Osmanische Architektur

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Als Osmanische Architektur ist der Oberbegriff für die Architektur des Osmanischen Reiches (ca. 1300–1923) in seinem Kerngebiet, dem Balkan (Rumelien) und Kleinasien (Anatolien). Einen einheitlichen Architekturstil gab es jedoch nicht, obwohl die zwei Regionen durch die repräsentativen und monumentalen Bauwerke in der Hauptstadt Konstantinopel (heute Istanbul) geprägt wurden. Bedeutende osmanische Bauten sind auch in den ehemaligen Hauptstädten Edirne und Bursa, sowie in den Zentren osmanischen Kultur am Balkan (in Skopje, Sarajevo, Sofia, etc.) erhalten. Die Architektur der arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches (z. B. Palästina, Ägypten) wird zumeist nicht hinzugerechnet.

Während bei den seldschukischen Vorfahren der Osmanen auch hans (Karawansereien) und Medressen zu den bedeutendsten Bauwerken zählen, war bei den Osmanen die Moschee allen anderen Bautypen gegenüber übergeordnet. Da die uns erhalten gebliebenen Wohnhäuser zumeist aus dem 19., selten auch aus dem 18. Jahrhundert stammen, weiß man relativ wenig über den Wohnbau früherer Epochen. Ein regelrechtes Architekturmuseum ist andererseits der Topkapı-Komplex in Istanbul, dem jeder zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert herrschende osmanische Sultan einen Pavillon (oder ein übriges Bauwerk) hinzugefügt hat, weshalb der Topkapı sarayı eher ein organisch gewachsener Herrschaftskomplex ist als ein „Palast“ im europäischen Sinn. Bemerkenswert sind auch die osmanischen Brunnen (çeşme) und Wasserspender (sebil), die besonders im 18. Jahrhundert als eigenständige Kunstwerke, also nicht mehr als reine Nutzobjekte, an Bedeutung gewinnen.

Entwicklung und Blüte der osmanischen Sakralarchitektur[Bearbeiten]

Als Glanzzeit der osmanischen Architektur gilt gemeinhin das 16. Jahrhundert. Hier fällt die Expansionszeit des Reiches unter Süleyman dem Prächtigen mit dem Wirken des Architektengenies Sinan zusammen. Allgemein als größter osmanischer Architekt bezeichnet, ist Sinan aber auch einer der wenigen, dessen Name bekannt ist. Während in den vorigen Jahrhunderten, gerade im 14., noch viel experimentiert wurde, gilt das 16. Jahrhundert als die „klassische Epoche“ osmanischer Architektur. Nach der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453, wurde die byzantinische Hagia Sophia vielfach (und bewusst) zum Modell für die Repräsentationsbauten des 16. und späterer Jahrhunderte (z. B. Süleymaniye-Moschee in Istanbul, Selimiye in Edirne). In den Provinzen fällt die Architektur deutlich reduzierter aus, glänzt jedoch durch harmonische Proportionen.

Die Grundelemente der „klassischen“ osmanischen Moschee sind der Gebetsraum, stets ein Kubus, dem eine Kuppel aufgesetzt ist. Dem Eingang vorgebaut ist ein Portikus, mit mehreren leicht gespitzten Bögen, und mit der gleichen Anzahl kleinerer Kuppeln überdacht. Links des Portikus findet sich das Minarett, das in der osmanischen Variante – anders als im Arabischen oder Persischen Raum – stets ein schlankes, hohes „Bleistiftminarett“ ist. Nur die Sultansmoscheen weisen zwei oder mehrere Minarette auf. Das Ornament konzentriert sich hauptsächlich auf mehrere Einzelteile der Moschee. Außen sind diese das Portal, meist gerahmt und mit in den Stein oder Marmor gemeisselten Verzierungen, im Inneren die nach Mekka gerichtete Gebetsnische (mihrab) und die aus Holz geschnitzte Kanzel (minber). Auch die Reinigungsbrunnen Şadırvan waren in der Osmanischen Architektur zentral und oft reichlich verziert.

