Orrorin tugenensis

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Orrorin tugenensis
Orrorin tugenensis.jpg

Orrorin tugenensis

Zeitliches Auftreten
Oberes Miozän
6,2 bis 5,65 Mio. Jahre
Fundorte
Systematik
Altweltaffen (Catarrhini)
Überfamilie: Menschenartige (Hominoidea)
Familie: Menschenaffen (Hominidae)
Tribus: Hominini
Gattung: Orrorin
Art: Orrorin tugenensis
Wissenschaftlicher Name
Orrorin tugenensis
Senut, Pickford et al., 2001

Orrorin tugenensis ist eine ausgestorbene Art der Menschenaffen, die im oberen Miozän in Kenia vorkam. Ihre fossilen Überreste wurden auf ein Alter von rund 6 Millionen Jahre datiert. Sie stehen vermutlich Ardipithecus und Sahelanthropus tchadensis nahe und werden wie diese von vielen Forschern dem Formenkreis der Australopithecinen zugerechnet. Wegen seiner Entdeckung im Jahr 2000 wird Orrorin tugenensis auch als „Millennium Man“ bezeichnet.

Da Orrorin tugenensis vermutlich aufrecht gehen konnte, wurde er von seinen Entdeckern in die Ahnenreihe der Gattung Homo gestellt; wegen der wenigen, bruchstückhaften Fundstücke ist dies allerdings umstritten.

Fundbeschreibung[Bearbeiten]

1974 fand Martin Pickford in den Tugen Hills nahe der Ortschaft Cheboit, 250 km westlich von Nairobi, einen Molaren, der im folgenden Jahr zusammen mit anderen Funden wissenschaftlich beschrieben wurde.[1] Erst 26 Jahre später, im Oktober 2000, entdeckte eine französisch-kenianische Forschergruppe weitere Fossilien, denen der bereits bekannte Zahn zugeordnet wurde. Die neuen Funde bestanden aus zwei zusammengehörigen Unterkiefer-Bruchstücken mit drei Molaren (Archivnummer BAR 1000a'00 und BAR 1000b'00; BAR steht für den kenianischen Distrikt Baringo), die Kiptalam Cheboi entdeckte und die im Jahr 2001 in der wissenschaftlichen Erstbeschreibung von Orrorin tugenensis als Holotypus ausgewiesen wurden.[2] Ferner wurden weitere fünf mit dem Unterkiefer nicht assoziierte Zähne entdeckt, ein Fingerknochen, das Bruchstück eines rechten Oberarmknochens sowie drei Fragmente von Oberschenkelknochen; später kam noch das Endglied eines Fingers hinzu.[3]

Diese Funde wurden aus vier verschiedenen Lagerstätten geborgen, so dass ihre Zuordnung zu einer einzigen Art nicht zwingend ist; der Fingerknochen (BAR 349'00) stammt beispielsweise aus einer Fundschicht, die möglicherweise mehr als 300.000 Jahre jünger ist als die Schichten der übrigen Funde. Auch die Zahnfunde entstammen unterschiedlich alten Schichten, lassen aber zumindest darauf schließen, dass sie von einem Lebewesen stammten, das sich vorwiegend von Pflanzen ernährte. Das Alter der Fundschichten konnte, da sowohl über ihnen als auch unter ihnen Gesteine vulkanischen Ursprungs lagern, zuverlässig in die Zeit zwischen 6,2 bis 5,65 Millionen Jahre datiert werden.

Aus dem Bau der Oberschenkelknochen leiteten die Forscher ab, dass Orrorin tugenensis aufrecht gegangen sei.[4] Da eine ähnliche Dicke der äußeren Knochenschicht aber auch bei Pavianen existiert, war diese Deutung zunächst sehr umstritten.[5] Das gleiche galt für die Aussage, aus dem Bau der Oberarmknochen lasse sich die Fähigkeit zum Tragen von schweren Lasten ableiten. Gesichert kann hingegen aus der Größe der Arm- und Beinknochen abgeleitet werden, dass Orrorin tugenensis rund 50 Prozent größer war als Lucy, das bekannteste Hominidenskelett der weit jüngeren Art Australopithecus afarensis.

Begleitfunde von diversen Tier- und Pflanzenarten lassen den Schluss zu, dass die Fundschichten einem Lebensraum entstammen, in dem sich Waldstücke, feuchte Graslandschaften und Seeufer abwechselten (Galeriewälder).

Der Gattungsname ist abgeleitet von dem Wort orrorin, was in der Sprache der Tugen „Urmensch, Fossil“ bedeutet; das Epitheton tugenensis verweist auf den Fundort, die Tugen Hills im Baringo Distrikt in Kenia; Orrorin tugenensis bedeutet somit ungefähr „Urmensch aus Tugen“. Die Fossilien werden im kenianischen Nationalmuseum in Nairobi aufbewahrt.

