Opfer (Schimpfwort)

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Das Wort Opfer tritt, abweichend vom traditionellen Sprachgebrauch, im deutschen Sprachraum ungefähr seit den 2000er Jahren als Schimpfwort auf.

Beschreibung des Wortgebrauchs

„Opfer“ beziehungsweise „Opfa“ wird in diesem Zusammenhang ohne jede Empathie für eventuell erlittenes Leid, sondern in hohem Maße abwertend und verächtlich gebraucht. Der Begriff zielte anfangs vor allem auf meist ebenfalls junge männliche Personen, die sich nicht ausreichend wehren können oder auf andere Weise Schwächen zeigen und allgemein nicht einem Konzept von harter, starker und wehrhafter Männlichkeit entsprechen.[1] In diesem Sinn ist das Wort „Opfer“ in etwa ein Synonym für Versager oder Loser.[2] Wer das Wort „Opfer“ als Schimpfwort benutzt, nimmt eigentlich notwendige[3] Differenzierungen, die auf den Spielregeln der meisten menschlichen Gesellschaften beruhen, nicht vor und klammert Ethik und Verantwortung völlig aus.

Ethnolekt

Im primären Ethnolekt von Migranten türkischer und arabischer Herkunft wird als Plural „Opfas“ beziehungsweise „Opfaz“ benutzt (z.B.: „Hab isch paar Opfas geschlagen“). Besonders der orthografisch-grammatikalisch doppelt vom Standarddeutsch abweichende Plural wird in dieser Varietät auch als Synonym für „Deutsche“ benutzt.[4]

Heute wird der Begriff „Opfer/Opfa“ als Beleidigung mit wenig trennscharfer Bedeutung (auch im Sinne von „uncool“, „langweilig“, „dumm“ etc.) benutzt, und zwar nicht nur von Ethnolekt-Sprechern. Auch Deutsche ohne Migrationshintergrund, Mädchen, junge Frauen und bürgerliche männliche Jugendliche benutzen heute den Begriff auch scherzhaft als Anrede unter Freunden und Bekannten. Damit mildern sie dessen pejorative Bedeutung ab.[2]

Erklärung des Wortgebrauchs

Carol Hagemann-White erklärt die Abwertung von Opfern (mit denen sie im Kontext ihrer Rede reale Tatopfer meint) folgendermaßen: „Wer sich glaubwürdig als Op[f]er zu erkennen gibt, ist damit nicht mehr cool, nicht wehrfähig. […] Denn ein Motiv für die Ausübung von Gewalt, insbesondere bei jungen Menschen, ist das Bedürfnis, einen unsicheren Bezug zur Wirklichkeit zu überwinden und das Gefühl zu haben, eindeutig etwas bewirken zu können […]. Opfer zu sein, sich als Opfer [zu] erkennen zu geben, oder sich in die Opfersituation von Gleichaltrigen hineinzuversetzen könnte diese Verunsicherung und Diffusität des Selbst in einer haltlos gewordenen Umwelt steigern und den Wunsch erzeugen, lieber Täter zu sein als gar nicht mehr wirklich zu existieren.“[5]

Auf derselben Tagung fügte Joest Martinius hinzu: „Wenn Jugendliche, die in ihrer Entwicklung durch schwere und langdauernde Entbehrungen und Gewalterfahrungen verletzt wurden, andere, ebenfalls Betroffene als ‚Opfer‘ beschimpfen, liegt darin der untaugliche Versuch, die eigene Schwäche zu kompensieren. Das Erniedrigen gleich Schwacher und Schwächerer und die dabei erlebte Überlegenheit ist die eigentliche Erklärung für das Aufkommen der genannten Beschimpfung und für den Missbrauch des Opferbegriffs.“[6]

Norbert Dittmar erklärt die starke Zunahme des Gebrauchs des Wortes „Opfer“ (auch durch das Bemühen, sich selbst als „Opfer“ problematischer Verhältnisse darzustellen) damit, dass die Welt zunehmend in Kategorien des Wettkampfs gesehen werde.[4] Demzufolge gebe es in der Welt unzählige Gewinner und Verlierer, wobei Letztere immer öfter als „Opfer“ bezeichnet werden.

Bewertung des Wortgebrauchs

Die Floskel „du Opfer!“ entstand annähernd zu derselben Zeit wie die Floskel „du Jude“, und zwar genau in dem Milieu, in dem es eine starke Ablehnung der Politik des Staates Israel gibt, nämlich unter Arabischstämmigen in Deutschland. Daraus ziehen einige die Schlussfolgerung, dass der neue Wortgebrauch „du Opfer“ Ausdruck von Antisemitismus sei.

Norbert Dittmar hingegen stellt fest, dass es nur eine sehr kleine Schnittmenge zwischen dem sprachlichen Umfeld des Wortes „Opfer/Opfa“ (insbesondere in der maskulinen Variante) und dem Umfeld des Wortes „Opfer“ im klassischen Antisemitismus-Diskurs und anderen politischen Opfer-Diskursen der Gegenwart gebe. Daraus und aus der Bildungsferne der meisten jungen Sprecher schließt Dittmar, dass diese überwiegend gar nicht wüssten, welche Konnotationen ihr Sprachgebrauch bei historisch Gebildeten auslöse.[7]

Einzelnachweise

  1. Stefan Voß: Du Opfer… (PDF; 92 kB). Berliner Forum Gewaltprävention Nr. 12. 2003
  2. a b James Redfield: Jugendsprache in Berlin-Neukölln: Wir sagen „Du Opfer!“. TAZ, 2. April 2008
  3. Martin Schaad: Victims and Losers (PDF; 126 kB). Einstein Forum, 9. Juni 2006, S. 4
  4. a b Norbert Dittmar: „Du Opfer…!“. Der Begriff „Opfer in der Vergangenheit und heute“ (MS PowerPoint; 994 kB). Podiumsdiskussion der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, 17. Januar 2011
  5. Carol Hagemann-White: Opfer – die gesellschaftliche Dimension eines Phänomens (PDF; 373 kB). Redebeitrag in der Berliner Fachrunde gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. 25. Juni 2007, S. 32
  6. Joest Martinius: Der Opferbegriff in Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie (PDF; 373 kB). Redebeitrag in der Berliner Fachrunde gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. 25. Juni 2007, S. 36
  7. Jochen Stöckmann: „Du Opfer …!“ Bedeutungswandel und Widersprüche des Opfer-Begriffs. Deutschlandradio Kultur, 17. Januar 2011