Orgel der Marienkirche (Marienhafe)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Orgel der Marienkirche (Marienhafe)
Marienhafe Orgel 1.JPG
Allgemeines
Ort St.-Marienkirche (Marienhafe)
Orgelerbauer Gerhard von Holy
Baujahr 1713
Letzte(r) Umbau/Restaurierung 1969 durch Ahrend & Brunzema
Epoche Barock
Orgellandschaft Ostfriesland
Technische Daten
Anzahl der Register 20
Anzahl der Pfeifenreihen 29
Anzahl der Manuale 2
Pfeifenwerk des Hauptwerks, vorne die Becher der Trompete. Deutlich sind bei einigen hinteren Pfeifen die Korrosionsschäden (roter Rost) erkennbar.

Die Orgel der Marienkirche in Marienhafe wurde 1710–1713 von Gerhard von Holy gebaut und ist die am besten und vollständigst erhaltene Barockorgel Ostfrieslands.[1] Sie verfügt über 20 Register auf zwei Manualen und ein angehängtes Pedal.

Baugeschichte[Bearbeiten]

Vorgängerinstrumente im 15.-17. Jh.[Bearbeiten]

1437 wurde vom Meister Thidricus de Dominis eine Orgel auf der Nordseite im Chor gebaut, eine der ersten Orgeln Ostfrieslands überhaupt. Reste der Orgel blieben bis ins 18. Jahrhundert bewahrt.[2] Neben dieser kleinen Chororgel existierte zu der Zeit bereits eine größere Hauptorgel.[3]

Eine weitere Orgel, die im 16. Jh. über einer Westempore erbaut, aber 1603 zerstört wurde, ist bezeugt. Ob diese Instrument mit der 1703/1710 reparierten und 1778 verkauften alten Hauptorgel identisch ist, ist ungeklärt.[4]

Neubau 1713 durch Holy[Bearbeiten]

1710–1713 errichtete Holy die jetzige Orgel auf der Ostseite als Neubau, dessen Vollendung sich aufgrund von Streitigkeiten und Finanzproblemen verzögert. Augenfällig sind die reichen Schnitzereien. Klanglich ganz ähnlich, aber um einiges größer ist das Schwesterinstrument in Dornum konzipiert, das Holy zeitgleich baute (1710–1711). Ungewöhnlich ist bei dem Werk in Marienhafe, dass sogar die Prinzipale im Prospekt und alle Aliquotregister und die Mixturen original erhalten sind. Weitgehend unverändert blieb auch die ursprüngliche Intonation erhalten. Ins Auge fallen die reichen Schnitzereien. Da das wertvolle Instrument in baulicher und klanglicher Hinsicht ganz in der Tradition der Schnitger-Schule steht, wurde es lange für ein Werk von Arp Schnitger gehalten.[5] Die farbigen Flötenstimmen weisen aber bereits auf die Klangästhetik des 18. Jahrhunderts. Die große Anzahl von möglichen Registrierungen für das Plenum erklärt sich darauf, dass das Instrument für die Begleitung des Gemeindegesangs konzipiert ist. Hierzu dient auch der flexible Wind der Windanlage, die noch original ist.

Reparaturen und Veränderungen im 18. und 19. Jh.[Bearbeiten]

1761 führte Johann Adam Berner (Jever) eine Renovierung durch. Johann Friedrich Wenthin (Emden) reparierte in den Jahren 1781 und 1797 das Instrument. 1828 trug Johann Gottfried Rohlfs (Esens) das Instrument ab und lagerte es im Turm ein, nachdem die Ostapsis zunehmend zerfiel und die Kirche verkleinert wurde. 1831 baute Rohlfs die Orgel auf der Westempore wieder auf, ohne aber in die historische Substanz einzugreifen. Johann Diepenbrock (Norden) ersetzte 1886 die Quintadena 16′ durch ein Bordun 16′ sowie die Trompete 8′. Pläne zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Orgel eingreifend zu verändern, wurden nicht verwirklicht.

Renovierungen 1966/1969/1988/2010 durch Ahrend (& Brunzema)[Bearbeiten]

Seit 2010 ist das Untergehäuse wieder sandfarben gefasst.

1966 wurde von Ahrend & Brunzema (Leer-Loga) das Rückpositiv, 1969 das Hauptwerk restauriert, wobei nur zwei Register rekonstruiert werden mussten. Alle anderen Register sind noch unversehrt erhalten. Die abgängigen Windladen wurden nach den originalen Maßen rekonstruiert. Die Prospektpfeifen wurden mit Zinnfolie foliert. 1988 wurde durch Jürgen Ahrend das bisher gleichstufig gestimmte Pfeifenwerk wieder in der Art der Entstehungszeit der Orgel eingestimmt, und zwar nach bewährtem Vorbild der Norder Arp-Schnitger-Orgel in einer Übergangsform von mitteltönig zu wohltemperiert. Die 1966 und 1969 noch nicht gewünschte gründliche Reparatur des Gehäuses wurde 2010 durch Hendrik Ahrend nachgeholt. Die farbliche Fassung wurde dabei durch den Restaurator Dietrich Wellmer gründlich instand gesetzt. Bei dieser Restaurierung 2010 ist der zuletzt blau gefärbte Unterbau des Hauptwerks wie große Teile des Prospekts auch sandfarben gefasst worden. Gleichzeitig mussten viele inzwischen durch Bleifraß zerstörte Pfeifenfüße erneuert werden. Um die alten Bleipfeifen vor weiterer Korrosion zu bewahren, war zuvor schon eine Dauerentlüftung der Windladen eingerichtet worden.

