japanische Bericht gab hingegen an, dass kein Konsens mit dem Innenministerium hergestellt werden konnte.[41] Die Olympic News gaben zudem an, dass der neue Komplex erbaut werden sollte, um bleibende Erinnerung an die Spiele in der Stadt zu hinterlassen. Am 1. Mai 1938 gab Soyeshima den Plan dem IOC-Präsidenten offiziell bekannt. Am 23. Mai bestätigte die Stadt Tokio den Plan und beschloss das Budget für das Komazawa-Stadion, womit das sportliche Zentrums Tokio in den Südwesten der Innenstadt verlagert wurde.[41]

Die Position der japanischen Olympia-Offiziellen[Bearbeiten]

Soyeshima betonte, dass der IOC-Präsident das Olympiastadion im Meiji-Schrein-Außenbezirk erwarten würde, dies sogar als ausschlaggebend für seine Unterstützung der Kandidatur anführte. Baillet-Latour hatte ihm gegenüber betont, dass das dortige Stadion im Vergleich mit vielen nationalen Stadien in Deutschland und Großbritannien mithalten könne.[31] Nicht nur der IOC-Präsident, sondern auch die nationalen Mitglieder, die über die Vergabe der Spiele entschieden hatten, taten dies im Glauben über den Ort des Stadions.

Das japanische IOC-Mitglied lehnte die Kritik an dem ursprünglichen Konzept zudem ab, da die Austragung der Olympischen Spiele in Tokio zu Ehren des 2600. Jubiläums einen nationalistischen Hintergrund gehabt habe.[36] Die JAAA unterstützte Soyeshimas Position. Da in der Bewerbung immer wieder betont worden wäre, wie wichtig die Austragung der Olympischen Spiele im Jahr 1940 aufgrund des Jubiläums der kaiserlichen Linie für Japan sei, sollte das Olympiastadion im Außenbezirk des Meiji-Schreins angesiedelt werden, da dieser Ort die Würde des japanischen Gemeinwesens symbolisiere.[36]

IOC-Präsident Baillet-Latour ließ in einem Brief an das OOC wissen: „Der Meiji-Park scheint die beste Chance zu haben. Es ist ein solch entzückender Ort.“[42] Soyeshima unternahm in der Folge eigene Anstrengungen, um den Meiji-Schrein-Außenbezirk als Stätte des Olympiastadions zu bewerben. Er versuchte die Befürchtungen nationalistischer Konservativer, ein zweiwöchiges Sportereignis könnte die sakrale Bedeutung der Anlage stören, zu entkräften, indem er die Erweiterung und Umgestaltung des Parks als ein weiteres Projekt in den späten 1930er-Jahren anlässlich des Jubiläums präsentierte. Der für die Bürger Tokios geschaffene Park, der weltweit ausstrahlen sollte, würde nur für zwei Wochen für die Olympischen Spiele genutzt und danach ohne Einschränkungen in seiner ursprünglichen Funktion belassen.[33]

Die Planungen zum Fackellauf[Bearbeiten]

Die Stimme des Tennō[Bearbeiten]

Geplante Wettkämpfe[Bearbeiten]

Das vorgesehene Wettkampfprogramm unterschied sich nur in wenigen Details von jenem der Sommerspiele 1936.

In der Leichtathletik sollten für die Damen zusätzlich 200-Meter-Lauf, Weitsprung und Kugelstoßen aufgenommen werden. Bei den Herren war eine zweite Strecke im Gehen (10 km) geplant.

Im Turnen hätten die Damen erstmals eine Olympiasiegerin im Einzel-Mehrkampf ermittelt.

Polo, Hockey, Handball und Basketball sollten aus dem Programm entfallen. Ein Wettbewerb im Segelfliegen war vorgesehen.

Rückgabe der Spiele ans IOC[Bearbeiten]

Die Führung des einflussreichen Militärs stand den Olympischen Spielen kritisch gegenüber, weil sie die Adaption westlicher Gepflogenheiten durch Japaner befürchtete. Deshalb lehnte sie von Beginn an die Spiele mit den durch sie ins Land kommenden westlichen Ausländern ab.

Auch wenn die japanische Regierung zuvor solche Überlegungen zurückgewiesen hatte, entzog sie dem Organisationskomitee die Unterstützung und forderte die Stadt Tokio auf, die Einladung zu widerrufen. Die Absage wurde mit der Notwendigkeit, die nationalen Ressourcen auf den Sino-Japanischen Krieg konzentrieren zu müssen, begründet. Zugleich wurde eine erneute Kandidatur für die Olympischen Sommerspiele 1944 als Möglichkeit angeführt. Internationale Beobachter vermuteten zum einen das Militär, das westlichen Einflüssen auf Japan skeptisch gegenüberstand, als treibende Kraft hinter der Absage, zum anderen, dass der drohende Gesichtsverlust durch die Boykottdrohungen der Schweiz, Großbritanniens und der skandinavischen Länder verhindert werden sollte.[43]

Die Olympischen Sommerspiele 1940 in Helsinki[Bearbeiten]

Das IOC vergab die Olympischen Sommerspiele 1940 in der Folge an Helsinki, das 1936 Tokio noch unterlegen war. Von der skandinavischen Stadt wurde eine bescheidenere Ausrichtung der Spiele erwartet.[43]

Nachwirkungen[Bearbeiten]

