Ostgermanische Sprachen

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Die ostgermanischen Sprachen (auch Vandilische, Illevionische oder Oder-Weichsel-Germanische Sprachen) bilden einen ausgestorbenen Sprachzweig der germanischen Sprachen. Keine der in diesem Zweig klassifizierten Sprachen wird heute noch als Muttersprache praktiziert. Die einzige ostgermanische Sprache, die aufgrund erhaltener Texte ausreichend überliefert ist, ist Gotisch.

Von anderen Sprachen wie Vandalisch, Burgundisch und Krimgotisch nimmt man an, dass sie zu den ostgermanischen Sprachen zählen. Bei der letzten Sprache vermutet man, dass sie noch bis ins 18. Jahrhundert hinein verwendet wurde.

Terminus „Ostgermanisch“[Bearbeiten]

Die Bezeichnung „Ostgermanisch“ ist, wie Nord- und Westgermanisch, ein Neologismus aus dem 19. Jahrhundert. Das Präfix „Ost-“ bezieht sich dabei auf deren älteste bekannte Heimat östlich der Oder. Erstmals teilten die Philologen Karl Müllenhoff und Wilhelm Scherer die Germanen in West- und Ostgermanen ein[1]. Den Terminus „Ostgermanen“ verwendeten sie als Überbegriff für die skandinavische (heute: nordgermanische) und gotische (heute: ostgermanische) Gruppe[2][3]. Ferdinand Wrede schrieb 1886: „Wir sind gewohnt den Ausdruck ‚gotisch‘ allgemein für die Sprache des wandilischen Stammes anzuwenden, was jedenfalls ungenau ist“.[4] Damit nahm er den von Plinius verwendeten Begriff „Wandilisch“ auf. In der Folgezeit setzte sich diese Begriffsbildung durch. Durch die zunehmend bevorzugte Dreiteilung des Germanischen verdrängte der Begriff „Ostgermanisch“ Anfang des 20. Jh. den Terminus „Wandilisch“. Für die nord- und ostgermanische Gruppe wurden später die Begriffe „Gotonordisch“ (Richard Loewe, 1922; Ernst Schwarz, 1951) oder „Nordostgermanisch“ gebraucht. Die heute üblichen Einteilungen des Germanischen basieren größtenteils auf die Fünfteilung von Friedrich Maurer (1942), der diese Gruppe als „Oder-Weichsel-Germanen“ bzw. „Illevionen“ bezeichnete.

Klassifizierung und Unterschiede[Bearbeiten]

Mehrmals wurde versucht das Ostgermanische mit den anderen germanischen Sprachzweigen in Verbindung zu bringen. Die Problematik bestand darin, dass die Sprachgruppen unterschiedliche Gemeinsamkeiten aufwiesen.

Gemeinsamkeiten zwischen den Sprachzweigen[Bearbeiten]

Gemeinsamkeiten des Nord- und Ostgermanischen[Bearbeiten]

Zu den wichtigsten Gemeinsamkeiten des Gotischen und des Altnordischen gehört die Deklination im Nominativ durch Anhängung eines -s bzw. eines -r, z. B. got. dags, altnord. dagr „der Tag“. Ebenso erhielten die Nord- und Ostgermanen die Lautkombination -ggw- vom urgerm. *-ww- und das urgerm. *-jj entwickelte sich im Altnord. zu -ggj- und im Got. zu -ddj-. Daneben gibt es weitere morphologische Gemeinsamkeiten, wie z. B. 1. S. Opt. got. -au, -jau = altnord. -a, -ja.

Gemeinsamkeiten des Nord- und Westgermanischen[Bearbeiten]

Der Grund warum heute eher zu einem Nordwestgermanischen tendiert wird, ist der, dass das Gotische mehrere Archaismen bewahrt hat und jüngere Entwicklungen nicht mitgenommen hat. Dafür spricht der sog. Rhotazismus, vgl. got. weis, altnord. ver, nhd. wir, oder der Abfall der reduplizierenden Vergangenheit, vgl. ahd. het ggü. got. haihait „er hieß“.

Gemeinsamkeiten des Ost- und Westgermanischen[Bearbeiten]

Die Gemeinsamkeiten des Gotischen mit denen des Westgermanischen sind im Vergleich mit dem Altnordischen zu gering, um von einer „West-Ostgermanischen“ Übergangssprache sprechen zu können. Einzig die Klassifizierung des Langobardischen, Burgundischen oder des Suebischen führte zur Annahme eines gemeinsamen Sprachbundes.

Verwandtschaft zu den anderen Sprachzweigen[Bearbeiten]

Im 19. Jh. war man aufgrund der Gemeinsamkeiten von einer näheren Verwandtschaft zwischen dem Nordgermanischen und dem Ostgermanischen überzeugt.[5] Außerdem überlieferte Jordanes implizit, dass die Goten ihren Ursprung in Skandinavien hätten (vgl. auch Gotland). Die Gemeinsamkeiten des Nord- und Westgermanischen betrachtete man als sekundäre Entwicklung: „Indessen begründen diese Übereinstimmungen keine nähere Verwandtschaft der Mundarten, sondern sind als jüngere gemeingermanische Entwicklung aufzufassen, von der das Gotische wegen seiner durch die Wanderung herbeigeführten Isolierung unberührt geblieben ist“.[6] Im 20. Jh. setzte sich die Theorie der Dreiteilung des Germanischen durch, die Friedrich Maurer mit seiner Theorie der fünf germanischen Stämme ab 1942 widerlegte. Die Hypothese einer sog. gotonordischen Übergangssprache wurde 1951 von Ernst Schwarz erneut proklamiert und fand in der Folgezeit vermehrt Zustimmung, so bei Hans Krahe 1956 und Lehmann 1966. 1975 veröffentlichte Elmer Antonsen seine Theorie einer Nordwestgermanischen Übergangssprache, die heute noch von vielen vertreten wird.[7][8] Heute ist man jedoch der Ansicht, dass sich die germanischen Sprachgruppen noch lange beeinflusst haben und es sich bei der Einteilung eher um geografische Schwerpunkte handelt, als um historische Protosprachen. Eine ostgermanische Ursprache wird daher nicht mehr angenommen.

Sprachen[Bearbeiten]

Sie werden auf Stämme zurückgeführt, für die neben Ostgermanen auch die Bezeichnung Oder-Weichsel-Germanen verwendet wird.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Über die Sprache der Vandalen“ (1. Teil; 1886) Ferdinand Wrede, S. 6
  2. Wilhelm Braune: Gotische Grammatik: Mit einigen Lesestücken und Wortverzeichnis; 1895; S. 91: „Die gotische oder wandilische völkergruppe fassen wir mit den skandinavischen Völkern zusammen als Ostgermanen, denen die übrigen Germanen als Westgermanen gegenüberstehen.“
  3. Ferdinand Dieter: Laut- und Formenlehre der altgermanischen Dialekte; 1900 S. 11
  4. Ferdinand Wrede: Über die Sprache der Vandalen, 1. Teil; Marburg: Elwert, 1886; S. 6
  5. vgl. Quellen des Abschnitts „Terminus Ostgermanisch“
  6. Ferdinand Dieter: Laut- und Formenlehre der altgermanischen Dialekte; 1900; S. 12
  7. Edith Marold: Nordwestgermanisch; Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 13; Berlin, New York: de Gruyter, 1995; ISBN 978-3-11-014818-3
  8. Michael Meier-Brügger: Indogermanische Sprachwissenschaft; Berlin, New York: de Gruyter, 20028; ISBN 3-11-017243-7; S. 36