Operation Clarion

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Die Operation Clarion war der Codename der größten und weiträumigsten anglo-amerikanischen Luftangriffskampagne im Zweiten Weltkrieg am 22. und 23. Februar 1945.[1] Das Ziel war die Zerstörung zahlreicher Verkehrsanlagen innerhalb von 48 Stunden im Deutschen Reich. Gleichzeitig sollte die absolute Luftüberlegenheit der alliierten Luftstreitkräfte demonstriert werden.

Planung[Bearbeiten]

Carl Spaatz

General Henry H. Arnold, Kommandeur der US Army Air Force von 1941 bis 1946, schlug im September 1944 vor, an einigen Tagen mit gutem Flugwetter mit einem Großaufgebot von amerikanischen und englischen Bomberverbänden im gesamten Deutschen Reich militärische Ziele in Städten anzugreifen, die bisher von alliierten Luftangriffen unbehelligt waren. Diese Operation soll die absolute Lufthoheit der Alliierten demonstrieren und den Deutschen die eigene Hilflosigkeit vor Augen führen.[2] Ungünstiges Wetter, die Ardennenoffensive der Wehrmacht, die einen Teil der alliierten Luftstreitkräfte banden und die primären Angriffe auf Ölraffinerien und andere kriegswichtige Ziele verhinderten zunächst die Luftoperation.

Anfang Februar 1945 waren die westalliierten Landstreitkräfte bereit, ihre Offensive Richtung Rhein und weiterführend nach Zentraldeutschland zu beginnen. Das Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force (SHAEF), das Hauptquartier der alliierten Streitkräfte in Nordwesteuropa, forderte die Luftstreitkräfte auf, mit einer großangelegten Luftoperation das Kommunikation- und Transportsystem im Deutschen Reich anzugreifen und zu zerstören, um das Vordringen der alliierten Bodentruppen zu erleichtern.[2] Ziele waren alle möglichen Transportmittel und -wege wie Verschiebebahnhöfe, Bahnübergänge, Lokomotiven, Brücken, Wasserwege, Lastkähne, Häfen und Signalanlagen. Diese Ziele befanden sich überwiegend in kleineren Städten, die bisher von Luftangriffen verschont blieben. Generalleutnant Carl Spaatz, der Kommandeur der US Strategic Air Force in Europa, erklärt sich bereit, die Operation zu planen und durchzuführen.[2] Den beteiligten Luftstreitkräften wurden die Primärziele und die Sekundärziele sowie Ausweichziele zugewiesen. Die Operation erhielt den Codenamen „Clarion“ (Kriegstrompete).

Durchführung[Bearbeiten]

Die „Fliegende Festung“ B-17
Die B-24 Liberator

Die Operation „Clarion“ fand am 22. und 23. Februar 1945 jeweils am Tage statt. Mit zusammen rund 9000 Einsätzen griffen an diesen beiden Tagen 3500 Bomber und rund 3000 Kampfflugzeuge der United States Army Air Forces (USAAF) und der Royal Air Force (RAF) zahlreiche Bahnknoten und Bahnhöfe in kleineren Städten sowie Rangierbahnhöfe, Züge, Flusstransportschiffe, Häfen, Brücken und andere wichtige Verkehrsanlagen an.[3] Insgesamt waren es rund 200 Ziele in einem sehr großen Gebiet zwischen Emden, Berlin, Dresden, Wien, Bodensee, Mülhausen und Köln.[4]

Beteiligt waren die 1. und 2. Taktischen Luftkommandos (Operationsgebiet West- und Nordwestdeutschland), die 8. USAAF (Mittel- und Norddeutschland), die 9. USAAF (Südwestdeutschland), die 15. USAAF (Süddeutschland) und die Royal Air Force (Ruhrgebiet), stationiert auf Flugplätzen in England, Frankreich, Niederlande und Belgien sowie in Italien (15. USAAF). Eingesetzt wurden die Langstreckenbomber B-17 Flying Fortress, B-24 Liberator, mittelschwere Bomber B-26 Marauder, A-20 Havoc/Boston und A-26 Invader,[3] die jeweils rund 3 Tonnen Bomben abwerfen konnten. Die Ziele wurden entgegen der üblichen Mindest-Einsatzhöhe von durchschnittlich 6500 Metern (= 20.000 amerik. Fuß) nur in einer Höhe von 3000 bis 3900 Metern (etwa 10.000 – 13.000 Fuß)[5] überflogen, um eine möglichst hohe Treffergenauigkeit zu erreichen.