Disposition seit 1969 (= 1713)[Bearbeiten]

I Rug=Positiv CDEFGA–c3
Principaal 4′
Rohr=Fleute 8′
Blok=Fleute 4′
Octave 2′
Quinte 11/2
Siffleute 1′
Scharf II
Krumhorn 8′
II Manual CDEFGA–c3
Principaal 8′
Quintaden 16′[Anm. 1]
Gedact 8′
Octave 4′
Spits=Fleute 4′
Quinte 3′
Octave 2′
Spits=Fleute 2′
Sesquialter II
Mixtuur IV-VI
Cymbel III
Trompete 8′[Anm. 1]
Pedal CDEFGA–d1
(angehängt)
Anmerkungen
  1. a b Rekonstruiert.

Technische Daten[Bearbeiten]

  • 20 Register
  • Pedal angehängt (CDEFGA-d1)
  • Traktur:
    • Tontraktur: Mechanisch
    • Registertraktur: Mechanisch
    • Zwei Sperrventile
  • Windversorgung:
    • 64 mmWS Winddruck
    • Vier Keilbälge
  • Stimmung:
    • Höhe ca. ein Halbton über a1= 440 Hz
    • Norder Stimmung (Übergangsform von mitteltönig zu wohltemperiert)

Bildergalerie[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Orgel der Marienkirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  •  Reinhard Ruge: Die Orgeln der Marienkirche. In: Johann Gerhard Schomerus: Die Marienkirche von Marienhafe. Der Dom im Brookmerland.. Soltau-Kurier-Norden, Norden 1984, ISBN 3-922365-38-8.
  •  Günter Lade (Hrsg.): 40 Jahre Orgelbau Jürgen Ahrend 1954-1994. Selbstverlag, Leer-Loga 1994.
  •  Uda von der Nahmer: Windgesang. Orgeln, Wind und Verwandte. Ostfriesische Landschaftliche Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Aurich 2008, ISBN 978-3-940601-03-2.
  •  Walter Kaufmann: Die Orgeln Ostfrieslands. Ostfriesische Landschaft, Aurich 1968.
  •  Ralph Nickles: Orgelinventar der Krummhörn und der Stadt Emden. Hauschild Verlag, Bremen 1995, ISBN 3-929902-62-1.
  •  Harald Vogel, Günter Lade, Nicola Borger-Geweloh: Orgeln in Niedersachsen. Hauschild Verlag, Bremen 1997, ISBN 3-931785-50-5.
  •  Harald Vogel, Reinhard Ruge, Robert Noah, Martin Stromann: Orgellandschaft Ostfriesland. 2 Auflage. Soltau-Kurier-Norden, Norden 1997, ISBN 3-928327-19-4.

Aufnahmen/Tonträger[Bearbeiten]

  • Die Holy-Orgel der Marienkirche zu Marienhafe. 2001. Amb 97829 (Martin Böcker).
  • Orgelland Ostfriesland. 1989. Deutsche Harmonia Mundi, HM 939-2 (Harald Vogel in Norden, Uttum, Rysum, Westerhusen, Marienhafe, Weener).
  • Orgellandschaften. Folge 4: Eine musikalische Reise zu acht Orgeln der Region Ostfriesland (Teil 1). 2013, NOMINE e.V., LC 18240 (Thiemo Janssen in Rysum, Osteel, Westerhusen, Marienhafe, Dornum und Agnes Luchterhandt in Uttum, Pilsum, Norden).
  • Orgeln in Ostfriesland. Vol. 2. 1997. Organeum OC-09602 (Harald Vogel in Rysum, Uttum, Norden, Marienhafe).
  • Orgels in de eems-dollard regio. Vol. 2. 2003. VLS VLC 0302 (Peter Westerbrink).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Günter Lade (Hrsg.): 40 Jahre Orgelbau Jürgen Ahrend 1954–1994. Selbstverlag, Leer-Loga 1994, S. 37.
  2. Kaufmann: Die Orgeln Ostfrieslands, 1968, S. 167–168.
  3. Nickles: Orgelinventar der Krummhörn und der Stadt Emden. 1995, S. 11.
  4. Vogel u. a.: Orgeln in Niedersachsen. 1997, S. 198.
  5. Kaufmann: Die Orgeln Ostfrieslands. 1968, S. 170.

53.5226437.272171Koordinaten: 53° 31′ 22″ N, 7° 16′ 20″ O