Orientierungs- und Mobilitätstraining (O&M)

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Das Orientierungs- und Mobilitätstraining (O&M) ist ein Schulungsprogramm, das Menschen, die blind oder sehbehindert sind hilft, sicher, selbständig und effektiv mobil und orientiert zu sein.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Begriff ist hergeleitet aus dem Englischen "Orientation and Mobility". Die Bewegung, den Unterricht mit dem weißen Langstock zu systematisieren, begann während des Zweiten Weltkrieges in den USA durch Warren Bledsoe, Richard Hoover und Russ Williams.

Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass schon im 19. Jahrhundert in einzelnen Blindenschulen Schüler im Umgang mit einem hölzernen Stock oder Stab instruiert worden sind, aber nur bedingt sicher in der Handhabung des Stockes wurden; vor allem nicht so sicher, wie das seit der Motorisierung des Straßenverkehrs geboten ist.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden zahlreiche Soldaten im Zuge von Kampfhandlungen an den Augen verletzt, viele davon erblindeten. Diese behandelte man zuerst im Valley Forge General Hospital und im Dibble General Hospital medizinisch, anschließend wurden sie zur Rehabilitation nach Avon (Connecticut) überstellt. In Avon hatte es schon länger Orientierungs-Unterricht gegeben, in dem den Schulungsteilnehmern gelehrt wurde, auf die Umwelt angemessen zu reagieren: mithilfe der Echolokation Hindernisse zu erkennen, die Oberflächenbeschaffenheit des Bodenbelages zu beachten, und die Raumaufteilung und wegweisende markante Punkte zu verinnerlichen. Die Verwendung eines Stockes war verboten. Hoover und Bledsoe hatten selber schon Vorstudien zur Echolokation von Hindernissen gemacht, mussten aber feststellen, dass Echolokation nicht genügte. Echolokation und auch entsprechende heutige technische Hilfsmittel liefern vor allem keine Informationen über gefährliche Löcher im Boden oder über Treppenabgänge. Ein Stock war somit irgendwie auch notwendig. Daraufhin entwickelte Hoover zusammen mit blinden, aber körperlich robusten Soldaten eine möglichst effektive und sichere Stock-Technik. Nach Fehlschlägen konnte er feststellen, dass ein leichter Stock, der vor den Beinen hin- und her schwang, die probateste Technik wäre. Diese Hoover-Langstock-Technik wurde dann Tipp-Stock-Technik genannt und revolutionierte die sichere, unabhängige und selbständige Bewegungsfreiheit von Menschen, die blind oder sehbehindert sind.

Definition[Bearbeiten]

Orientierung und Mobilität (O&M) beinhaltet das Unterrichten eines visuell behinderten Menschen, sich sicher und effektiv von einem Punkt der Umwelt zu einem anderen gewünschten zu bewegen. Eine Definition von Orientierung lautet: "Orientierung ist der kognitive Prozess beim Gebrauch der Sinne, mit denen man seine eigene Position bestimmen und in Beziehung zu anderen Objekte seiner Umwelt setzen kann", und Mobilität ist: "die Fähigkeit, von seiner Position aus sicher zu einem, in einer anderen Umgebung gelegenen, Ziel zu kommen". Einfacher ausgedrückt, herauszufinden: wo man ist und wo das Ziel liegt (=Orientierung), und Mobilität als den Vorgang, sicher und effektiv Ziele zu erreichen.

O&M-Unterricht[Bearbeiten]

Da Orientierung und Mobilität zu den Kulturtechniken zählt, wird diese sowohl in Schulen für Kinder, die sehbehindert oder Blind sind, als auch in der sog. Inklusion unterrichtet. Für Späterblindete gibt es davon abweichende individuelle Konzepte. Dabei werden ungefähr 80 % der Unterrichtszeit in die Schulung der Orientierung investiert. Um eine angemessene Orientierungsfähigkeit aufzubauen, müssen insbesondere vier Bereiche entwickelt sein oder werden: 1. ein Körper-Konzept, 2. ein Umwelt-Konzept, 3. eine Vorstellung von der Beziehung zwischen Körper und Umwelt, und 4. eine Vorstellung von einer Beziehung zwischen zwei Umgebungen. Kurz: Der Schüler muss einen Sinn für die Proportionen in der nahen und fernen Umgebung haben. Bei später Erblindeten sind diese Konzepte meist vorhanden, bei einem Menschen, der blind geboren oder sehr früh erblindet ist, müssen diese gezielt gefördert, und im Rahmen der Begriffsbildung erworben werden. Konkret kommt dem (spielerischen) Ertasten von Gegenständen Bedeutung zu. Große Objekte können dabei, wenn überhaupt, nur durch eine Serie von Tastvorgängen erfasst und vergrifflicht werden. Bei der Orientierungs- und Mobilitätserziehung spielen später insbesondere Begriffe aus der Architektur[1] und der Raumplanung bzw. Stadtplanung[2] eine zentrale Rolle.