Das Innere der Kuppel und anderer Flächen im Inneren sind weiters oft mit abstrakten, geometrischen Verzierungen bemalt, selten aber Flächendeckend. In der Spätzeit – also im 18. und 19. Jahrhundert – wird der Wandmalerei schließlich größere Bedeutung zugemessen, und pflanzenartig-wucherndes Ornament, teils mit dem Barock entlehnter Motivik, ist im Inneren der Moscheen – in den Provinzen auch teils an den Außenwänden (z. B. in den „Bunten Moscheen“ in Tetovo und Travnik, oder der Bairakli-Moschee in Samokow) – zu finden. Wenn auch die spätosmanischen Moscheen verspieltere Bauplastikelemente in ihr Repertoire aufnehmen, so wird doch bis zuletzt nicht an der Grundidee der osmanischen-Moschee, dem überkuppelten Kubus, gerüttelt, die sie von anderen Architekturstilen der islamischen Welt unterscheidet.

Moschee in Rasgrad, Bulgarien

In der europäischen Kunstgeschichte wird der osmanischen Architektur nach wie vor kaum Raum geboten. Dies hängt einerseits damit zusammen, dass Europäer die osmanische Moschee lange für ein wenig eigenständiges Derivat byzantinischer Baukunst, besonders der Hagia Sophia, hielten; andererseits damit, dass der osmanischen Architektur mit ihrer eher nüchternen Fassadengestaltung, Repetition und Selbstreferenz die künstlerische Kreativität abgesprochen wurde („Ingenieursästhetik“). Der Kenner vermag hingegen Überraschendes weniger im Gesamtcharakter als im Detail zu finden. Die Moscheen der Spätzeit, zumindest seit der Nuruosmaniye-Moschee (1748–1756), nähern sich allerdings bereits stark westlicher Ästhetik an, und selbst die Fassaden werden zur Zeit des sogenannten Osmanischen Barocks bewegter und verspielter; ein Wandel, der in Bauten wie der auffälligen Nusretiye Moschee (1820er) seinen Höhepunkt findet, bevor die Architektur der Tanzimatzeit (nach 1839) dann tatsächlich als Teil des europäischen Mainstreams, wenn auch mit lokalen Eigenheiten, anzusehen ist. Das Tabu üppiger, plastischer Fassaden wird letztendlich zur Mitte des 19. Jahrhunderts gebrochen, und Stilrichtungen europäischer Kunst (Barock, Gotik, Neoklassizismus, etc.) vermischen sich mit lokalem Substrat zu einem hybriden Eklektizismus (z. B. Moscheen in Ortaköy, Aksaray, Yıldız; Dolmabahçe und Çırağan-Paläste am Bosporus; hölzern-filigrane Küstenvillen (yalıs) am Bosporus, etc.).

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Goodwin, Godfrey: A History of Ottoman Architecture. Thames and Hudson, London 1971.
  • Nur Akın, Afife Batur, Selçuk Batur (Hrsg.): 7 Centuries of Ottoman architecture. “A Supra-National Heritage”. YEM, Istanbul 2000.
  • Machiel Kiel: Studies on the Ottoman Architecture of the Balkans. Variorum, Aldershot 1990.
  • Kuran, Aptullah: "Eighteenth Century Ottoman Architecture", in: Studies in Eighteenth Century History. Hrsg. von Thomas Naff und Roger Owen. Feffer & Simons, London und Amsterdam 1977. S. 303–327.
  • Győző Gerő: Balkanische Einflüsse in der türkischen Moschee-baukunst Ungarns im 16.–17. Jahrhundert. in: EJOS, IV 2001 (= M. Kiel, N. Landman & H. Theunissen (Hrsg.): Proceedings of the 11th International Congress of Turkish Art. Utrecht - The Netherlands, 23.-28. August, 1999), Nr. 20, 1-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Osmanische Architektur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien