Ostalgie

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Verkauf von DDR-T-Shirts in Berlin (2004)

Als Ostalgie (Kofferwort aus „Osten“ und „Nostalgie“) wird die nostalgische Sehnsucht nach der DDR bzw. die Sehnsucht nach bestimmten Lebensweisen und Alltagsgegenständen der DDR bezeichnet. Die Wortschöpfung wird dem Kabarettisten Uwe Steimle zugeschrieben.

Inhaltsverzeichnis

Ursache[Bearbeiten]

Die Ostalgie wurde unter anderem durch einen Identitätsverlust in Ostdeutschland nach der Deutschen Wiedervereinigung ausgelöst. Der Zusammenbruch und die Abwertung des ostdeutschen Wertesystems, sowie die Unterstellung vieler Westdeutscher und einiger junger Ostdeutscher, dass Ostdeutsche nicht inmitten gesellschaftlicher Begrenzungen persönliche Freiheit empfunden und gelebt haben könnten, schürten nach 1989 bei vielen Ostdeutschen Renitenz und Sehnsuchtsgefühle. Jenseits dessen ergaben sich als Konsequenzen der Wiedervereinigung eine hohe Arbeitslosigkeit und eine nachlassende Wirtschaftsentwicklung im Osten. Auch diese beiden Konsequenzen sind verantwortlich für das Zustandekommen der Ostalgie. Da viele Menschen nach der Wiedervereinigung enttäuscht waren, da diese keine Verbesserung ihrer Lage erzielte, entstand aus dieser Verbitterung eine Erinnerung an die „guten alten Zeiten“. Rolf Schneider meint dazu, dass „aus diffusen Gefühlen und Erinnerungen […] das Bild einer DDR [entsteht], die so nie existiert hat“.[1]

Nur extrem wenige ehemalige Volkseigener Betriebe und Kombinate überlebten die riesigen Probleme bei Privatisierung durch die Treuhandanstalt in den frühen 1990er Jahren. Mit den Massen-Abwicklungen verschwanden innerhalb kürzester Zeit nicht nur fast alle ehemaligen Arbeits- und Produktionsstätten auf dem Gebiet der DDR für immer, sondern auch die von ihnen hergestellten Marken und Produkte. (Die wenigen Unternehmen, die Krise und die Privatisierung überlebten, stabilisierten sich danach jedoch meistens. Etwa Mitte der 1990er Jahre begannen sie, ihre Marktposition entscheidend zu verbessern. So dass seitdem auch Unternehmen, auf die die Rechte des insolventen, in der DDR so bezeichneten Volkseigentums übergegangen sind, immer wieder alte und neue Produkte unter dem bekannten DDR-Namen auf den Markt bringen.)

Die Historikerin Beatrix Bouvier vertritt die Meinung, dass eine positive Wertung der DDR-Zeit erst dadurch ermöglicht worden sei, dass die DDR beinahe nahtlos in der Bundesrepublik Deutschland aufging. Dadurch hätten die Ostdeutschen zwar die Wohltaten der sich zunehmend verschuldenden und damit „auf Pump und auf Kosten der Zukunft“ lebenden Sozialpolitik in der DDR erfahren, nicht aber den daraus resultierenden „tatsächlichen Bankrott“ des Sozialismus in der DDR.[2]

Beispiele[Bearbeiten]

Stand mit DDR-Erinnerungsstücken in Berlin (2006)

Gegenstände, die mit Ostalgie in Verbindung gebracht werden:

Weiterhin gibt es neben ostalgischen Veranstaltungen auch Rundfunksendungen, die den Alltag in der DDR und die mit ihm verbundenen Lebensweisen und Gegenstände sowie Erinnerungen an die DDR zum Thema haben.

Kritik[Bearbeiten]

Es wird kritisiert, dass im Rahmen der nostalgischen Sehnsucht die gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Zustände, die in der DDR herrschten, ausgeblendet, verdrängt oder schöngeredet werden würden. Unter dem Motto „Ostalgie – nein danke!“[3] kritisieren beispielsweise Landesverbände der Jungen Union den Wunsch, die politischen Verhältnisse der DDR-Zeit wiederherzustellen. Im November 2011 beschloss die CDU auf ihrem Bundesparteitag in Leipzig auf Initiative der Jungen Union die Prüfung eines Verbots von Symbolen, „die in besonderer Weise für das SED-Unrechtsregime stehen“.

Franz-Robert Liskow, Mitglied der Greifswalder Bürgerschaft und Kreisvorsitzender der Jungen Union, kritisiert bei seinen Parteifreunden im Westen deren Distanz zur DDR-Geschichte und ihre Unkenntnis der Vielschichtigkeit des DDR-Alltags, zu dem auch die Mitgliedschaft in der FDJ gehört habe. Rüdiger Behrendt, Fraktionsvorsitzender der CDU im Pasewalker Stadtrat und zuvor Kreisvorsitzender der Jungen Union Landkreis Uecker-Randow, gibt zu bedenken, dass er selbst FDJler und Pionier gewesen sei und damit keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. Man solle über die DDR aufklären, auch über ihre negativen Seiten. Aber viele DDR-Bürger hätten mit den Symbolen gelebt. Wenn man ihnen diese wegnehme, gehe auch ein Stück Identität verloren. Die Hardliner in der JU bewertet Behrendt als „Rebellen, die manchmal auch übers Ziel hinaus schießen dürfen.“[4]

Filme[Bearbeiten]

Sonnenallee von Leander Haußmann aus dem Jahre 1998 war einer der ersten kommerziell erfolgreichen Filme nach der Wende, der rückblickend auf unernste Weise das Leben in der DDR nachzeichnet und dabei auch viel Wert auf Details legt, wodurch er auch nostalgische Empfindungen bediente. Gleiches trifft auch auf die späteren Filme NVA (ebenfalls von Haußmann) und Kleinruppin forever sowie die Sitcom Meine schönsten Jahre zu.

Der Film Good Bye, Lenin! bediente nicht nur nostalgische Gefühle, er thematisierte darüber hinaus auch das Festhalten an alte Erinnerungen an die DDR.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Ahbe: Ostalgie. Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren. Erfurt 2005. (Digitalisat; PDF; 186 kB)
  • Eva Banchelli (Hrsg.): Taste the East: Linguaggi e forme dell’Ostalgie. Sestante, Bergamo 2006.
  • Eva Banchelli: Ostalgie: eine vorläufige Bilanz, in Fabrizio Cambi (Hg.): Gedächtnis und Identitat. Die deutsche Literatur der Wiedervereinigung, Würzburg, Koenigshausen & Neumann, 2008, S. 57–68.
  • Daphne Berdahl: Ostalgie und ostdeutsche Sehnsüchte nach einer erinnerten Vergangenheit. In: Thomas Hauschild (Hrsg.): Inspecting Germany. Internationale Deutschland-Ethnographie der Gegenwart (= Forum europäische Ethnologie, Bd. 1). Münster [u. a.] 2002, S. 476–495.
  • Jens Bisky: Zonensucht. Kritik der neuen Ostalgie. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. 658 (2004), 58. Jg., S. 117–127.
  • Henryk M. Broder: „Wir lieben die Heimat“. Über den langen Abschied von der DDR. In: Der Spiegel, Nr. 27 (1995), S. 54–64 (einschl.: Spiegel-Umfrage: Stolz aufs eigene Leben. In: Der Spiegel. 27 (1995), S. 40–52.)
  • David Clarke, William Niven (Hrsg.): Special Theme Issue: Beyond Ostalgie. East and West German identity in contemporary German culture. In: Seminar. A Journal of Germanic Studies. 3 (2004), 40. Jg., S. 187–312.
  • Paul Cooke: Representing East Germany since unification. From colonization to nostalgia. Oxford 2005.
  • Rainer Gries: Der Geschmack der Heimat. Bausteine zu einer Mentalitätsgeschichte der Ostprodukte nach der Wende. In: Deutschland-Archiv 10 (1994), 27. Jg., S. 1041–1057.
  • Jonathan Grix, Paul Cooke (Hrsg.): East German distinctiveness in a unified Germany (= The new Germany in context). Birmingham 2002.
  • Thomas Leurer, Thomas Goll (Hrsg.): Ostalgie als Erinnerungskultur? Symposium zu Lied und Politik in der DDR (= Würzburger Universitätsschriften zu Geschichte und Politik, Bd. 6). Baden-Baden 2004.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Von linker Melancholie, Der Spiegel 34/1991 vom 19. August 1991.
  2. Beatrix Bouvier: Die DDR – ein Sozialstaat? Sozialpolitik in der Ära Honecker, Bonn 2002, S. 10.
  3. http://www.ostalgie-nein-danke.de/
  4. Carsten Schönebeck: Die CDU mag keine Ostalgie-Produkte. In: Nordkurier. 20. November 2011