Für die erfolgreiche Entwicklung eines Kindes ist es von entscheidender Bedeutung, auch all diese Bereiche altersadäquat zu ‚durchlaufen‘.[3] Bei Kindern, die sehbehindert oder blind sind, sollten diese während den sensiblen Phasen gezielt gefördert werden, da sonst eine ‚normale‘ Entwicklung bedroht sein kann. Eine bedeutende Forscherin in der Förderung von Kindern, die sehbehindert oder blind sind, ist Lilli Nielsen, die auch diesbezügliche Lern-Materialen entwickelt hat.

Im O&M-Unterricht werden zum einen Techniken mit und ohne Stock vermittelt, zum anderen die sogenannten Restsinne trainiert. Die Kombination verschiedener Techniken und das Restsinnetraining ermöglichen es, sich zu orientieren und Räume kennen und bewältigen zu lernen. Die übrigen Sinne wie Gehör-, Geruch, Temperatursinn, Tastsinn und kinästhetischer Sinn können dabei den Gesichtsverlust teilweise kompensieren, wenn der Auszubildende lernt, diese Informationen auf einen Raum zu beziehen und zur Orientierung zu benutzen. Zum Training gehört auch eine gewisse psychologische Unterstützung, insbesondere ist es nötig, Unsicherheiten und Ängste zu bewältigen und Vertrauen in sein erworbenes Können aufzubauen. Ein großes Thema können auch Verlustängste sein, wenn Eltern ihr Kind nicht alleine auf die Straße gehen lassen wollen, der Schüler seinerseits den Schutz der Eltern nicht verlassen will, was zu einem Hindernis für dessen Selbstständigkeit werden kann. Jeder Schüler muss an sich seine Grenzen erfahren und diese durch Sinnestraining und Techniken erweitern lernen, und im Weiteren seine Ängste und Unsicherheit überwinden, um Selbstsicherheit und Selbstständigkeit zu erwerben. Je nach Alter, Situation und Bedürfnissen wird ohnehin für jeden Schüler ein individuelles Trainingsprogramm entwickelt.

Ein Hauptinhalt ist das Lernen von Wegen und Routen, das sichere Überqueren von Straßen, Ampeln und Zebrastreifen. Die Routen müssen auswendig gelernt werden, dabei geht man von den wichtigsten Routen aus und erweitert das Raumkonzept eines Ortes oder einer Stadt schrittweise in verschiedene Richtungen. Meistens wird der Weg von der Wohnung zur Schule oder zum Arbeitsplatz als erstes gelernt. Es wird die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln gelernt, dann der Weg zu Arzt, Apotheke, Post, Bank, Bäckerei, Supermarkt, zu Orten der Freizeitgestaltung und Erholung. Ziel ist es, dass der Schüler alle Orte selbst finden kann, die er im täglichen Leben braucht oder die lebensnotwendig sind, ohne dass er auf fremde Hilfe angewiesen ist. Der Schüler muss zum Abschluss des Trainings von einem beliebigen Ort auf einer bekannten Route zu einen Referenzpunkt finden können und von diesem wieder die Orientierung finden können. Das entspricht der Situation, wenn er sich verlaufen hat.

Zum Training kann auch gehören, dass sehende Begleiter instruiert werden, wie sie mit dem Schüler zusammen neue Routen erarbeiten können. Dieses ist z. B. wichtig, wenn der Schüler in eine fremde Stadt kommt oder irgendwo im Urlaub oder auf Besuch ist.