Kontroverse[Bearbeiten]

Obwohl die Fossilien nur fragmentarisch erhalten sind und aus unterschiedlichen Fundstellen und Zeithorizonten stammen, leiteten ihre Entdecker weit reichende Schlussfolgerungen aus ihnen ab. So schrieben sie 2001 im South African Journal of Science bereits vor der Einordnung der Fossilien als neue Art, ihre Funde stünden „hinsichtlich Größe und Morphologie den heute noch lebenden Hominiden näher als die viel jüngeren Australopithecinen und Ardipithecus ramidus“. Diese bezeichneten sie als ausgestorbene Seitenlinie; statt ihrer stellten sie die eigenen kenianischen Fossilienfunde an die Basis jener Entwicklungslinie, die letztlich zum modernen Menschen führte und erklärten auf diese Weise Kenia zur eigentlichen Wiege der Menschheit. Um diese Thesen entbrannte sofort eine heftige wissenschaftliche Diskussion, die noch andauert.

Eine neuerliche Untersuchung des am besten erhaltenen Oberschenkelknochens BAR1002'00 durch Brian Richmond von der George Washington University und William Jungers von der Stony Brook University bestätigt im März 2008, dass Orrorin tugenensis aufrecht gehen konnte. Der Bau des Knochens unterscheide sich sowohl von dem der Menschenaffen als auch von dem der Gattung Homo; er ähnele am ehesten dem Oberschenkelknochen von Australopithecus und Paranthropus. Computergestützte Analysen von 300 fossilen und jetztzeitlichen Vergleichsstücken ergaben ferner, dass insbesondere die Biomechanik der Hüfte jener der Australopithecinen sehr ähnlich sei. Die beiden Forscher vermuten daher, dass sich diese Merkmale schon bei den gemeinsamen Vorfahren der genannten Arten entwickelten, nahezu vier Millionen Jahre Bestand hatten und erst im späten Pliozän – mit dem Entstehen der Gattung Homo – modifiziert wurden.[6] Sie bezeichneten den Fund daher zwar ausdrücklich als hominin, ihre Analyse stützte zugleich aber die These der Mehrzahl der Paläoanthropologen, dass die Entwicklung zum modernen Menschen nicht direkt von Orrorin tugenensis ausging, sondern von den Australopithecinen.[7]

Im Februar 2011 kritisierten Bernard Wood und Terry Harrison in einem Review-Artikel die Zuordnung von Orrorin sowie von Ardipithecus und Sahelanthropus zum Taxon Hominini als voreilig.[8] Der aufrechte Gang sei keineswegs ein ausschließliches Merkmal der Hominini, sondern beispielsweise auch für Oreopithecus bambolii belegt, der – wie auch Ramapithecus punjabicus – zunächst an die Basis der Hominini gestellt, später aber aufgrund anderer Merkmale zweifelsfrei abseits der Hominini eingeordnet wurde. Nicht auszuschließen sei daher, dass die Ähnlichkeit der Merkmale von Orrorin mit denen der ältesten als unzweifelhaft hominin geltenden Art Australopithecus anamensis als Synapomorphie zu bewerten ist und auf konvergente Entwicklungen verweist.

Im folgenden Jahr erwiderte Martin Pickford, dass Orrorin Homo in drei separaten Merkmalen näher stehe als Australopithecus: Hand (Daumen), Bein (Oberschenkelknochen) und Zahnapparat (Zahngröße und -verhältnis).[9]

Die Gattungen der Hominini:
Die zeitliche Abfolge lässt keine Rückschlüsse auf ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu.


Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Pickford: Late Miocene sediments and fossils from the Northern Kenya Rift Valley. In: Nature. Band 256, 1975, S. 279–284, doi:10.1038/256279a0
  2. Brigitte Senut, Martin Pickford, Dominique Gommery, Pierre Mein, Kiptalam Cheboi, Yves Coppens: First hominid from the Miocene (Lukeino Formation, Kenya). In: Comptes Rendus de l'Académie des Sciences – Series IIA – Earth and Planetary Science. Band 332 (2), 2001, S. 137–144, doi:10.1016/S1251-8050(01)01529-4
  3. www.modernhumanorigins.net Eine ausführliche Darstellung der Funde
  4. M. Pickford, B. Senut: ‚Millennium ancestor‘, a 6-million-year-old bipedal hominid from Kenya. In: South African Journal of Science. Band 97, Nr. 1-2, 2001, S. 22, PDF
  5. Ann Gibbons: Oldest Human Femur Wades Into Controversy. In: Science. Band 305, 2004, S. 1885, doi:10.1126/science.305.5692.1885a
  6. Brian G. Richmond, William L. Jungers: Orrorin tugenensis Femoral Morphology and the Evolution of Hominin Bipedalism. In: Science. Band 319, 2008, S. 1662–1665, doi:10.1126/science.1154197
  7. Ann Gibbons: Millennium Ancestor Gets Its Walking Papers. In: Science. Band 319, 2008, S. 1599–1601
  8. Bernard Wood, Terry Harrison: The evolutionary context of the first hominins. In: Nature. Band 470, 2011, S. 347–352, doi:10.1038/nature09709
  9. Martin Pickford: Orrorin and the African ape/hominid dichotomy In: African Genesis. Perspectives on Hominin Evolution. Ed. Sally C. Reynolds, Andrew Gallagher, Cambridge 2012, S. 104-108, ISBN 9781107019959