Ostung

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Unter Ostung versteht man die Ausrichtung eines Kirchengebäudes nach Osten. Verwandt ist auch der Begriff Orientierung (ursprünglich ‚Ostausrichtung‘, wie Orient von lateinisch oriens ‚Osten‘, ‚Morgen‘, Partizip Präsens von oriri‚ ‚aufgehen, ‚sich erheben‘; eigentlich sol oriens, ‚aufgehende Sonne‘). Dies hat vor allem bei frühchristlichen und mittelalterlichen Kirchen (siehe Romanik, Gotik) Bedeutung.

Ausrichtung einer Kirche nach Osten

Beschreibung[Bearbeiten]

Große mittelalterliche Kirchenschiffe haben oft die Form eines Kreuzes mit einer Längs- und einer (oder seltener mehreren) Querachsen. Da es von Christus heißt Oriens orientium universum obtinet[1] und der Sonnenaufgang als Symbol der Auferstehung galt, wurden die Längsachsen der Kirchen danach ausgerichtet. Der Chor mit dem Altar ist also in der Regel im Osten, der Haupteingang entweder im Westen oder im Norden bzw. Süden. In den frühchristlichen Basiliken in Rom hingegen liegt die Frontseite der Kirche im Osten und die Apsis im Westen. Da die Sonne nicht jeden Tag an der gleichen Stelle aufgeht, sind einige Kirchen auf den Aufgangspunkt eines bestimmten Tages hin geostet. Beim Stephansdom in Wien etwa ist es der 26. Dezember 1137 (der Tag des Patroziniumsheiligen im Jahr des Baubeginns).

Neben der Ausrichtung am Sonnenaufgang – und damit an der symbolischen Auferstehung[2] – war in süd- und westeuropäischen Kirchen die von hier östlich gelegene Ausrichtung zum Himmlischen Jerusalem bzw. dem Ort des Paradieses üblich.

Bereits im Mittelalter spielten jedoch auch städtebauliche Gesichtspunkte eine Rolle, wodurch es zu Modifikationen dieses Schemas kommen konnte (z. B. wenn das Kirchengebäude in eine Wehranlage integriert war). In der Renaissance und vor allem im Barock kam in Europa die Tendenz auf, gelegentlich Kirchen als Zentralbauten zu errichten, bei denen keine Himmelsrichtung bevorzugt wird und die Ostung ihre Bedeutung verliert.

Ein weiteres Ergebnis der städtebaulichen Ausrichtung war der Zugang zu der Kirche. Z. B. wurde bei der Errichtung des Petersdoms in Rom die Ostung zugunsten der „Westung“ aufgegeben. Der Zugang über die Tiberbrücke, den Ponte S. Angelo, und von dort durch den Borgo Santo Spiritu von Ost nach West erzwangen geradezu die Westung.

Der jüdische Tempel in Jerusalem war wie andere altorientalische Tempel umgekehrt ausgerichtet: Der Haupteingang lag im Osten, das Allerheiligste im Westen.

Eine Ostung ist auch bei der Bestattung üblich: Bei Erdbestattungen werden auf vielen Friedhöfen die Verstorbenen so beigesetzt, dass ihre Gesichter in die Himmelsrichtung Osten blicken. Dort im Osten erwarten die Verstorbenen nach christlicher Auffassung am Jüngsten Tag die Wiederkunft, das zweite Kommen Jesu Christi.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Aufgang aller Aufgänge regiert das All (Pseudo-Hippolytus Romanus: In sanctum Pascha [d. i. Predigt auf das heilige Osterfest], hier lateinisch zitiert aus Catechismus Catholicae Ecclesiae, Nr. 1165)
  2. Vgl. hierzu in der Bibel Maleachi 3,20: „Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung. Ihr werdet hinausgehen und Freudensprünge machen, wie Kälber, die aus dem Stall kommen.“

Literatur[Bearbeiten]

  • Edmund Weigand: Die Ostung in der frühchristlichen Architektur. Neue Tatsachen zu einer alten Problemfrage. In: Fest-Schrift Sebastian Merkle zu seinem 60. Geburtstage. Schwann, Düsseldorf 1922, S. 370–385.
  • Franz Joseph Dölger: Sol salutis. Gebet und Gesang im christlichen Altertum; mit besonderer Rücksicht auf die Ostung in Gebet und Liturgie. 2. vermehrte Auflage. Aschendorff, Münster 1925.
  • Klaus Gamber: Zum Herrn hin! Fragen um Kirchenbau und Gebet nach Osten. Pustet, Regensburg 1987, ISBN 3-7917-1144-X.
  • Rudolf Eckstein: Die Ostung unserer mittelalterlichen Kirchen bis zur Reformation Luthers. EOS, St. Ottilien 1990, ISBN 3-88096-691-5.
  • Jae-Lyong Ahn: Altar und Liturgieraum im römisch-katholischen Kirchenbau. Eine bauhistorische Betrachtung unter besonderer Berücksichtigung der Veränderung des Standorts des Altars nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Dissertation RWTH Aachen 2004 (Volltext).
  • Stefan Heid: Gebetshaltung und Ostung in frühchristlicher Zeit. In: Rivista di Archeologia Cristiana 82, 2006 (2008), S. 347–404 (online; PDF; 3,04 MB)
  • Ralf van Bühren: Kunst und Kirche im 20. Jahrhundert. Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils (= Konziliengeschichte, Reihe B: Untersuchungen). Schöningh, Paderborn 2008, ISBN 978-3-506-76388-4, S. ?-?.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Ostung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen