Opiatabhängigkeit

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Opiatabhängigkeit ist eine medizinische Diagnose für einen Menschen. Sie ist gekennzeichnet durch die Unfähigkeit eines Individuums auf den Einsatz von Opioiden und Opiaten (Morphin, Heroin, Codein, Oxycodon, Hydrocodon, etc.) zu verzichten, selbst wenn es objektiv in seinem Interesse läge, dies zu tun.

Häufigkeit[Bearbeiten]

Spätestens seit den 1960er-Jahren ist Heroin eine weltbekannte illegale Droge mit dem erheblichsten Problemkonsum und starker Tendenz zur Drogenabhängigkeit: der Opiat- bzw. Heroinabhängigkeit. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 100.000 bis 150.000 Opiatabhängige; 90 % davon konsumieren Heroin. Daher spricht man meistens von Heroin, wenn es um Substanzstörungen von Opiaten geht. Heroin ist ohne entsprechende Genehmigung illegal. Alle anderen synthetisch hergestellten Opioide (außer Tramadol) unterliegen in der Bundesrepublik dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Hinsichtlich der gesundheitlichen Folgen sind Opiate im Vergleich zu anderen psychotropen Substanzen von besonders großer Relevanz, bedingt durch die suchtgiftbezogenen Todesfälle und Überdosierungen. Daher stellt die Mortalität das größte ernstzunehmende Problem unter Opiatkonsumenten dar. Allein im Jahr 2003 waren 96 % aller direkt suchtgiftbezogener Todesfälle Opiate beteiligt. Die Mortalität unter Opiatkonsumenten ist bis zu zwanzig Mal höher als bei gleichaltrigen der Allgemeinbevölkerung.[1]

Nach Daten der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) sind in Deutschland etwa 50 % der Opiatabhängigen in Substitutionsbehandlung.[2] Laut der NTORS-Studie aus Großbritannien wurde lediglich eine Abstinenzquote von 10–20% erreicht, was für eine dauerhafte Substitutionsbehandlung spricht.[3] Von 2002 bis 2010 stieg die Anzahl gemeldeter Substitutionspatienten von 46.000 auf 77.400. Im Vergleich dazu stagnierte die Anzahl der substituierenden Ärzte von 2004 mit 2.616 bis 2010 auf 2.710.[4]

Opiate[Bearbeiten]

Hauptartikel: Opiat

Opiate sind die natürlichen Substanzen, die im Opium vorkommen. Opium wird aus dem eingetrockneten Milchsaft des Schlafmohns (Papaver somniferum) gewonnen. Es besteht aus zahlreichen Alkaloiden, wobei Morphium das Hauptalkaloid dieser Pflanze ist. Alkaloide beinhalten stickstoffhaltige Verbindungen, welche das Nervensystem beeinflussen, daher werden sie auch als Heil- und Rauschmittel verwendet. Heroin, das bekannteste Opiat, ist ein Salz, welches aus Morphium und Essigsäure erzeugt wird.[5]

Der deutsche Apotheker Friedrich Sertürner isolierte 1803/1804 erstmals Morphin aus Opium. Knapp 100 Jahre später brachte die Firma Bayer Heroin als Schmerzmittel in den Handel.[6] Heroin als Schmerzmittel ist in Deutschland nicht mehr zugelassen. Der vollsynthetisch hergestellte Wirkstoff Diamorphin ist allerdings seit dem Beschluss des Bundestages vom 29. Mai 2009 zur Behandlung von Schwerstabhängigen in Deutschland erlaubt und besitzt die gleiche pharmakologische Wirkung wie Heroin.[7]

Schlafmohn wird im „Goldenen Halbmond“ (Afghanistan, Pakistan, Iran), im „Goldenen Dreieck“ (Thailand, Laos, Burma) und in Mexiko angebaut.[8] Zurzeit stammen mehr als 80 % der Welterzeugung von Opium, insgesamt 5800 Tonnen, aus Afghanistan.[9]

Opioide[Bearbeiten]

Hauptartikel: Opioide

Opioide sind im Gegensatz zu Opiaten vollsynthetisch hergestellt, wie z. B. Diamorphin, Methadon, Tilidin usw.[10] Diese Substanzen bezeichnet man als exogene (nicht vom Körper produzierte) Opioide. Hingegen wird von endogenen (vom Körper selbst hergestellten) Opioiden unterschieden, sogenannte Endorphine („Glückshormone“).[11] Genaugenommen handelt es sich bei Heroin ebenfalls um ein Opioid, da es nicht in seiner natürlichen Substanz im Opium vorkommt und erst mithilfe eines chemischen Vorgangs zu Heroin verarbeitet wird (halbsynthetisch).

Nebenwirkungen von Opioiden und Opiaten[Bearbeiten]

Übliche Nebenwirkungen sind Sedierung, Atemdepression, Bradykardie, Blutdruckminderung, Miosis und Obstipation. Bei erstmaligen Einnahmen kann es auch zu Übelkeit und Erbrechen kommen. Eine Überdosierung oder die Kombination mit anderen sedierenden Substanzen (wie Alkohol und Benzodiazepine) kann tödliche Folgen haben und zum Atemstillstand führen.[12]

Kriterien nach dem ICD-10[Bearbeiten]

Die ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) befasst sich mit international anerkannten Klassifikationen und Kriterien zur Klärung medizinischer Diagnostik. Um eine „Drogenabhängigkeit“ bzw. Abhängigkeit von illegalen Drogen zu diagnostizieren, müssen mindestens drei der folgenden Symptome oder Verhaltensweisen während des letzten Jahres zutreffen:[13]

  1. ein starker Wunsch oder Zwang die psychoaktive Substanzen zu konsumieren,
  2. verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Konsums (Kontrollverlust),
  3. Substanzgebrauch mit dem Ziel Entzugssymptome zu mildern,
  4. körperliches Entzugssyndrom,
  5. Toleranzentwicklung (Gewöhnung an höhere Dosen),
  6. fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen,
  7. anhaltender Suchtmittelkonsum trotz des Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen (wie Müdigkeit, depressive Verstimmung, Arbeitsplatzverlust) und
  8. eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit der Substanz.[14]

Opiatabhängigkeit[Bearbeiten]

Heroin ist das am häufigsten missbräuchlich konsumierte Opiat.[15] Es wird meist intravenös oder inhalativ aufgenommen; eine nasale bzw. orale Applikation ist auch möglich. Konsumenten beschreiben die gewünschte psychotrope Wirkung als euphorisierend, angstlösend, schmerzlindernd, schlaffördernd und schildern ein angenehmes Gleichgültigkeitsgefühl.[16]

Heroin zeichnet sich durch eine innerhalb kurzer Zeit auftretende psychische und physische Abhängigkeit aus.[17] Die psychische Abhängigkeit stellt dabei die schwerwiegendste und kaum zu überwindende Problematik dar. Hierbei ist das zentrale Kriterium das unbeherrschbare Verlangen („Craving“) nach der Wirkung des Suchtmittels. Die körperliche und seelische Gesundheit rückt dabei gänzlich in den Hintergrund. Soziale Kontakte und Integration leiden ebenfalls stark unter dem Einfluss der Abhängigkeit.[18]

Für den Süchtigen ist das Rauschmittel der Lebensmittelpunkt. Um die Droge täglich zu erwerben, braucht er größere Geldmengen. Dies hat zur Folge, dass vor allem erwerbslose und einkommensschwache Opiatabhängige die Finanzierung durch illegale Aktivitäten oder Prostitution sicherstellen müssen. Die hieraus resultierende Beschaffungskriminalität ist ein erhebliches soziales Problem.[19]

Es wird zwischen verschiedenen Formen der Drogendelinquenz differenziert. Zu unterscheiden sind demnach Verschaffungsdelikte, wozu der Handel und Schmuggel illegaler Drogen, der Betrug beim Drogenverkauf, das Verleiten anderer zum Missbrauch und die sogenannten „white-collar-crimes“ (Wirtschaftskriminalität) zählen. Hinzu kommen direkte und indirekte Beschaffungsdelikte, die auf den Erwerb von Geld zur Drogenbeschaffung zielen. Eine dritte Kategorie bildet die Folgedelinquenz. Hierzu zählen unmittelbare Folgedelikte, wie z.B. Aggressions- oder Straßendelikte unter Drogeneinfluß, und mittelbare Folgedelikte, wie Betteln oder Prostitution.[20]

Gesundheitliche Auswirkungen der Opiatabhängigkeit[Bearbeiten]

Heroinabhängige leiden mehrheitlich an komorbiden psychischen Störungen (Doppeldiagnosen) wie Angststörungen (43–46 %), affektive Störungen (34–46 %), Psychosen (5–15 %) und Essstörungen (5 %). Sie benutzen Heroin, um ihre Ängste und Stimmungen zu kaschieren bzw. therapieren (Selbstmedikation). Daher kommen diese Erkrankungen meist erst während und nach einer Entgiftungsbehandlung zum Vorschein. Werden diese Leiden nicht erfolgreich therapiert, besteht eine erhöhte Rückfallgefahr.[21]

Bedingt durch unhygienische Verhältnisse führt die tägliche intravenöse Applikation häufig zu bakteriellen Infektionen, Abszessen, Leber-, Nieren-, und Gelenkserkrankungen. Etwa 80 % der Heroinabhängigen sind Hepatitis C-positiv. Andere Infektionen, wie AIDS und Hepatitis B, sind ebenfalls eine häufige Folge der Bedingungen, unter denen der Konsum stattfindet, da es zum unhygienischen Austausch des Injektionsbesteckes kommt.[22]

Entzugssymptomatik[Bearbeiten]

