Orgosolo

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Orgosolo
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Orgosolo (Italien)
Orgosolo
Staat: Italien
Region: Sardinien
Provinz: Nuoro (NU)
Lokale Bezeichnung: Orgòsolo
Koordinaten: 40° 12′ N, 9° 21′ O40.29.35620Koordinaten: 40° 12′ 0″ N, 9° 21′ 0″ O
Höhe: 620 m s.l.m.
Fläche: 223,66 km²
Einwohner: 4.302 (31. Dez. 2013)[1]
Bevölkerungsdichte: 19 Einw./km²
Postleitzahl: 08027
Vorwahl: 0784
ISTAT-Nummer: 091062
Volksbezeichnung: Orgolesi
Schutzpatron: San Pietro
Website: Orgosolo

Orgosolo (sardisch Orgòsolo) ist eine sardische Gemeinde in der Provinz Nuoro in Italien mit 4302 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2013).

Blick über den Ort

Lage und Daten[Bearbeiten]

Orgosolo liegt 21 km südlich von der Provinzhauptstadt Nuoro entfernt. Der Ort liegt im Zentrum des zerklüfteten Supramonte-Gebirges im Herzen der Barbagia. Über dem Ort erhebt sich der Monte Lisorgoni (978 m s.l.m.). Die Nachbargemeinden sind: Dorgali, Fonni, Mamoiada, Nuoro, Oliena, Talana (OG), Urzulei (OG) und Villagrande Strisaili (OG).

Geschichte[Bearbeiten]

In der Umgebung des Ortes findet man viele Zeugen der Nuraghenkultur, Nuraghensiedlungen, Dolmen, Felsen- und Gigantengräber.

  • Im Widerstand gegen die zahlreichen Eroberer Sardiniens bildete sich eine Banditenkultur, die im 19. Jahrhundert auch Gegenstand von kriminologischen Studien wurde. So schuf Alfredo Niceforo, ein Anhänger von Cesare Lombroso, in seinem Buch Die Kriminalität in Sardinien den Mythos, dass die Sarden zur Kriminalität vorbestimmt seien.
  • 500 bewaffnete Orgolesen stürmten und plünderten 1894 den Ort Tortolì, um das Vermögen eines Großgrundbesitzers zu erbeuten, viele kamen dabei selbst um. Die Bardanas genannten Raubzüge sardischer Bergbewohner sind von der Römerzeit bis in das 19. Jahrhundert belegt.
  • Von 1903 bis 1917 herrschte in Orgosolo eine blutige Familienfehde (disamistade), Auslöser soll der Überlieferung nach der Streit um das Erbe des 1903 verstorbenen reichsten Orgolesen Diego Moro gewesen sein. Die Fehde teilte die Einwohnerschaft in zwei verfeindete Hälften und in diesen Jahren fielen der Blutrache mehr als 50 Menschen zum Opfer. Nachdem 1917 durch Prozesse eine Versöhnung erreicht zu sein schien, brach nach ca. 30 Jahren die disamistade wieder aus. Die Bedrohung der Blutrache, aber auch die Besetzung durch die Carabinieri und die willkürlichen Verhaftungen der „festländischen“ Behörden trieb erneut Männer dazu, sich in den Bergen zu verstecken und somit häufig zum Bandit zu werden. Die Unterstützung durch die Dorfbevölkerung gegen die verhassten Carabinieri war ihnen meist sicher. Orgosolo wurde so zum "Banditennest" erklärt. „Die Zentrale der Gesetzlosen, wo die Menschen den Hass mit der Muttermilch einsaugen“ stand in italienischen Zeitungen.
  • In der bitteren Armut der 1950er Jahre bat die Lehrerin und Schriftstellerin Maria Giacobbe in einem Brief in ganz Italien um Spenden - Betten, Kleidung, Nahrung und Spielsachen für die Kinder von Orgosolo.
  • 1961 wurde das englische Journalistenpaar Townley entführt und später ermordet - eine Tat, die schwer in die archaischen Regeln der Hirten und Gesetze der Blutrache einzuordnen ist.
  • 1969 errang die Dorfgemeinschaft einen friedlichen Sieg gegen den "Kontinent": Auf dem Pratobello - dem traditionellen Weideplatz des Dorfes zwischen Orgosolo und Fonni - sollte ein NATO-Truppenübungsplatz entstehen. Als die Soldaten und Panzer anrückten, stellte sich ihnen jedoch quasi die gesamte Bevölkerung Orgosolos entgegen. Durch die Blockade der Straßen und Besetzung der Weiden konnte sie schließlich den Rückzug der Truppen erreichen.
  • Seit den 1990er Jahren ist der Protest gegen die Erweiterung des Nationalparks "Golfo di Orosei" auf das Gennargentu-Gebirge ein Thema. Auf dem Papier besteht der Nationalpark bereits, ist jedoch noch keinesfalls umgesetzt.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Die Murales[Bearbeiten]

