Ostmärkische Sturmscharen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ostmärkische Sturmscharen nannte sich eine 1930 in Österreich unter führender Mitwirkung des christlichsozialen Nationalratsabgeordneten Kurt Schuschnigg gegründete „katholische kulturpolitische Erneuerungs- und Schutzbewegung[1] beziehungsweise paramilitärische Wehrformation.

Geschichte[Bearbeiten]

Am 14. Oktober 1930 fand in Innsbruck im „Austriahaus“ im Rahmen einer „Jungwählerversammlung des katholischen Jungvolkes“ die Gründungsversammlung dieser Vereinigung statt. Als Verbandsobmann fungierte der Innsbrucker Lehrer und Gemeinderat Hans Bator. Als Zweck des Vereins wurde die vaterländische und kulturelle Schulung der katholischen Jungmänner Österreichs deklariert. Im Juni 1933 wurde der Vereinssitz von Innsbruck nach Wien verlegt. Bei der damit verbundenen Änderung der Statuten wurde als Ergänzung die Ausbildung der männlichen Jugend im Wehrsport angeführt.[2] Die Ostmärkischen Sturmscharen traten für eine katholisch-christliche Gesellschaftsordnung ein und rekrutierten ihre Mitglieder vor allem aus katholischen Jugend-, Gesellen- und Lehrerorganisationen. Von Beginn an wurden auch Nebenorganisationen für Frauen und Mädchen aufgebaut.

Obwohl sie ursprünglich als reine Kulturorganisation gegründet worden waren, begannen die Ostmärkischen Sturmscharen im Zuge ihres österreichweiten Aufbaues ab 1932 auch mit der Aufstellung eigener Wehrformationen. Ihren eigenen Angaben zufolge umfassten diese 1933 15.000 Mann. An der Niederschlagung der so genannten Februarrevolte des Republikanischen Schutzbundes im Jahr 1934 beteiligten sich die Sturmscharen mit einem Aufgebot von 4.900 Mann.[3]

Politisch waren die Ostmärkischen Sturmscharen, als deren Reichsführer schon bald Kurt Schuschnigg fungierte, dem rechten Spektrum zuzurechnen, die einen engagierten christlich-sozialen österreichischen Patriotismus vertraten. Der Radikalität der Heimwehren standen sie jedoch grundsätzlich ablehnend gegenüber und ließen sich von diesen nicht vereinnahmen. Das machte sie auch interessant für christlichsoziale Politiker wie Engelbert Dollfuß, für den die Ostmärkischen Sturmscharen ein willkommenes Gegengewicht zu den auf seine Regierung starken Druck ausübenden Heimwehren darstellten.

Pax-Zeichen der Ostmärkischen Sturmschar

Die Sturmscharen trugen ab 1932 graue Uniformhemden, schwarze Krawatten und graue Kappen mit dem Pax-Zeichen. Wegen ihrer Nähe zum Klerikalfaschismus wurden sie von ihren Gegnern auch als „Ölberghusaren“ oder als „SA des Ständestaates“ bezeichnet. [4][5] Die Sturmscharen waren antisemitisch ausgerichtet, Juden wurden nicht aufgenommen.[6] Es wurde ein rassischer Antisemitismus vertreten, Übertritte zum katholischen Glauben sollten nicht zur Gleichberechtigung führen: Zur Führung seien allein Personen aus der „bodenständigen Bevölkerung“ befähigt. [5] Auch antislawische Positionen wurden vertreten.

Eine Sonderstellung nahmen die Ostmärkischen Sturmscharen in Niederösterreich ein, wo sie sogar die Niederösterreichische Heimwehr integrierten und sich offiziell Niederösterreichische Sturmscharen nannten. Sie wurden in diesem Bundesland vom Bauernbund massiv gefördert. Ihr dortiger Landesführer war der Direktor des Reichsbauernbundes Leopold Figl. Ein weiterer prominenter Funktionär der Ostmärkischen Sturmscharen war der spätere Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus Jacob Kastelic. In den Jahren 1933 und 1934 bekleidete er den Posten des Wiener Landesführers, bis 1938 fungierte Kastelic als Leiter des Sozial- und Wirtschaftsverbandes der Organisation.

Die Auflösung aller Wehrverbände der Ersten Republik im Oktober 1936 betraf die Ostmärkischen Sturmscharen nicht mehr, da sie sich schon am 11. April dieses Jahres wieder zu einer reinen „Kulturorganisation“ umfunktioniert und ihre Waffen niedergelegt hatten.[7]

Museale Rezeption[Bearbeiten]

Im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum befinden sich Uniformen der Ostmärkischen Sturmscharen und der Heimwehren. Als besonderes Stück ist auch die Tatwaffe von Schattendorf, ein aus einer österreichischen Infanteriewaffe umgearbeitetes Jagdgewehr, ausgestellt.[8]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Edmondson, Earl C.: Heimwehren und andere Wehrverbände. In: Dachs Herbert, Hanisch Ernst, Staudinger Anton und Tálos Emmerich (Hrsg.): Handbuch des politischen Systems Österreichs. Erste Republik 1918-1933, Manz Verlag, Wien 1995, ISBN 3-214-05963-7, S. 261-276, hier: S. 272.
  2. Franz-Heinz Hye, Josefine Justic: Innsbruck im Spannungsfeld der Politik 1918-1938. Berichte - Bilder - Dokumente. Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Neue Folge, Band 16/17, Innsbruck 1991, S. XXIV.
  3. Walter Wiltschegg: Die Heimwehr. Eine unwiderstehliche Volksbewegung? (= Studien und Quellen zur österreichischen Zeitgeschichte, Bd. 7), Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1985, ISBN 3-7028-0221-5, S. 327.
  4. Walter Goldinger, Dieter A. Binder: Geschichte der Republik Österreich. 1918–1938. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1992, ISBN 3-7028-0315-7, S. 252.
  5. a b Daniela Ellmauer, Michael John, Regina Thumser (Hrsg): „Arisierungen“, beschlagnahmte Vermögen, Rückstellungen und Entschädigungen in Oberösterreich. (=Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission Band 17) Verlag Oldenbourg, München 2004, ISBN 3-48656-779-9, S. 64.
  6. Erwin Tramer: Der Republikanische Schutzbund. Seine Bedeutung in der politischen Entwicklung der Ersten Österreichen Republik. Dissertation Universität Erlangen-Nürnberg 1969, S. 270.
  7. Eintrag zu Ostmärkische Sturmscharen in: Austria-Forum, dem österreichischen Wissensnetz – online (in AEIOU Österreich-Lexikon)
  8. Manfried Rauchensteiner, Manfred Litscher (Hrsg.): Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien. Graz, Wien 2000 S. 75 f.