Die ersten Entzugsymptome machen sich nach etwa 4-6 Stunden des letzten Opiatentzug bemerkbar. Der Konsument verspürt Ängste unter dem Zwang einer erneuten Heroin Einnahme. Die Gedanken kreisen sich schon nur noch um den nächsten Nachschub. Nach 8 Stunden kommen hinzu: Gähnen(vereinzelt so Stark das sich der Kiefer ausrenkte), laufende Nase, Tränenfluss, Niesen, Schwitzen, Gänsehautschauer, Körpertemperatur Schwankungen und Juckreiz. Nach etwa 12 Stunden verstärken sich die Symptome und es treten zudem weite Pupillen, Muskelzuckungen(Restless Legs) Muskel- und Knochenschmerzen(ähnlich. wie bei einer sehr starken Grippe) auf. Bis zu etwa 24 Stunden verstärkt sich das Bild und weitere Symptome wie Hypertonie, Fieber, Tachykardie, Tachypnoe bis zu Schock, Muskelkrämpfe, Hypoglykämie und Diarrhöe treten auf und machen den Zustand unerträglich. Nahrungsaufnahme ist aufgrund von Magenkrämpfen bis zu Erbrechen erschwert. Emotional ist der Patient in der kritischen Phase ein Allerlei an Gefühlen. Die Symptome sind beim "kalten" entzug kaum zu lindern, klingen dann aber nach etwa 4 Tagen wieder ab und der Patient stabilisiert sich langsam wieder. Die komplette körperliche Entgiftung ist nach etwa 14 Tagen abgeschlossen. Wenn der Patient rückfällig wird weil er es nicht mehr schafft, reicht schon eine winzige Dosis um ihn einige Minuten da stehen zu sehen als ob er nie einen Entzug gemacht hat.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Beubler, E.; Haltmayer, H.; Springer, A. (Hrsg.) (2007): Opiatabhängigkeit – Interdisziplinäre Aspekte für die Praxis, Berlin: Springer.
  2. Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) (2010): National report 2010: Germany, http://www.emcdda.europa.eu/html.cfm/index142370EN.html, 8. August 2012.
  3. Gossop, M.; Marsden, J.; Stewart, D. (2001): Changes in substance use, health and criminal behaviour during the five years after intake, London: Crown.
  4. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung (2011): Drogen- und Suchtbericht 2011, http://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Service/Publikationen/Drogen_und_Suchtbericht_2011_110517_Drogenbeauftragte.pdf, 5. Juli 2012.
  5. Loviscach, P. (1996): Soziale Arbeit im Arbeitsfeld Sucht. Eine Einführung, Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.
  6. Geschwinde, T. (2003): Rauschdrogen, Berlin: Springer.
  7. Deutscher Bundestag (2009): Plenarprotokoll 16/224 vom 28. Mai 2009: Entwurf eines Gesetzes über die diamorphingestützte Substitutionsbehandlung.
  8. Loviscach, P. (1996): Soziale Arbeit im Arbeitsfeld Sucht. Eine Einführung, Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.
  9. O.V. (2012): Afghanistans Opium-Bauern verzeichnen Rekord-Umsätze, in: Süddeutsche Zeitung, http://www.sueddeutsche.de/politik/drogenanbau-am-hindukusch-afghanistans-opium-bauern-verzeichnen-rekord-umsaetze-1.1256909, 8. August 2012.
  10. Batra, A.; Bilke-Hentsch, O. (2012): Praxisbuch Sucht, Stuttgart: Thieme.
  11. Freye, E. (2009): Opioide in der Medizin, Berlin: Springer.
  12. Schmidbauer, W.; vom Scheidt, J. (2003): Handbuch der Rauschdrogen, Frankfurt/Main: Fischer.
  13. Dilling, H.; Mambour, W.; Schmidt, H. (2008): Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, 2. Auflage, Weltgesundheitsorganisation, Bern: Huber.
  14. Dilling, H.; Mambour, W.; Schmidt, H. (2008): Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, 2. Auflage, Weltgesundheitsorganisation, Bern: Huber.
  15. Batra, A.; Bilke-Hentsch, O. (2012): Praxisbuch Sucht, Stuttgart: Thieme.
  16. Kegel, K.; Hoffmann, B. (2010): Die Substitutionstherapie, 2. Auflage, Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.
  17. Schmidbauer, W.; vom Scheidt, J. (2003): Handbuch der Rauschdrogen, Frankfurt/Main: Fischer.
  18. Batra, A.; Bilke-Hentsch, O. (2012): Praxisbuch Sucht, Stuttgart: Thieme.
  19. Heinz, W.; Poehlke, T.; Stöver, H. (2010): Glossar: Substitutionstherapie bei Drogenabhängigkeit, Berlin: Springer.
  20. Kreuzer, A.; Römer-Klees, R.; Schneider, H. (1991): Beschaffungskriminalität Drogenabhängiger, Bundeskriminalamt (Hrsg.), Band 24, BKA-Forschungsreihe, Wiesbaden.
  21. Maremmani, I.; Pacini, M.; Pani, P. u.a. (2007): The mental status of 1090 heroin addicts at entry into treatment: should depression be considered a 'dual diagnosis'? (Abstract), http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2216008/, (14. August 2012).
  22. Beubler, E.; Haltmayer, H.; Springer, A. (Hrsg.) (2007): Opiatabhängigkeit – Interdisziplinäre Aspekte für die Praxis, Berlin: Springer.