Ein O&M Training ist jeweils an die spezielle Situation der Person angepasst. Die Orientierung ist in ländlicher Umgebung oder in einer Kleinstadt leichter zu erlernen, als in einer Großstadt mit komplizierten Verkehrsverhältnissen, vielen Lärmquellen und komplexen Verkehrsmitteln. Zusätzlicher Schulungsbedarf entsteht bei Mehrfachbehinderungen, mentalen oder kognitiven Einschränkungen, überängstlichen oder sehr jungen Schülern oder bei Senioren mit körperlichen Einschränkungen. Der Schulungsbedarf verkürzt sich bei Personen, die noch einen Sehrest haben oder eine besonders schnelle Auffassungsgabe haben. Die Schulung dauert daher je nach Anforderungen einige Wochen bis zu einigen Monaten. Falls sich bei einer Person gravierende Veränderungen im Leben ergeben, kann ein erneuter Schulungsbedarf entstehen z. B. bei Umzug in eine andere Stadt oder von der Stadt aufs Land.

Der Mobilitätslehrer[Bearbeiten]

Ein Mobilitätslehrer muss während seiner Ausbildung viele Stunden unter einer Augenbinde verbringen. Nur so ist es ihr bzw. ihm möglich, die Techniken aus O&M selber anzuwenden, bevor sie weitergegeben werden. Durch diese Methode soll verhindert werden, dass ein Mobilitätslehrer seine späteren Klienten oder Schüler unter- oder überfordert. Neben diesen sehr praktischen Einheiten, deren Vermittlung sich über Monate erstreckt, müssen noch spezielle theoretische und didaktische Unterrichtseinheiten absolviert werden.[4][5] Nach einer erfolgreichen Schlussprüfung kann ein Mobilitätslehrer seinen Beruf ausüben. Die Arbeit kann dabei im Rahmen einer Anstellung z. B. an einer Blindenschule oder freiberuflich geschehen.

Prinzipiell muss ein Mobilitätslehrer für die Schulung von Blinden selbst gut sehen können, weil er einerseits den Auszubildenden gezielt auffordert, alleine zu gehen, andererseits ihn schützt, indem er das (Verkehrs-)Geschehen überwacht. Insbesondere greift er in bedrohlichen Situationen ein, korrigiert Stockhaltungen und -techniken und kontrolliert den Lernfortschritt. Seit 2011 sind jedoch in Deutschland, Schweiz und besonders in Österreich zunehmend blinde Mobilitätstrainer aus den USA nachgefragt,[6] da sie die menschliche Echoortung mit Klicksonar, den Umgang mit dem Langstock und Strategien zur Orientierung und Mobilität aus eigener Erfahrung abgewandelt haben und in dieser Form neu verwenden und vermitteln. In Österreich z.B. werden, durch Ministerialbeschlusss von 2012, regelmäßig US-amerikanische O&M-Trainer für die Aus- und Weiterbildung von blinden Menschen eingesetzt.[7]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Beispiele: Wand, Pfeiler, Säule, Plafond, Gewölbe, Keller, Dachstuhl, Stiegenhaus, Parterre, Flur, Trakt, Flügel, Aula, Turm etc.
  2. Gehsteig, Fahrbahn, Karree, Kreuzung, Schutzweg (Zebrastreifen) u.ä.
  3. [1] Das Entwicklungsstufenmodell nach Piaget
  4. [2] IRIS e. V. – Weiterbildung zum Rehabilitationslehrer
  5. [3] BLISTA – Deutsche Blindenstudienanstalt e. V.
  6. [4] Anerkennung erweiterter Orientierungstechniken
  7. [5] Österreichische Veranstaltungen mit blinden O&M-Trainern.

Literatur[Bearbeiten]

  • H. Ginsburg, S. Opper: Piaget’s theory of intellectual development. An introduction, Prentice-Hall, New-Jersey 1969. Deutsche Übersetzung: Piagets Theorie der geistigen Entwicklung, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-93042-6.
  • Wolfram Lutterer: Der Prozess des Lernens: eine Synthese der Lerntheorien von Jean Piaget und Gregory Bateson, Weilerswist 2011 (1. Auflage), ISBN 978-3-938808-86-3.
  • Lilli Nielsen: Das Ich und der Raum. Aktives Lernen im "Kleinen Raum", Würzburg 1993, ISBN 3-925265-44-9.

Weblinks[Bearbeiten]