Folgende Daten stammen von den unten genannten Quellen aus dem National Archives and Records Administration in College Park in Maryland, USA, und dem Operations-Archiv der Eight Air Force.

22. Februar 1945[Bearbeiten]

Die 8. USAAF setzte effektiv 1372 B-17- und B-24-Bomber und 817 Kampfflugzeuge gegen 41 Ziele in Nord- und Mitteldeutschland ein, darunter mehr als 20 Rangierbahnhöfe. Sie verlor bei dem Einsatz lediglich einen Bomber durch Abschuss von einer Me 262. 85 Bomber wurden durch die deutsche Flakabwehr beschädigt. Die am stärksten betroffenen Ziele an diesem Tag waren Ansbach (143 Bomber/420 Tonnen), Ulm (77/232,5 Tonnen), Wittenberge (72/216 Tonnen), Stendal (73/214 Tonnen), Uelzen (73/214,3 Tonnen), Salzwedel (59/197,5 Tonnen) und die Rangierbahnhöfe in Bamberg (64/187 Tonnen), Halberstadt (51/113,5 Tonnen), Hildesheim (54/148 Tonnen), Northeim (48/124,5 Tonnen), Peine (53/142 Tonnen), Ludwigslust (48/136 Tonnen), Kreinsen (43/131 Tonnen) und Lüneburg (39/115 Tonnen).

Die 9. USAAF war mit 465 Bombern und 1053 Kampfflugzeuge im Einsatz. Sie bombardierten zahlreiche Eisenbahnbrücken und Bahnknoten im Raum Gießen, Freiburg, Bingen und Köln und zerstörten unter anderem 118 Lokomotiven. Sie verloren im Luftkampf drei Bomber und 12 Jagdflugzeuge, schossen dagegen 17 deutsche Flugzeuge ab.

Die 15. USAAF griff mit 774 Bombern und 300 Kampfflugzeugen 32 Verschiebebahnhöfe und eine Reihe von Bahnstrecken und Brücken im Süden des Deutschen Reiches und dem heutigen Österreich an. Es wurden 110 Lokomotiven, 40 Ölkesselwagen und 300 Eisenbahnwagen vernichtet oder beschädigt.

Das 1. Taktische Luftkommando setzte 171 Bomber und 782 Kampfflugzeuge und Jagdbomber auf Eisenbahnziele im Nordwesten und Westen Deutschlands ein. Es verlor dabei acht Bomber und zwei Jäger und schoss neun deutsche Flugzeuge ab. Die Geschwader zerstörten oder beschädigten unter anderem 38 Lokomotiven, 536 Waggons und zehn Brücken. Das 2. Taktische Luftkommando, gestellt von der RAF, ließ mit fast 1700 Flugzeugen Rangierbahnhöfe, Bahnhöfe und den Schienenverkehr im Nordwesten von Deutschland angreifen. Sie verloren dabei 21 Mosquitos (de Havilland DH.98) und 12 Jagdflugzeuge, sechs deutsche Flugzeuge wurden abgeschossen. Zerstört oder beschädigt wurden 166 Lokomotiven, 877 Waggons und 94 Lastkähne.

Die restliche Bomberflotte der Alliierten stellte die RAF, deren Maschinen in Westdeutschland und hier überwiegend im Ruhrgebiet operierten.[3] Hier bombardierten 34 Lancaster mit einer Eskorte von 115 P-51 Jagdflugzeugen ohne Verluste die Eisenbahnüberführungen in Altenbeken und Bielefeld. Weitere 85 Lancasters, von 49 Spitfires geschützt, warfen über 383 Tonnen Bomben auf das Stadtgebiet und eine Benzol-Anlage in Gelsenkirchen ab. Dabei verloren sie eine Maschine. Die Benzol-Anlage in Osterfeld wurden von 75 Lancaster, von 48 Spitfires und P-51 eskortiert, mit 333 Tonnen bombardiert.