Die abgesagten Olympischen Sommerspiele des Jahres 1940 markierten einen wichtigen Meilenstein für die Austragung der Olympischen Sommerspielen 1964 in Tokio. Diese Spiele standen in der Tradition der Verbindung von Nationalismus und Internationalismus in großen Sportveranstaltungen seit den Far Eastern Games des Jahres 1923 in Osaka, die sich besonders in den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele 1940 ausgewirkt hatte.[44]

Literatur[Bearbeiten]

  • The Organizing Committee of the XIIth Olympiad, Report of the Organizing Committee on its Work for the XIIth Olympic Games of 1940 in Tokyo until the Relinquishment, Tokio 1940.
  • Sandra Collins, The 1940 Tokyo Games: The Missing Olympics. Japan, the Asian Olympics and the Olympic Movement (= Sport in the Global Society), London 2007, ISBN 978-0-415-37317-3.
  • Martin Polley, Olympic diplomacy: the British government and the projected 1940 Olympic games, in: The International Journal of the History of Sport, Vol. 9, No. 2 (1992), 169-187.
  • Anonym, To Helsingfors, in: Time, Vol. 32 (4), 25. Juli 1938, 28.
  • Allen Guttmann & Lee Thompson, Japanese Sports. A History, Honolulu 2001, ISBN 0-8248-2414-8.
  • Christian Tagsold, Die Inszenierung der kulturellen Identität in Japan. Das Beispiel der Olympischen Spiele Tokyo 1964, München 2002, ISBN 3-89129-737-8.
  • Andreas Niehaus & Max Seinsch (Hrsgg.), Olympic Japan. Ideals and Realities of (Inter)Nationalism, Würzburg 2007, ISBN 978-3-89913-588-6.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sandra Collins, The 1940 Tokyo Games: The Missing Olympics. Japan, the Asian Olympics and the Olympic Movement (= Sport in the Global Society), London 2007, 2.
  2. a b Collins, The 1940 Tokyo Games, 2-3.
  3. Collins, The 1940 Tokyo Games, 23.
  4. Collins, The 1940 Tokyo Games, 24.
  5. Collins, The 1940 Tokyo Games, 25.
  6. Collins, The 1940 Tokyo Games, 26-27.
  7. Collins, The 1940 Tokyo Games, 27.
  8. Collins, The 1940 Tokyo Games, 29-39.
  9. Collins, The 1940 Tokyo Games, 30.
  10. Collins, The 1940 Tokyo Games, 34.
  11. Collins, The 1940 Tokyo Games, 35.
  12. Collins, The 1940 Tokyo Games, 41.
  13. Collins, The 1940 Tokyo Games, 49.
  14. Collins, The 1940 Tokyo Games, 51.
  15. Collins, The 1940 Tokyo Games, 52-53.
  16. Collins, The 1940 Tokyo Games, 53.
  17. Collins, The 1940 Tokyo Games, 56.
  18. Collins, The 1940 Tokyo Games, 58.
  19. Collins, The 1940 Tokyo Games, 59f.
  20. Collins, The 1940 Tokyo Games, 61.
  21. Collins, The 1940 Tokyo Games, 63f.
  22. Collins, The 1940 Tokyo Games, 67.
  23. Collins, The 1940 Tokyo Games, 68f.
  24. Martin Polley, Olympic diplomacy: the British government and the projected 1940 Olympic games, in: The International Journal of the History of Sport, Vol. 9, No. 2 (1992), 169-187, 174f.
  25. Polley, Olympic diplomacy, 179-82.
  26. Polley, Olympic diplomacy, 169f.
  27. Collins, The 1940 Tokyo Games, 3.
  28. Collins, The 1940 Tokyo Games, 5.
  29. a b c Collins, The 1940 Tokyo Games, 112.
  30. a b c d e Collins, The 1940 Tokyo Games, 113.
  31. a b Collins, The 1940 Tokyo Games, 114.
  32. a b Collins, The 1940 Tokyo Games, 116.
  33. a b Collins, The 1940 Tokyo Games, 117.
  34. a b c Collins, The 1940 Tokyo Games, 118.
  35. übersetzt nach: Collins, The 1940 Tokyo Games, 118. „Reconstructing the present Meiji Outer Gardens Stadium to the grand scale required of an Olympic Stadium would destroy the Meiji Outer Gardens and would result in an imperfect Olympic Stadium. The Meiji Outer Gardens proposal was decided at the last minute to show Count Baillet-Latour during his trip to Japan.“
  36. a b c d Collins, The 1940 Tokyo Games, 115.
  37. übersetzt nach: Collins, The 1940 Tokyo Games, 119. „[...] must take the necessary measures to expand the facilities at the Meiji Shrine Outer Gardens in order to preserve the dignity of the shrine, to revere imperial virtues, to nourish the piety of remembrance and to descipline the physical education of our youth.“
  38. a b c Collins, The 1940 Tokyo Games, 120.
  39. a b c Collins, The 1940 Tokyo Games, 121.
  40. a b Collins, The 1940 Tokyo Games, 122.
  41. a b Collins, The 1940 Tokyo Games, 123.
  42. übersetzt nach: Collins, The 1940 Tokyo Games, 117. „Meiji Park seems to have the best chance. It is such a delightful location.“
  43. a b Anonym, To Helsingfors, in: Time, Vol. 32 (4), 25. Juli 1938, 28.
  44. David Black & Byron Peacock, Catching up: understanding the pursuit of major games by rising developmental states, The International Journal of the History of Sport, Vol. 28, No. 16 (2011), 2271-2289, 2278.
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