Das allererste der Murales genannten Wandgemälde wurde 1968 von der anarchistischen Mailänder Gruppe Dioniso in Orgosolo gezeichnet. Nachdem er den Film Banditi a Orgosolo gesehen hatte, ließ sich der der Kommunistischen Partei Italiens nahestehende Zeichenlehrer Francesco del Casino aus Siena in Orgosolo nieder und begann 1975 in Orgosolo mit Schülern, Bilder an die Wänder der Häuser zu malen. Anlass war der 30. Jahrestag des Partisanenkampfes gegen den Faschismus. Ihren Anfang nahmen die Gemälde auf Sardinien aber in dem eher unbekannten Dorf San Sperate. Die Wandmalereien in Orgosolo drückten zunächst den Protest gegen den geplanten NATO-Truppenübungsplatz auf dem Pratobello aus. Auch gegen die Mailänder Konzern-Chefs, die Gelder des Aufbauplans für Sardinien veruntreut haben, richtet sich der Protest. Neuere Bildnisse kommentieren z.B. die Weltpolitik - so wird Helmut Schmidt wegen Stammheim als „Experte in Sachen Staatsmord bezeichnet“, ein Sieg der kambodschanischen und vietnamischen Kämpfer gegen die USA am 25. April 1978 gefeiert und die Zahl der unschuldigen Opfer für den Sturz Saddam Husseins wird hinterfragt. Andere Bilder stellen das einfache Hirten- und Dorfleben dar, setzen sich für die Erhaltung der Sardischen Sprache ein oder enthalten sogar Werbebotschaften. Auch über die Studien über die "Kriminalität in Sardinien von Alfredo Niceforo (siehe Geschichte) macht sich ein ironisches Murales lustig. Viele der ca. 120 Murales orientieren sich stilistisch am Kubismus in der Art von Picassos Guernica, aber auch realistischere Gemälde sind darunter. Neben Francesco del Casino zeichneten unter anderem der ebenfalls in Orgosolo lebende Künstler und Autodidakt Pasquale Buesca, die Künstlerinnen-Gruppe "Le Api" und der Mailänder Künstler Massimo Cantoni für die murales verantwortlich. Trotz einiger Beschädigungen etwa durch Umbauten von Häusern oder Witterung sind alle murales weitgehend sehr gut erhalten.

Musik[Bearbeiten]

Wie überall in Sardinien sind die Canti a tenores auch in Orgosolo verbreitet. In der Tradition der polyphonischen Männergesänge, bei dem ein (manchmal auch mehrere) improvisatorischer Tenor auf sardisch Verse aus einem Gedicht vorträgt, worauf drei Choristen mit Silben antworten: eine Bassstimme, ein Bariton und eine Altstimme. Dabei stellen sich die Männer meist in einem geschlossenen Kreis auf und halten sich mit einer Hand ein Ohr zu, um ihre eigene Stimme besser zu hören. Die Motive der Texte sind ähnlich wie die der Murales: sie erzählen vom Leben der Hirten und im Dorf, von den kollektiven Kämpfen, von in der Fabrik getöteten Arbeitern, von der Barbagia. Praktiziert werden diese Gesänge in Orgosolo von der Gruppo Rubano, der Gruppo Pratobello und dem Coro d'Orgosolo del Supramonte.

In Orgosolo hat sich die Tradition der archaischen, mehrstimmigen Frauengesänge zum Rosenkranz-Gebet am stärksten erhalten. Diese Tradition setzt auch die Gruppe "Actores Alidos" auf ihre Weise fort, die im November und Dezember 2006 auch in einigen Orten Deutschlands und in Wien spielte.

Film[Bearbeiten]

Vittorio De Seta drehte 1961 in Orgosolo und mit orgolesischen Schäfern den Film Banditi a Orgosolo. Er zeigt einen Schäfer, der in einen Viehdiebstahl verwickelt und des Mordes an einem Carabiniere beschuldigt wird. Er muss ein Banditenleben in den Bergen beginnen.

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten]

Der traditionelle Hauptwirtschaftszweig ist die Schäferei. Dazu ist seit einiger Zeit der Tourismus gekommen. Er zehrte anfänglich von Orgosolos berüchtigtem Ruf als Banditennest – Reiseveranstalter organisierten Überfälle fellbehangener Banditendarsteller auf ihre Busse zur Unterhaltung der Touristen. Der Friedhof, auf dem viele Gräber Aufschriften wie „erschossen von ...“ und „ermordet am ...“ tragen, geriet ebenfalls zur Touristenattraktion.

Heute lebt der Fremdenverkehr in den Ort hauptsächlich von der internationalen Bekanntheit der Murales. Weitere Arbeitgeber sind das Baugewerbe und der übrige Dienstleistungssektor.

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur, Filme und Quellen[Bearbeiten]

  • Kristine Jaath, Peter Höh: Sardinien. Reise-Know-How Verlag Bielefeld 2002. ISBN 3-8317-1094-5. S. 544ff
  • Carlo Levi: Aller Honig geht zu Ende. Verlag DuMont Köln 1965. S. 37, 65
  • Birgit Kienzle: Sardinien. Dokumentarfilm. Minute 9-12.
  • Rolf Ackermann: Acht mal Sardinien. 1986. ISBN 3-492-15109-4
  • Antonio Pigliaru: La vendetta barbaricina come ordinamento giuridico (Die barbaricinische Blutrache als rechtliche Ordnung)
  • Vittorio de Seta: Banditi a Orgosolo. Italien 1961, 91'
  • Piredda, Giovanni A./"Kikinu": Wandmalerei in Orgosolo. Vollständiger Leitfaden zu den Muralesarbeiten. 3. Auflage. Orgosolo. o.J.
  • Granzer/Schütze: Corazzu, Bilder des Widerstands an den Mauern Orgosolos. Prometh Verlag, Köln, 1979, ISBN 3-922009-19-0

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Statistiche demografiche ISTAT. Monatliche Bevölkerungsstatistiken des Istituto Nazionale di Statistica, Stand 31. Dezember 2013.