23. Februar 1945[Bearbeiten]

Am 23. Februar wurde die Operation Clarion in einem kleineren Umfang fortgeführt und beendet.

Die 8. USAAF setzte an diesem Tag 1211 Bomber und 492 Kampfflugzeuge ein, um Eisenbahnknoten und Rangierbahnhöfe im zentralen Deutschland anzugreifen. Auf die zugewiesenen Primärziele und zahlreiche Gelegenheitsziele warfen die Bomber 3316,4 Tonnen Bomben ab. Mehr als 130 Tonnen fielen auf jeden der Rangierbahnhöfen in Kitzingen (183 Bomber/548,3 Tonnen), Plauen (110/325 Tonnen), Ansbach (109/297 Tonnen), Paderborn (104/231 Tonnen), Crailsheim (90/226,5 Tonnen), Neumarkt (74/210,7 Tonnen), Treuchtlingen (61/175 Tonnen), Meiningen (49/145,5 Tonnen), Osnabrück (50/136,5 Tonnen) und Weimar (57/135,7 Tonnen). Auch schwer bombardiert wurden die Bahnanlagen in Würzburg (37/111 Tonnen), Gera (46/107,8 Tonnen), Ellingen (25/70 Tonnen), Jena (25/60 Tonnen), Schwäbisch Hall (24/70 Tonnen), Schlüchtern (20/56,5), Adelsberg (12/35 Tonnen), Hildburghausen (12/33 Tonnen), Lichtenfels (13/39 Tonnen) und Schweinfurt (12/35,5 Tonnen). Auf eine Eisenbahnbrücke in Oettingen warfen 48 Bomber 140,5 Tonnen Bomben ab. Die begleitenden Kampfflugzeuge zerstörten oder beschädigten 31 Lokomotiven, 141 Waggons und 17 Ölkesselwagen.

Die 9. USAAF setzte mehr als 2300 mittlere Bomber, Jäger und Jagdbomber ein. Die 15. Luftwaffe griff mit 455 schweren Bombern acht Transportziele im südlichen Deutschland an.

Das 1. Taktische Luftkommando griff mit 905 Kampfflugzeugen Brücken, Tankstellen und Geschützstellungen in Westdeutschland an und betrieb Luftaufklärung für die Bodenstreitkräfte. Die Jäger schossen 17 deutsche Flugzeuge im Luftkampf ab und zerstörten sieben Lokomotiven und 323 Waggons. Das 2. Taktische Luftkommando der Royal Air Force setzte 179 Flugzeuge zur bewaffneten Aufklärung in Dülmen, Paderborn, Köln, Düren und Münster ein und griffen Eisenbahnbrücken und Munitionsdepots an.

Die Royal Air Force bombardierte am zweiten Tag mit 324 Bombern, eskortiert von 119 Spitfires und P-51, mit 1170 Tonnen Bomben Essen und mit 130 Lancasters, von 33 Spitfires begleitet, mit 580 Tonnen die Benzol-Anlage in Gelsenkirchen. Die RAF verlor dabei einen Halifax-Bomber.

Ergebnis[Bearbeiten]

Das deutsche Verkehrsnetz wurde durch die Operation Clarion bei geringen Verlusten der Alliierten sehr stark getroffen, aber nur für wenige Tage lahmgelegt.[2] Das britische Joint Intelligence Committee (JIC) kam zu dem Ergebnis, dass die Operation keine ernsthafte Beeinträchtigung der deutschen Infrastruktur zur Folge hatte. Marschall Charles Portal, Stabschef der Royal Air Force, riet trotz gegenteiliger Meinung von Spaatz von weiteren Operationen dieser Art ab, was auch eintraf.[2]

In folgenden Städten forderten die Bombardements zahlreiche Todesopfer: Kitzingen (etwa 700 Tote), Ansbach (445 Tote), Plauen (387 Tote), Crailsheim (61 Tote), Neumarkt in der Oberpfalz (etwa 500 Tote), Treuchtlingen (586 Tote), Meiningen (208 Tote), Oettingen (199 Tote) und Halberstadt (172 Tote).[6] In diesen Städten wurden weiter die Bahnanlagen stark zerstört und sind in der Auswertung der Operation Clarion als „effective“ bezeichnet worden. Hohe Opferzahlen ergaben sich durch die Lage von Bahnhöfen mitten in der Stadt oder den Aufenthalt zahlreicher Reisenden im Bahnhof zum Zeitpunkt des Angriffs. Amerikanische Bomberpiloten bombardierten in Unkenntnis über deren geografischen Lage irrtümlich auch die Schweizer Städte Basel, Zürich und Schaffhausen.[7]

Quellen[Bearbeiten]

  • National Archives and Records Administration in College Park:
    • Military Analysis Division, U.S. Strategic Bombing Survey, The Impact of the Allied Air Effort on German Logistics, Second Edition, January 1947, p. 60, File: 64A The Impact of the Allied Air Effort on German Logistics (Final Report), European Survey Published Reports and Supporting Records, 1937–1945 (Entry I-10 6, NAID 560340), Records of the U.S. Strategic Bombing Survey, RG 243
    • Headquarters, Eight Air Force, INTOPS Summary No. 298 and INTOPS Summary No. 299, February 22 and 23, 1945, File: 2A(5)(g), VIII AAF INTOPS Summaries, 1 Feb. 1945-31 Mar. 1945, Vol. 7, Narrative and Statistical Operational Reports of U.S. Army Air Forces in Europe, 1942–1945 (Entry I-10 25, NAID 561306), Records of the U.S. Strategic Bombing Survey, RG 243.
    • Eight Air Force Monthly Summary of Operations, February, 1945, March 11, 1945, pp. 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 39, 43, 69, 70, 77, File: 2A(4)(l) Eight Air Force Monthly Summary of Operations, February 1945, Narrative and Statistical Operational Reports of U.S. Army Air Forces in Europe, 1942–1945 (Entry I-10 25, NAID 561306), Records of the U.S. Strategic Bombing Survey, RG 243.
    • Statistical Section, Air Ministry War Room, War Room Monthly Summary of Bomber Command Operations, Month of January 1945, n.d., pp. 9, 11,14, 15, 20, File: 2N(2) (e) Bomber Command Operations 1 Jan 45-1 May45, Statistical Operational Reports of the Royal Air Force Bomber and Fighter Commands in Europe, 1941–1945 (Entry I-10 26, NAID 561308), Records of the U.S. Strategic Bombing Survey, RG 243.
  • Eight Air Force: Eighth Air Force Historical Society, Operations History.

Literatur[Bearbeiten]

  • Roger Anthony Freeman: Might Eight War Diary, Motorbooks International, 1990 (engl.). ISBN 978-0-87938-495-1
  • Charles W. Mc Arthur: Operations analysis in the U.S.Army Eight Force in World War II, American Mathematical Society, 1990. ISBN 978-1-58426-043-1

Weblink[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rusty Bloxom, „Mighty Eight Air Force Museum“ in Georgia, USA.
  2. a b c d e Dr. Greg Bradsher, Archivar in den National Archives in College Park, Maryland.
  3. a b c Charles W. Mc Arthur: Operations analysis in the U.S.Army Eight Force in World War II., S.308/309
  4. Aus dem Rechenschaftsbericht vom Oberkommando der alliierten Streitkräfte: „a quarter of a million square miles“ (eine Viertelmillion Quadratmeilen).
  5. Einsatzdokumentation in Might Eight War Diary von Roger A. Freeman
  6. Archive der genannten Städte
  7. Ueberschär: Freiburg im Luftkrieg, S. 327